Blutsbande – Tatort 672 #Crimetime 746 #Tatort #Konstanz #Blum #Perlmann #SWR #Blut #Bande

Crimetime 746 - Titelfoto © SWR, Bernd Hollenbach

Die Familie!

Man glaubt die ruhige Atmosphäre im südlichen Südwesten der Republik, die der Tatort 672 vermittelt. Unter der Oberfläche brodelt es und enge Bande und vielfältige Verstrickungen sorgen dafür, dass es lange dauert, bis das Böse den Weg ins Tageslicht findet.

Der Familienclan der Ulmers mit dem fiesen Chefbruder und den anderen, die schwach sind, der ist schon realistisch, die Zeichnung fast aller Figuren stimmig. Vielleicht hat man die Psychologin Siebenschön bei der Drehbuchabfassung zu Rate gezogen. Solch fachlicher Beistand wäre generell wünschenswert, bevor ein Skript verfilmt werden darf. Was sonst noch wünschenswert wäre und was hier verwirklicht wurde, steht in der -> Rezension.

Handlung

Nach wochenlanger Suche wird die 15-jährige Nicole Ulmer tot im Wald gefunden, offenbar Opfer eines Gewaltverbrechens. Von dem erschütterten Vater, Klaus Ulmer, erfahren Hauptkommissarin Klara Blum und Kai Perlmann, dass Nicole für den gutaussehenden Holger Bucheck schwärmte, bei dessen Familie sie als Babysitter jobbte.

Nicht nur Klaus, auch seine Brüder Herbert und Peter Ulmer sind überzeugt, dass Bucheck Nicoles Tod verschuldet hat. Herberts Tochter Jessica dagegen, die beste Freundin Nicoles, weigert sich, Klara etwas über Bucheck oder Nicoles sonstige Freunde zu erzählen.

Tatsächlich hat sich Holger Bucheck in der Nähe des Tatorts aufgehalten. Doch während Klara und Perlmann gegen ihn ermitteln, verschwindet Holger Bucheck, ohne Nachrichten oder Spuren zu hinterlassen. Und Klara erhält immer häufiger anonyme Botschaften mit geheimnisvollen Hinweisen. Sie findet schnell heraus, dass Jessica die Absenderin sein muss. Jessica scheint sich auch aus der verschworenen Familiengemeinschaft der Ulmers immer weiter zu entfernen.

Überzeugt, dass Jessica der Schlüssel zum Rätsel um Nicoles Tod und Buchecks Verschwinden ist, bemüht sich Klara, die geheimnisvollen Zeichen zu deuten.

Rezension

Der Plot ist ein klassischer Whodunit ohne Wenn und Aber – vielleicht ein wenig konventionell, dafür handwerklich sauber. Bis auf das Ende. Technisch ist es wohl möglich, einen Mord dieser Art zu begehen, aber es passt nicht zu den Figuren – im Grunde also doch wieder ein Arbeitsfeld für die Psychologin.

Der älteste der Ulmer-Brüder, der könnte so vorgehen, nicht aber der mittlere, der immerhin seine Schnapsbrennerei dafür hergeben muss. Man dachte wohl, wenn der Tatort an sich schon so ruhig ist, muss wenigstens so’n Knalleffekt her.

Wir hätten es besser gefunden, man hätte die ruhige Linie bis zum Ende bewahrt, auch auf die Gefahr hin, dass Leute, die das Ende cool finden, sich aber nicht fragen, ob Mordausführung und Mörder miteinander denkbar sind, von „Blutsbande“ weniger angetan gewesen wären.

Daher knapp vorbei an einem Spitzentatort. Es hätte klappen können, wenn man auf die Show am Schluss verzichtet hätte – zugunsten des Familiendramas mit Nicole und Jessica.

Wir müssen vorausschicken, mit den Bodensee-Tatorten kennen wir uns noch nicht richtig aus und können „Blutsbande“ nur begrenzt mit anderen Konschtanzer Fällen vergleichen.  Wir haben uns bisher für die südsüdwestliche Tatortschiene nicht so interessiert. Da war etwas wie: nicht so unser Ding. Lief also ein Blum-Tatort am selben Abend wie ein anderer oder ein Spielfilm, haben wir meist auf letztere Ausstrahlung optiert. Gut, dass der Beginn der Arbeit für den Wahlberliner dieser Art von Selektion ein Ende gemacht hat (1).

Wenn man von „Blutsbande“ ausgeht, war es nicht gerecht, die Bodensee-Variante zu ignorieren. Klara Blum alias Eva Mattes agiert ruhig und konzentriert, ihr junger Kollege Perlmann bringt Frische rein und wirkt sehr sympathisch. Der Manuel Neuer unter den Tatort-Ermittlern, optisch. Das Team macht anständige Arbeit, Perlmann darf nebenbei auf Freiersfüßen wandeln, was gut mit dem Fall verknüpft wird – und die Harmonie, welche die Bodensee-Gegend ausstrahlt, wird in den beiden Polizisten zumindest bei dem Lösen des Blutsbande-Falles schön gespiegelt.

Dazu trägt auch der klassische Plot bei, der es den Ermittlern erlaubt, routiniert und abwägend zu handeln, ohne desinteressiert zu wirken. Eva Mattes unterscheidet sich vom Typ wohltuend von den ständig innerlich aufgewühlten und in ihrer allen Polizeiformalien gegenüber betont wurschtigen Nordkolleginnen. Mattes buhlt nicht als Rächerin der sozial Benachteiligten um Sympathie, sondern ist, wie sie ist. Eher gelassen als ständig am Rande eines Nervenzusammenbruchs oder des komplett Abhebens.

Eine Besonderheit muss man erwähnen. Klara Blum merkt nicht, dass die junge Jessica ein Missbrauchsopfer ist, obwohl dies in ihrem Verhalten sehr deutlich wird. Auch ein Kriminalprofi kann einmal Opfer eines bestimmten Bildes werden, das recht schnell von einer Person entsteht, und dafür etwas Wichtiges übersehen. Selbst als Frau, der man generell mehr Einfühlung unterstellt. Das fanden wir mutig, eine so geschulte und empathische Person fehlgehen zu lassen, aber es wirkt menschlich und Blum hat kein Problem damit, zuzugeben, am Ende zuzugeben, dass sie nicht „funktioniert“ hat.

Wir werden weitere Bodensee-Tatorte rezensieren müssen, bis wir ein Gesamtbild haben, aber hier wirkt Blum eher natürlich als komplett effizienzbestimmt. Sie kommt mit ihrem langsamen Tasten durch den Fall eher so rüber, wie wir es realen Ermittlern unterstellen, die nur Menschen sind. Wir gehen aber davon aus, dass Klara Blum in anderen Tatorten ihre weibliche Intuition besser ausspielt als in 672.

Die Bodenständigkeit zieht sich durch diesen Tatort. Wenn man genau hinschaut, ist die Nummer 672 nicht weniger brisant als andere Fälle, seien sie in den Metropolen oder auf dem platten oder hügeligen Land angesiedelt. Offenesl Zeigen von Gewalt in der Familie ist kein regionales Thema – auch das Reflektieren von Ermitterln über die sozialen Zustände ist mehr dem Format immanent als Kennzeichen einer Ecke dieses unseres Landes. Und was es sonst noch alles für Zustände gibt, von der mangelnden Sozialisierung über die soziale Schieflage bis hin zum schiefen Charakter als solchem.

In Konstanz wird nicht damit hausiert. Blum und Perlmann sind nicht die Typen für ein solches Szenario. Die beiden haben keine didaktischen oder dialektischen Herausforderungen zu lösen und keine sozialpädagogischen Lehrbeispiele anhand einer Fiktion darzustellen.

Tatsächlich wird hier mehr getan. Der Zuschauer wird einem Test unterzogen. Mag man die Figur der zurückhaltenden, um nicht zu sagen verstockten Jessica? Eher nicht. Weil Klara Blum nichts aus ihr herausbringt, wird man ungeduldiger als die Kommissarin selbst. Das verlangsamt die Handlung. Das ist nervig. Das ist, aus unserer mittlerweile gut adaptierten Berliner Sicht sehr langsam. Es ist aber richtig, einen solchen Menschen zu zeigen – und damit die Verhältnisse, die stillen, friedlich-kooperativen Clangeschäfte diese Ulmer-Sippe, von der die gutbürgerlich-gastronomische Fassade allmählich heruntergeschälft wird. Herbert, der Vater der toten Nicole, ist der Unscheinbare, hat nur den Fehler zu weich  zu sein. Ganz anders der älteste Bruder, Peter. Der Clanchef hat eine Frau, die fremdgeht und macht sich seinerseits an seine minderjähige Nichte Jessica heran.

Am interessantesten aber finden wir deren Familie: den bäuerliche Schnapsbrenner, ihren Vater, besonders aber die frömmelnde Mutter. Die gezeigte, nicht besprochene Sozialkritik liegt darin, dass die Eltern nicht einmal merken, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt. Die Mutter ist im Beten gefangen und hat wenig Sensibilität für das, was um sie herum geschieht, und der Vater ist einfach – zu einfach. Kümmert sich nicht um das Seelenleben seiner Tochter, sondern verleiht sie auch noch zur Kinderarbeit an den Bruder. Nicht nur die Großstadt, sondern auch die vordergründig intakten dörflichen Verhältnisse unter recht wohlhabenden, alteingesessenen Menschen, sind geeignet, ein Nebeneinander anstatt ein Miteinander hervorzubringen.

Wir halten die Eltern von Jessica genauso für am Geschehen schuldig, nicht nur den Vater, was den Immobilienmakler Bucheck angeht, wie diejenigen, die wegsahen. Da ist zum Beispiel der Onkel, welcher sich das Recht nahm, das Mädchen sexuell zu missbrauchen.

Wem hätte sich Jessica anvertrauen können? Dem Vater, der so dicke mit seinem Bruder ist, oder der Mutter, die ihr möglicherweise gar nicht geglaubt hätte, in frommer Einfalt, und vielleicht die Qualen der Tochter damit verstärkt hätte, nicht etwa dem Onkel Peter Schwierigkeiten bereitet?

Das leise, aber intensives Leiden der jungen Jessica, die unglücklicherweise auch noch am Unfall ihrer Kusine Nicole schuld hat, hat uns berührt. Ebenfalls passend ist, dass diese dilettantisch wirkende Art, die Leiche zuzudecken und deren Sachen mitzunehmen, nicht mit dem Persönlichkeitsbild des zunächst verdächtigten Immobilienmaklers Bucheck konform geht.

Zwei Kritikpunkte müssen sein. Der eine ist eher formal und nicht sonderlich wichtig für das Gesamtbild. Die Autobahnszene soll wohl vosichtshalber jene  Zuschauer, von denen man annimmt, sie könnten eingenickt sein, wachrütteln. Sie ist übertrieben und außerdem verzeichnet. Die Abfolge der Schnitte stimmt nicht ganz und die Zeitlupe ist nur Effekthascherei. Man hat das Gefühl, Kommisssarin Blum braucht zwei Minuten, um von einer Straßenseite zur anderen zu gelangen, um Jessica abzufangen. Warum diese von der Brücke heruntergeht und dann an an der Autobahen oder vierspurigen Bundesstraße entlang, erschließt sich nicht.

Schwerwiegender ist der andere Punkt: Das Ende. Bei allem Verständnis dafür, dass der Bruder  Klaus sich dem Peter, diesem doch ziemlich bösen Menschen, unterordnet – dass er den Makler einfach im Schnaps um- und unterbringt, ist Mumpitz. So handelt dieser Typ nicht, der bisher außer dem Schwarzbrennen und vielleicht dem Falschparken wohl noch nie auch nur eine Ordnungswidrigkeit begangen hat und ein gläubiger Mensch ist, wenn auch nicht in dem Maß wie seine Frau. Selbst der Bruder Peter wächst da in eine Rolle hinein, die etwas over the Top scheint, als der Manager der bösen Tat, welche der andere auszuführen hat.

Eine Anmerkung noch, die aber keinen Abzug bringt. Nicole wäre sicher Fernsehjournalistin geworden, die Qualität von Fotos und Handyvideos mit einem Modell aus 2007, die hier zu sehen ist, die ist mehr als ungewöhnlich gut.

Aber viele stimmige Details stärken den positiven Gesamteindruck. Dass mit der Maische etwas Schlimmes passiert, das konnte man ahnen, als Ermittler Perlmann den Deckel  öffnete und sich die Sache erklären lässt, dies passiert relativ früh. Auch, dass Peter Ulmer kein angenehmer Zeitgenosse ist, ist schnell ausgemacht. Trotzdem ist der Fall nicht ins Simple abgerutscht und das Ende bezüglich Jessica ist gelungen. Im Grunde hat der Film ja zwei Enden. Die Sache Nicole und die Sache Bucheck mussten unabhängig voneinander gelöst werden.

Schön, wie Jessica von der Kinderpsychologin Siebenschön entschlüsselt wird, nachdem die Ermittler es nicht geschafft haben, schlau aus ihr zu werden. Ebenfalls ansprechend, wie Eva Mattes die schöne Siebenschön zunächst als Konkurrenz in Sachen weiblicher Intuition und vielleicht nicht nur diesbezüglich ansieht und die Idee Perlmanns, diese ins Spiel zu bringen, nicht witzig findet. Und wie Perlmann eher die hübsche Frau beeindrucken und um sich haben will, als vorrangig etwas zur Falllösung beizutragen – so wirkt es jedenfalls in dem Moment, als er sie plötzlich einbindet.

Besonders gut hat uns der Charakter Jessica am Ende gefallen. Wir mussten feststellen, wie leicht es immer wieder ist, sich manipulieren zu lassen. Das verstockte Ding von einer jungen Frau, da muss man erst einmal die Geduld bewahren.

Immerhin hat Klara Blum erkannt, dass Jessica der Schlüssel zu Nicoles Tod ist – und bleibt dran an diesem schwierigen Menschen, lässt sich nicht von der Familie beeindrucken. Dass Jessicas verschreckte und defensive Art sich am Ende so gut erklärt, macht auch denjenigen betroffen, der vielleicht im realen Leben oft nicht versteht, warum Personen unzugänglich sind, nicht vor Charme sprühen und nicht die heute übliche Eloquenz aufweisen.

In früheren Zeiten, als die Erziehung generell strenger war, muss es sehr schwierig gewesen sein, zum Beispiel ein missbrauchtes Kind wie Jessica von einem lediglich restriktiv und zur Zurückhaltung erzogenen zu unterscheiden. Aber damals gab es Themen wie Missbrauch offziell gar nicht, hingegen war körperliche Züchtigung eine häufig angewandte und aufgrund ihrer vordergründigen Effizienz allseits anerkannte pädagogische Maßnahme.

Heute ist man aufgerufen, genauer hinzuschauen. „Blutsbande“ belegt das und deckt auf, wie man als Zuschauer Gefangener seiner eigenen Wahrnehmung ist, die das sich leicht Erschließende, das Sonnige mehr schätzt als das Rätselhaft-Sperrige. In einem Umfeld von vielen Menschen unterschiedlicher Ausstrahlung kann es passieren, dass ein Leiden einfach übersehen wird und eine Tragödie ihren Lauf  nimmt, ohne dass man Außenstehenden, dass man oberflächlichen Beobachtern eindeutig Schuld zuweisen könnte.

Finale

„Blutsbande“ ist ein Krimi, der sich zurücknimmt, um Platz fürs Beobachten und fürs  Nachdenken zu schaffen. Ein Film, der den  Zuschauer zum Mittäter, zum Komplizen macht.

Der ihm außerdem dieselbe Sichtweise auferlegt, wie offenbar Klara Blum sie innehat. Man kann Jessica häufig beobachten, aber ist dann doch überrascht. Man darf sie gar in Szenen sehen, in denen Klara Blum nicht anwesend ist, müsste also eher eine Ahnung davon bekommen, was mit ihr sein könnte. Aber die meisten dürften nicht  gemerkt haben, warum Jessica schweigt –  und werden erst schlau, als die Psychologin Siebenschön sie entschlüsselt.

Das hat uns ausgezeichnet gefallen, weil es mehr als jeder aufklärende Ermittlerdialog deutlich macht, wo es hapert, wenn Außenstehende familieninterne Zustände wahrnehmen sollen, ist jedoch keine Entschuldigung fürs Wegsehen, wenn Missstände offenkundig sind.  Die vielen Vorzüge wiegen das unglaubwürdige Bucheck-Ende und ein paar kleinere Schwächen gut auf.

Unsere Wertung:  8/10.

© 2020, 2015, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Die ursprüngliche Version dieses Beitrags wurde zwei Monate nach Start des Wahlberliners geschrieben und 2015 nur sprachlich und bezüglich der optischen Ausgestaltung geringfügig geändert bzw. aktualisiert.

Klara Blum – Eva Mattes
Kai Perlmann – Sebastian Bezzel
Annika Beck – Justine Hauer
Johanna Siebenschön – Dana Golombek
Jessica Ulmer – Janina Stopper
Klaus Ulmer – Michael Wenninger
Peter Ulmer – Max Gertsch
Herbert Ulmer – Rainer Piwek

Regie – Jürgen Bretzinger
Buch – Susanne Schneider
Kamera – Georg Steinweh
Szenenbild – Joachim Schäfer

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