Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen (Sunrise – A song of two humans, USA 1927) #Filmfest 200 DGR

Filmfest 200 A "Concept IMDb Top 250 of All Times" (11) / "Die große Rezension"

Versuchung,
Verrat,
Versöhnung, Vergebung:
ewiges Lied

Wir kommen zum elften Film, der einmal die berühmte Top-250-Liste der Internet Movie Database (IMDb) beglänzt hat. Die Wertung für „Sunrise“ liegt aktuelle bei 8,1/10, das reicht unter Umständen aus, um auf die Liste zu gelangen, die Zahl von über 46.000 Menschen, die ihre Stimme abgegeben haben, ist ebenfalls hinreichend. Dennoch ist „Sunrise“ derzeit nicht „in“. Das wird wohl am einen oder anderen Hundertstel bei der Median-Bewertung liegen.

Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen ist ein US-amerikanisches Liebesdrama aus dem Jahre 1927 mit George O’Brien und Janet Gaynor in den Hauptrollen. Für Friedrich Wilhelm Murnau, den deutschen Regisseur des Filmes, war es sein erster Film in den Vereinigten Staaten. Die Handlung basiert auf Hermann Sudermanns Erzählung Die Reise nach Tilsit; die Verfilmung wurde am 23. September 1927 uraufgeführt. Bei seiner Veröffentlichung erhielt der Film exzellente Kritiken und gewann drei Oscars, wurde aber an den Kinokassen zum Flop. 2012 wurde der Film bei einer Umfrage des Magazins Sight & Sound unter Filmkritikern auf den fünften Platz der besten Filme aller Zeiten gewählt. Das französische Filmmagazin Cahiers du cinéma listete ihn im Jahr 2008 auf dem vierten Platz.[1] (1)

Größere Aufmerksamkeit erhielt der Film im Jahre 1989, weil er als einer der ersten ins National Film Registry aufgenommen wurde. Im Jahre 2002 kam der Film außerdem bei einer Umfrage des American Film Institute nach den 100 besten US-amerikanischen Liebesfilmen auf den 63. Platz. 2007 wurde Sunrise in einer weiteren Wahl des American Film Institutes auf Platz 82 der 100 besten US-amerikanischen Filme überhaupt gewählt.

In der ersten Version aus dem Jahr 1996 war er noch nicht bei den 100 besten amerikanischen Filmen (Gesamtliste) enthalten. Jay Schneider hat den Film in sein berühmtes Buch „1001 Filme, die du gesehen haben musst, bevor du stirbst“ aufgenommen.

Bei den von der britischen Filmzeitschrift Sight & Sound durchgeführten Umfragen nach den besten Filmen aller Zeiten landete Sunrise bei der Umfrage im Jahre 2002 unter den Filmkritikern gemeinsam mit Panzerkreuzer Potemkin auf Platz 7; bei einer erneuten Umfrage des Sight & Sound von 2012 konnte Sunrise weiter auf Platz 5 vorrücken. Es ist damit der höchstplazierteste Film eines deutschen Regisseurs in dieser Liste. In einer weiteren Liste des französischen Magazins Cahiers du cinéma wurde Sonnenaufgang sogar auf Platz 4 der besten Filme aller Zeiten gewählt. (1)

Wie ich die Cahiers einschätze, ist inzwischen auch kein neuerer Film dazwischengeplatzt. Auch wenn es aktuell mit einer Top-250-Listung in der IMDb nicht klappt, der Film erfährt sowohl bei Fans wie bei Kritikern eine herausragende Rezeption, die sich in den letzten Jahrzehnten tendenziell eher verbessert hat. In der Ausarbeitung auf Moviepilot.de, die wir unserem Projekt „Top 250“ zugrundegelegt haben, gilt er noch als platziert, müsste es also vor wenigen Monaten noch gewesen sein. Aber wie geht man an ein Werk heran, das mit der Zeit immer mehr Zuspruch zu finden scheint, obwohl es mittlerweile 93 Jahre alt ist? Darüber wird in der -> Rezension das eine oder andere zu lesen sein.

Handlung

Es ist Sommerzeit und viele Städter reisen zur Erholung aufs Land. In einem idyllischen Dorf hat sich auch die attraktive, aber kaltherzige und manipulative „Frau aus der Stadt“ eingenistet. Schon seit Wochen hat sie es auf einen Bauern des Dorfes abgesehen und besucht jeden Abend das Haus des Bauern, der dort mit seiner Frau und ihrem gemeinsamen Kind lebt. Die Frau aus der Stadt pfeift vor dem Haus und nach kurzem Zögern folgt der Mann ihr zu einem Rendezvous. Seine gutmütige, provinziell wirkende Ehefrau lässt der Bauer dagegen mit dem Essen und Erinnerungen an glücklichere Zeiten zurück. Die einst glückliche Ehe der beiden sei hinüber und auch die finanzielle Situation des Bauernhofes leide unter der Affäre des Mannes mit einer Stadtfrau, berichtet die alte Magd der Familie einer Freundin. Beim nächtlichen Treffen am See kommt es zwischen dem Bauern und der Frau aus der Stadt nicht nur zu zahlreichen Liebesbeweisen: Die Frau aus der Stadt rät dem Mann, er solle seine Ehefrau im See ertränken. Danach solle er den Bauernhof verkaufen und mit ihr in die verheißungsvolle, pulsierende Stadt kommen. Nachdem der Mann zunächst schockiert und ablehnend auf die Mordpläne reagiert hat, verfällt er den Verführungskünsten der Stadtfrau und willigt in ihren finsteren Plan ein. Die Frau aus der Stadt gibt dem Bauern Schilf, womit er sich retten könne, nachdem er das Boot mit der Frau zum Kentern gebracht habe. Anschließend solle er dann allen im Dorf erzählen, der Tod seiner Frau sei ein tragischer Unfall gewesen.

Am nächsten Tag schlägt der Bauer seiner Ehefrau vor, mit dem Boot einen Tagesausflug zu unternehmen. Sie schöpft keinen Verdacht, im Gegenteil, stattdessen glaubt sie an eine neue Chance für ihre Ehe und willigt glücklich ein. Als sie jedoch auf dem Wasser sind, wächst in der Frau durch düstere Vorzeichen der Umgebung sowie das seltsame Verhalten ihres Mannes zusehends ein Verdacht. Als ihr Mann sie schließlich über Bord werfen will, fleht sie um Erbarmen. Endlich findet der Mann seine Sinne wieder. Beschämt wendet er sich von den Mordabsichten ab und rudert ans Land zurück. Er will sich versöhnen, doch sofort als das Boot anlegt, flieht die Bäuerin vor ihrem Mann. Sie will mithilfe einer Straßenbahn entkommen, der Mann kann der Bahn im letzten Moment ebenfalls noch zusteigen. Nach Ankunft der Straßenbahn in der Stadt versucht der Mann seine Frau mit Aufmerksamkeiten und Gesten zurückzugewinnen, doch sie bleibt zunächst noch ängstlich und misstrauisch ihm gegenüber. Erst als das Ehepaar Zeuge der Hochzeit eines jungen Paares wird, sind beide berührt und erinnern sich an ihre frühere Liebe. Die Frau vergibt ihrem Mann, der weinend zusammenbricht. Anschließend erlebt das Paar einen aufregenden und unterhaltsamen Tag in der Stadt: Sie besuchen ein Café, danach einen Friseursalon und lassen sich schließlich fotografieren. Den Abend verbringen sie in einem Vergnügungspark. Am Ende des Tages ist ihre Liebe zueinander wieder erblüht.

In der Dunkelheit machen sich die Eheleute per Boot auf den Heimweg. Da bricht ein Sturm los und das Boot kentert. Während der Mann sich an Land retten kann, bleibt die Frau verschwunden. Die Dorfgemeinschaft unterstützt den Mann. Alle suchen in ihren Booten nach der Frau, doch sie finden nur Teile des Schilfbündels, das der Mann seiner Frau beim Anbruch des Sturmes als notdürftigen Schwimmring umgebunden hatte. Der Bauer gibt alle Hoffnung auf und ist fest überzeugt, dass seine Ehefrau ertrunken ist. Seine Geliebte aus der Stadt hat vom vermeintlichen Ertrinken der Bäuerin gehört und nimmt an, dass der gemeinsame Mordplan gelungen ist. Doch als die Frau aus der Stadt beim Haus des Bauern ankommt, versucht dieser sie – in seinem Hass und seiner Verzweiflung – zu erwürgen. Da erscheint im letzten Moment die alte Magd der Familie und berichtet dem Bauern, dass seine Frau sich an ein letztes Bündel Schilf klammern konnte, von einem alten Fischer gefunden wurde und überlebt habe. Während die Frau aus der Stadt abreist, küssen sich der Mann und seine im Bett erwachende Frau. Unterdessen geht die Sonne über dem Dorf auf.

Rezension

Es löst immer wieder Überraschungseffekte aus, wenn man einflussreiche Filme anschaut, die man noch nicht kannte. Mindestens zwei Szenen aus „Sunrise“ wirken, als seien sie später auffällig zitiert worden: Die Anfangssequenz mit den ausschwärmenden Städter*innen von Billy Wilder in „Das verflixte siebte Jahr“, selbstverständlich ins Humorvolle gedreht und es ist dort so, dass die zurückbleibenden bleibenden Männer, die ihre Familien weg aufs Land geschickt haben, sich auf den Weg zu Abenteuern im Großstadtdschungel machen. Die Szene, in der die Menschen aus dem Dorf nach der Ehefrau suchen, erinnerte mich sehr an die Suche nach Don Camillo im ersten Film der Reihe aus dem Jahr 1952. Auch dort gibt es eine eher humorvolle Auflösung, während es in Sunrise – zu einer glücklichen Wendung kommt.

Dieses Dorf und die Stadt wurden auf eine so extreme Weise einander entgegengesetzt, dass ich nicht so recht weiß, ob ich das nicht leicht übertrieben finden soll. Künstlerisch ist es sicher, ein Bauerndorf wirken zu lassen, als sei es in der norddeutschen Tiefebene angesiedelt, die Dächer mit Reet oder Stroh gedeckt und teilweise fast bis zum Boden reichend, außerdem mit Fachwerk. Ein ganz eindeutiger Stil ist es nicht, aber damit soll sicher das universell Ländliche betont werden. Außerdem ist die Ausleuchtung sehr sanft, die Bauten sind auch innen betont einfach gehalten, man geht auf schmalen Wegen, Zaun an Zaun, aber nicht wie eine normale Straße, sondern eher wie in einem Feriendorf, das autofrei sein soll, weshalb keine Fahrbahnen und Gehsteige erkennbar sind. Sehr eigenwillig und visionär. Die Frau aus der Stadt schaut durch die Fenster, aus denen heimeliges Licht dringt und hinter einem dieser Fenster lebt der Mann, den sie verführt hat und an sich binden will. Natürlich gibt es auch einen See, es hätte auch die See sein können, hohes Schilfgras, es wirkt alles ganz nachtromantisch und zunächst gar nicht gefährlich. Und dann, fast unvermittelt, schlägt diese Person dem Mann vor, er soll doch bitte seine Frau ertränken. Das ist so übergangslos und schockierend, auch das war mir etwas zu gerafft. Als ob man eine oder zwei Sequenzen weggelassen hätte, aus denen sich erklärt, wie die Frau darauf kommt, so etwas vorzuschlagen, woher sie die Chuzpe dazu nimmt, sich ihrer so sicher ist und so sicher, dass er nicht zur Polizei geht, um sie wegen versuchter Anstiftung zum Mord anzuzeigen. Tut er aber nicht, denn die Mädels aus der Stadt haben’s drauf, und die Landmänner sind eher einfach und lassen sich leicht manipulieren.

Also die Stadt. Sie wirkt eher typisch amerikanisch, mit breiten Straßen, es ist ja überall genug Platz, nicht wie New York, aber durchaus wie eine mittlere Großstadt mit überwiegend fünf- bis sechsgeschossigen Gebäuden, mit einer Straßenbahn mittendurch und mit einem riesigen Rummel oder Vergnügungspark, in dem das gesamte Chaos des Jahrmarkts, wie es in Filmen immer wieder gezeigt wird, sich zutragen und zu einem tödlichen Ende führen könnte, als Ersatz für die nicht vollendete Ertränkung auf dem See. Das war mein Gedanke, als die beiden Eheleute in ebenjene Stadt kamen und diese große Kirmes besuchten. Aber gefehlt, sie vergnügen sich tatsächlich und innerhalb eines einzigen Tages im hellen, klaren Licht der Stadt wird aus Entsetzen und Misstrauen wieder Liebe. Am Abend, nach der Rückkehr, ist die Ehefrau wieder ganz ohne Arg.

Zwischen dem Land und der Stadt fährt eine Tram mitten durch den Wald, da merkt man auf den ersten Blick, dass hier ein künstlerisch anspruchsvolles, aber nicht ganz realistisches Set erstellt wurde, von einem Filmemacher, der von seinem neuen Arbeitgeber Fox ein großes Budget bekam, um seinen ersten amerikanischen Film zu machen. Denn auch die ganze Stadt ist ein Set und das, was dort geschieht, nicht „on Location“. Alle Passanten sind Statisten, und wie fein ausgesucht. Die beiden vom Lande unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Kleidung und Haltung deutlich von den modern wirkenden und eilig ausschreitenden Stadtmenschen, ich muss gestehen, ich konnte den Hut der süßen Ehefrau bald nicht mehr ausstehen. Nun hätte man erwarten können, dass die Menschen, die sichtbar nicht dazugehören, von den Städtern geschnitten werden, wie es Charles Chaplins Tramp immer wieder geht. Aber die Passanten sind gleichgültig-neutral und alle Dienstleister, seien es Kellnerinnen oder Friseure, wirken sehr freundlich. Auf eine routinierte Art, man ist Profi und kennt keine Vorurteile nach Äußerlichkeiten, aber bemerkenswert ist doch der Unterschied, dass ein äußerer Gegensatz nicht durch Mimik und Gestik kommentiert wird. Auch der Fotograf mag die beiden, die wirken wie frisch verliebt, recht gerne und ist auch nicht sauer, dass sie eine Statuette in seinem Atelier beschädigt haben.

Die Szene in dem Café mit anschließendem Tanzraum hat in mir eine weitere Assoziaton ausgelöst: Zu einem eigenen Text hin, in dem ich das „Automat“-Café von Ed Hopper so erweitert habe, dass es für eine Kennenlerngeschichte geeignet war – und einen exakt wie in „Sunrise“ dargestellte Abgrenzung zu einem Tanzsaal haben sollte. Diese Fantasie hat sich, inklusive der vielen Menschen in den Räumen, manifestiert. Das Hopper-Gemälde entstand übrigens ebenfalls im Jahr 1927. Vermutlich hat es so aufgebaute Lokalitäten wirklich gegeben, denn die Stadt wirkt recht realistisch, trotzdem ist es eine eigene Fantasie, die hier plötzlich in einem Film zu sehen ist und etwas sehr Positives auslöst. Das wiederum passt zu dem Verlauf des Films und zum komischen Höhepunkt: Die beiden Dörfler bekommen die Bühne bzw. die Tanzfläche frei, wie es in US-Filmen immer wieder geschieht, wenn Talent durch einen Raum wabern und führen vor allen anderen einen ländlichen Tanz auf.

Vielleicht waren es solche ungewöhnlichen künstlerischen Verdichtungen, die das Publikum im Jahr 1927 ein wenig daran zweifeln ließen, was der Film darstellen und ihnen sagen soll, auch der schockierende Beginn und die Tatsache, dass in der Folge nicht eine fiese Mordgeschichte erzählt wird, sondern ein Lied von zwei Menschen, die in einer wirklich üblen Krise wieder zusammenfinden, ist damals wohl sehr überraschend gewesen. Für weitere Irritationen könnte gesorgt haben, dass man Janet Gaynor fast auf Gretel umgemodelt hat, um sie wie eine junge, einfache Bauersfrau wirken zu lassen, mit glatten blonden Haaren und mit Dutt, in Wahrheit hatte Gaynor eine der expressivsten schwarzbraunen Mähnen aller damaligen Hollywoodstars, sie trägt die Haare auf einigen Fotos wilder und länger als damals üblich. Allerdings war „Sunrise“ auch ihr Durchbruch, die Maskerade hat ihr insofern nicht geschadet. Ihr Partner George O’Brien hingegen ist ein recht modern wirkender Typ. Die etwas wirren Haare und der Dreitagebart, den er sich dann in der Stadt abnehmen lässt, sind heute kein Symbol mehr für eine wenig gepflegte ländliche Erscheinung.

In Kritiken wird verständlicherweise immer wieder der Stadt-Land-Gegensatz hervorgehoben, der direkt aus der deutschen Blut-und-Boden-Ideologie stammen könnte und der mittlerweile politisch komplett umgedreht wurde: In der Stadt, da sind die Guten und Toleranten zu Hause und draußen auf dem Land geht es gar düster zu. Wenn man die Farb- bzw. Schwarzweißstufung von „Sunrise“ sieht, bekommt man diesen Spin aber zurückgedreht, und das irritiert zuweilen durchaus. Dennoch: Die beiden finden sich während eines vergnügten Tages in der Stadt wieder, sind fasziniert von allem, was es dort gibt. Wir beachten wieder, es handelt sich um einen künstlerischen Film, in dem es wirken darf, als hätte das Paar dieses nächste städtische Mittelzentrum zuvor nie betreten. Okay, in Berlin haben auch viele noch nie über die frühere Ost-West-Grenze überwunden. Aber diese scharfe Trennung ist selbstverständlich symbolisch gemeint – und wird aufgehoben. Künftig wird die Frau mit ihrem Mann lieber ab und zu in die Stadt gehen, um einen schönen Tag zu erleben, als dass er nicht weiß, wie ihm geschieht, wenn ihm eine Frau aus der Stadt begegnet. Ich sehe darin durchaus eine Synthese, die Murnau wichtig gewesen sein könnte. Nicht das Land oder die Stadt per se sind gut oder schlecht, sondern das persönliche Verhalten und die emotionale Sicherheit, die man hat. Alles hat seine Berechtigung in dieser Welt. Es gibt dafür ein weiteres Indiz: In seinem berühmten „Nosferatu“ lässt Murnau ein paar Mittelstädter etwas gierig wirken, sodass sie mit einem Dämon, der weit, weit draußen im Karpartenland wohnt, einen Deal machen und sich auf diese Weise das untote Unheil in ihr Städtchen holen.

Die beiden Eröffnungs-Titelkarten, fällt mir gerade ein, sagen dem Publikum bereits etwas über Murnaus Sicht und das Lied des Lebens:

Title Card: This song of the Man and his Wife is of no place and every place; you might hear it anywhere, at any time.
Title Card: For wherever the sun rises and sets, in the city’s turmoil or under the open sky on the farm, life is much the same; sometimes bitter, sometimes sweet. (2)

Wichtig ist auch dieser Satz, den eine Magd spricht:

The Maid: They used to be like children, carefree… always happy and laughing… Now he ruins himself for that woman from the city – Money-lenders strip the farm – and his wife sits alone.

Man kann sich im Grunde nicht für etwas entscheiden, wenn man keine Wahl hat. Diese Wahl aber bekommt der Mann nun offeriert, von der verführerischen Frau aus der Stadt – und bewährt sich nur sehr knapp, aber am Ende auf überzeugende Weise, indem er eine stabile Synthese arrangiert, die auch seiner Frau zu gefallen scheint, die ihn nun endlich mit aufgelöstem Haar (da sieht man etwas mehr von Gaynor) empfängt und ins Bett bittet.

Murnaus Film ist aber nicht nur wege der emotionalen Tiefe, die er seinen Darstellern auf dem Weg zur Versöhnung abgewonnen hat und wegen der gezielt gesetzten kleinen Etappenstopps auf dem Weg dorthin außergewöhnlich gut eingefühlt (in der Kuchenszene musste ich dann doch eine Tafel Schokolade anbrechen), er ist auch ein Meilenstein in der Übergangszeit zwischen Stum- und Tonfilm. Er war bereits mit Ton gefilmt, mit Musik und Geräuschen, aber noch nicht mit Dialogen, es gibt weiterhin Zwischentitel, die zudem teilweise sehr speziell gestaltet sind und sparsam verwendet werden. Im Verlauf vertraut Murnau immer mehr der emotionalen Kraft der Geschichte und es kommt kaum noch zu Texttafeln. Besonders diejenige, in der die Frau aus der Stadt vorschlägt, dass der Mann sein Eheweib ertränken solle, ist schon fast ein Gag: Die Buchstaben senken sich ohne Vorwarnung in der Mitte ab, als würden sie im See versinken wollen. Sehr effektvoll, besonders, da man über diese Aussage, die beinahe aus dem Nichts kommt, ohnehin schockiert ist.

Zur Produktion und zum Stil des Films

Sunrise war der erste und einzige Film, der die Auszeichnung „Bester Film“ der Akademie der Künste und Wissenschaften für Spielfilme (AMPAS) in der Kategorie „Künstlerische Qualität der Produktion“ (oder „Einzigartiges und künstlerisches Bild“) gewann. Dies war das einzige Jahr, in dem diese Auszeichnung jemals vergeben wurde. (2) Janet Gaynor gewann den Oscar für die beste weibliche Hauptdarstellerin für diesen und zwei weitere Filme, was es in der Form später auch nicht mehr gab, wohl aber Nominierungen für zwei verschiedene, die innerhalb eines Produktionsjahres gedreht wurden. George O’Brien wurde als bester männlicher Hauptdarsteller augewählt.

Das phänomenale künstlerische Achievement resultiert unter anderem daraus, dass Murnau einerseits den Stadt-Land-Gegensatz künstlerisch inszeniert und andererseits die Kamera bereits mit Figuren mitlaufen lässt, als handele es sich um eine Steadycam, nur weniger verwackelt. Grandios, wie z. B. der Mann über die Felder hastet, Gatter überwindet und die Kamera immer auf seiner Höhe ist. Man muss Filme in ihrer Zeit sehen und wie übliciherweise gefilmt wurde, wenn man dieses Artwork in seiner wegweisenden Funktion würdigen will.

Murnaus im Laufe seiner Filmkarriere gewachsene Beherrschung der Filmtechnik – Überblendungen, Doppelbelichtungen, abgestufte Tönungen, subtile Kamerabewegungen, Licht- und Schatteneffekte – verband er mit einer dem Erzählrhythmus adäquaten Bildmontage, die menschliche Gefühle und Stimmungen adäquat ausdrückte. All diese Techniken setzte der Regisseur in seinem ersten Hollywood-Film Sunrise ein und insbesondere Murnaus Kameraeinsatz wurde später nicht selten als revolutionär empfunden. (1)

Viele der Überlagerungen im gesamten Film wurden „in der Kamera“ erstellt. Die Kamera nimmt ein Bild an der Seite des Rahmens auf, verdunkelt den Rest der Aufnahme und belichtet dann den Film. Sie legten den belichteten Film wieder in die Kamera und machten erneut Aufnahmen, wobei sie den Bereich blockierten, auf dem sich bereits ein Bild befand. (2)

Klingt etwas kompliziert und ist es sicher auch. Beleg dafür, wie einst nur ein künstlerischer Wille in der Lage war, im Medium Film und auch in der Fotografie Ergebnisse zu erzielen, die heute jeder Amateur mit einer Digitalkamera hinbekommen kann. Nicht jeder hat die Ideen dazu, aber das Visionäre ist dem Medium Film doch mittlerweile abhandengekommen, weil die Visualität des heutigen Kinos allgemein sehr versiert ist und es viele Kameraleute und Regisseure gibt, die mit ähnlichen Stilmitteln zugange sind.

Außerdem war „Sunrise“ der erste Film, der durchgehend vertont war und das Fox Movietone System einführte. Sehr alte Menschen in Deutschland werden es vielleicht noch aus „Fox‘ tönende Wochenschau“ kennen, die ein Markenzeichen dieses technisch oft progressiven Studios war. Allerdings war der Ton eben auf den (ersten) Filmscore reduziert und auf signifikante Geräusche. Einen Monat zuvor war „The Jazz Singer“ der Warner Brothers herauskommen, das erste „Talkie“. Damit war Sunrise plötzlich nicht mehr auf der Höhe, so stellt es die IMDb mehr oder weniger dar. Nach meiner Ansicht kann das nicht der einzige Grund für den kommerziellen Misserfolg gewesen sein, denn im Jahr 1927 wurden die meisten Produktionen noch komplett stumm auf den Markt gebracht oder 1928, 1929 nachvertont.

Freilich verlief die Entwicklung, als das Western Electric Sound System fertig war, so schnell, dass es einen Unterschied ergibt, ob ein Film zu Beginn des Jahres 1927 erschien, oder, wie „Sunrise“, im November. Der Ordnung halber weise ich darauf hin, dass Charles Chaplins „City Lights“ (1931), der ähnlich verfährt, wie man es bei „Sunrise“ getan hat, zusätzlich einiger verfremdeter, unverständlicher Dialoge nach dem Motto: Wir könnten, wenn wir wollten, aber diese FIguren reden sowieso nur Quatsch. Allerdings war der Film ein großes Risiko und es ging nochmal gut aus.

Finale

According to Janet Gaynor in Photoplay Magazine, making the movie was such a special experience for George O’Brien and her that they made a pact they would do anything that F.W. Murnau asked them to do, which included long days in the water.

Dass hier eine inspirierte künstlerische Gemeinschaft zusammenarbeitete, merkt man dem Film ohne Zweifel an, Janet Gaynors Darstellung ist sehr beseelt und nuanciert, aber wir kennen auch das Gegenteil. Manische Typen, die ihre Darsteller*innen richtiggehend quälten, holten oft das Beste aus ihnen heraus und daraus konnte sich auch ein Deal ergeben. Die Chance auf Ruhm gegen die Qualen, für so jemanden zu arbeiten. Die besondere Stellung, die Friedrich Wilhelm Murnau auch im deutschen Kino hatte, ist auch daran zu erkennen, dass die F.-W.-Murnau-Stiftung heute alle deutschen Filme bis zum Kriegsende1945 verwaltet, für ihre Restaurierung und Wiederveröffentlichung zuständig ist – also auch mit der Bürde des NS-Films umgehen muss. 

Sunrise ist sehr konstrastreich angelegt, nicht alles ist heute noch dramaturgisch indiskutabel, aber der eine Tag in der Stadt ist so fantastisch dargestellt, so psychologisch stimmig und auch immer wieder mit etwas Humor, dass man von einem der großen romantischen Hollywoodfilme sprechen kann. Tiefer geht er dadurch, dass der Ausgangspunkt kein Kennenlernen ist, sondern sich ein Paar wiederfinden muss, das beinahe auf tödliche Weise auseinandergegangen wäre. Das ewige Lied setzt nicht bei der ersten Strophe ein, das Stück von Liebe und Erlösung beginnt mit dem letzten Akt.

86/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia
(2) IMDb

Regie Friedrich Wilhelm Murnau
Drehbuch Carl Mayer
Produktion William Fox für Fox Studios
Musik Hugo Riesenfeld
Kamera Charles Rosher,
Karl Struss
Schnitt Harold D. Schuster
Besetzung

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