Die Reise in den Tod – Tatort 349 #Crimetime 755 #Tatort #Dresden #Sachsen #Ehrlicher #Kain #ReiseindenTod #MDR #Reis #Tod

Crimetime 755 - Titelfoto © MDR

Ehrlicher verliert seine Frau und findet einen Freund

Der Moment, in dem das „tote Postfach“ lebendig wird und explodiert, war eigentlich schon derjenige, in dem wir an jenem ersten Abend hätten aussteigen müssen aus dem Film. Wir haben uns dann aber noch durchschleppt, bis es immer undurchsichtiger wurde. Wer aber wirklich für den Tod von Frau Ehrlicher verantwortlich oder doch mitverantwortlich ist, das haben wir dadurch leider verpasst.

Vermutlich hätten wir heute immer noch keine Rezension zu schreiben, wenn wir nicht gezwungen wären, wegen des bevorstehenden Austauschs den Media Receiver zu leeren, auf dem sich dieser Tatort immer noch befand. Ein Ehrlicher-Tatort aus 1996, dazu noch mit einem leicht pyrotechnischen Moment – so einfach ist es nicht, da wieder ranzugehen. Wir haben das nun aber getan und wie wir den Film finden, steht in der -> Rezension.

Handlung

Ehrlichers Frau Lore wird während ihres Urlaubs in Krakau Opfer eines Bombenattentats. Der Kommissar reist nach Polen, um die Tote zu identifizieren. Dort erfährt er, dass die polnische Polizei einen Zusammenhang vermutet zwischen der Bombenexplosion, seiner Frau und einem weltweit agierenden Schmugglerring, der mit seltenen und artgeschützten Tieren handelt.

Natürlich findet Ehrlicher diesen Verdacht absurd. Doch wer ist jener Mann, mit dem Lore auf einem Video zu sehen ist, welches ihm die Polizei in Krakau vorführt? Und wo ist die unbekannte Frau abgeblieben, der Lore Ehrlicher nach einem Autounfall geholfen haben will? Auf diese Fragen weiß Ehrlicher keine Antwort.

Und so beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln, was, wie sich sehr bald herausstellt, gefährlich für ihn ist und darüber hinaus seine Beziehungen zu dem polnischen Kommissar Halski nicht gerade verbessert. Ehrlicher muss nach Dresden zurück. Als Halski auf eine heiße Spur stößt, die in die sächsische Metropole führt, kommt es dann doch noch zu einer grenzüberscheitenden Zusammenarbeit der beiden Kommissare.

Rezension

Angelika Merkel macht mit Wolodja aus Russland gemeinsame Sache und führt die Polen dabei an der Nase herum. Dieser Film aus 1996 hat eindeutig prophetische Züge. Wir mögen die Drehbücher von Hans-Werner Honert eigentlich recht gerne, aber wir kennen eben vor allem seine Arbeiten aus der DDR-Zeit, als er viele Polizeirufe schrieb und nach der Wende von allen, die an jener Krimireihe beteiligt waren, wohl die größte Karriere gemacht hat: Er wurde Chef der Saxonia Media, die bis heute die meisten Polizeirufe und Tatorte des MDR produziert. Vor allem sein Händchen für Figuren, die geschickte Psychologie in den Handlungen, die er verfasst, war immer wieder gut anzuschauen. Für Ehrlicher und Kain hat er dann weitere Skripte verfasst, war aber vor allem als Produzent für den oft eigenartigen Spin der Sachsen-Tatorte verantwortlich. Nicht zuletzt wegen der vielen Klischees, die in diesen Filmen gepflegt werden, hat das, was damals gedreht wurde auch eine politische Bedeutung und sollte aufgearbeitet werden, weil es nach unserer Ansicht dazu beitrug, die Ostdeutschen zu Gefangenen nicht der guten und vorzeigbaren, sondern der den seelischen Notstand führenden Narrative zu machen.

Auch in „Die Reise in den Tod“ ist ein Ton drin, der hintenrum Klischees eher pflegt als beseitigt. Es entsteht zwar eine deutsch-polnische Freundschaft, aber der kleine Ehrlicher wuselt zwischen lauter Polizisten herum, die das, was geschieht, zunächst eher lässig-routiniert zu betrachten scheinen. Das ist aber verständlich, denn nur Ehrlicher ist so involviert, aber es zeigt eben trotzdem eine gewisse Fallhöhe bezüglich der Leidenschaft, die dazugehört, um ein so verzwicktes Verbrechen aufzuklären. Gut ist die Konstruktion des Plots gelungen, wenn man davon absieht, dass einige kleine Sprünge drin sind. Gut im Sinne von „ohne größere Logiklöcher“ heißt allerdings nicht, dass das Ganze auch glaubwürdig wirkt. Der Film ist nicht überkomplex, aber überkonstruiert und vermittelte uns die ganze Zeit über das Gefühl, wir laufen als Zuschauer neben einer Fiktion-Fiktion her, die stets in dieser schrecklichen Szene mit dem explodierenden Bahnhofsschließfach gipfelt. Es ist ja nicht so, dass der Knall offscreen stattfindet, also musste man Frau Ehrlicher sozusagen rausnehmen aus dem Bild, damit man nicht zu zeigen gezwungen war, wie sie brennt oder Körperteile von ihr durch die Gegend fliegen.

Derzeit haben wir vermutlich das Problem, dass wir zu viele Filme kurz hintereinander anschauen müssen, die irgendwie unzentriert wirken, bei denen uns ein Epizentrum fehlt, das ein emotionales Beben auslösen könnte. Wir finden zwar Bruno Ehrlichers Umsetzung von Trauer und Schock über den Tod seiner Frau in Wut nicht grundsätzlich falsch, aber es wirkt auch alles ein wenig gestanzt und übertrieben, sogar vor dem Spiegel, wo Bruno konstatiert, dass er, anstatt traurig zu sein, eifersüchtig auf den möglichen Rivalen Gerber ist, den er bis dahin nur von einem Video kennt.

Finale

„Die Reise in den Tod“ stellt eine Wende in Bruno Ehrlichers Leben dar. Bald wird er Dresden verlassen und in Leipzig mit Friederike wieder eine Beziehung eingehen. Das Neue entsteht derweil schon im Hintergrund, es sind in Dresden fast mehr Baukräne als Gebäude zu sehen, wenn man durchs Fenster von Ehrlichers und Kains Büro schaut. Ein richtiger Abschied vom Alten hätte damit symbolisch besiegelt sein können. Es ist irgendwann zu Ende und auch wenn man nie frei davon wird, gilt es, Dinge wegzupacken, um nach vorne schauen zu können. Ehrlicher ist zwar immer der geblieben, der er war, bis zum Ende seiner Dienstzeit 2007 und Drehbuchautor Hans-Werner Honert hat diese Figur wohl geprägt wie sonst niemand, aber so viel war da auch nicht zu tun.

Die Persona des Ehrlicher-Darstellers Peter Sodann dürfte der seines Kommissars relativ nah kommen. Für die Momente, in denen wir das Gefühl hatten, wir können doch wenigstens die Doppelfiktion mental überspringen, hat eher Kain gesorgt. Der brave Kain, der sich fünfzehn Jahre lang in den Dienst des anderen gestellt hat und immer so treu war wie in „Die Reise in den Tod“. Sicher einer der besten zweiten Männer aller bisherigen Tatort-Zeiten. Der optische Gag des Films war aber jener Mann, der immer, wenn Kain und Ehrlicher dort vorbeikommen, vor dem Eingang des Hotels steht und raucht. Zunächst dachten wir, das sei ein Filmfehler, weil man alle diese Szenen am Stück gefilmt hat und vergessen, den Statisten irgendwann mal zu entfernen, aber je öfter wir ihn sahen, desto mehr dachten wir, dies ist kein Running Gag, sondern ein Standing Gag. Aber so etwas zum Brüller auszubauen, dafür fehlt diesem Werk eben der Rhythmus, der Drive.

6/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Dieses Mal ist es eindeutig

Es kommt mal vor, dass wir nicht sicher sind, ob wir einen Film schon einmal angeschaut haben. Und nicht immer hilft es, das Archiv nach Rezensionen zu durchsuchen. Aber hier waren wir von Beginn an sicher: Einen Tatort, in dem Bruno Ehrlichers Frau zu Tode kommt,  ist Neuland für uns. Die Dresdner Phase des Teams Ehrlicher / Kain hat uns schon zu vielen nicht unkritischen Reflexionen über das Ost-West-Verhältnis in Deutschland angeregt und wir hoffen, ehrlicher geschrieben denn je, dass wir das nicht anhand dieses Films schon wieder tun müssen.

Irgendwann ist gut, würde man bei einem aktuellen Tatort schreiben, aber es als Protestnote an Filmemacher weiterzureichen, die einen Streifen vor 22 Jahren gedreht haben, ist leider witzlos. Was wir aber wissen, das ist: Bruno hat weitergemacht, eine Neue gefunden und uns Tatortgucker noch 11 Jahre nach diesem tragischen Verlust begleitet . Bis er 2007 vom Team Saalfeld / Keppler abgelöst wurde. Weiterhin gibt es eine internationale Polizeizusammenarbeit zu betrachten: Die Schweiz, Frankreich, Niederlande – und nun Polen.

Besetzung und Stab

Regie Wolfgang Panzer
Drehbuch Hans-Werner Honert
Produktion Hans-Werner Honert
Piotr Dejmek
Musik Filippo Trecca
Kamera Edwin Horak
Schnitt Stefan Arnsten
Claudio Di Mauro
Besetzung

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