Tödliches Labyrinth – Tatort 430 #Crimetime 745 #Tatort #Berlin #Ritter #Hellmann #SFB #RBB #Labyrinth

Crimetime Vorschau - Titelfoto © SFB / RBB

Als die Chinesen noch Technik in Europa kauften

Industriespionage! Und Deutschland mit dem BND unter Billigung des BKA als Reich des Bösen, das seine französischen und amerikanischen Konkurrenten ausspioniert. Es geht um Milliardenaufträge für Fernmeldetechnik und die Volksrepublik China fungiert als Abnehmer. Wir sind im Jahr 1999. 2020: Europa ist technologisch dermaßen verblödet, dass es sich die 5G-Technologie von einer chinesischen Firma installieren lässt, zumindest trifft das auf Deutschland zu. Die politischen Gefahren, die in diesem technologischen Offenbarungseid der EU stecken, sind um ein Vielfaches größer als das, was in diesem Film dem Klüngel aus deutschen Unternehmen und den hiesigen Nachrichtendiensten angedichtet wird. Mehr zu diesem Thema und zum Krimi findet sich in der -> Rezension.

Handlung

Die Kommissare Ritter und Hellmann werden zur Leiche eines jungen Hackers gerufen, der vom Dach des Berliner Forum Hotels gestürzt ist. Kurz vor seinem Tod ist er in den Zentralrechner der Verkehrsleitzentrale eingedrungen und hat ein Verkehrschaos auf den Berliner Straßen verursacht. War es Selbstmord oder Mord?

Das BKA schaltet sich in die Ermittlungen von Ritter und Hellmann ein. Schon bald haben die beiden Kommissare den Verdacht, dass ihnen die selbstsichere BKA-Kollegin an die Seite gestellt wurde, um den Fall zu vertuschen. Ein weit reichender Skandal soll zu den Akten gelegt werden.

Rezension

So nice, wie deutsche Geheimdienste die heutigen Meister der Überwachungstechnologie abhören lässt, um der westlichen Konkurrenz eins auszuwischen. Es ist in der Tat ein Unterschied, ob die USA  ein wenig voraus sind oder ob China auf fast allen Gebieten Technologieführer wird, wie in „Made in China 2025“ jetzt unverhohlen angekündigt. Europa spielt in der Tat schon lange nicht mehr vorne mit, wie sich daran zeigt, dass alle großen Internetkonzerne in den USA entstanden sind. Und nun ist China am Zug An dieser Veränderung innerhalb der letzten 20 Jahre merkt man am deutlichsten, wie alt „Tödliches Labyrinth“ schon ist. Und an der Computertechnik natürlich, aber eine so deutliche geopolitische Verschiebung, wie sie seit einigen Jahren zu bemerken ist, scheint mir die wichtigere Veränderung zu sein, im Vergleich zu der Tatsache, dass nach 2000 die Smartphones erfunden und zu Alltagsgegenständen wurden.

Was war im Jahr 1999 noch ganz anders? Das Berlin-Duo natürlich. Hellmann und Ritter hießen die beiden Tatortkommissare damals. Ich weiß nicht, warum Stephan Jürgens (Hellmann) aus der Reihe ausgestiegen ist, jedenfalls ist das Duo recht symmetrisch angelegt und man erkennt nicht unbedingt, wer der Leitende ist – eher Hellmann als Ritter, aber vielleicht ist die gedachte Konstellation die der Gleichrangigkeit. Für die Figur Hellmann wurde der Abschied im Jahr 2000 so begründet: Hellmann ist desillusioniert, nachdem er immer wieder die Erfahrung machen musste, dass oft schon alles zu spät ist, wenn er und seine Kollegen am Tatort auftauchen. Kommissar Robert Hellmann zieht seine Konsequenzen und verlässt das Berliner LKA für einen Job als Sicherheitschef an der Frankfurter Börse. (Redaktion Tatort Fans, s. o.).

Das sollte man schon wissen – die Kripo kommt erst zum Einsatz, wenn das Verbrechen begangen worden ist, ihre Aufgabe ist nicht die Prävention, sondern die Aufklärung. Die Arbeit läuft in diesem ziemlich unübersichtlichen Film (Labyrinth!) zwischen Ritter und Hellmann recht gut, aber im Grunde sind sie nur zwei Rädchen in einem großen Getriebe, die störungsfrei funktionieren sollen – und am Ende doch den BND-Mann zu Fall bringen, indem sie ihn als Mörder enttarnen. Heute würde man den Schluss so filmen, dass ihm nichts passiert, weil „von ganz oben“, jenem politischen Oben, das in „Tödliches Labyrinth“ bereits eine Rolle spielt, die Hand drüber hält und viel deutlicher in den Gang der Aufklärung eingreift, als Rudloff das hier tut, indem er seine Dienstpartnerin auf die beiden Cops ansetzt. Diese hilft ihnen kurioserweise tatsächlich zunächst und dadurch kommen auch Dinge ans Licht, die sie besser nicht preisgegeben hätte. Vielleicht hatte sie sich von Beginn an in Hellmann verliebt, später wird das ja sehr deutlich.

Vielleicht ein Grund für den Wechsel von Hellmann zu Stark? Weil Ritter erst an der Seite des kleinen Nachfolgers als Frauentyp so richtig glänzen konnte und der ihm als Womanizer mindestens ebenbürtige Hellmann dabei nicht mehr gestört hat? Das wollen wir mal nicht hoffen.

Für mich nicht so leicht zu beurteilen, ob der Hacker des Jahres 1999 technisch korrekt dargestellt wurde, ob alles, was wir sehen, realistisch ist – das Berliner Verkehrsleitsystem auf dem damaligen Stand zu hacken, halte ich aber nicht für unmöglich. Dass es gleich zu so vielen Unfällen mit vier Toten mitten in der Stadt kommt – nun ja. Der diesen mit etwas hohem Bodycount ausgestatteten Schlamassel auslösende Ikarus hätte kein schönes Leben mehr gehabt, auch wenn er nicht zum Absturz von einem der damals noch wenigen Berliner Hochhäuser gebracht worden wäre. Aber er kam den Mächtigen in die Quere und das dafür musste er umgehend büßen.

So schlecht sind die Episoden, die mit „Hellmann“ gelabelt sind – was darauf hinweist, dass man ihn damals als den führenden Ermittler ansah -, bei der Tatort-Community nicht angesehen, die auf der Plattform Tatort-Fundus ihre Bewertungen angibt. Die Noten reichen von durchschnittlich 7,4/10 bis 5,92/10 (Stand 31.07.2020). Allerdings rangiert dabei „Tödliches Labyrinth“ auf dem letzten Platz, ohne dass man von einem Totalausfall sprechen könnte (Rang 811 von 1149 in der Gesamtliste aller Tatorte, Stand wie oben).

Mir ist es schwergefallen, einen Zugang zu oder Zugriff auf diesen Film zu bekommen, vermutlich auch deshalb, weil ich die technischen Gimmicks zwar als veraltet orten kann, aber Cyberkriminalität heute so vielfältig und undurchsichtig ist, dass ich keine deutlich wahrnehmbare Linie ins Hier und Jetzt ziehen kann – anders als bei politischen Veränderungen wie der oben angeführten. Für mich fällt der Film ziemlich auseinander – das Duo Hellmann und Ritter wirkt heute noch modern und viel authentischer als die spätere Paarung Ritter und Stark, sowohl als Polizisten wie als Team habe ich sie sofort „gekauft“, was auch daran liegt, dass Hellmann so kompakt wirkt, während Ritter sich aufgrund seines anfänglichen Schusswaffengebrauchs, der ihn belastet, mental kaum in den Fall einfinden kann – beides wirkt stimmig und da Ritter alias Dominic Raacke schon damals etwas verknautschter aussah als Stephan Jürgens, werden die Gemütszustände den Ermittlern typgemäß zugeordnet, schauspielerisch sind die Darsteller etwa auf Augenhöhe, mehr beispielsweise als Batic und Leitmayr alias Nemec und Wachtveitl in ihrer Anfangszeit.

Hellmann und Ritter wirken beide hinreichen großstädtisch und brauchen keinen gequält wirkenden Humor, wie später Ritter und Stark, um die Zuschauer zu überzeugen – also muss die relativ schlechte Bewertung durch die Community am Fall selbst liegen. Nach Durchsicht der Nutzerkommentare erschließt mich mir auch mein eigenes Gefühl mehr: Der Plot ist wirklich so verworren und unlogisch, wie ich ihn gestern Abend empfand, ohne dass ich einen Knackpunkt hätte hervorheben können. Kritisiert wird zum Beispiel das Verhalten des Mädchens Lady Cyber, das zwar den Polizisten das Originalvideo nicht geben mag, weil sie Angst vor den Konsequenzen hat, aber es ins Netz stellt, aus Rache, und damit den Angriff auf sie selbst auslöst. Burkhard Driests Spiel als BND-Schurke wird allgemein als lächerlich empfunden, das Verhalten des BND auf eine sehr interessante Weise bewertet: Ältere Kommentare halten es tendenziell für an den Haaren herbeigezogen, jüngere hingegen überwiegend für prinzipiell möglich, aber niemals sei der BND so fantasievoll, eine „Ariadne“ zu erfinden (die ausschaut wie ein Vamp der späten 1920er).

Da spielen die vielen Skandale in den Nachrichtendiensten, die es in den letzten Jahren, eine große Rolle, wobei man die unsäglichen Pannen und vielleicht auch Nicht-Pannen des Verfassungsschutzes fachlich wohl auf den BND, den Auslandsdienst, überträgt, der weniger im Gerede steht, weil er weniger im Umfeld dessen wirkt, was der allgemeine Bürger politisch so treibt und was er alles treiben darf, ohne dass der Verfassungsschutz sich dafür zu interessieren scheint – und manchmal wirkt er wie ein Mittäter, Anstifter oder Beihelfer.

Dass Nachrichtendienste auch Wirtschaftsspionage betreiben, ist hingegen keine Neuigkeit. Ob es um Abwehr oder Angriff geht: Nach dem Kalten Krieg mussten diese riesigen Behörden neue Aufgaben erhalten und in einer offenen Welt, in der Wirtschaftsgeheimnisse besonders im Fokus stehen, ist es folgerichtig, die Schlapphüte auch in diesem Bereich einzusetzen. Daher halte ich zwar die Ausführung des Auftrags für sehr kolportagehaft gestaltet, die wir in „Tödliches Labyrinth“ sehen, nicht aber die Tatsache, dass der BND der deutschen Wirtschaft hilfreich zur Seite steht.

Finale

Der Polizist und die Lady, das kann nicht gutgehen, wie sich in Tatorten immer wieder zeigt und wirkt immer etwas abgeschmackt, zumal dieser Film kein Whodunit ist, sondern ein Howcatchem, man weiß als Zuschauer längst, dass die Blonde, die undercover mit einer schwarzen Louise-Brooks-Perücke ausstaffiert ist, irgendwann auffliegen muss, daher  hält sich die Spannung in Grenzen; gleiches gilt aber auch für den gesamten Film. Das Cyberpunkmilieu verhindert eher den Aufbau eines Spannungsbogens, als ihn wegen seiner damaligen Novität eigenständig zu fördern – ein Nerd ist ein Nerd ist ein Nerd, auch wenn er sich als Großmeister des Hackens versteht. Man müsste also Figuren wie „Ikarus“ mehr als nur ihre IT-Affinität mitgeben, um sie interssant wirken zu lassen, das hat man hier aber versäumt. Bei Ariadne sieht’s schon etwas besser aus, nicht nur, als sie im Dienstauto der Cops einen Viertel-Strip hinlegt, aber da haben wir auch schon wieder so ein Ding, das man nicht verschweigen darf: Die Politische Korrektheit betreffend, ist der Film stellenweise ebenso veraltet wie computertechnisch. Wegen des kapablen Teams und der schönen Bilder von Berlin, wie es vor 20 Jahren war und begann, sich in seiner heutigen Anmutung zu zeigen, noch

6,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Loveparade und Cybercrime – Berlin an der Schwelle zum neuen Jahrtausend

Da der Typ sich „Ikarus“ nennt, ist zu ahnen, wie’s ihm ergehen wird. Mittlerweile ist klar, welche Schäden Hacker wirklich anrichten können, aber in den späten 1990ern war Cyberkriminalität natürlich eine neue Erscheinung – fünf Jahre, nachdem das frei zugängliche Internet seine unendlichen Weiten öffnete. Das Jahr, in dem der Film gedreht wurde, war auch der Höhepunkt eines Berlin-Hypes, der erst gestern von einer ARD-Dokumentation, sagen wir mal, wohlwollend-kritisch beleuchtet wurde: Der Loveparade, die in jenem Jahr nach Angaben der Veranstalter 1,5 Millionen Besucher*innen zählte und wohl eher ein gewisses Chaos in Berlin verursacht hat als ein Hack der Leitzentrale.

Heute muss man sagen, bei allen Problemen damit – das Ende, das beinahe mit 9/11 zusammenfiel, war auch das Ende eines großen, insgesamt friedlichen, nicht wirklich politischen, sehr hedonistischen Traums und eines im Vergleich zu unserer Epoche der Krisen und Krisen-Krisen hoffnungsvollen Jahrzehnts. Zehn Jahre nach dem Mauerfall war   in Berlin also auch wieder eine Wende zu verspüren – hin zur eher bescheidenen Entwicklung in den frühen 2000ern und hin zur seitdem stattfindenden rasanten Kommerzialisierung, der keine entsprechende Kaufkraft der Bevölkerungsmehrheit gegenübersteht.

In jener Nachwende-Wendezeit operierte Kommissar Till Ritter (Dominic Raacke) zunächst mit dem Kollegen Robert Hellmann (Stephan Jürgens) zusammen im Großstadtdschungel. Einen Film mit den beiden („Der Trippler„) habe ich im Wahlberliner bereits rezensiert, demgemäß sind noch fünf offen.

Der RBB verhält sich Wiederholungen aus jener Zeit betreffend, sehr dezent, daher dauert es immer mal ein Jährchen oder zwei, bis wir einen der sechs Ritter-Hellmann-Tatorte zu Gesicht bekommen und leider zählt der RBB auch zu den Sendern, die nicht führend beim Bestücken der ARD-Mediathek mit älteren Tatorten sind. Aber man hat sich in den letzten Jahren per Restaurierung der Aufarbeitung der frühen Vergangenheit gewidmet und dabei die meisten Filme der 1970er und 1980er wieder gezeigt. Selbst einen Roiter-Tatort hat man zuletzt rausgeschickt in die 2020er, das war doch sehr ehrenwert.

Besetzung und Stab

Kommissar Ritter – Dominic Raacke
Kommissar Hellmann – Stephan Jürgens
Hanna – Nina Franoszek
Lady Cyber – Shira Fleisher
Wiegand – Veit Stübner
u.a.

Drehbuch – Fedor Mosnak
Regie – Dieter Berner
Kamera – Charles Finkbeiner
Schnitt – Kerstin Kexel
Musik – Andreas Bick

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