Einer trage des anderen Last – Polizeiruf 110 Episode 325 #Crimetime 756 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Rostock #Bukow #König #Pöschel #Thiessler #NDR #Tragen #Last

Crimetime 756 - Titelfoto © NDR, Christine Schröder

Einer trägt die Last aller anderen?

Schade, dass wir in den Zusatzinformationen nichts darüber gefunden haben, warum man Katrin König im 5. Fall, den sie gemeinsam mit Sascha Bukow lösen sollte, fast komplett aus dem Spiel genommen hat. Weil die Schauspielerin Anneke Kim Sarnau unerwarteterweise wenig Zeit hatte? Weil der Film ein ganz fieses Jungs-Ding werden sollte, in dem das weibliche Element gestört hätte? Doch nicht etwa, damit Bukow den Talking Head als Besucher an Königs Krankenbett geben konnte?

Jedenfalls muss Bukow die Last der Ermittlungen mehr tragen als sonst und kann nicht auf Königs intuitiven Professionalismus als Profilerin zurückgreifen. Wir hoffen einfach mal, niemand wird das falsch lesen: Diese rüde und kaum durch Distanz und Korrektur gebremste Art, wie in diesem Film zur Sache gegangen wird und dass Männer 90 Prozent der Spielzeit allein bestreiten, ist mittlerweile sehr ungewöhnlich und wirkt in „Einer trage des anderen Last“ sehr packend. Darüber und über weitere Aspekte des 325. Polizeirufs mehr in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Zwei Männer in Polizeiuniform überfallen einen Gefangenentransport, doch anstatt den Fahrgast zu befreien, schlagen sie ihn nieder, misshandeln und erschießen ihn. Bei der Suche nach den Tätern geraten die Kriminalhauptkommissare Bukow und König in einen Schusswechsel, bei dem König lebensbedrohlich verletzt wird.

Das Opfer ist Kevin Schulz, der seine Strafe in zwei Monaten verbüsst hätte und entlassen worden wäre. Das wirft die Frage auf, warum sich die Täter die Mühe gemacht haben, ihn zu diesem Zeitpunkt zu befreien, wenn sie ihn doch nur töten wollten. Bukow befragt zunächst die beiden Fahrer und erfährt von ihnen, dass Schulz finanziell gut aufgestellt gewesen sei und gute Kontakte zur Außenwelt hatte.

Kriminalkommissar Volker Thiesler recherchiert, dass es vor fünf Jahren einen Überfall auf einen Geldtransporter in Rostock gegeben hat, der nach ähnlichem Muster abgelaufen ist wie der aktuelle auf den Gefangenentransporter. Nach der Aktenlage waren in Rostock der Zuhälter Fred Hansen und der Drogendealer Mirco Lewandowski in den Überfall verstrickt, man konnte ihnen jedoch nichts beweisen. Beide hatten Schulz mehrfach in der JVA besucht. Bukow hält dies nicht für einen Zufall und behält die beiden im Auge. So gelingt es ihm, einen Zeugen zu finden, der für Hansen öfter Gelegenheitsaufträge übernommen hat und in diesem Zusammenhang auch zwei Säcke entsorgen sollte, in denen sich zwei Polizeiuniformen befanden.

Bukow will sich aber auch noch in der JVA umhören, da er sich davon weitere Hinweise verspricht. Damit das nicht so auffällt, schickt er seinen Kollegen Anton Pöschel undercover ins Gefängnis. Dieser wird zu einem ehemaligen Zellengenossen von Schulz gesperrt und erfährt so, dass der Vollzugsbeamte Peter Dörner etwas mit der Befreiungsaktion zu tun gehabt hat. Dörner kommt dahinter, dass Pöschel ein Spitzel ist, und lässt ihn von Häftlingen foltern. Als sich Pöschel seinerseits auf dem Dienstweg mit ihm auseinandersetzt, wird Dörner festgenommen.

Nach Bukows Recherchen steht fest, dass Hansen, Lewandowski, Schulz und seine Schwester Jessica den Geldtransporter in Rostock überfallen hatten. Hansen und Lewandowski hatten versucht, sich von dem Geld eine bürgerliche Existenz aufzubauen, und dabei auch Schulz’ Anteil mit verbraucht. Als Schulz das erfahren hatte, drohte er die ganze Sache „auffliegen“ zu lassen. Um das zu verhindern, haben ihn Hansen und Lewandowski aus dem Weg geräumt. Schulz hat aber ein Lebensgeständnis verfasst und dieses Jessica anvertraut. Als Hansen und Lewandowski das herausfinden, setzen sie die junge Frau unter Druck. Bukow und Thiesler sind aber schon auf dem Weg zu ihr und können sie befreien. Hansen und Lewandowski werden festgenommen, für Jessica will Bukow einen guten Anwalt besorgen, da sie seit einigen Jahren ihren Weg gefunden hat und gute soziale Arbeit leistet.

Katrin König war in die Ermittlungen nicht eingebunden, da sie sich während der gesamten Zeit im Krankenhaus befand. Inzwischen befindet sie sich auf dem Weg der Besserung.

Rezension

Manchmal ist das Puzzlespiel nervig, das wir uns im März 2019 geschenkt haben, als wir begannen, neben dem Tatort auch die Reihe Polizeiruf 110 zu rezensieren. Gerade beim Team Bukow, König, Pöschel, Thiessler, Röder, das neben den Episodenhandlungen auf die schrittweise Entblätterung der Biografie Königs, der Verhältnisse Bukows und die Entwicklung des Verhältnisses der beiden zueinander angelegt ist, waren wir anfangs ziemlich am Herumstochern.

Mittlerweile aber ist es hauptsächlich spannend. Wir wissen über die Fluchtgeschichte von Katrin König, wir kennen die Fallstricke in Bukows Privatleben und sein Problem mit der dienstlichen Vergangenheit in Berlin (seit dem Startfilm „Einer von uns„). König verlor ihre Mutter auf der Ostsee und wurde von Adoptiveltern in Lübeck großgezogen („Zwischen zwei Welten“), Bukow verliert Ende 2016 seinen Vater, der ihm Kummer gemacht hat und eine Stütze war, uns als Figur Freude gemacht hat und im gleichen Film kommt die Krise im Dienstverhältnis so richtig hoch: Geht König nach Berlin („Angst heiligt die Mittel„) oder bleibt sie in Rostock. Dass sie bleibt, besiegelt sie zwei Jahre später mit einem Kuss („Dunkler Zwilling„) und nochmal einen richtigen („Der Tag wird kommen„). In „Einer trage des anderen Last“ dem Vorgänger von „Zwischen zwei Welten“, steht die episodenübergreifende Entwicklung auf  Stopp, denn König kann ihre Vergangenheit von der Intensivstation aus nicht weiter erforschen und auch nicht die Ermittlungen gegen den Kollegen Bukow weiterführen. Der aber lernt, dass sie ihm gegenüber wohlgesonnen ist – und sogar bereit, eine Manipulation zu seinen Gunsten mitzutragen: Um an einen Verbrecher heranzukommen, ging er in seiner Berliner Zeit, sagen wir mal, unvorschriftsmäßig mit Beweismitteln um.

Warum das sehr wichtig ist? Weil Bukows explosive und aggressive Art, die er sich wohl in der Hauptstadt angeeignet hat oder die schon in seiner wilden Jugend angelegt wurde, sich in „Einer trage des anderen Last“ in seinem Handeln und in seinen Aussagen manifestiert: „Auch dem größten Arschloch musst du nachweisen, dass es ein großes Arschloch ist“, sagt Thiessler zu ihm im Auto, als Bukow mit seiner druckvollen Methode, Tatverdächtige zu befragen oder in die Mangel zu nehmen, immer wieder Gefahr läuft, sich eine Dienstaufsichtsbeschwerde einzufangen. Das ist sogar mit der Kern des Films: Wie agiert der Cop in einer Welt, in der das Verbrechen die Normalität ist und er einen Rechtsstaat verteidigen muss, dessen Defensive daher rührt, dass er eben in seinen Mitteln begrenzt ist? Wie kommt er durch den Alltag, wenn er sich selbst ernst nimmt und nicht auf die Ebene des Verbrechens hinabsteigt, um mit diesem in den Boxring zu gehen, wie Bukow es an einer Stelle des Films hübsch symbolisch tut. Natürlich wäre der Rechtsstaat stärker als das Verbrechen, wäre er kein Rechtsstaat, sondern nur mit dem Gewaltmonopol ausgestattet, ohne mühsam erarbeitete demokratische Prinzipien beachten zu müssen. Die zugehörige Dialektik wird in vielen Tatorten und Polizeirufen behandelt:

Was könnten wir alles erreichen, wenn wir nicht so sehr in unseren Mitteln beschnitten würden. Und damit kein Zweifel besteht, wie notwendig eine Erweiterung wäre, sehen wir in „Einer trage des anderen Last“ einige der fiesesten Typen der letzten Jahre. Nix mit Täteropfern, bei denen man als Zuschauer vor allem darüber nachdenken muss, ob man sie überhaupt verurteilen sollte, nicht jene, die in irgendwas reinrutschen und den Überblick und die saubere Weste verlieren, sondern klare Kante gegen das Böse.

Kein Wunder, dass der rustikale Bukow sich dabei nicht so sehr an dem stört, was er seit Langem kennt, der Brutalität und Rücksichtslosigkeit, sondern an – Armani-Anzügen. Wir kennen die zu sehenden getunten Mercedes-Pkw, die sich in unserer Berliner Wohngegend seit einigen Jahren ebenfalls auffällig vermehren. Aber bei uns kommt ja nicht nur das rechtsstaatliche Denken, sondern auch ein im Grunde lächerliches, aber durchaus wirksames Narrativ hinzu, das durch Serien wie „4 Blocks“ massiv gefördert wird. Dieses Format ist im benachbarten Neukölln angesiedelt. Brutalität kennt aber keine ethnischen Grenzen und breitet sich dort aus, wo nicht ein Bukow sich in den Sumpf hineinwühlt oder ein Pöschel in einer seltenen Mischung aus Arroganz und Einsatzbereitschaft den Kopf hinhält. Der Chef vom Ganzen, Röder und der junge Thiessler sind sozusagen die altersmäßigen Pole desselben Prinzips: Der Rechtsstaat und seine Grenzen!

Wir können sie alle verstehen. Die Wut von Bukow, genährt aus einigen Dienstjahren, in denen es furchtbar schwer war, sich gegen die Unterwelt zu behaupten und ein zwiespältiges Verhältnis zur Gewalt und zu den Mobstern: Allein, dass sein Vater ebenfalls eine ziemlich zwielichtige Figur und doch sympathisch und faszinierend ist, würde schon ausreichen, um Bukows Ambivalenz zu erklären und wir erfahren hier auch, dass er sich nach einer seiner Jugend, die er unter anderem als Boss einer Drogenhändlergang verbracht hat, für die andere Seite entschieden hat. Das erzählt er der jungen Jessika, die den gleichen Weg gegangen ist. Gespielt wird die frühere Räuberin, die aber vermutlich nicht getötet hat, von Maria Kwieatkowski, die bereits mit 26 Jahren und vor der Erstausstrahlung von „Einer trage des anderen Last“ verstarb und wer über sie liest, ist beinahe fassungslos darüber, wie dicht Realität und Film beieinander liegen können. Die Authentizität gewisser Rollen ist sozusagen ein Selbstläufer; für die übrigen Darsteller*innen der Rostock-Polizeirufe gilt das wohl – glücklicherweise – nicht in dem Maße.

Wir haben gestern Abend angesichts dieses intensiven Films nochmal ein Roundup gemacht: Regisseur Eion Moore hat die Rostock-Schiene des NDR „erfunden“ und nach Meinung von Kritikern damit den gesamten Polizeiruf modernisiert. Je mehr wir die Werdung des östlichsten NDR-Teams in den Blick nehmen, desto mehr glauben wir das auch. Werke wie „Einer trage des anderen Last“ konstituieren eine gleichermaßen ästhetisch anspruchsvolle wie inhaltlich ruppige Spielart, die bei den Tatorten dem Team Dortmund am nächsten kommt, das aber durch die stärker ausgeprägte und häufiger thematisierte innere Hierarchie und durch Kommissar Fabers dezidiert ausgearbeiteten psychologischen Probleme wieder einen anderen Spin hat und mehr stilisiert wirkt. Rostock ist allerdings eher vom Gepräge auf realistisch getrimmt, als wirklich näher dran zu sein an der Wirklichkeit – einen Typ wie Bukow können wir uns im realen Polizeidienst nicht vorstellen, er liefert wirklich in jedem Film mehrere Gründe, die in einer einigermaßen geordneten Polizeiwelt das Aus bedeuten würden. Bei den anderen vieren ist diese Platzierung außerhalb der Vorstellung von echter Polizeiarbeit nicht so deutlich.

Gerade durch dieses Aus-dem-Rahmen-fallen wird aber erst die Manege für packende Duelle geschaffen: Es gibt keine Überlegenheit des Staates, weil dieser mehr kann und keine Unterlegenheit, weil er weniger darf, sondern es wird unter Inkaufnahme aller möglichen schlimmen Folgen für den Cop im übertragenen und damit auch im wörtlichen Sinn Waffengleichheit geschaffen. Klar hat man das von amerikanischen Vorbildern übernommen, aber auf diese Weise wird die Realität nicht abgebildet, sondern in die FIlme transzendiert: Die Grenzen verwischen sich immer mehr, das moralische Gefälle ist ebenso gering wie der Unterschied bezüglich der Möglichkeiten, Mittel verschiedener Art einzusetzen.

„Einer trage des anderen Last“ ist nun sieben Jahre alt, das darf man nicht vergessen. Seit dem Beginn der 2010er wurden alle Polizeirufteams mindestens partiell erneuert und für die Reihe Tatort Settings geschaffen, die Schluss machen mit der früheren Trennung von Gut und Böse. Seitdem erlauben sich die Filme häufiger Open Endings – was bei vielen Zuschauern übrigens nicht gut ankommt, die gerne die gute Ordnung gewahrt wissen wollen. Ein gutes Zeichen ist es vielleicht gar nicht, dass wir mehr und mehr bereit sind, den transformativen Realismus der Rostock-Polizeirufe anzuerkennen, weil wir dadurch auch abnicken, dass ein Bukow sich nur durchsetzen kann, wenn er fast genauso illegal agiert wie die dunkle Seite der Macht – und dafür auch die passende Biografie hat.

Finale

Es war ganz abwechslungsreich, einen Rumble in the Bronx mal ohne König zu sehen, aber sie stabilisiert trotz ihrer ebenfalls sehr robusten Art ein wenig die Zivilisation und ist daher für den Rostock-Polizeiruf konstitutiv. Solange es sie gibt, kann das Szenario nicht vollends dystopisch werden. Das haben wir zuletzt in „Angst heiligt die Mittel“ gesehen, wo sie als einziger Charakter eine in Ansätzen sozialarbeiterische Position im Umgang mit Sexualstraftätern eingenommen hat, die aus der Haft entlassen wurden und sich Angriffen seitens eines aufgebrachten Dorfmobs ausgesetzt sahen. Das war von Fritz Langs „Fury“ nicht mehr weit entfernt, inklusive Tötung einer vermeintlichen Täterperson durch Hitze. „Einer trage des anderen Last“, so modern sein Stil ist, hat hingegen auch eine sehr tradtionelle Seite: Er reflektiert alte US-Gangsterfilme, in denen die Cops nicht lange über Dienstvorschriften nachdenken, bevor sie eine Räuberhöhle stürmen. Einen Unterschied gibt es bis heute: So freizügig, wie Filme aus jener Zeit darstellen, wie die Polizei geschmiert und infliltriert wird, das traut man sich im deutschen Krimi bis jetzt nicht. Vielleicht ist es auch wirklich nicht so extrem wie in Chicago um 1930, denn es gibt ja mittendrin noch solche wie Bukow, die sich fürs Gute entschieden haben und seitdem unkäuflich sind. Auch wenn das Gute häufig durch den Dreck und die Zähne zeigen muss, bleibt es doch gut.

8,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Christian von Castelberg
Drehbuch Eckhard Theophil
Produktion Iris Kiefer
Musik Ralf Wienrich und Eckhart Gadow
Kamera Martin Farkas
Schnitt Dagmar Lichius
Besetzung

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