Angst heiligt die Mittel – Polizeiruf 110 Episode 361 #Crimetime 753 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Rostock #Buckow #König #NDR #Angst #Mittel

Crimetime 753 - Titelfoto © NDR, Christine Schröder

Eine Bestandsaufnahme

Mit der Filmografie des Rostock-Teams Buckow und König kommen wir derzeit ganz hübsch voran, allerdings sind die Filme alles andere als hübsch. Einen hübschen Fall gibt es sowieso selten. „Angst heiligt die Mittel“, mit dem die ARD im Jahr 2017 jene Menschen begrüßt hat, die sonntagsabends Krimi gucken, ist allerdings besonders herb. Nicht zum ersten Mal wird eine Gemeinschaft gezeigt, wie sie darauf reagiert, dass verurteilte Sexualstraftäter, die ihre Strafe verbüßt haben, sich in deren Mitte ansiedeln. Aber kaum je zuvor wurde dabei ein solch großes Fass aufgemacht wie im Polizeiruf 110, Episode 361. Es ist einiges zu sortieren und zu beschreiben, das tun wir in der -> Rezension

Handlung (Wikipedia)

Eine obdachlose Frau wird in einem Dorf bei Rostock tot aufgefunden – sie wurde vergewaltigt und misshandelt. Die zwei im Ort lebenden, erst kürzlich aus der Haft entlassenen Sexualstraftäter Kukulies und Buschke sind nach Hinweisen der Dorfbewohner zuerst im Fokus der Ermittler Bukow und König. Neben dem Opfer findet sich eine Bierflasche mit Spuren von Kukulies, mit der die Tote schwer misshandelt wurde. Kurz darauf wird der pädophile Buschke erhängt in der Wohnung der beiden aufgefunden, und Bukow und König finden einen Laptop mit kinderpornografischem Material; Kukulies ist verschwunden. Im Gegensatz zur Meinung ihrer männlichen Kollegen ist König der Auffassung, dass der Mord nicht ins Täterprofil der beiden Vorbestraften passt. Sie sieht die Dorfbewohner als verdächtig an, die mehrfach kundgetan hatten, Kukulies und Buschke mit allen Mitteln aus ihrem Dorf loswerden zu wollen.

Tatsächlich stellt sich der auf dem Laptop vorhandene vermeintliche Handel mit Kinderpornografie als Fälschung heraus. Der ortsansässige frühere NVA-Offizier Heiner Bockmann wird überführt, die Obdachlose ermordet und die Spuren so gelegt zu haben, dass diese auf Kukulies als Täter hindeuten. Dieser wird unterdessen von dem ehemaligen Offizier und zwei anderen Dorfbewohnern auf einem Dachboden gefangen gehalten. Die Situation eskaliert, als Kukulies einen Jungen, der ihm heimlich zu trinken und zu essen gegeben hatte, in seine Gewalt bringen kann und mit ihm als Geisel flieht. Bukow und König verfolgen Kukulies bis zu einem einsamen Gehöft, wo er König zwischenzeitlich überwältigen und fast vergewaltigen kann. Kukulies wird schlussendlich überwältigt und verhaftet. Der Junge hatte fliehen können und begibt sich in die Obhut der Polizisten.

In der episodenübergreifenden, horizontalen Filmhandlung um Bukow und König erfährt Bukow, dass sein Vater nach einer Operation im Koma liegt und aus diesem nicht wieder aufwachen wird. König hatte eine Zusage für eine Stelle in Berlin erhalten, ist sich im Verlaufe des Films aber unschlüssig, ob sie sie annehmen soll. Nach den Ereignissen um Kukulies bittet Bukow sie, seinetwegen in Rostock zu bleiben. Wie sie sich entscheiden wird, bleibt offen.

Rezension

„Dieser ‚Polizeiruf‘ ist harter Stoff. […] Hier wird ein Gesellschaftspanorama entfaltet, in dem der Trieb der einen und die Panik der anderen gefährlich zusammenwirken. Ein entfesseltes, ja entgrenztes Angstszenario – das in der zweiten Hälfte leider erhebliche Schwächen aufweist. Da geht es, inhaltlich völlig unnötig, nach Polen zu einem Kinderpornoring. Und die Plausibilität leider flöten. Der verstörenden Gesamtwirkung dieses Neujahrskrimis tut das keinen Abbruch: auf ein schreckliches 2017.“ – Christian BußSpiegel Online[6]

Ob ein Handlungselement „nötig“ ist oder nicht, darüber kann man oft streiten, aber in diesem Fall hätte man die Zeitverzögerung, die das Thrillerelement noch einmal installieren sollte, nachdem Kukulies befreit ist, auch in der Form zeigen können, dass der Pornoring in Berlin liegt. Der Mercedes, den die polnisch sprechenden Personen fahren, trägt ohnehin ein Berliner Kennzeichen. Falls damit gemeint ist, der Film wirkt in dem Moment unnötig rassistisch, stimmen wir zu. So gesehen, hätte man den früheren Komplizen von Kukulies auch Markus nennen können.

Der krasseste Moment war sicher, dass Kukulies über König herfällt. Mit diesem Twist hatten wir nicht gerechnet, obwohl der Frauenschänder schon in mindestens einer vorherigen Szene klarmacht, dass er genau das gerne tun würde. Aber dass er nach seiner schrecklichen Gefangennahme auf dem Dachboden mit den  Heizschlangen (der Inhaber des Dachbodens: „Meine Stromrechnung!“) so drauf ist, so offensiv, erklärt man am besten so: Er hat seit Tagen die Pillen nicht mehr genommen, die seinen Sexualtrieb dämpfen sollen. Ansonsten wäre dieser Schluss eine Zerstörung der gegenüber den Sexualstraftätern, die versuchen, wieder ins normale Leben zu finden, eher aufgeschlossene Haltung, die „Angst heiligt die Mittel“ einnimmt. Vor allem das Schicksal von „Buschi“, dem Pädophilen, der seine Ekrankung sehr ernst nimmt und sich brav therapieren lässt, soll klarmachen, wie unglücklich solche  Menschen in dieser Welt sein können.

Dass König am Ende angegriffen wird, hat auch deshalb einen besonders harten Einschlag, weil sie es war, die auf dem Revier den die beiden Männer verteidigenden Part eingenommen hatte – wer so denkt, wie der Bockmann aus dem Dorf der reduzierten Zivilisation, das für viele Dörfer dieser Art steht, der könnte nun sagen: Das hat sie davon. Dass ein Film, in dem so viel erklärt wird, noch spannend sein kann, ist bemerkenswert. Ein Rezensent hatte die Köln-Krimis mit Ballauf und Schenk einmal „Thesen-Tatorte“ genannt, weil die beiden die sozialen Themen, mit denen sie konfrontiert sind, oftmals dialektisch abhandeln: These und Antithese werden dem Zuschauer anhand von Dialogen der Ermittler dargelegt. Zur Synthese kommt es meistens nicht, das ist auch nicht notwendig, weil die beiden sowieso dicke Kumpels sind und nicht jederzeit auf Gleich kommen müssen, um gut miteinander zu arbeiten. Das ist, wenn man etwas tiefer schaut, auch als Lehrstück in Toleranz und andere Meinungen zwar bewerten, aber sie letztlich gelten lassen, gedacht.

Auf dem Rostocker Revier gibt es gleich vier Polizist*innen, die unterschiedliche Ansichten haben können. Die rechte Position vertritt meist Pöschel, dem von Thiessler gerne widersprochen wird, Buckow und König korrigieren eher, als dass sie sich eindeutig in einer bestimmten Ecke positionieren.

Nicht so in „Angst heiligt die Mittel“. Katrin König agiert als Strafverteidigerin, Pöschel als Ankläger und Buckow gibt das Publikum auf Stammtischniveau, zumindest nach Königs Ansicht. Auch Thiessler ist nicht auf Königs Seite. Das ist schon etwas schematisch, aber doch bemerkenswert, dass alle Männer eher konservativ denken, während die einzige Frau die beiden Männer, von denen einer Frauen vergewaltigt hat, differenzierter sieht. In der exemplarischen Auseinandersetzung geht es allerdings in erster Linie um „Buschi“, den Pädophilen und ob er tatsächlich versucht hat, einen Tauschring aufzuziehen. Die Profilerin Buckow hat natürlich Recht, das Ganze ist ein Fake fieser Dorfbewohner, Buschke ist nicht der Typ für sowas. Sie erkennt auch richtig, dass Kukulies nicht die Wohnungslose umgebracht haben kann, mit deren gewaltsamem Tod „Angst heiligt die Mittel“ startet.

König macht in diesem Film alles besser als die anderen – nur rechnet auch sie am Ende nicht mit der krassen Aggressivität von Kukulies, die stärker ist als alle jüngsten Erlebnisse, die übrigens nicht von Frauen ausgelöst wurden: Die Damen des Dorfes wussten nichts von Kukulies‘ Verbringung auf den Dachboden des älteren Mannes mit Schiffermütze.

Wer von einem Film wie „Angst heiligt die Mittel“ eine Anweisung erwartet, wie er sich gegenüber Sexualstraftätern nach Strafverbüßung verhalten will, wird nicht bedient, selbst, wie man über sie denken soll, wird offen gelassen. Das ist einerseits eine Rückkehr in die Zeiten, als Filme nur gezeigt und nicht belehrt haben. Anstatt nur zu dokumentieren, werden nun mehrere Meinungen ausführlich dargestellt. Man kann sich eine heraussuchen, falls man zuvor keine hatte. Etwa, weil man keine Kinder hat. Oder keine Frau ist. Oder warum immer man sich bisher nicht mit dem Thema Sexualstraftaten befasst hat.

Wenn nicht der Kukulies so ein schlimmer Typ wäre, wäre alles ziemlich eindeutig – aufgrund der Darstellung einer Dorfgemeinschaft, die roh ist und in der selbst eine Menge an Aggrssionen steckt. Allein die Art, wie Frau Gaub ihr Essen verzehrt, ist ein ziemlich eindeutiger Kommentar zum Stand der Zivilisation im Umland von Rostock. Aber so einfach macht es der Film den Zuschauern eben nicht, die irgendwo in den Städten sitzen und denken: Uff, was ein Glück, dass wir nicht so sind wie die. Die übelsten Sexualstraftäter aller Zeiten sind ohnehin eher in der Anonymität der Großstädte untergetaucht, auf Dörfern hätte es nicht so lange gedauert, bis sich der Verdacht auf sie gerichtet hätte. In einem anderen Polizeiruf, den wir kürzlich gesehen haben, wurde die glaubwürdige These vertreten, dass Sexualstraftäter oft ganz unauffällig und integriert wirken.

Vor einiger Zeit wurde uns von einem Fall realen Fall berichtet, in dem das tatsächlich so war, aber wenn wir’s richtig im Kopf haben, weichen die Biografien der Serienmörder in der Regel durchaus vom „Mainstream“ ab. Unauffällig ist dann eher im Sinn von unauffälliger Sonderlig gemeint und nicht, wie im betreffenden Polizeiruf dergestalt, dass jemand als Unternehmer im Mittelpunkt der örtlichen Gesellschaft steht und gleichzeitig eine junge Frau nach der anderen umbringt, wobei er sogar eine Serie fortsetzt, die vor 15 Jahren endete, als er seine Frau kennenlernte, die ihn nun verlassen hat. Das war uns zu linear bezüglich des Motivs und passte sozial nicht so recht.

Finale

Die Tatorte trauen sich manches Experiment, die Polzeirufe gehen besonders hart an ein Thema ran – an der Spitze stehen dabei die NDR-Kommissare in Rostock Buckow und König. Die beiden sind auch am besten dafür geeignet. Sie spiegeln eine Gesellschaft, die doch basic hart ist, sind aber so herzlich, wie man eben trotzdem sein kann. Zum Beispiel, indem man nicht nach Berlin geht, sondern lieber dem Buckow auf die Brust trommelt, weil er den Wunsch, König möge doch in Rostock bleiben, nicht früher rausgekriegt hat. Dessen Vater, für Buckow oft ein Stressfaktor, für den Zuschauer als Figur ein Quell der Freude, werden wir wohl nicht mehr zu Gesicht bekommen, denn er liegt im Koma und wird nicht daraus aufwachen.

Sehr traurig, auch wenn wir manchmal davon genervt waren, dass der Cop immer in das Family Business hineingeraten ist, was jeden echten Polizisten die Lizenz zum Tragen eines Dienstausweises gekostet hätte. Obwohl – je mehr wir über die Zustände in der Polizei mitbekommen, desto mehr fragen wir uns, ob die Fiktion und die Wirklichkeit nicht doch nah zusammenliegen. Es muss ja nicht um eine Familienangehörige gehen, die illegale Geschäfte machen, Verbindungen in die rechte Szene oder zur OK im Allgemeinen gehen auch.

Es gab schon einige Tatorte, in denen die Drogenpolizei selbst am Handel beteiligt war oder sich hat schmieren lassen, einige, in denen das BKA eine ungute Rolle im Kampf gegen das Verbrechen gespielt hat, aber unseres Wissens noch keinen, in dem die Rechtslastigkeit weiter Teile der Polizei zentral bearbeitet wurde. Rostock? Warum nicht, mit Bukow und König? Zeit wär’s. Einst waren Sexualstraftäter eher ein Tabu, im Westen übrigens mehr als im Osten, die Polizeirufe widmeten sich früher und ernsthafter dem Thema als die Tatorte – mittlerweile damit geradezu exzessiv und obsessiv umgegangen, weil es sich offenbar gut zur Exploitation eignet. Doch die Wahrheit über die politischen Zustände bei der Polizei scheint weiterhin ein Tabu zu sein.

„Angst heiligt die Mittel“ wirkt aber zumindest nicht wie ein überflüssiger Nachtrag, ist packend und natürlich wieder gut gespielt und gefilmt. Nachdem sich der Kommissar und die LKA-Beamtin gerad in „Dunkler Zwilling“ (Fall 381 vom Oktober 2019) wieder etwas näher gekommen sind und sich diese Tendenz in „Der Tag wird kommen“ fortgesetzt hat, bleibt auch die horizontale Erzählung spannend.

8/10

© 2020 ( Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Christian von Castelberg
Drehbuch Susanne Schneider
Produktion Iris Kiefer
Musik Eckhart Gadow
Kamera Martin Farkas,
Roman Schauerte
Schnitt Antje Zynga
Besetzung

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