Im Namen des Vaters – Tatort 855 #Crimetime 747 #Tatort #Frankfurt #Steier #Mey #HR #Vater #Name

Crimetime 747 - Titelfoto © HR

Glaube, Beichte, Tod und Vergebung im Säufermilieu des Frankfurter Gallusviertels

Wenn es in letzter Zeit einen linearen Fall gegeben hat, der eine hohe Vorhersehbarkeit mit großer Selbstverständlichkeit präsentiert, dann ist es „Im Namen des Vaters“. Da die Macher das sicher auch gewusst haben und die Tatortfolge 855 auf einem Realfall basiert, haben sie sich ganz auf etwas anderes konzentrieren können, nämlich auf die Schuld, die Beichte, das Milieu und den Alkoholismus. Ob dieses Konzept gelungen ist, steht in der -> Rezension.

Handlung

Der Tatort „Im Namen des Vaters“ ist der nunmehr dritte Frankfurt-Krimi, der nach der Vorlage „Auf der Spur des Bösen“ von Axel Petermann, einem bekannten deutschen Kriminalisten und Profiler, und nach einem authentischen Fall gedreht wurde. In dem Film geht es nicht nur um Mord, sondern auch um soziale Dramen, um Einsamkeit, Abhängigkeit, Perspektivlosigkeit in einem Milieu von hoffnungslosen Alkoholikern, einsamen Herzen, Sündern und Scheinheiligen.

Die Frankfurter Kommissare Conny Mey – übrigens mit neuer Kurzhaarfrisur – und Frank Steier haben am Silvesterabend kräftig gefeiert. Steier hat Mey das „Du“ angeboten. Nun ist Neujahr. Steier ist ziemlich verkatert und schlecht gelaunt, als er zu einem Mordfall im Gallusviertel gerufen wird. Vom „Du“ will er auf einmal nichts mehr wissen. Neben einem Schulhof wurde auf einem Parkplatz eine Frau erwürgt aufgefunden. Ungewöhnlich schnell können die beiden Ermittler ihre Identität aufklären.

Es handelt sich um Agnes Brendel. Anscheinend war die Tote im Viertel bekannt wie ein bunter Hund. Die befragten Personen aus der Nachbarschaft kannten die Frau. Sie war arm, starke Alkoholikerin, verkehrte in vielen Kneipen. Brendel hatte ständig wechselnde Bekanntschaften, ließ sich oft von Männern freihalten, hatte aber ständig Pech damit. Trotz allem ging sie aber regelmäßig in die Kirche.

Sie lebte zuletzt mit ihrem Lebensgefährten Viktor Kemper zusammen. Dieser neigt zu Gewaltausbrüchen. Der einzige, der ihr wirklich helfen wollte, war Sohn Christian. Es stellt sich heraus, das Agnes Brendel die letzten fünf Tage vor ihrem Tod nicht zuhause war. Steier und Mey versuchen, diese Zeit zu rekonstruieren. Es gibt viele Zeugen, die sich ganz genau erinnern wollen, wann sie die Tote zuletzt gesehen haben. Aber die Aussagen der befragten Personen, darunter ein Kneipenwirt, Stammgäste des Lokals, der Besitzer eines Kiosks, widersprechen sich.

Die Kommissare stehen im Tatort „Im Namen des Vaters“ vor der Frage, ob der Täter und sein Opfer sich gekannt haben, oder ob Agnes vielleicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Dann erfahren sie, dass die Brendel in der Silvesternacht zusammen mit Pater Markus und einem Stamkunden in einer Bar gefeiert hat. Bei einer Befragung des Paters gibt dieser sich ausweichend und verstrickt sich zunehmend in Lügen. Der zweite Verdächtige gbt sich als korrekter – und gläubiger – Spießbürger.

Conny Mey und Frank Steier stehen Tatort „Im Namen des Vaters“ weiterhin vor einem Rätsel. Auch die Rolle von Brendels Lebensgefährten Viktor bleibt undurchsichtig. Das Finale bei der Lösung des Falls wird zu einem Psychothriller.

Rezension

Die Schauspieler hatten zu liefern, was der Plot nicht konnte oder wollte, nämlich Spannung. Eine Herausforderung, und die haben sie mit Bravour gemeistert. Das vergleichsweise überschaubare Figurentableau wird von seinen Darstellern mit viel Engagement und Können zu einer Studie aufgebaut, die zum Besten gehört, was wir in Tatorten jüngerer Zeit gesehen haben, in denen es ja eher wild zugeht und das genaue Hinschauen nicht mehr so en vogue ist. Aber die Frankfurter können das, auch das Vorgängerduo Dellwo / Sänger war bekannt dafür, dass es in sozialen Tiefen ermitteln konnte, ohne prätentiöse Dialoge darüber zu führen.

Diesbezüglich haben Steier / Mey jetzt aufgeschlossen. Sie sind andere Typen. Die Mey knackig und down-to-earth, Steier noch mehr ein Grenzgänger und Existenzialist (vielleicht auch Nihilist) als seinerzeit Dellwo. Zudem ist er mit seiner Trinkerei selbst ein Teil des Szenarios. Trotz des dadurch gegebenen Verständnisses für die Persönlichkeiten der Tatverdächtigen und die Art, wie sich die nunmehr tote Agnes durchs Dasein geschlagen hat und wie es die anderen aus dem Gallusviertel tun, wünschen wir ihm, dass er’s schafft, trocken zu bleiben.

Wir preisen die schnörkellose Inszenierung, die keinerlei Schnickschnack beinhaltet, nicht einmal (abgesehen von Steiers Problem mit einer recht häufigen Krankheit) etwas vom Leben der Ermittler zeigt. Mey hat offenbar sowieso keines. Trotzdem hätten wir gerne gesehen, dass sie weitermacht, nicht nur, weil sie alle Männer in diesem Tatort überragt hat. Dabei ist sie mit 1,76 Metern keineswegs überlang, die Stiefel machen halt auch einiges aus.

Das Leben ist nicht schön. Es hat nichts Erhabenes. Das kann man zumindest vom Leben aller in diesem Tatort vorkommenden Figuren sagen. Agnes Brendel ist eine haltlose Säuferin, die mit fast jedem schläft und findet den Tod, weil sie sich einmal verweigert hat. Der Sohn ist ganz auf sie fixiert und scheint keine Welt außerhalb der gemeinsamen Welt zu haben, ebenso der Lebensgefährte, der aus dem  Knast kommt. Auch der junge Pater wirkt nicht wie ein sicherer Fels in der Brandung des allgemeinen Unglaubens, vermittelt keine Erleuchtung, sondern wird dort, wo er hingestellt wird, sogleich mit Beichtgeheimnissen überfordert, die ihn zu einem Getriebenen und mit einem Gewissenskonflikt Beladenen machen. Selbst die Ermittler – da ist nichts um sie herum, was die Einsamkeit relativiert.

Ein radikaler Entwurf des HR, der in der passend gewählten Stadt Frankfurt nun ausgeprägte Konturen gewinnt. Da wird ein kleines, vertrautes „Du“ zurückgenommen, eine Laune war’s nur, dieser folgt eben eine andere. Da wird gefrotzelt oder sich gestritten anstatt Empathie gezeigt, meistens jedenfalls. Jeder läuft mit seinem Schutzpanzer rum und öffnet ihn nicht. Selbst der mehr als die anderen intakt wirkende Charakter der jungen Kriminalhauptkommissarin Conny Mey hat so eine Aura von Abgeschiedenheit. Die offensive Art, sich in dieser kalten Stadt zu bewegen, ist ihr Weg, dieses schwierige Leben als Ermittlerin im Sumpf des Verbrechens zu meistern und dabei Kurs zu wahren. An einer Stelle erklärt sie Christian Brendel, dass sie auch einen Glauben hat. Nicht den an Gott, sondern den Glauben daran, dass ihre Arbeit nützlich ist.

Es handelt sich um einen Sumpf, wenn auch nicht im Sinn der OK, sondern um etwas, das wir uns physisch bzw. chemisch übelriechend vorstellen. Nachtdem wir gerade eine Rezension zum Kölner Tatort „Müll“ geschrieben haben (wegen der Aktualität der Folge 855 ziehen wir den hiesigen Beitrag vor) wird es jetzt noch eine Spur ekeliger, nicht nur wegen der brutalen Szene mit den Straßenkämpfern, von denen Viktor einen anheuert, um den Pater zu entführen. Es ist vor allem dieser Viktor, der das Milieu an uns transmittiert, ein Säufer, ein Proll, der gleichzeitig raucht, isst, trinkt, ein brutaler Schläger und dann wieder ein Typ, der versucht, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, als die Polizei ihm zu lahmarschig rüberkommt, wer in einer JVA einsaß, der ist jetzt so gestrickt. Pralles Leben aus der Klischeekiste, und doch vorstellbar, und doch dicht und packend dargestellt.

Lange nicht mehr sind in einem Tatort Szenen so ausgespielt worden wie in „Im Namen des Vaters“. Das kann quälend sein und wer sich die Fähigkeit zum Hinschauen an amerikanischem Serientrash oder Actionfilmen verdorben hat, der wird es eher langweilig finden. Für uns war’s nicht unangenehm, dass wir uns auf die Charakterschauspielerei konzentrieren konnten, weil die Handlung von der erwähnten, geradezu berückenden Simplizität ist. In Wirklichkeit erfordert es von den Schauspielern so viel, dass nicht alle heutigen Tatort-Teams dafür geeignet sind. Besonders Joachim Król, wie er den Krabonke hintergründig für eine gefühlte Minute anlächelt und dabei einen inneren Film am Laufen hat, zeigt, was man draufhaben muss, um diese fast handlungsfreien Sequenzen des Films zu gestalten.

Es wirkt ganz logisch, dass es gerade in den prekären Verhältnissen, in denen sich die Figuren aufhalten, einige Gläubige gibt. Glaube hat nun einmal Trostfunktion. Dass man ihn missbrauchen kann, um Todsünden zu beichten und meint, damit der Sache Genüge getan zu haben, wo doch die weltliche Ordnung ein eigenes Sanktionsrecht für sich beansprucht, das steht auf einem anderen Blatt. Die katholische Kirche hat das so eingerichtet und deren Geistliche müssen im Ernstfall damit klarkommen. Sich zurückzuziehen auf eine für alle Beteiligten grausige Form der Wahrheitsbewältigung, passt zu diesen Menschen, die im Leben vielleicht noch einen kleinen Raum haben, vielleicht sogar eine kuriose Bar, mitten in ein Wohnzimmer gebaut, aber keinen Platz für die Seele. Der Rüpel Viktor ist in diesem Szenario noch der Lebenskräftigste, wie er am Ende eindeutig unter Beweis stellt, indem er den Pater entführt.

Selbst in dieser einfachen Handlung gibt es noch ein paar Aussetzer wie den, dass Conny Mey bei Viktor im Wald anruft, anstatt Christian zu instruieren. Die Handyortung scheint auch im Sande verlaufen zu sein. Dass sie Christian zu viel erzählt, weil der Junge ihr leid tut, wird im Film selbst als Fehler gekennzeichnet.

Den geringen Einsatz technischer Mittel interpretieren wir auch als Konzession an die Atmosphäre des Films: Alles wird rausgehalten, was die Intensität verringern könnte; auch ein großes Polizeitamtam, in den letzten Jahren quasi Standardfinale guter wie weniger guter Tatorte geworden, hätte zu den störenden Elementen gehört. Vielleicht sogar das in der Tat skurrile Ende zerstört. Humor der schwarzen Sorte, wieder einmal – wir können beim HR in Frankfurt bleiben und denken an Filme wie „Weil sie böse sind“, in denen diese böse Witzigkeit  während der gesamten Spielzeit ein tragendes Element war, nicht nur ein schräger Gag am Ende eines ansonsten ernsten Tatortes.

Finale

Bei genauerer Betrachtung gibt es durchaus eine These. Sie wird ganz gut verdeckt durch die dramatische Schilderung der sozialen und persönlichen Verhältnisse der Figuren. Wir sehen, dass Menschen, die ihr Leben nur mit Mühe auf die Reihe bekommen, ein Ventil für ihre Bedrängnis im Glauben finden und somit doch etwas wie Trost – und Absolution erhalten. Allerdings ist Schuld nach Ansicht der Macher von „Im Namen des Vaters“ angelegt wie in einem System kommunizierender Röhren. Es geht nix verloren, sondern verschiebt sich nur. Die Schuld verlässt durch die Ohrenbeichte den Mörder und geht auf den Pater über. Denn wer kann sich anmaßen, Viktor sagt es, auch wenn es dem Pater gegenüber ungerecht ist, Vergebung im Namen des Herrn erteilen zu können und einen Gewaltverbrecher damit freizusprechen? Das ist für einen jungen, eher zurückgenommenen Priester eine zu große Bürde, die Sünden eines Beladenen wie des Krabonke aufzunehmen. Sein Sprengel wirkt überschaubar, doch jeder, der zu ihm kommt, kann sein Leben aus dem Gleichgewicht bringen.

Er will helfen, das sieht man immer wieder, und stammelt selbst bei seinem Herrn um Hilfe, mehr, als dass er sie kräftig und überzeugt anruft und sich dadurch selbst wieder frei machen kann. Die weltliche Welt ist eben zu dicht dran an ihm, der Vater zu hoch, zu weit weg im Himmel. Wie keine andere Figur, nicht einmal der Mörder, der ihm neben der Tat die Unmöglichkeit, von Frauen attraktiv gefunden zu werden klarlegt (wo ein katholischer Priester dieses Element ohnhin aus seinem Leben halten muss oder sollte), mehr noch als Steier in seinem meist im Halbdunkel liegenden Büro (von der ersten Folge an wird dort hauptsächlich ohne Tageslicht gedreht, sodass wir zunächst dachten, der Raum hätte eine Binnenlage im Haus, hinter den Glasbausteinen sei ein Gang) wirkt der Kirchenmann verloren und einsam. Auch seine Gemeinde ist für eine Neujahrsmesse nicht gerade zahlreich erschienen. In dieser Welt, in unserer Zeit, ist der Glaube eben auch etwas Brüchiges, mehr eine von vielen Überlebensstrategien, wie da auch sind die Esoterik, die Managementtheorien, die psychologischen Modelle, die dazu führen sollen, dass wir uns selbst etwas mehr mögen und den fordernden Alltag bewältigen können.

Noch ist die bessere Welt, die der ersten Steier / Mey-Folge den Titel gab, nicht in Sicht und der Glaube an etwas Größeres und Schöneres als die Unabdingbarkeit der Selbsterhaltung ist nicht weit verbreitet.

Wir waren ein wenig unschlüssig, aber im Verlauf der Rezension haben wir uns entschlossen, die höhere von beiden angedachten Varianten zu nehmen und geben 8,0/10. Damit ist „Im Namen des Vaters “ für uns der bisher beste Frankfurter Tatort mit dem aktuellen Team. Wir schrieben bisher immer, da ist so viel Potenzial. In diesem Schauspielerfilm hat sich einiges davon zeigen dürfen.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Nina Kunzendorf
Joachim Król
Florian Lukas
Paulus Manker
Rainer Bock
Vincent Redetzky
Gerd Warmeling

Regie – Lars Kraume
Drehbuch – Lars Kraume, nach der Vorlage „Auf der Spur des Bösen“ von Axel Petermann

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s