Der General (The General, USA 1926) #Filmfest 198 DGR

Filmfest 198 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (10) / "Die große Rezension"

2020-08-14 Filmfest AIn Liebe, Krieg und auf Schienen

„Der General“ gilt heute als Meisterwerk. Nicht nur als bester Film Buster Keatons, sondern als einer der besten Stummfilme, allemal als eine der besten Stummfilmkomödien. Wir haben ihn jetzt zum Abschlus der „ersten Keaton-Welle“ gesehen, die alles beinhaltet, was von ARTE 2018 ausgestrahlt wurde. Für weitere Filme werden wir andere Quellen heranziehen, wenn wir noch ein paar dringende Rezensionsaufgaben erledigt haben. Spoiler: Es handelt sich zwar auch um eine Art von Film aus dem Bürgerkrieg der USA (1861-1865), aber der General ist kein Befehlshaber der Nord- oder Südstaaten. Alles weitere verraten wir in der -> Rezension, sofern es nicht schon in der Handlungsangabe steht.

Handlung (1)

Im Frühling 1861 lässt die Nachricht über die nahenden Unionstruppen im südstaatlichen Ort Marietta die Kriegshysterie ausbrechen. Um Gunst und Respekt seiner geliebten Annabelle Lee nicht zu verlieren, meldet sich der angesehene Lokomotivführer Johnnie Gray eifrig beim Rekrutierungsbüro. Aus für ihn unverständlichen Gründen wird er als Soldat abgelehnt; dass er als Lokomotivführer für den Süden als wertvoller erachtet wird, erfährt er ebenso wenig wie Annabelle. Sie will ihn erst in Uniform wiedersehen – eine für Johnnie unmögliche Aufgabe und somit das Ende der Beziehung.

Ein Jahr später entführen nordstaatliche Spione am Haltepunkt Big Shanty Johnnies geliebte Lokomotive General. Ohne Zögern nimmt Johnnie einsam die Verfolgung der entführten Dampflokomotive auf, erst zu Fuß, schließlich mit einer weiteren Lokomotive. Er trotzt dabei allen Hindernissen, die ihm die Spione in den Weg legen. Diese wollen durch gezielte Zerstörungen auf dem Weg in den Norden das Kommunikations– und Bahnsystem der Konföderierten lahmlegen.

Die Verfolgungsjagd endet für Johnnie im Land der Feinde, wo er sich im Wald versteckt hält, ehe ihn der Hunger in das Hauptquartier der nordstaatlichen Generäle treibt. Dort gelingt es ihm, die feindlichen Pläne zu belauschen. Verblüfft sieht er auch seine Annabelle wieder: Sie befand sich zufällig im Güterwaggon des entführten Zuges und ist nun Gefangene der Unionstruppen. Getarnt als Unionssoldat gelingt es Johnnie, Annabelle zu befreien und mit ihr in den Wald zu flüchten.

Mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, die geraubte General zurückzuentführen. Die Unionssoldaten nehmen mit einer weiteren Lok und einem Versorgungszug entschlossen die Verfolgung auf, um ihren Militärschlag wie geplant durchzuführen. Auf dem Weg in die Heimat variiert Johnnie erfolgreich sämtliche Tricks der Spione, um die Verfolger abzuschütteln. Einzig das technische Unverständnis Annabelles bringt beide immer wieder in kritische Situationen. Die strategisch wichtige Brücke am Rock River setzt er vorsorglich in Brand, ehe er beim Stützpunkt der Südstaatler ankommt, um die Soldaten vor den anrückenden Unionstruppen zu warnen.

Als die nordstaatliche Armee den Rock River überqueren will, bricht die vom Feuer beschädigte Brücke unter der Last der Lokomotive zusammen. Die vorgewarnten Konföderationstruppen eröffnen das Feuer. Die wilde Schlacht können die Südstaatler nicht zuletzt dank Johnnie für sich entscheiden. So wird der Lokomotivführer schließlich zum Leutnant ernannt und kann die begeisterte Annabelle küssend in die Arme schließen. Allerdings muss er gleichzeitig allen vorbeiflanierenden Soldaten salutieren.

Rezension

Der Film ist technisch wahrhaft beeindruckend und manchmal mussten wir sogar lachen. Er ist aber nach unserer Ansicht, wie andere Keaton-Filme, die wir schon gesichtet haben, eher auf Staunen und mitgehen als auf heftiges Lachen ausgerichtet. Die Gags sind virtuos, aber verbunden mit der lakonische Verhaltensweise des großen Stummfilmkomikers, mit der man bestimmte Dinge nicht auf die Spitze treiben kann. Dass er in den USA als „Stoneface“ genickt wurde, erschließt sich wohl eher im Vergleich: Andere Stummfilmakteure haben viel mehr Grimassen geschnitten und Charles Chaplin war für sein verlegenes Lächeln geradezu berühmt, mit dem er die  Zuschauer umgarnte.

Viele haben daraus geschlossen, dass Keaton der viel modernere Typ sei, wie auch aus seiner Affinität zu technischen Tricks, sogar geschrieben, Chaplin repräsentiere das viktorianische Zeitalter, wegen seiner mehr romantisierenden Attitüde, Keaton hingegen die Jetztheit. Als man beim Keaton-Revival in den 1950ern auf diesen Vergleich kam, war die Tätigkeit der beiden, die hier zu Rivalen gemacht werden, aber noch nicht vorbei, sie lebten noch und filmten noch – auf unterschiedlich intensive und selbtstbestimmte Weie.

Aber was die Kritiker in den 1950ern postulierten, hält sich im Grunde bis heute, obwohl die Zeit zwischen Keatons Niedergang und seiner Wiederentdeckung nur 20 Jahre betrug und seitdem wiederum 70 Jahre vergangen sind. Wir meinen, es ist Zeit für eine Neubewertung, die vor allem diese Gegenüberstellung eingrenzt.

Vieles an Chaplins Komik hat sich als überzeitlich erwiesen, während man dem Modernizismus und der Coolness und der daraus hervorgehenden Unerschütterlichkeit angesichts jeder Kalamität aus guten Gründen mittlerweile wieder misstraut. Das macht Keaton nicht schlechter, weil es eben sein Stil war, die Fährnisse des Alltags weitgehend unbeeindruckt hinzunehmen und in der Tat nicht um Sympathie zu werben, sondern – vielleicht doch eher um Bewunderung für seine akrobatischen und technischen Fertigkeiten. Von irgendetwas muss ein Filmkünstler, muss jeder Künstler leben, was nach Anerkennung ausschaut. Wenn es nicht Liebe ist, dann eben die Wertschätzung, der Zuspruch für geniale Einfälle. Ist das eine höher anzusiedeln als das andere? Die Fähigkeit, sich immer neue Gags auszudenken, muss man allen großen Stummfilmkomikern zurechnen, sonst hätten sich nicht solch grandiosen Slapstick produziert. Und wir vermissen bei diesen Aufzählungen immer, dass Laurel & Hardy diejenigen waren, die den visuellen und physischen Gag mit dem „slow burn“ wirklich perfektioniert haben. Sie waren zwar, zeitlich gesehen, überwiegend in der Tonfilmära tätig, aber dort wiederum ebenso wichtig wie die Marx Brothers, die wiederum das Anarchische besonders weit trieben und besonders respektlos waren.

Es gibt aber auch ein Statement von Keaton selbst, das einiges erhellt: „Charlies Tramp war ein Penner mit der Philosophie eines Penners“, sagte er einmal. „So liebenswert er auch war, er würde stehlen, wenn er die Chance hätte. Mein kleiner Kerl war ein Arbeiter und ehrlich. “Das beschreibt seine Charaktere und spiegelt ihren Schöpfer wider.“, zitiert nach Roger Ebert. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Chaplin dem Kollegen in „Limelight“ eine Rolle gab, aber wir meinen, es ist auch ein Statement, das die soziale Dimension von Chaplins Tramp nicht ganz würdigt. Schon klar, man sieht den kleinen Kerl in Filmen klauen – weil er Hunger hat, nicht um reich zu werden, wie die kapitalistische Blase das jeden Tag in Form massiver Ausbeutung tut.

Darin war aber auch etwas Rebellisches und beim Arbeiten hat er meist nicht funktioniert, weil die Bedingungen der Arbeit seiner Person nicht gerecht wurden. Daraus hat er eine Kunstform gemacht und beim „ehrlichen Arbeiter“ schimmert auch eine gefühlte Diskriminierung durch: „Ich bin der Ehrliche und der Ehrliche ist der Dumme.“ Da kann man sehen, wie der von oben geführte Klassenkampf auch Filmstars beeinflusst und jene auseinanderbringt, die gleiche Interessen haben. Die vielen Arbeitsversuche von Charlies Tramps sind ebenso legendär wie Busters Funktionabilität, die ihn aber nicht selten ebenfalls in Konflikt mit dem Gesetz bringt. Wo also ist bezüglich der Stellung der große Unterschied?

Aber wenn man eben doch vergleicht, würden wir meinen, Chaplin war am komplettesten, weil er sehr wohl auch ernst sein konnte und die größte Varianz im Ausdruck mitbrachte. Dass er Filmen nicht als Selbstzweck ansah, dass er keine technischen Meilensteine setzte, steht auch dafür, dass es ihm vielleicht nicht so wichtig war, die Menschen – sic! – zu beeindrucken, sondern er wollte in der Tat seine Figur mit Sympathie betrachtet wissen. Deswegen wandelte er sich, nachdem er den Tramp erfunden hatte, von einem Typ, der zu Beginn seiner Karriere auch ganz schön roh und hinterhältig agieren konnte, zu einem „aktiven Opfer“. Keaton hingegen war immer Akteur und das wird in „Der General“ auf eine neue Höhe gehoben, weil seine Figur, ebenso wie er selbst, in diesem Langfilm die Zeit erhält, taktisch zu denken, vielleicht sogar strategisch, Letzteres ist aber eher eine Annahme, denn er will vor allem den „General“ wiederhaben, nicht den Krieg gewinnen.

Jedenfalls deutet keiner der Zwischentitel darauf hin, dass er mehr im Sinn hat. Kriegslisten und Pläne ersinnen diejenigen, die dafür zuständig sind, die Offiziere. Allerdings die Offiziere der Nordstaaten. Sie planen die Eroberung, während der Süden sich nur wehrt, das ist hier schön einseitig dargestellt, wie oft in Hollywood. Aber darüber ist ja viel geschrieben worden, warum die Traumstadt den Bürgerkrieg am liebsten aus der Perspektive der Südstaaten darstellen. Es ist eben Teil des amerikanischen Traums, den Süden auch mental heimzuholen – auch, weil die Sklavenstaaten eh verloren haben und nicht auch noch mit Anprangern ihrer Wirtschaftsweise bestraft werden sollen. Weil sie wirtschaftlich dem Norden unterlegen waren, dafür aber viel Leidenschaft für die Verteidigung ihrer überlegenen Kultur einbrachten, während für den Norden sogar Afroamerikaner ins Feld zogen, um ihre Brüder und Schwestern im Süden zu befreien.

Wir haben durchaus den Verdacht, dass die Hollywood-Mogule und viele Zuschauer tatsächlich mehr auf der Seite des Südens standen und in dessen romantischer Verklärung oder offener Verherrlichung, wie bei David W. Griffith in „Birth of A Nation“, ihrem Rassismus frönen und ihn etwas später so verpacken konnten, dass er unverfänglicher wirkt, indem nicht Afroamerikaner besonders negativ, höchstens mal etwas einfach, wie in „Vom Winde verweht“, jedoch nur die Weißen aus den Südstaaten besonders positiv dargestellt werden. In „Der General“ kommt übrigens kein einziger Afroamerikaner vor und das ist sicher gut so, denn auch in Filmen von Keaton zeigt sich, dass er sich zumindest um Effekte wie das Blackfacing keine großen Gedanken machte.

Großartig sind natürlich die Szenen, die mehr im Hintergrund ablaufen, während Keaton damit beschäftigt ist, den „General“ zurückzuerorbern bzw. zu verteidigen. Da finden mächtige Truppenbewegungen statt, von beiden Seiten wird angeritten, in Blau und in Grau – und dann wird eine veritable Schlacht gezeigt, nachdem die Lokomotive – nicht der „General“ von der Brücke gestürzt ist. Damit zu einem Problem, das mit dafür verantwortlich gemacht wird, dass der Film 1927 floppte. Auch wir haben noch keine Komödie mit so vielen Toten gesehen, wie es hier welche gibt, sogar in des braven Lockführers direktem Umfeld. Drei Soldaten werden um ihn herum erschossen, er hat nur das Glück des Glückskindes unter den Stonefaces, dass es ihm gelingt, seinerseits die Kanone abzufeuern und dabei wird sein Degen so famos mitgenommen, dass mit ihm der Scharfschütze hinter dem Felsen erlegt wird, der zuvor die Männer um Keaton herum erschoss. Wir finden, das ist auch heute noch durchaus ein Problem, wenn man dieses Werk mit anderen vergleichen will. Andere Komiker haben offene Todesszenen vermieden und wussten, warum. Selbst, wenn Menschen in ihren Filmen so traktiert werden, dass sie das eigentlich nicht hätten überleben dürfen – sie tun es aber und bei Massenszenen wird der mögliche Tod von Beteiligten einfach nicht aufgelöst. Man sieht nur die Aktion, nicht die Folgen. „Der General“ hingegen ist auch ein Kriegsfilm, das darf man nicht unterschätzen und darüber war das Publikum und waren Kritiker nach unserer Ansicht nicht zu Unrecht irritiert.

Man stelle sich vor, mit dem damaligen Kenntnisstand über das Medium Film, jemand verfolgt unbeirrt sein Ding, eine Lokomotive in die Hände zu kriegen, während drumherum ein Massaker stattfindet. Dass nach dem Zweiten Weltkrieg und seinen Schrecken das Ganze anders bewertet wurde, können wir uns gut vorstellen, aber deswegen wollen wir ja auch darauf hinaus, dass sowohl die ursprüngliche Ablehnung wie die spätere Liftung in den Olymp durchaus nachvollziehbar sind, man hat eben jeweils unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund gestellt. Die Komik mitten in Mord und Totschlag hat ihre Tücken, daran führt für uns nichts vorbei. Vor allem im Jahr 1918, als die USA im Krieg waren, hatte jeder Komiker die Pflicht, einen patriotischen Film zu machen, Chaplin und Keaton taten das – jeweils genau einmal, weil sie sicher keinen Ruhm im Heldenfach erwerben wollten.

Kommen wir zu den legendären Szenen und Gags des Films, dazu schrieb Roger Ebert beispielsweise:

Eine Inspiration baut auf der anderen auf: Um sich vor der Kanonenkugel zu schützen, rennt er  (Buster) vorwärts und setzt sich auf den Kuhfänger der rasenden (Lokomotive) Texas, ohne dass jemand an der Steuerung sitzt und hält eine Eisenbahnschwelle in der Hand. Die Union-Männer werfen eine weitere Holzbohle die Strecke, und Keaton schlägt mit perfektem Ziel und Timing das zweite durch Werfen des ersten Teils von den Schienen. Es ist makellos und perfekt, aber bedenken Sie, wie riskant es ist, auf der Vorderseite einer Lokomotive zu sitzen, in der Hoffnung, dass eine Krawatte eine andere aus dem Weg schlägt, ohne dass Ihnen einer den Kopf zertrümmert.“

Roger Ebert war ein wundervoller Kritiker, mit seiner Mischung aus Szenenbeschreibung und Einfühlung ins Wesen der Werke kaum zu übertreffen, aber man merkt doch, dass professionelle Rezensenten manchmal auch intellektuelle Bretter vor den Köpfen haben, wenn sie etwas unbedingt für echt nehmen wollen. Keine Frage, viele von Keatons Gags waren hochgefährlich, vor allem in seinen Kurzfilmen, aber in „Der General“ musste er ja auch ein wenig aufpassen, dass er nicht monatelang durch eine schwere Verletzung ausfiel, wie es ihm beim ersten Versuch von „Das vollelektrische Haus“ passiert ist, als er von einer Rolltreppe stürzte.

„Der General“ hatte ein enorm hohes Budget und Unterbrechungen hätten zusätzlich zu Buche geschlagen – wegen Bränden, die durch die Dreharbeiten ausgelöst wurden, gab es ohnehin welche und es gab viele Verletzte unter den Statisten. Wir meinen aber, die meisten Dinge, die wir in „Der General“ sehen, Buster selbst betreffend, sind wohlkalkuliert. Zum Einen waren die Gewindigkeiten der Züge nicht mit der heutiger Schienenfahrzeuge zu vergleichen, sondern dürften bei maximal 40-50 Km/h gelegen haben, immerhin konnte man sie, das sieht man in vielen Western, mit schnellen Pferden ganz gut begleiten.

Weiterhin dürfte der Kuhfänger in Wirklichkeit dafür gesorgt haben, dass die Bohlen beiseite geräumt werden und nicht ihretwegen eine Entgleisung stattfindet. So stark waren Maschinen damals schon, die Wagenkolonnen mit Passagieren und Fracht ziehen konnten und die Kuhfänger waren nach vorne spitz gestaltet, sodass die Energie eines auftreffenden Gegenstandes, eben einer Kuh oder eines Holzbalkens, auf die Schrägseiten trifft, mit weniger Wucht als bei einem Frontalaufprall und so, dass ein nicht zu schwerer Gegenstand vermutlich von der Schiene geschoben wird.

Freilich stehen, wenn man es so sieht, eine ganze Reihe von Gags auf der Kippe, die sich alle damit befassen, dass Gegenstände auf die Schienen gelegt werden und Buster handelt suboptimal, als er den Inhalt des Wagens, der bei der Rückführung am „General“ verblieben ist, auf die Schienen kippt. Das tut er nämlich in so kurzen Abständen, dass die Nordstaatler, die das alles beiseite räumen müssen, gleich unten bleiben können und das sozusagen am Stück erledigen. Wenn man schon so optiert, dass der verfolgende Zug anhalten muss, bis diese Gegenstände beiseite geräumt sind, dann wäre es sinnvoller gewesen, sie in viel größeren Abständen zu verteilen, damit die Mannschaft jedes Mal vom Zug absteigen muss und dadurch ein größerer Zeitgewinn entsteht.

Es gibt einen weiteren Aspekt. Buster kann den zweiten Balken doch relativ leicht aufnehmen und in die richtige Wurfposition bringen. Das lässt uns darauf schließen, dass es möglicherweise gar kein massives Holzstück ist; allerdings müsste das dann auch bei dem auf den Schienen liegenden Block so sein, sonst könnte man ihn mit dem wesentlich leichteren Teil nicht sicher entfernen. Die Gefahrenlage für Keaton auf der Bahn war wohl nicht so riesig, wie es optisch wirkt, diese Gefahr ist eben eine Illusion und eine solche zu erschaffen, absolut berechtigt. Und war wirklich niemand im Führerstand, als „Backup“, wenn man so will? Nach jedem Schnitt kann man jemanden auf die Lok setzen und nach dem nächsten Einstellungswechsel der Kamera ist er wieder weg. Was man hingegen nicht ausgespielt hat, obwohl es zwischenzeitlich so aussieht: Dass ein Wagen komplett zu Kleinholz gemacht wird, um den an Holznachschub darbenden Kessel der Lokomotive zu befeuern. Holzknappheit ist nämlich durchaus in dem Film ein Thema, wobei es wirkt, als ob das Holz sehr schnell verfeuert wird und man damals möglicherweise alle paar hundert Kilometer nachladen musste, obwohl ein Brennstoffwaggon, ein Tenderwagen, hinter der Lok hergezogen wurde.

Die Wikipedia hat sich bei diesem Film wieder weit herausgelehnt und viele Interpretationslinien nachgezeichnet, aber sind die alle so schlüssig?

Der Film erzähle von einer „ungewöhnlichen ménage à trois in Zeiten des Krieges“ zwischen dem Lokführer Johnnie, seinem Mädchen Annabelle und seiner Lokomotive General, wobei Johnnies Liebe zu letzterer offenbar deutlich überwiegt. Einzig die Entführung seiner geliebten Maschine lässt ihn über sich hinauswachsen: Er nimmt die Verfolgung auf, aller vermeintlicher Aussichtslosigkeit zum Trotz. Der Verlust seines Ansehens nach der Ablehnung als Rekrut und der Korb Annabelles ließen ihn hingegen nur in regungslose Traurigkeit versinken. In der Welt der Objekte, so chaotisch sie ist, kann sich durch Zufälle alles zum Guten wenden. „Anders im sozialen Bereich […] Hier kann kein Glück erwartet werden.“ Als in der letzten Einstellung Johnnie Annabelle auf seiner Lokomotive küsst, scheint die „seltsame Dreiecksbeziehung zwischen Mann, Mädchen und Maschine am Ende gefestigt […]. Mit seinem sich hebenden und senkenden Arm imitiert er die Bewegung der Pleuelstange. Die Harmonie der drei Liebenden ist perfekt.“ (1)

„Der General“ trägt die Geschichte, mit Buster zusammen, das ist klar. Aber stimmt es, dass er die Lok auch mehr liebt? Er hat doch gar keine Gelegenheit, etwas anderes zu tun, als weiter seinen Job zumachen, nachdem er im Registrierungsbüro abgelehnt wurde. Als die Lok geklaut wird, sieht er das sicher zunächst nicht als die perfekte Chance an, um Annabelle ebenfalls zuzurückzuerobern oder überhaupt zu erobern, wobei – so genau wissen wir es nicht, ob er nicht schnell erkennt, dass er durch eine einmalige große Tat vielleicht auch ohne Uniform in ihrem Ansehen steigen könnte.

Aber wer sagt uns, dass er nicht auch aktiv geworden wäre, wenn sie auf anderem Weg entführt worden wäre? Er weiß ja nicht, dass sie an Bord des Zuges ist. Für uns lässt sich daraus keine Präferenz beim Grad der Liebe ablesen, sondern er handelt dort, wo er kann und wo es ganz offensichtlich geboten ist. Und am Ende funktioniert es mit dem sozialen Bereich ja auch, er wird direkt als Offizier in die Armee aufgenommen und sitzt mit seiner Annabelle auf der Schiebestange der Lok-Räder. Wie schon einmal zuvor. Und damit zu einer weiteren hoch gelobten Szene. Es ist wirklich wunderbar, wie er gedankenverloren dasitzt und mit dem Gestänge sanft angehoben und wieder gesenkt wird. Kritiker haben die Szene auch deswegen bewundert, weil sie wiederum das Risiko für Keaton hervorhoben: Hätte man etwas zu viel Dampf gegeben und die Räder hätten durchgedreht, an anderer Stelle im Film sieht man das, dann hätte ein hohes Verletzungsrisiko für Keaton bestanden.

Wir meinen hingegen, der physischste aller Stummfilmkomiker wäre, hätte er das bemerkt, wäre sofort abgesprungen und gar nichts wäre passiert. Man hat diese Gefahr auch als Beleg dafür genommen, dass er am Ende mit Annabelle diese Szene nicht wiederholt hat, sondern sich nur mit ihr auf die Schubstange setzt. Wir meinen, es gibt einen anderen, viel besseren Grund: Die ewige Suche, das Leben in Bewegung ist erst einmal zu Ende, er hat seinen wahren Anker gefunden, das Mädchen, das er liebt. Ob er dann in den Krieg ziehen muss, der noch drei Jahre dauern wird, ist eine andere Geschichte, aber sein Ziel, das er hintanstellen musste, weil man ihn als Soldat nicht haben wollte, er aber einen kriegswichtigen Job als Lokführer macht, ist erreicht und der General steht in jenem Bahnhof von Marietta, wo auf Buster das private Liebesglück wartet.

Finale

„Der General“ wird gerne in einem Atemzug mit „Goldrausch“ genannt, womit wir doch wieder beim Chaplin-Keaton-Ding wären. Beide werden häufig als die einzigen epischen Stummfilmkomödien angesehen. Wir halten diesen Vergleich für zulässig und beide Filme haben ein Happy End. Die Suche nach dem Glück kann ganz unterschiedliche Gestalt annehmen und es ist wunderbar, dass dem so ist. Technisch ist „Der General“ fantastisch gemacht, deshalb muss auch noch ein leises Spötteln sein: Kritiker haben hervorgehoben, wie es doch erstaunlich ist, dass ein Fünftel des Films aus Kamerafahrten besteht, haben beschrieben, wie man auf Schiene und Straße die passenden Geräte dafür baute und sogar an Stoßdämpfer dachte, damit die Kamera ruhig fährt. Und dann: Wie genial doch die Bildkompositionstechnik sei, die ein solches Verfahren als integer wirken lässt in einem Film, der während des amerikanischen Bürgerkriegs spielt; sprich, viel zu modern, eigentlich, und an der Integration wurde hart gearbeitet.

Wenn man es so sieht, hätte der Film nur als Daumenkino realisiert werden dürfen oder als Fotozusammenstellung für eine Camera obscura, denn Bewegtbilder gab es zu Zeiten des Amerikanischen Bürgerkriegs noch nicht. Aber gerade Historienfilme leben oft von der technischen Brillanz, mit der vergangene Zeiten und Welten wieder auferstehen – und bewegt werden.

87/100

IMDb Top 250: 8,1/10, Rang 200
Moviepilot: 6,2/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Angaben aus der Wikipedia

Produktion Joseph Schenck
Musik Carl Davis (1987)
Robert Israel (1995)
Baudime Jam (1999)
Joe Hisaishi (2004)
Timothy Brock (2005)
Angelin Fonda (2017)
Kamera Bert Haines,
J. Devereux Jennings
Schnitt Buster Keaton,
Sherman Kell
Besetzung

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