Fischerkrieg – Polizeiruf 110 Episode 333 #Crimetime 752 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Buckow #König #Rostock #NDR #Fischer #Krieg

Crimetime 752 - Titelfoto © NDR, Christine Schröder

Buckow, sein Vater sein Revier und die Fluchten

Wir hatten uns kürzlich darüber beschwert, dass Kommissar Sascha Buckow immer privat involviert ist und wie gut ihm bzw. dem Spiel seines Darstellers Charly Hübner das tut, wenn mal nicht, wie in „Zwischen zwei Welten“. Aber „Fischerkrieg“, der Vorgänger, gewinnt tatsächlich durch dieses Vater-Sohn-Duell an Reiz, das wir hier sehen. Es liegt natürlich auch daran, wie Charly Hübner und Klaus Manchen, der seinen Vater Veit spielt, zusammenwirken. Obwohl die beiden einander nicht sehr ähnlich sind, bauen sie viel Spannung auf und man wünscht sich immer mehr, dass der Vater nicht der Mörder ist. Ein krummer Hund mit Grundsätzen, das mag er sein, das rechnet man ihm zu und gönnt man sich, aber er soll keiner sein, der andere tötet und keiner, der andere anstiftet. Ob der Wunsch in Erfüllung ging und vieles mehr steht in der -> Rezension.

Handlung

Im Hafen wird die Leiche des Fischers Thomsen gefunden. Während der Untersuchungen tauchen Ronny Brandt, den Bukow von früher kennt, und sein Vater Dieter am Tatort auf, verweigern aber jede Aussage. Außerdem erscheint die Journalistin Nina Berger, die weiß, dass die Tatwaffe eine Makarow war und auch das richtige Kaliber kennt.

Die Kriminalhauptkommissare Bukow und König finden auf dem Schiff des Opfers keinerlei Hinweise, entdecken aber ein Bundesverdienstkreuz, mit dem Thomsen für seine Tätigkeit als Fluchthelfer ausgezeichnet wurde. Kriminalkommissar Thiesler ermittelt außerdem, dass Thomsen an Hautkrebs im Endstadium litt. Der Matrose eines polnischen Trawlers versucht unterdessen, Ronny Brandt zu erdrosseln, verliert den Kampf jedoch und wird kurz darauf tot aufgefunden.

König befragt die Journalistin, woher sie ihre Informationen habe, kann aber von ihr nichts erfahren. Auf einigen von Bergers Fotos entdeckt sie einen Lkw, der Hannes Wondrak, einem Fischlieferanten, gehört. König verfolgt das Fahrzeug und landet vor dem „Klub“ von Veit Bukow, dem Vater ihres Kollegen.

Bei einem Gespräch mit Dieter Brandt erfährt Bukow inzwischen, dass der polnische Trawler verbotene Fangnetze nutzt und dass Ronny und Thomsen das Boot mit Buttersäure besprüht und die Netze zerschnitten haben, kurz bevor Thomsen starb. Teammitglied Pöschel versucht unterdessen, nachdem er herausgefunden hat, dass Bukows Vater etwas mit dem Mord zu tun haben könnte, krampfhaft diesen zu überführen und damit auch Bukow vom Chefsessel, auf dem er selbst gern sitzen würde, zu verdrängen. Als er eine Videoaufnahme findet, die beweist, dass Veit Bukow in der Nacht am Hafen war, sieht er sich bereits am Ziel.

Ronny organisiert am Abend die anderen Fischer, um den polnischen Trawler zu versenken, wird aber von Bukow rechtzeitig verhaftet. Um an Informationen zu kommen, lockt Bukow anschließend den polnischen Kapitän von seinem Schiff, erfährt aber nur, dass Dieter Brandt Recht hatte und die Polen tatsächlich illegale Netze verwendet haben. Brandt bestreitet, dass irgendein Mitglied seiner Besatzung etwas mit dem Mord an Thomsen zu tun hätte.

König findet inzwischen heraus, dass Thomsen die Schnittstelle beim Verkauf von illegal gefangenem Edelfisch war. Sie glaubt, dass Bukows Vater als Hintermann fungierte. Pöschel findet außerdem die Patronenhülse in Veit Bukows Wagen, was diesen praktisch des Mordes überführt. Röder entzieht Bukow daher den Fall und übergibt ihn König. Diese ermittelt, dass der illegale Fischhandel nur ein Nebengeschäft ist und dass Wondrak in seinem Lkw Flüchtlinge schmuggelt. König befragt daraufhin noch einmal die Journalistin, die schließlich zugibt, gerade eine Geschichte über Menschenschmuggel zu schreiben.

Während Pöschel „Veits Klub“ durchsucht, bricht Bukow in Königs Büro ein, um die Fallakte seines Vaters lesen zu können. So kommt er Wondrak auf die Spur, der behauptet, Veit habe einen irakischen Flüchtling erschossen. Es stellt sich heraus, dass Veit Bukow der Kopf der Fluchthelfer ist und das bereits seit DDR-Zeiten.

König findet heraus, dass Thomsen den irakischen Flüchtling erschossen hat und daraufhin von Veit Bukow bestraft wurde, indem er dessen Anteil von nun an einer irakischen Schule gespendet hat. Daraufhin wollte sich Thomsen an Bukow rächen und inszenierte seinen eigenen Tod, da er ohnehin sterbenskrank war, um Veit Bukow damit zu belasten. Er platzierte die Patronenhülse in dessen Wagen, nachdem er auch noch durch die Journalistin unter Druck geriet. Da er noch einen Gehilfen brauchte, kam Wondrak ins Spiel. Schließlich hätte dieser nach einer Verurteilung Veit Bukows dessen Geschäfte weiterführen können. Wondrak, der sich überführt sieht, gibt zu, Thomsen auf seinen Wunsch hin erschossen und von seinen Schmerzen befreit zu haben. Unmittelbar nach seinem Geständnis erschießt sich Wondrak.

Rezension

Es ist unsere Schuld. Wir hatten „Fischerkrieg“ schon vor „Zwischen zwei Welten“ aufgezeichnet, aber beim ersten Mal keinen rechten Zugriff auf das Drama von der Fangquote, dem illegalen Lachs und den irakischen Geflüchteten bekommen. Die hatten wir beim ersten Versuch allerdings gar nicht zu Gesicht bekommen, weil wir vorher aus dem Film ausgestiegen sind. In „Fischerkrieg“ stellt sich heraus, dass Katrin König wohl als kleines Mädchen aus der DDR in die BRD geflüchtet ist. In „Zwischen zwei Welten“ gibt Buckow ihr den entscheidenden Tipp zum Fluchthelfer und der löst dann die dramatische Geschichte vom Abhauen über die Ostsee auf. Veit Buckow war es also nicht, der ist ja erst seit 30 Jahren im Geschäft und es wird dialektisch aufbereitet, warum Ost-West Fluchthelfer Auszeichnungen erhielten und, wenn sie weitermachen, auf geschäftlicher Basis, wie damals, jetzt als Schlepper bezeichnet werden.

In der Vernehmung wird die Doppelmoral sehr subtil aufbereitet und dann mit dem geschäftlichen Interesse gekreuzt. Natürlich ist es ein Geschäft und wer weiß, wer alles daran beteiligt ist, aber trotzdem wird Menschen aus der Not geholfen und nun kommt es darauf an, was man wichtiger findet. Dass jemand sich auf diese Weise bereichert oder dass daraus eine neue Chance entsteht. Natürlich taucht die Frage auf, ob dadurch wirklich die Ärmsten ihr Land verlassen und nach Europa gelangen können, die Schutz am nötigsten hätten. An dieser Betrachtung kommt man nicht vorbei, wenn man die Argumentationslinie des Films verfolgt und nur einen einzigen Schritt weiterdenkt – und wer war es, der damals aus der DDR floh? Eher einfache oder eher mittelständische Menschen? Es gibt keine absolute Gerechtigkeit, man kann höchstens daran arbeiten, die Dinge relativ besser zu machen.

Was gibt es noch? Fangquoten! Gott, ein weiteres ganz schwieriges Ding. Die Existenz der Fischer steht gegen den Schutz der Meeresfauna vor diesen, damit sie überhaupt noch etwas zu fangen haben. Und was tun sie? Sie fangen mehr, illegal. Und die Polen mit ihrem Trawler verwenden zu enge Netze, in denen auch Jungfische hängen bleiben. Fuck EU! Wir werden diese Auseinandersetzungen immer häufiger erleben: Wirtschaftliche Interessen, traditionelle Berufszweige, Existenzen, Lebensmodelle gegen die dringliche Notwendigkeit, den Planeten zu erhalten. Wer will wem die Schuld an etwas geben? Ganz großes Lob dafür, dass „Fischerkrieg“ genau das vermeidet, eine Schuldzuweisung. Trotzdem doziert König einen Tick zu viel, man weiß eh, worum es geht. Wenn man das drohende Ende auf den Anfang zurückführt, muss man sagen: Wer immer auch darunter leidet, die Ökologie hat Vorrang. Aber wir Städter werden nicht einfach so davonkommen, nur, weil wir keine Berufe haben, die mit der Gewinnung von Rohstoffen und der Erzeugung von Lebensmitteln zu tun haben. Wir werden merken, was es bedeutet, wenn die Wirtschaftstätigkeit quantitativ zurückgefahren werden muss, damit alles Leben überleben kann. Noch gibt es immer (fast) alles, das wird sich dann ändern. Wir werden wieder mehr saisonal denken und manches wird sehr, sehr teuer werden oder als Mangelprodukt gelten. Dafür wird es dann vielleicht keine Mangelware mehr sein.

Dass beide Themen miteinander zusammenhängen, die man hier aufbringt wie ein Piratenschiff und dem Zuschauer zur Abschreckung vorführt, haben die Filmemacher das auch gesehen? Dass die Fluchtursachen mit wirtschaftlicher Überdehnung und Ausbeutung zu tun haben? Mti Kriegen, die um Rohstoffe und wirtschaftlichen Einfluss geführt werden, ähnlich wie im Kleinen der Fischerkrieg. Ist er ein Stellvertreterkrieg, der Clash im Hafen von Warnemünde? Wir sind uns nicht sicher, ob man das 2013 schon so zeigen wollte,

Charly Hübner hat für seine Buckow-Darstellung in „Fischerkieg“ den renommierten Bayerischen Fernsehpreis bekommen. Auch seine Filmpartnerin Anneke Kim Sarnau wurde mehrfach ausgezeichnet – erstaunlicherweise allerdings mehr für Werke aus den frühen 2000ern als für ihre Arbeit im Polizeiruf, falls ihre Wikipedia-Liste vollständig ist. In „Zwischen zwei Welten“ dominiert Buckow vom Spiel her doch etwas, aber in „Fischerkrieg“ ist es fast ausgeglichen und es gibt Polizeirufe, in den Anneke Kim Sarnau, die Katrin König gibt, eine faszinierende Präsenz entwickelt – die beiden sind, das schrieben wir bereits anderweitig, unter den Top 5 aller Tatort- und Polizeiruf-Crews. Aber auch Pöschel und Thiessler passen in ihrer Unterschiedlichkeit da gut rein. Man hat es endlich geschafft, Assistenten oder die „Ermittler der zweiten Reihe“ ganz klar zu individualisieren, sodass sie ähnlich plastisch wirken wie Buckow und König und man achtet auch darauf, dass die beiden nicht in jedem Film anders rüberkommen. Pöschel will Buckow immer am Zeug flicken, wenn’s geht und Thiessler hält zu ihm – und fängt dann irgendwann etwas mit seiner Frau an. Das wird in „Fischerkrieg“ angedeutet. Dieses Verhältnis wirkt ein wenig konstruiert, aber die LKA-Rostock-Wache ist wohl das interessanteste, am besten ausgeformte Viererteam im deutschen Kriminalfilm. Dass man das so entwickeln konnte, war eben nur möglich, weil Buckow und König so gut sind, dass man auch der „zweiten Reihe“ viel Aufmerksamkeit widmen konnte, ohne dafür zu viel Spielzeit zu verbrauchen. Eigentlich sind sie ja zu fünft, auch der Dienststellenleiter ist kongruent eingebunden.

Spannend ist „Fischerkrieg“ durchaus, wenn auch nicht nervenzerfetzend. Und er ist sehr komplex und findig aufgebaut. Vielleicht haben wir uns mehr auf andere Dinge konzentriert, aber wir fanden keine wesentlichen Plotfehler , und das heißt schon etwas. Nicht, dass wir so extrem spürnasig wären, aber bei vielen Tatorten und auch bei manchen Polizeirufen sind die Plotlöcher so tief, dass man kaum daran vorbeistolpern kann.

Finale

Eion Moore, der Rostock „gemacht“ hat, ist hier nicht genannt, auch nicht als „Head-Autor“, der die einzelfallübergreifenden Fäden zusammenhält. Es gibt aber keine Störungen des Konzepts, das darauf angelegt ist, erst einmal Königs Vergangenheit zu klären, Buckow immer wieder mit seiner familiären Gegenwart zusammenstoßen zu lassen und schließlich das Verhältnis der beiden zueinander schön in der Schwebe zu halten. Mit einem Ruck im allerneuesten Polizeiruf „Dunkler Zwilling“, wo die beiden einander etwas näher kommen. Nicht so nah freilich, dass man das Spiel von Nähe und Distanz nicht ungehindert weiterführen könnte. Ob es ein ewiges Umtanzen wird oder eine dann sicher nicht konfliktfreie Beziehung, nachdem Buckows Frau ihn ja verlassen hat und König eh solo ist, werden wir sehen.

Besonders atmosphärisch ist „Fischerkrieg“ nicht, auch wenn er durch das Setting im Hafen schön nordisch rüberkommt, das Melodramatische, das man durchaus bei diesen Themen hätte stärker in den Vordergrund rücken können, hat man, wie immer in Rostock, dadurch begrenzt, dass hier so viele handfeste Typen unterwegs sind, die zwar auch mal heulen können, aber dabei nie weich oder sentimental wirken. Es sind vielseitige Persönlichkeiten, die von Schauspieler*innen mit großer Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten gespielt werden. Nach einigen Startschwierigkeiten, die wir mit NDR-Ostschiene hatten, läuft es immer besser. Allerdings haben wir ja nicht „von vorne“ angefangen, sondern uns im März 2019 entschlossen, die Reihe Polizeiruf in „Crimetime“ aufzunehmen und uns die Filme eben so angeschaut, wie die Sendetermine es vorgegeben haben. Besonders bei einem Konzept, das auf echte Entwicklung angelegt ist, wie Rostock, hat das einige Nachteile, wenn man nicht chronologisch schaut, deswegen verzichtet man bei den meisten Teams auf diesen Aspekt, obwohl er so spannend ist.

8,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Alexander Dierbach
Drehbuch Florian Oeller
Produktion Iris Kiefer
Musik Sebastian Pille
Kamera Markus Schott
Schnitt Marco Baumhof
Besetzung

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