Der Trippler – Tatort 451 / Crimetime 245 // #Ritter #Berlin #SFB #RBB #Trippler

Titelfoto © SFB / RBB

Als VHS war

Es ist immer gut, erst den Film zu schauen, um nicht beeinflusst zu sein. Obwohl wir in der Vorschau bereits schrieben, Hellmann und Ritter, dazu hatten wir kein Feeling, weil wir bisher noch keinen Film aus dieser Berliner „Zwischenepoche“ gesehen hatte, die sechs Werke umfasst. Nach dem Film so: Was ist es bloß, was die Berliner Tatorte oft so schräg wirken ließ? Jene Tatorte, die gedreht wurden, bevor der SFB zum RBB wurde und man sich entschloss, mit Ritter und Stark Berlin-Werbefilme mit Kriminalhandlung zu inszenieren, in denen vor allem jenes Schräge und damit auch politisch Unkorrekte radikal eliminiert wurde. Der Trippeler wäre schon wenige Jahre später als Figur nicht mehr denkbar gewesen. Warum das so ist und alles andere zum Film in der -> Rezension.

Handlung 

Die beiden Kommissare Ritter und Hellmann müssen in einem schwierigen Fall von Kindestötung ermitteln. Der Tat dringend verdächtig ist ein seltsamer, etwas verschrobener älterer Herr, der als Außenseiter in der Nachbarschaft des Tatortes wohnt und aufgrund seines seltsamen Ganges der Trippler genannt wird.

Bei ihren Ermittlungen stoßen die Kommissare auf immer weitere Spuren und Zusammenhänge, die auch die Schwester des ermordeten Kindes in ein seltsames Zwielicht stellen. Inzwischen versucht der Vater dieses Kindes, den Fall auf eigene Faust zu lösen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Rezension

Es liegt nicht daran, dass Trippler in VHS gefilmt hat und das heute nicht mehr üblich ist. Und es ist gut, dass wir uns die Bewertungen der Tatort-Fans erst nachträglich angeschaut haben, die auf der Fundus-Plattform zusammengetragen sind. Diese weist aus, dass „Der Trippler“ die beste der sechs Kooperationen von Stefan Jürgens und Dominic Raacke gewesen ist, die anderen aber auch nicht furchtbar waren, nicht wie die Roiter-Filme oder vieles, was in den 1970ern und 1980ern in Berlin tatortmäßig vom Stapel gelassen wurde.

Aber die Figur Trippler wäre heute nicht mehr denkbar, weil sofort eine alarmierte Mutter die Polizei rufen würde, wenn jemand auch nur das Mobiltelefon häufiger auf den Spielplatz halten würde, auf dem das eigene Kind sich vergnügt. Und es wäre tatsächlich nicht mehr erlaubt, Kinder in der Öffentlichkeit zu filmen. Nicht ohne Einwilligung der Eltern. Und die hätte Trippler sicher nicht bekommen. Vieles an der DSGVO nach nicht kodifizierter deutscher Verwendungsart, Stand heute, nervt uns und ist klar gegen kleinere Netzanbieter wie uns gerichtet, aber beim  sensiblen Thema der Ablichtung von Kindern ist es ohne Frage korrekt, dass eine Erlaubnis eingeholt werden muss.

Es geht aber auch um die Figur selbst, die im Grunde dadurch in ein schiefes Licht kommt, dass der Mann ein Mädchen filmt, das seiner verstorbenen Tochter ähnelt, das bis kurz vor Schluss aber nicht klar wird, weil die beiden Cops ihn ja nicht danach gefragt haben, sondern ihn nicht so gut behandeln. Das ist genauso unlogisch wie viele Handlungselemente. Vor allem, dass die Therapeutin von Jost Stollberg diesen doch allein lässt, ist ein so grottiger Drehbuchkniff. Im Grunde war es lange vorher klar, weil so schrecklich überbetont wird, dass dem nicht so gewesen sei, aber das macht es nicht besser, eher im Gegenteil. Oder dass Melanie ihrem Freund quasi selbst nahelegt, dass sie ihn wegen der Turnschuhe enttarnt hat oder dass Stollberg, weil das Kind, das ihn kannte und ziemlich selbstbewusst wirkt, im Dunkeln plötzlich anfängt zu schreien – und da muss er sie umbringen. Also wirklich. Wer denkst sich so einen Blödsinn als Motiv für eine Tötungshandlung aus? Wenn es aber Stollbergs gestörtes Verhältnise zu weiblichen Personen ist, das sich ja auch in seiner Wortwahl ausdrückt, als er versucht, in die Wohnung, in der Melanie sich verschanzt hat, dann hätte man das als eigentlichem Hintergrund auch klarmachen müssen.

Es gibt weiteres, was man plotseitig bemängeln kann und es wird nicht dadurch ausgeglichen, dass der Tatort teilweise in der berühmten Karl-Marx-Allee gefilmt wurde, die derzeit wieder in den Schlagzeilen ist. Dass Tatort-Drehbuchautoren sich daran ergötzen, weiße Kittel, schwarze Roben und auch Psychologen durch den Wolf zu drehen, ist uns längst bekannt. Als eine Therapeutin ins Spiel kam, war demnach die Richtung vorgegeben: Der Täter muss ihr Patient sein und sie hat es verbockt.

Kein Wunder, bei solchen Darstellungen, dass die Gesellschaft hysterisch reagiert, wenn ein Sicherungsverwahrter Freigang erhält. Dass einige aus jener Gesellschaft damit eher ihre eigenen Muster spielen, wollen wir hier nicht vertiefen. Wie man am Trippler sieht, dieser Film ist auch noch etwas old School. Es ist aber nicht mehr ganz so schlimm wie in den 1980ern, als Altherrenkommissar Bülow mit einer minderjähigen Tatverdächtigen Händchen haltend durch Berlin rennt.

Aber wie war’s denn dann schauspielerisch? Es sind ja immerhin einige Darsteller in „Der Trippler“ eingesetzt worden, die uns heute noch Freude bereiten. Die beste Leistung aller hat Katharina Schüttler als Melanie geliefert, daran führt wohl nichts vorbei. Freilich kam ihr dabei zugute, dass sie nicht 16 oder 17 war, wie ihr Filmfigur, sondern 21 und bereits mitten in der Schauspielausbildung. Das große Talent ist aber jederzeit sichtbar und wohl auch wegen ihrer intensiven Darstellung war uns der Klops wohl nicht aufgefallen, dass sie ihren einsitzenden Freund darauf bringt, dass sei ihn enttarnt hat – das haben wir, im Gegensatz zu den anderen Handlungsschwachpunkten, die wir auch selbst gesehen haben, von einem der Fundus-Nutzer übernommen. Christian Grashof spielt den Trippler, einen durch den Unfalltod seiner Familie traumatisierten und frühpensionierten Lehrer, gut, aber die Figur an sich wirkt doch recht konstruiert und – siehe oben – historisch. Axel Milberg ist als Vater offenbar gebucht gewesen, seit „Nach Fünf im Urwald“ (1996), bis er glücklicherweise zwei Jahre nach „Der Trippler“ die Rolle des Kommissars Borowski in Kiel übernehmen konnte. Bezeichnenderweise hieß der erste Borowski-Tatort „Väter“ und thematisiert auch das Verhältnis zur Tochter des Kommissars, der von seiner Familie getrennt lebt. Wir er den Vater spielt, ist okay, aber auch seine Aktionen leiden darunter, dass sie erst fehl- und dann übermotiviert wirken – siehe nervige Handlungsschleife „Ich war doch nicht am Telefon“.

Nun aber zu den Kommissaren. Hellmann ist ja neu für uns, aber Ritter nicht. Zwei Eier und Tabasco und immer grau im Gesicht von den langen Nächten und den vielen Zigaretten. Oh, oh. Als Stark dazukam, hat man das ja etwas abgemildert, aber dass es bei dem Mann noch dazu reicht, Squash zu spielen, auf U-Bahnhöfen herumzurennen und wie er direkt von den zwei Eiern (!) weg ganz sachlich die Bar verlässt, trotz netter Barfrau, als er mobiltelefonisch informiert wird, dass ein Mädchen umgebracht wurde – die unverwüstliche Natur eines Großstadtcowboys eben. Der Ausnahmezustand ist der Normalfall. Wir sind gar nicht gegen Western, aber Ritter ist eine der schrecklichsten Kommissarsfiguren, die bisher für den Tatort erdacht wurden, vor allem in dieser frühen Ausprägung. Wie stino hingegen der Hellmann.

Das Gesicht von Stefan Jürgens kam uns vertraut vor –  „RTL Samstag Nacht“. Wir haben diese Show nicht oft angeschaut, aber es hat gereicht, um Jürgens‘ Züge im Kopf zu behalten. Zuordnen konnten wir ihn nach der langen Zeit nicht mehr, wir musste nachlesen, weshalb er uns bekannt vorkam. Die beiden Cops sind für uns kein sehr kapables Duo. Teilweise ein schreckliches Überagieren, besonders das Verziehen der Mienen, wenn jemand etwas sagt, was nicht in ihr Denkschema passt, ist furchtbar, denn ein solches Schema, falls vorhanden, dürften sie als erfahrene Kriminaler nicht offen zeigen und die meisten Tatort-Kommissare halten sich auch daran, erst einmal neutral zu wirken – das hat nichts damit zu tun, dass mein trotzdem eine Haltung einnehmen darf, aber doch nicht während der Befragungen auf eine Weise, dass die Befragten es mitbekommen müssen und dadurch vielleicht dichtmachen. So gesehen, ist vielleicht doch nicht so unglaubwürdig, dass der Trippler so defensiv bleibt, seine Motivation für die Kameraarbeit betreffend.

Außerdem entsteht kein Spirit. Nicht der Humor wie bei den Münchnern, nicht das Kumpelhafte wie bei den Kölnern, das manchmal eine leicht homoerotische Note hat, obwohl die beiden einander selten berühren, vor allem aber dialektisch funktioniert – und auch nicht der Kontrast wie später beim langen Ritter und beim kurzen Stark. Mag schon sein, dass dieses Duo das Realistischste am gesamten Film ist, dass Hellmann einer der plausibelsten jüngeren Polizisten in einem Tatort bis heute war, der nicht bloß als Assistent arbeiten durfte. Trotzdem hat uns das Zusammenspiel der beiden nicht elektrisiert.

Finale

Wie der Film „Der Trippler“ nicht. Kindstötung ist immer besonders emotional, aber fasziniert hat uns vor allem Schüttlers Spiel, nicht die Handlung, nicht die Tötung, nicht das Familiendrama, was auch bedeutet, wir waren immer dabei, wussten aber, dass Melanie am Ende nicht vor die U-Bahn springen wird, weil die Cops zu gut zu Fuß sind, um das zuzulassen.

Das Lied „Big Big Birl“ wurde ein wenig überstrapaziert und dass der Stollberg es dann pfeift, damit aber auch wirklich jedem klar wird, wer Susi umgebracht hat, „M“ lässt grüßen – ach nee. Nee. Außerdem wurde mit der Musik im Ganzen überpowert.

Nicht ganz neu, dass man in den frühen 2000ern schon wieder mehr ins Volle ging, nachdem vor allem in den 1980ern sparsame Synthesizer-Klänge die übliche Tatort-Musik darstellten, aber uns hat diese häufige, starke Untermalung gestört und nicht so recht zur Handlung gepasst. „Der Trippler“ ist nicht der schlechteste Tatort, schon gar nicht der schlechteste aus Berlin, einige Rollen sind gut gespielt, das Visuelle ist stellenweise sehr gut und wirkt insgesamt modern, aber dass er sich derzeit in den Top 100 der ewigen Rangliste des Tatort-Fundus findet, hat uns  überrascht. Wir werten im Schnitt höher als die Fundus-Nutzer, weil wir Tatorte nie mit null bis drei Punkten bewerten, aber heute bleiben wir unter den ca. 7,6/10, die „Der Trippler“ derzeit im Schnitt erhält.

6/10

Vorschau: Ritter ohne Stark

Doch, das gab es. In den Jahren 1999 und 2000 spielte der langjährige Berliner Tatort-Kommissar Till Ritter (Dominic Raacke) zusammen mit Stefans Jürgens als Kommissar Hellmann, und das immerhin sechs Mal. Dass heute kaum noch bekannt ist, dass Ritter mal einen anderen Kollegen hatte als Stark, liegt vermutlich auch daran, dass die sechs Ritter-Hellmann-Tatorte ziemlich Berlin sind: Keine Klassiker.

Wir werden heute Abend erstmals Zeugen dieser Ära und sind, Klassiker hin oder her, gespannt auf diese kurze Epoche in der wechselreichen und nicht immer glücklichen Geschichte der Berlin-Tatorte. Dass beinahe zeitgleich mit dem letzten Tatort von Hellmann und Ritter als Duo der Stark-Abschiedstatort „Vielleicht“ aus dem Jahr 2014 gezeigt wird – damals war Ritter wiederum nicht mehr dabei – ist schlecht gemacht,  es sei denn, man akzeptiert, dass die Programmplaner davon ausgehen, dass der Interessierte heutzutage alles, was überlappend gezeigt wird, aufzeichnen oder in der einer Online-Mediathek nachschauen kann.

Näheres zur Stark-Hellmann-Zeit findet man hier bei den Tatort Fans.

Besetzung und Stab 

Till Ritter – Dominic Raacke
Robert Hellmann – Stefan Jürgens
Thomas Karsten – Axel Milberg
Melanie Karsten – Katharina Schüttler
Jost Stollberg – Nils Bruno Schmidt
Susi Karsten – Sina Tkotsch

Buch – Danuta Harrich-Zandberg, Norbert Sütsch
Regie – Michael Lähn

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