Angriff auf Wache 08 – Tatort 1105 #Crimetime 477 #Tatort #LKA #Hessen #Murot #Wache #Angriff #HR

Old West Dystopia

Wir haben mal kurz beim Tatort-Fundus reingeschaut. Man sieht noch keine „Gründe“ für die Bewertungen. Aber wie erwartet: Ein Knaller oder Bullshit, dazwischen passt kaum eine Meinung. In solchen Fällen ist die Gesamttendenz meist schwach. Eine Erwartung hat sich auf jeden Fall erfüllt: Murot-Tatorte sind seit einiger Zeit diejenigen mit fettesten Schießereien – es begann mit „Im Schmerz geboren„. Und was haben sie nicht sonst noch alles in diesen Film reingepackt. Die Wache 08 muss man nicht mehr aufräumen, deshalb bleibt mehr Zeit, die Eindrücke zu sortieren. Das tun wir in der -> Rezension.

Handlung

Irgendwo an der Peripherie zwischen Frankfurt und Offenbach steht eine alte, einsame Polizeiwache. Mittlerweile ist sie ein Polizeimuseum, wird bald abgewickelt und beherbergt nur noch zwei Polizisten: Walter Brenner und seine Kollegin Cynthia.

Brenner ist ein alter Freund von Felix Murot. Der beschließt, seinen Ex-Kollegen aus BKA-Tagen zu besuchen. In der Zwischenzeit braut sich etwas zusammen in der Stadt: eine Sonnenfinsternis, eine Tochter, die ihren ermordeten Vater gerächt hat und sich in das Revier rettet, und ein Gefangenentransport mit Schwerkriminellen, der mit einer Reifenpanne vor dem Revier strandet. Plötzlich wird das Revier beschossen, eine Bande eröffnet das Feuer – die Hölle bricht los.

Rezension

Die Spatzen sind vermutlich in Offenbach alle tot, nach dieser Explosion. Deswegen müssen andere die Kommunikation übernehmen. Vielleicht per Morsezeichen. Es-ist-ein-Remake-von-John-Carpenters-Assault! („Anschlag bei Nacht“). Aber was merkt man daran auch? Dass schon Carpenter sich älterer Vorlagen bedient hat, die in noch viel älteren Zeiten spielen. Zum Beispiel haben sie John Wayne’s „Rio Bravo“ und den anderen Film – Name kommen wir gerade nicht drauf – zusammengelegt, in dem jeweils ein Gefängnis verteidigt wird. Nur der Säufer fehlt, dafür gibt es eine Polizistin, die Radios zu Funkgeräten umbauen kann und damit Morsezeichen senden kann. Aber da ist nicht nur Western drin, sondern auch was aus der Zukunft. Den Sound dazu liefert Ecki, der nervige Radiomoderator: Die Ordnung ist futsch, die Welt von Mad Max nur noch eine letzte Bastion der Zivilisation entfernt. Und die heißt „Wache 08“. Und was man alles heutzutage für unwahrscheinliche Zufälle zusammenkommen lassen muss, damit niemand mehr nach draußen kommunizieren kann. Wir haben die Ironie in dieser Fail-Ballung schon verstanden. Aber es is auch wirklich Scheiße, bestimmte Plots lassen sich kaum noch spannend umsetzen. Deswegen schreiben wir zur Entspannung „Films noirs“, in denen es schon Autos und Telefone gibt, aber nicht dieser verdammten Smartphones. Wir halten fest, der Plot ist im Grunde unmöglich, aber er macht trotzdem Spaß.

Schade, dass Walter nicht überlebt. Das war das einzige, was uns etwas gestört hat. Aber einer, der nicht mehr kann, muss ja den Rückzug der anderen decken. Wir wissen gar nicht mehr, in wie vielen Filmen wir das schon gesehen haben. Aber das ist Schicksal, wenn man durch eine große Rolle in einer großen Serie wie „Babylon Berlin“ in die A-Liga aufgerückt ist und – die Figur, die man gespielt hat, am Ende leider draufging. So differenziert und grandios wie einige Darsteller in diesem 16-Teiler konnte in „Angriff auf Wache 08“ niemand aufspielen und dem Film fehlt trotz eines fast genialen Anfangs und viel Stimmung und Musik etwas, was die guten Murot-Tatorte auszeichnet: Ein besonderes Raunen im Hintergrund, das über alles hinausweist, was man auf dem Bildschirm sieht. „Im Schmerz geboren“ ist auch mit einer Riesenballerei verbunden, aber die konzentriert sich auf wenige Minuten und immer wieder wird es zwischendrin geradezu lyrisch. Hingegen ist „Angriff auf Wache 08“ eine Imitation und gleichzeitig eine Ironisierung von amerikanischem Action-Polizeikino der guten alten Art, wie es in der Tat etwa 1985 aufkam, vielleicht auch ein paar Jahre früher, wegen der Hintertür als Schwachpunkt der Verteidigung (Walter Hill?). Damals, als Murot und Brenner jung waren und BKA-seitig mit der RAF befasst. Cuba sí! Daher hat der Cop mit der Kugel im Rücken seine Zigarren, die dem Wolter schon in „Babylon Berlin“ so gut standen. Wir sind zwar 90 Jahre weitergekommen, aber egal. Es ist ja alles nur Film und stilisiert.

Nicht genug. Nicht genug stilisiert, finden wir. Klar, die Insassen des Gefängnisses helfen dann mit, die Kugel im Rücken, autsch! (John Wayne II). Manche Menschen überleben das aber nicht und wenn es vor bei ist mit der Ruhe im Polizeimuseum, dann ist es auch  mit dem Leben vorbei. Was uns nicht so gestört hat: Dass wir nicht erfahren, wer sich da nun alles zusammengerottet hat, um die Wache anzugreifen. Wir verstehen schon. Clans, Nazis, alles haben erkannt, dass dieser Staat am Ende ist und offen angegriffen werden kann. Das Blöde ist: Wenn der Staat Filme wie diesen ernst nimmt, wird er wieder nach tausend Gründen suchen, die Gesetze zu verschärfen, die Überwachung zu verstärken, denn: Sonst kommt es bald zu Angriffen auf Wachen. Es ist auch kein Bürgerkrieg, sondern das Ende der Zivilisation, siehe Eingangsbemerkung. 

Der beste Tweet zum Film war dieser. Ja, seit der letzten Demo. Manches funktioniert aber auch,wenn man es nur aus der richtigen Perspektive betrachtet. Musik ist eine Waffe, das sehen wir auch so. Und dass ein solcher Film in unsere Zeit passt, ist überhaupt keine Frage. Die Kritik ist das Sinnlose, durch jedes von den vielen Plotlöchern schimmert der Feuerball der Apokalypse, verpufft und es wird alles schwarz. Demnächst wird sich die Sonne also für immer verdunkeln. Von wegen 2’23“. Das geht besser, Universum. 

Ob man das jetzt alles mag oder nicht, es gibt doch etwas wie das Filmische und seine Qualität. Und wir müssen leider konstatieren, dass wir leicht enttäuscht sind. Das Timing, die Dialoge, auch die Darstellersleistungen sind nicht ganz so, wie man es bei der Besetzung hätte erwarten können. Natürlich sind 90 Minuten bei so viel Ballerei auch schnell vorbei, ohne dass es zu wirklich tiefgründigen Momenten gekommen sein muss. Aber das, was wir oben schon vage beschrieben haben, die Welt hinter der Welt, die gibt es nicht, weil die Dialoge zu flach geraten sind. Man sieht alles Mögliche und kann sich alles Mögliche dabei denken und im Grunde ist es recht eindeutig – und der Schliff der besseren Murot-Tatort, der ist nicht vorhanden. Gleichzeitig fehlt die extreme Stilisierung, die man die amerikanischen Regisseure drauf haben, weil Gewalt, das hat man so in den 1990ern spitz bekommen, reicht allein auch nicht mehr, es muss auch was ganz Abgedrehtes dabei sein, was dann im Fall von Tarantino und anderen, wie den Coen-Brüdern, gerne philosophisch hinterlegt. 

Finale

Wir haben gerade gesehen, dass die Junge Welt als Alternative „Lohn der Angst“ empfohlen hat. Klar, da reicht auch ein Murot-Tatort nicht heran. Aber wer den Film bis jetzt nicht gesehen hat, der muss das nicht ausgerechnet nachholen, während Murot läuft. Wir empfehlen: Der nächste Murot soll ein Nachbau von „Lohn der Angst“ werden, vielleicht gedreht während der Sommerdürre und am Ende mit öligen Männerleibern. Haben sie die damals Yves und die anderen in heißer Schokolade versenkt? Bei einem Schwarzweißfilm gar nicht so leicht zu ermitteln. 

Ein Problem, das Filme auch haben, wenn sie auf eine zu verschwurbelte Art alles Mögliche parodieren wollen: Sie sind nicht spannend, so viel auch rumgeballert wird. Am Ende ist Murot nochmal im Visier von – wem? Auch egal. Vermutlich wird er uns wieder begegnen, im Jahr 20 nach 9/11, das ja nun wirklich alles geändert und die Apokalypse einen entscheidenden Schritt näher an uns herangebracht hat. So lange hat es also gedauert, bis der Krieg auch in die Straßen von Offenbach kam. Ob die Kickers noch im Stadion spielen oder das Ding längst zu einer Arena umgebaut wurde, in der Gladiatoren in Gitterkäfigen miteinander auf Leben und Tod kämpfen? Man weiß es nur, wenn man hingefahren ist und nachgeschaut hat, denn der Nachrichtenlage ist nicht zu trauen. Hoffentlich haben sie Murots NSU Ro 80 nicht wirklich zerschossen. Das wäre die schlimmste Barbarei von allen in diesem Film. Fast alles ist Zitat, aber am Ende doch zu viel davon. Vermutlich sind wir die einzigen, die diesen achten Murot-Fall nicht super oder komplett kacke finden, sondern – leider weniger gut als viele andere mit ihm. Das reicht aber noch für eine 7. Denn es ist ein Murot. 

7/10

Vorschau

Der LKA-Beamte Felix Murot, seit dem ersten Tatort-Einsatz im Jahr 2010 („Wie einst Lilly“, Tatort-Folge 781) von Schauspieler und Musiker Ulrich Tukur verkörpert, geht in die achte Runde. Diese Krimiproduktionen des Hessischen Rundfunks sind in der Regel deutlich experimenteller als jene, die für gewöhnlich unter dem Label Tatort für das Mutterschiff ARD in Szene gesetzt werden. So auch der – vermeintlich vollkommen unbegründete – „Angriff auf Wache 08“, schreiben die Tatort-Fans.

Wir sind bekennende Murot-Fans, daher freuen wir uns auf morgen Abend sehr. Die Filme mit ihm sind ungewöhnlich, nicht alle kann man als hundertprozentig geglückt bezeichnen, aber so ist das, wenn man etwas wagt: Es kann auch mal was schiefgehen. Nur – welchen Murot-Tatort haben wir bisher als Fail empfunden? Eigentlich keinen. Und für „Im Schmerz geboren“ haben wir 10/10 vergeben. Das kam neben diesem Film bei allen Crimetime-Kritiken nur ein weiteres Mal vor: beim Klassiker „Reifezeugnis„, den wir mehrfach angeschaut haben und in dem wir jedes Mal neue Details entdeckten, die in die derzeit aktuelle Rezension eingeflossen sind. Nachdem der Frankfurt-Krimi sich sozusagen stufenweise ins Mittelfeld zurückgezogen hat, viele meinen sogar, ins untere Mittelfeld, hat der HR immer noch Murot als Aushängeschild. Der löst allerdings nur einen Fall pro Jahr und ausnahmsweise sagen wir: Das ist uns zu wenig. Zwei sollten es sein. Wir wissen aber, dass Ulrich Tukur, der Felix Murot verörpert, eine Grenze gesetzt hat, die bisher auch nicht überschritten wurde.

Neben ihm spielt in „Angriff auf Wache 08“ Peter Kurth. Wir sind sehr gespannt auf seine Darstellung und wie er mit Murot interagiert. Seit seiner Interpretation des zwielichtigen Kommissars Bruno Wolter in „Babylon Berlin“ können wir von diesem Schauspieler nicht genug sehen. Seine Rolle war die vielleicht vielschichtigste und flirrendste in dem an prägnanten Figuren wahrlich nicht armen 16-Teiler. Leider wurde Wolter am Ende erschossen und wird demgemäß in der dritten Staffel, die jetzt laufen wird, das Set nicht mehr bereichern können. Zuletzt war er im Weimar-Tatort „Der höllische Heinz“ zu sehen, wo er – genau – den höllischen Heinz gespielt hat.

Wir erwarten von den Tukur-Tatorten etwas mehr. Wir werden morgen Abend sehen, ob’s mehr geworden ist und darüber schreiben. Die Playlist wirkt sehr füllig , sehr abwechslungsreich und interpretiert Peter Kurth wirklich „Wanderin‘ Star“ aus dem Musical „Paint Your Wagon“?, der zum Signature Song von Lee Marvin wurde? Weil das Visuelle in den Tukur-Filmen in der Regel ebenfalls sehr herausgehoben wird, hoffen wir auf eine weitere grandiose Inszenierung. Vermutlich wieder mit viel Ballerei, was in den letzten Jahren zu einem Murot-typischen Merkmal geworden ist. Die ironische Brechung, die dabei nicht zu verkennen ist, macht’s erträglich.

TH

Playlist, Besetzung, Stab

     
My Girl William Robinson, Ronald A. White The Temptations
It never rains in Southern California Albert Hammond, Mike Hazlewood Albert Hammond
Happy together Larry Bonner,
Alan Lee Gordon
The Turtles
Intermezzo (Karelia Suite, Op.11) Jean Sibelius London Symphony Orchestra
D: Gennedi Rozhdestvensky
The sun ain’t gonna shine anymore Bon Crewe, Bob Gaudio Walker Brothers
Take it easy, altes Haus Burkhard Reichling; Claus Dieter Eckardt Truck Stop
The End Jim Morrison, Raymond Manzarek, Robert Krieger, John Densmore The Doors
When Johnny comes marching home Patrick Gilmore Bert Wrede
Upside down Bernard Edwards, Nile Rodgers Diana Ross
Coconut Grove John Sebastian, Zal Yanovsky The Lovin’ Spoonful
(I was born under a) Wand’rin  Star Frederick Loewe Im Film gespielt von Peter Kurth
   
Felix Murot Ulrich Tukur
Magda Wächter Barbara Philipp
Walter Brenner Peter Kurth
Cynthia Roth Christina Große
Kermann Thomas Schmauser
Charly Vito Pirbazari
Jenny Sibelius Paula Hartmann
Schließer Jörg Jörn Hentschel
Schließer Manfred Sascha Nathan
Ecki Clemens Meyer
Musik: Bert Wrede
Kamera: Nikolai von Graevenitz
Buch: Clemens Meyer
  Thomas Stuber
Regie: Thomas Stuber

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