Bruder Lustig – Polizeiruf 110 Episode 172 #Crimetime 748 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Görlitz #Dresden #Beck #Weißer #MDR #lustig #Bruder

Crimetime 748 - Titelfoto © MDR

Austausch nach der Wende

Der Plot von „Bruder Lustig“ ist ganz konventionell: Ein Drei- bis Vierecksverhältnis, geschäftliche Probleme, der Täterkreis in diesem Whodunit muss in einem der beiden Personenkriese zu finden sein. Wir dachten beim Anschauen: Das wirkt wie eine Kopie der einer typischen DDR-Polizeiruf-Aufstellung, mit dem Unterschied, dass die illegalen Geschäfte jetzt grenzübergreifend sind, während bis 1989 nie ein sozialistisches Bruderland in irgendwelche Machenschaften verstrickt war. Aber es gibt auch Neues. Wir begrüßen Jaecki Schwarz als Zollamtmann Weißer. Er darf hier schon für seine Rolle als Kommissar Schmücke proben, die er ein Jahr später übernehmen und für nicht weniger als 50 Fälle behalten wird. Das Alte und das Neue und wie es damit war, darüber berichten wir in der -> Rezension.

Handlung

Die Geschäfte des in Görlitz ansässigen Fuhrunternehmens Gebrüder Lustig gehen schlecht. Während Lothar neue Kunden gewinnen will, fährt Uwe Touren durch Deutschland und nach Polen. Er liebt die Ehefrau seines Bruders, Monika, die als Sekretärin im Unternehmen arbeitet. Sie plant, ihren Mann für Uwe zu verlassen, weiß aber, dass er auch ein Verhältnis zur polnischen Laborantin Elzbieta hat, die in einem nahegelegenen Betrieb arbeitet. Seit einiger Zeit ist Uwe unzufrieden. Er hatte in Absprache mit Lothar begonnen, kleine Mengen Altfarbe über die Grenze nach Polen zu bringen, doch haben sich diese illegalen Transporte inzwischen verselbständigt. Inzwischen schafft Uwe regelmäßig mehrere Tonnen über die Grenze, deren Inhalt er nicht kennt. Er erhält die Tonnen von Sägewerksbesitzer Sikowski, der die Transporte stets mit einer Sägemehllieferung nach Polen kombiniert. Sikowski wiederum erhält die Tonnen über Dr. Müller-Barmstedt, dem Leiter der Chemiefabrik Chenolan. Als Uwe erkennt, dass er hochgefährliche Altstoffe transportiert, fordert er von Sikowski eine angemessenere Bezahlung für seine Leistung und will gar ganz aus dem Geschäft aussteigen. Dr. Müller-Barmstedt wiederum ist sich nun nicht mehr sicher, ob Uwe der richtige, verschwiegene Mann für die Transporte ist, zumal nach einer anonymen Anzeige die Zollfahndung in Gestalt des Zollamtmannes Weißer sowohl bei Lustigs als auch bei Sikowski und Chenolan erscheint und Fragen nach den Fässern stellt.

Uwe hat für seine Familie unerkannt begonnen, für Dealer Drogen aus Polen nach Deutschland zu schmuggeln. Monika fällt auf, dass er plötzlich viel Bargeld besitzt, doch behauptet er, er habe es im Glücksspiel gewonnen. Auch privat ergeben sich für Uwe Veränderungen: Elzbietas Ehemann Jacek kommt dahinter, dass Uwe mit seiner Frau schläft und stellt ihn zur Rede. Uwe trennt sich daraufhin von Elzbieta. Kurze Zeit später wird Uwes Leiche in der Neiße gefunden. Er wurde erschossen. Hauptkommissar Beck aus Dresden wird aus dem Urlaub geholt und leitender Ermittler im Mordfall Lustig. Er arbeitet jedoch nach anfänglichem Zögern mit dem Zollamtmann Weißer zusammen, da der Fässertransport mit dem Mord an Lustig zusammenhängen könnte. Weißer erhält von Sikowski das Geständnis, dass er von Chenolan Fässer erhalten und diese durch Uwe nach Polen hat transportieren lassen. Die Fässer wurden dabei separat abgeliefert; für Chenolan bedeutete dies eine preiswerte Entsorgung von Giftmüll. Durch einen Zeugen kann der eifersüchtige Jacek ausfindig gemacht und verhaftet werden. Er hat zwar eine Schusswaffe, doch wurde diese seit langer Zeit nicht mehr benutzt, so dass Jacek als Täter nicht infrage kommt.

Weißer findet in Uwes Lastwagen ein Päckchen mit drei Kilogramm Drogen, so dass die Ermittler eine neue Spur haben. Ein Bekannter Uwes gibt an, dass dieser seit einiger Zeit immer ein paar Tütchen mit Drogen dabeigehabt habe. Die Ermittler erkennen, dass Uwe mit den Drogenhändlern in Konflikt gekommen sein muss, da er sich an dem Stoff bedient hat, den er eigentlich transportieren sollte. Wer die Hintermänner sind, ist jedoch vollkommen unklar. Lothar ist schließlich bereit, den Ermittlern als Lockvogel zu dienen. Er beginnt, Uwes Route zu übernehmen, transportiert Fässer unter Sägemehl und wird nach einigen Touren schließlich von den Drogenhändlern angesprochen. Die Übergabe des Stoffs soll an einer Raststätte geschehen. Alles geht gut, und die Ermittler können schließlich die beiden Drogenhändler verhaften, wobei der eine angibt, dass Uwe sterben musste, weil er sie betrogen und sich an den Drogen bedient hatte.

Rezension

„Der Tagesspiegel bezeichnete anlässlich der Ausstrahlung von Bruder Lustig den Polizeiruf als Reihe als überholt. Der Grundplot von Bruder Lustig gleiche dem der Polizeirufe der DDR-Zeit, wechsle er doch nur inhaltliche Sujets. Im Nachwende-Polizeiruf entfalle jedoch das subversive Element und Kritik dürfe offen benannt werden. Damit sei wiederum auch „diese allzu blutleere Form des Inszenierens hinfällig geworden. Wenn ihr Kitzel nicht mehr darin besteht, dass hinter dem kriminalistischen Biedermeier eine verborgene Renitenz steckt, dann hat die Bravheit keinerlei lustvolle Funktion mehr.“[6]“

Der Berliner Tagesspiegel ist ja unser Lieblings-Hauptstadtmedium, was nicht heißt, dass wir ihm immer kritiklos gegenüberstehen. Aber die zeitgenössische Presse tat den Filmen manchmal auch ein wenig unrecht, beim Polizeiruf vielleicht noch mehr als beim Tatort, weil diese Reihe als Überbleibsel aus der DDR angesehen wurde – daher auch der Vergleich mit den Plots, die vor der Wende üblich waren. Der Tatort war sicher insofern innovativer, als er junge und interessante Teams hervorbrachte und hin und wieder etwas zeigte, was man auch inhaltlich und formal als neuartig ansehen konnte. Vielfach aber auch nicht. Ganze Schienen hatten ihre ziemlich konservative Haltung von den 1980ern in die 1990er getragen, etwa der HR mit Kommissar Brinkmann, in Stuttgart wurde mit Ernst Bienzle sogar ein Kommissar neu installiert, der im Grunde schon in den 1980ern nicht mehr gerade als progressiv angesehen werden konnte.

„Bruder Lustig“ wandelt auf eingetretenen Pfaden, das ist aber bei den meisten Krimis bis heute so, die Grenzen werden immer nur in kleinen Schritten erweitert. Und nicht immer in die richtige Richtung. Und die Farblosigkeit der Figuren ist Ansichtssache. Ziemlich lebendig fanden wir in der Tat Jaecki Schwarz in seiner Rolle als Zollbeamter, er kann hier auch den knorrigen alten Kommissar Beck ausplatzieren, indem er durch seine rasche Auffassungsgabe mehr erreicht als der Kollege, der sich mehr als einmal an seinen Kontrahenten die Zähne ausbeißt. Die anfängliche Abneigung von Beck, mit dem Kollegen Weißer zusammenzuarbeiten, wirkt ziemlich echt, vielleicht Darsteller Günter Naumann tatsächlich gespürt, dass das Drehbuch ihm wenig Chancen lässt, den jüngeren Polizisten zu dominieren, jedenfalls zeigt es viel Sympathie für den Mann vom Zoll. Wir fanden aber auch, dass Peter Weiß den Uwe Lustig recht authentisch spielt, der immer nur versucht, den Laden zu retten, sich dabei überall verstrickt und das natürliche Mordopfer in diesem Film ist.

Der Abgesang auf das ostdeutsche Kleinunternehmertum, das nach der Wende eine kurze Blütezeit erlebte, wirkt ebenfalls nicht weit hergeholt. Es war für die meisten schlicht unmöglich, den etablierten, viel kapitalstärkeren Westfirmen auf der einen Seite und den von Beginn der neuen Zeitrechnung an günstigeren Anbietern östliche der deutschen Grenze standzuhalten. So fährt die Firma Lustig offensichtlich nur ein einziges Auto, einen von blau auf weiß umgespritzten, betagten Mercedes 508 D mt 7,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht. Feste Auftraggeber gibt es kaum, die Situation in der polnischen Lagerhalle erinnert etwas an „Nachts unterwegs“, einem amerikanischen Fernfahrerdrama aus 1940, in dem Humphrey Bogart eine Hauptrolle spielt. Man muss jede Ladung einzeln organisieren und immer hat man das Gefühl, der Lagerleiter bevorzugt die, die er gut leiden mag oder von denen er geschmiert wird. Also nimmt man neben dem illegalen Transport von Giftmüll irgendwann auch den Job als Drogenkurier an, der viel, viel lukrativer ist als ehrliche Arbeit. Von der grausamen geschäftlichen Logik her gesehen, ist der Film geradezu makellos. Da aber die meisten Zeitungsredakteure nie unternehmerische tätig waren, sind sie durch eine solche Darstellung auch nicht zu packen und entdecken demgemäß die Unterschiede zu den DDR-Filmen nicht.

Sicher ist der Stil von „Bruder Lustig“ auch für 1995 konservativ. Das Subversive ist auch weg, dem wir bei der Beschreibung von DDR-Polizeirufen hingebungsvoll nachspüren. Aber die Drehung ist schon beachtlich: Während in der DDR der freie Unternehmer eher ein dubioses Subjekt per se war bzw. so gezeigt wurde und sich gerne über das sozialistische Maß der Dinge hinaus bereicherte, wird der gemäß neoliberaler Ansätze vorbildliche, risikoreiche und mit viel Einsatz arbeitende Spediteur als Opfer der neuen Zeit dargestellt und zu dieser Darstellung werden sicher viele etwas beizutragen haben, die wirklich glaubten, Leistung zählt am meisten und sich nach der Wende selbstständig machten. Mit aller Naivität, die man auch den Lustigs anmerkt, die mehr von den Zeiten getrieben und mitgeschwemmt werden, als dass sie Akteure in einem eigenen geschäftlichen Raum sind.

Anders als der fiese Manager der Pharmafirma, der die Notlage von Kleinunternehmern schamlos ausnutzt, um die Kosten auf illegale Weise zu drücken und aufpasst, dass man ihm persönlich nichts nachweisen kann. Diese Klasse der Verantwortungslosen in Verantwortung prägt die Realität mehr als jene märchenhaften Existenzen, die es grundehrlich aus dem Nichts bis ganz nach oben geschafft haben. Mittlerweile wird dieser Unsinn mehr und mehr enttarnt, aber eine erneute Wende ist aus vielerlei Gründen schwer zu erreichen. Die Rechtsabteilung wird der Manager aber dann wohl eher angerufen haben, damit sie ihn darin berät, wie die Firma am besten aus der Sache rauskommt und nicht, um die Polizisten wegen ihrer verbalen Übergriffe anzugehen.

Was haben die Menschen vor der Wende gemacht? Beck, der ältere Bruder Lustig, es klingt kurz an, aber der eine ist nach wie vor im Staatsdienst, der andere eben doch nicht so wendig, wie der eine ihm unterstellt. Und seinen Bruder hat er auch nicht umgebracht, das war uns aber schnell klar. Denn wo es fast nur Opfer gibt, müssen die Täter ja „von außen“ kommen, in dem Fall die Drogenhändler. Hat also der jüngere Lustig was vom Schnee abgezweigt und auf eigene Rechnung an einen alten Bekannten aus der Mädchenhändlerszene von Görlitz verkauft. Aber die Gebinde haben eine Art für Nichteingeweihte unsichtbares Siegel, Pech. Na gut. Die Logik des gesamten Films ist schon gut, aber es kann immer zu Momente kommen, in denen man etwas nachlässt.

Finale

Sicher ist „Bruder Lustig“ kein Kracher und die schrecklich depressive Stimmung einige Jahre nach der Wende kann irgendwann auch mal zu viel werden. Zum Glück arbeitet derzeit nur der MDR seine Polizeiruf-Produktionen der 1990er chronologisch und recht vollständig ab, was uns immer wieder mit dem  hässlichsten Polizeiruf-Vorspann aller Zeiten konfrontiert, aber da werden wir ja nun bald zu einem weiteren Zeitenwechsel kommen: Schmücke und Schneider übernehmen und der MDR-Polizeiruf bekommt in Halle seinen festen Sitz. Auch manche von deren Filmen sind untereinander oft recht ähnlich, wie wir zuletzt festgestellt haben, aber 50 Einsätze können nicht lügen: Der Polizeiruf hat sich auch durch die beiden neu etabliert, obwohl sie den Krimi als Genre nicht neu erfunden haben. Die typischen Insignien der Schmücke-Figur zeigt auch der Zollbeamte Weißer schon: Er legt viel Wert auf gute Kleidung und ärgert sich, wenn er durch den Matsch oder ins Gelände muss, was ihm dann aber regelmäßig passiert. Und er hat diese gewitzte und nur manchmal, nie übertrieben eingesetzte neunmalkluge Art, die Jaecki Schwarz so sympathisch rüberbringt, wenn er später mit dem bodenständigeren Schneider den passenden Partner hat.

Es gab einige Momente, in denen wir durchaus in „Bruder Lust“ drin waren, im Film und in der Figur und der Film hat keine wesentlichen Fehler, das muss man angesichts nach 50 Jahren immer noch oft stümperhaft wirkender Plots und Logikfehler auch mal erwähnen. Mittlerweile hat man ja den Anspruch weitgehend aufgegeben, es irgendwann noch besser zu machen und haut kräftig in die Soße, wie gestern Abend in Murots „Angriff auf Wache 08„.

7/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Friedemann Schreiter
Musik Arnold Fritzsch
Kamera Helmut Bahr
Schnitt Silvia Hebel
Besetzung

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