Der Kormorankrieg – Tatort 686 #Crimetime 751 #Tatort #Konstanz #Blum #Perlmann #SWR #Kormoran #Krieg

Crimetime 751 - Titelfoto © SWR

Sich voranblumeln im Bodensee-Biotop

Wir blumeln uns voran, nachdem die südlichste SWR-Schiene bisher etwas zu kurz kam. Sowohl die 50. Tatort-Rezension als auch die folgende Nummer 51 werden sich mit einem Fall von Klara Blum aus Konschtanz am Bodensee befassen. Der vorausgehende Absatz stammt natürlich aus der Erstpublikation dieser Rezension im Juni 2011, inzwischen sind neun Jahre vergangen und wir zählen 751 Rezension in der Rubrik „Crimetime“ des „neuen“ oder „zweiten“ Wahlberliners. Was uns eingefallen ist, zum 686. Tatort, steht in der -> Rezension.

Handlung

Conrad Ketteler sollte gerade sein Amt als Umweltreferent des neuen Landtagsabgeordneten Günter Balried antreten. Doch der Biologe und Naturschützer Ketteler wird tot aus dem Bodensee geborgen. Er stand im Mittelpunkt eines Streits zwischen den Naturschützern und einer Gruppe von Berufsfischern, die die geschützten, aber fischräubernden Kormorane bekämpfen.

Klara Blum und Perlmann stellen bei ihren Ermittlungen fest, dass Ketteler heimlich Beweise für illegale Aktivitäten der Fischer gesammelt hatte. Entweder wurde er ermordet, weil er den Fischern mit seiner Prinzipientreue im Wege stand, oder aber, weil er in seinem Privatleben allzu wenig Prinzipien hatte.

Eine Zeugin sagt aus, den Fischer Gasser am Tatabend in Kettelers Haus gesehen zu haben. Gasser streitet das vehement ab. Klara ist überzeugt, dass Gasser lügt, kann es ihm aber nicht beweisen. Fraglich ist auch, ob er lügt, weil er Ketteler ermordete – oder eher um Günther Balried zu schützen. Obwohl Balried der Protagonist einer Umweltpartei ist, scheint ihn insgeheim mehr mit Gasser zu verbinden, als er zugeben will.

Klara beginnt, sich mit Balrieds Vergangheit zu beschäftigen. Da stellt sich heraus, dass Conrad Ketter gar nicht im See umkam, sondern im Wasser der Fischbrutstätte

Rezension

Das erste, was zu „Der Kormorankrieg“ einfällt, nachdem man ihn gesehen hat: Solide. Keine erheblichen Plotschwächen, keine unglaubwürdigen Motive. Nicht alles hätte man so filmen müssen, wie es hier gemacht wurde, aber es ist okay.

Eine besondere Erwähnung verdient Klara Blums junger Kollege Kai Perlmann, der einen großen, eigenen Part hat und schauspielerisch und ermittlerisch locker mit der arrivierten Hauptkommissarin mithalten kann.

Fischer kontra Umweltschützer – das Thema werden wir nur betrachten, nicht ausführlich anhand von Fakten ausarbeiten, weil es viel Recherche erfordern würde, den Wahrheitsgehalt aller Tatsachenbehauptungen zu ermitteln. Wir gehen aber davon aus, dass grundsätzliche Fakten, wie der Reinheitsgehalt des Bodenseegewässers und das Verbot, Düngemittel (-rückstände) einzuleiten, der Wahrheit entsprechen.

Das erste, was zu „Der Kormorankrieg“ einfällt, nachdem man ihn gesehen hat: Solide. Keine erheblichen Plotschwächen, keine unglaubwürdigen Motive. Nicht alles hätte man so filmen müssen, wie es hier gemacht wurde, aber es ist okay.

Eine besondere Erwähnung verdient Klara Blums junger Kollege Kai Perlmann, der einen großen, eigenen Part hat und schauspielerisch und ermittlerisch locker mit der arrivierten Hauptkommissarin mithalten kann.

Fischer kontra Umweltschützer – das Thema werden wir nur betrachten, nicht ausführlich anhand von Fakten ausarbeiten, weil es viel Recherche erfordern würde, den Wahrheitsgehalt aller Tatsachenbehauptungen zu ermitteln. Wir gehen aber davon aus, dass grundsätzliche Fakten, wie der Reinheitsgehalt des Bodenseegewässers und das Verbot, Düngemittel (-rückstände) einzuleiten, der Wahrheit entsprechen.

Das erste große Rezensionsjubiläum ist nicht „getimt“, der Tatort „Der Kormorankrieg“ nicht bewusst ausgewählt. Wir waren in Versuchung, unchronologisch zu verfassen und veröffentlichen, was die Reihenfolge der gesehenen Tatorte angeht, weil am selben gestrigen Abend noch der erste Blum namens „Schlaraffenland“ lief, der viel zur Figur der Klara Blum erklärt. Dann haben wir uns aber für „publiziert in derselben Reihenfolge wie gesehen“ entschieden.

Die Fischer und die Umweltschützer vom Bodensee – zünftiger Beginn

Auf Leben und Tod, so sieht es aus, wird am stillen, für Touristen so freundlichen Bodensee gekämpft. Nämlich zwischen den alteingesessenen Fischern, die von zu sauberem Wasser und von zu vielen Kormoranen zugleich in die Zange genommen werden – und Umweltschützern, die jeden Fortschritt, die Reinheit des Wassers und den Schutz der Arten betreffen, mit unterschiedlichem Maß an Militanz erkämpfen. Es gibt dann noch die Politiker, die aus der Ökoszene kommen, aber ihre Ideale verraten haben.

Die Startszene verspricht einiges, Schlagabtausch, wüste Beschimpfungen; später brennt das Schilf und der betreffende Streifen ist umwelttechnisch tot – sehr interessant übrigens, dass das Brandfeld echt war, da fragten wir uns, wie ist das möglich? Vielleicht woanders als in einer geschützten Zone gefilmt,  unter Umständen nicht einmal am Bodensee. Außerdem darf man heutigen Fernsehbildern nicht mehr trauen, dank vielfältig einsetzbarer digitaler Bildbearbeitungstechnik. Desweiteren brannten dann auch Fischerboote, da hat die Umweltfraktion zurückgeschlagen. Dabei waren es gar nicht die Fischer als Interessengemeinschaft, sondern nur ein etwas aus der Art geschlagenes Mitglied dieser Community, der durch Brandrodung seinen Grund und Boden zu Bauerwartungsland umwidmen wollte. Ob dieser Wechsel in Wirklichkeit so einfach ist, immerhin liegt die kleine, verbrannte Zone ja inmitten des Schutzbereiches, mag dahingestellt bleiben.

Umweltschützer sind radikal, Fischer von ihrer Existenz bedroht, Umweltpolitiker sind eher Politiker als Umweltschützer, soweit alles politisch inkorrekt? Mitnichten, wenn man genau hinschaut. Sondern eigentlich recht differenziert. Jeder hat berechtigte Interessen und am Bodensee wird vermieden, was immer stärker zutage tritt, je weiter man die Route durch die Tatortstädte Richtung Norden befährt – die eindeutige moralische Positionierung. Wir haben die etwas neutralere Haltung im Süden mittlerweile schätzen gelernt.

In „Kormorankrieg“ geht es im Prinzip um Extremisten beider Seiten und nicht darum, ein Thema so zu positionieren, dass dem Zuschauer bloß noch die hilflose Kapitulation vor dem moralischen Druck bleibt. Vielleicht etwas für Leute, die ihre Wertungen gerne selbst treffen. Deswegen wird im Film auch eine wohltuende Distanz zu den Fischer- und Umweltschützerfiguren gewahrt, die Nachdenken über zulässt. Am Ende kommt man sowieso dabei  heraus, dass alle Interessen berechtigt sind und eben kompromissweise abgeglichen werden müssen. Das Maximalziel wäre wohl der ökologisch nahezu perfekte See, aber dann müssten die Fischer auf ähnliche Weise entschädigt werden wie die Bauern überall im Land, die ihre Felder im EU-Auftrag stillgelegt hatten und genau dafür Geld erhielten. Damals ging es zwar nicht um die Umwelt, sondern darum, Überkapazitäten in der Nahrungsmittelproduktion abzubauen, aber der Effekt ist ja für die betroffenen Landwirte der gleiche gewesen wie hier für die Fischer.

Der Umweltpolitiker Balried hingegen (Stephan Schad) gibt nur ein wohlfeil-ausgewogenes Statement ab, das alles und nichts besagt, ohne darzustellen, wie er den Interessenausgleich zu gestalten gedenkt. In der Realität gibt es sicher auch einen typisch süddeutschen, eher unauffälligen Ausgleich zwischen den Interessen, sonst wäre das Thema medial schon bundesweit kenntlich geworden.

Das Ermittlerteam – Raum für Kai Perlmann

Schön, dass die zweite Figur so ausgreifen darf wie hier. Ob das Undercover-Ermitteln von Perlmann (Sebastian Bezzel; der Fischer Alwin Bruttel: „Irgendwoher kenn ich dich!“) sachlich notwendig gewesen ist, steht auf einem Blatt, auf dem nächsten aber, dass es Spaß gemacht hat, dabei zuzuschauen, wie der Jungkommissar seine Anglerkenntnisse nutzt, um in die Welt der Fischer einzutauchen. Die spielen auch ganz gut mit, muss man sagen. Gegen Ende wird Perlmann nass, weil gerade beim Ermitteln zu See ein Gewitter hereinbricht. Ganz am Ende sitzt er mit Blum im See und angelt den Fischern die letzten Felchen weg, die im zu sauberen, zu algenarmen Wasser noch groß wurden und dann nicht von den Kormoranen gefressen wurden. Eine schöne Szene, trotzdem.

Wir überhaupt das Team gut harmoniert und die zurückgenommene Spielweise von Eva Mattes als Klara Blum es auch  zulässt, dass Perlmann sich entwickelt und eigene Akzente setzen kann. Eine der großen Stärken des Teams ist, dass es ermitteln kann, ohne dem Zuschauer die Welt aus subjektiver Sichtweise zu erklären. Wenn auf einen Tatort die Erzählsicht „neutral“ zutrifft, dann sicher auf einige der Bodensee-Folgen. Die Handlung kann dadurch für sich wirken und die Ermittler sind einfach nur sympathische Figuren, die ein Gefühl von Vertrauen an den Zuschauer weitergeben. Nicht umsonst ist die unauffällige Klara Blum die beliebteste unter den aktuellen Tatort-Ermittlerinnen.

Dabei muss sie sogar gegen die Tendenz ankämpfen, dass die Konstanzer Tatort-Folgen, die eben auch eher zum Unaufgeregten tendieren, selten zu den dramatischen Highlights der Serie gehören. Es gibt Ausnahmen, wie den ersten Blum, „Schlaraffenland“, über den wir die 51. Tatort-Rezension schreiben werden.

Warum es Perlmann ist, dem sie immer mal wieder zusteckt, welche Frau zu ihm passen könnte, welche weniger; mütterliche Freundin, die sie in dem Moment eher ist als Chefin. Warum sie nicht schaut, dass sie selbst wieder einen Partner findet – das alles erfahren wir demnächst ebenfalls aus „Schlaraffenland“, der einen wichtigen Schlüssel zur Figur Klara Blum liefert.

Am Ende ist alles persönliche Verstrickung und einen Knalleffekt gibt’s auch

Dass dieses interessante Umweltthema letztlich eine Kulisse ist, dass die Vergangenheit der Bodenseebewohner und die Eifersucht eine wichtigere Rolle spielen (nebenbei wird allerdings schon ein mittlerer Umweltskandal aufgedeckt), das ist offenbar milieutypisch. Alle kennen sich dort, wachsen miteinander auf, bilden über lange Jahre Connections, Seilschaften, Verstrickungen heraus. So auch dieses Mal, wo allerdings die Vergangenheit nicht ganz notwendig ins Konzept eingebaut wurde. Zwar ist der Unfall, den die Tochter des Fischers Gasser einst mit dem späteren Politiker Balried hatte, wichtig, um die Nebenhandlung zu entschlüsseln – für den Mord an dem Umweltaktivisten und Frauenhelden Conrad Kettler (Sebastian Körner) jedoch nicht. Das ist eine klassische Dreiecks-Story. Der betrogene Mann rächt sich. Nicht etwa die Frau, die auch gerade abserviert wird. Das wäre auch möglich gewesen und hätte genauso gepasst und genauso wenig mit dem Umweltthema zu tun gehabt.

Und, man muss es ehrlich schreiben – es ist auch realistischer. Morde wegen übergreifender Themen hat es in Deutschland schon gegeben, aber meist sind die Motive simpel. Auch wenn diese Erkenntnis dazu führt, dass realistische Tatorte immer wieder dieselben Muster durchspielen müssen: So sind Krimis nun einmal. Sie variieren, wenn sie einigermaßen an der Wirklichkeit bleiben wollen, nur um Nuancen. Es sind in der Regel persönliche Motive, die aus Beziehungen erwachsen, die Menschen irgendwann zum Mord treiben, und keine abstrakten Ideale. Zumindest trifft das auf unsere heutige, individualistische Gesellschaft zu. Wegen politischer Themen wird auf anderer Ebene gestritten und wir finden es gut, dass sich die Konstanzer Tatorte trauen, die Dinge so darzustellen, wie sie sind – und damit den Auftrieb etwas zu relativieren, der in anderen Tatortstädten verursacht wird. Es wird hier vermieden, dass sachfremde und unglaubwürdige Motive ebensolche Plots nach sich ziehen.

Es sei denn, man lässt eh durchblicken, dass die Macher das Abseitige, das sie zusammenbasteln, nicht zu ernst nehmen, und dass der Zuseher bitte ebenso verfahren möge – eine Schiene, die speziell in Münster häufig gespielt wird.

Dafür hat „Der Kormorankrieg“ aber noch ein halbwegs explosives Ende, das wir zwar übertrieben fanden, das unsere Bewertung aber nicht wesentlich beeinflusst hat: Wie der eigentlich schon dingfeste Thomas Weiß davonsprintet und -fährt und -rennt und -fliegen will wie ein Kormoran. Am Ende dieses Cineastenschmauses von einem Showdown wird er durch Perlmann gestoppt, indem dieser das Flugzeug mit Schüssen so beschädigt, dass es nicht mehr abheben kann. Da hat Perlmann Glück, denn wenn das Flugzeug noch hätte abheben können, dann aber abgestürzt wäre, hätte er sich vermutlich einem Verfahren stellen müssen, in dem die Verhältnismäßigkeit seines Einsatzes Thema gewesen wäre. Aber so hat er das letzte Ermittlerwort und das passt hier ganz gut in seinen starken Gesamtauftritt.

Finale

Viele positive Aspekte, keine wesentlichen Fehler, das Thema Fischer kontra Umweltschützer eher als Kulisse, aber durchaus für den Zuschauer stimmig erklärt. Die Ermittler machen ihre Sache gut, nicht spektakulär, insgesamt ein runder Fall.

8,0/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klara Blum: Eva Mattes
Kai Perlmann: Sebastian Bezzel
Annika Beck: Justine Hauer
Günter Balried: Stephan Schad
Conrad Ketteler: Christian Koerner
Heike Beek: Silvina Buchbauer

Regie: Jürgen Bretzinger
Buch: Matthias Dinter und Xao Seffcheque
Kamera: Georg Steinweh
Musik: Markus Lornadoni
Szenenbild: Joachim Schäfer

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