Die Frau, von der man spricht (Woman of the Year, USA 1942) #Filmfest 202

Filmfest 202 A

2020-08-14 Filmfest AGlatteis in der Küche

Wer durch die Schauspielhölle muss, indem er Dr. Jekyll und Mr. Hyde (1) so spielt, wie Spencer Tracy es 1941 getan hat, der muss befürchten, dass seine Karriere zu Ende ist, selbst wenn man wenige Jahre zuvor (1937, 1938) zwei Hauptdarsteller-Oscars hintereinander gewonnen hat. Diese Befürchtung hatte Tracy in der Tat, doch dann traf er Katharine Hepburn und die Dinge nahmen eine komplett andere Wendung. Welche, verrät schon die Handlungsbeschreibung, aber mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Tess Harding und Sam Craig arbeiten beide für dieselbe Zeitung. Als sie sich kennenlernen, fühlen sich die weltgewandte und hektische politische Journalistin und der bodenständige Sportreporter sofort voneinander angezogen, obwohl sie das jeweilige Metier des Anderen gering schätzen. Trotzdem entschließen sie sich überstürzt zur Heirat. Schon da ist aber offensichtlich, dass ihre charakterlichen Unterschiede ihr Zusammenleben erschweren. Insbesondere das politische Engagement von Tess, die schon mal kurz entschlossen einen griechischen Jungen mit nach Hause bringt, weil sie die Schirmherrschaft für das griechische Waisenhaus übernahm, stellt sich als zunehmende Belastung heraus. Schließlich wird sie zur „Frau des Jahres“ gewählt, just als Sam die Beziehung beendet. Es bedarf weiterer Lektionen für beide, bis sie wieder zusammenkommen.

Rezension

Auch die Hepburn hatte schon einen Oscar gewonnen (1934 für „Little Women„) und man kann sich vorstellen, dass der Kampf der Schauspieltitanen elektrisierend war. In der Wirklichkeit wurden sie ein Paar, in „Woman of the Year“, aber eben nach einer aufreibenden Treibjagd durch ein Dickicht, in dem sich Beziehungsfallen häufen und in dem es so unübersichtlich ist, dass man garantiert in jede hineintappt.

Am schlimmsten ist es, wenn Frau durch ihre Eloquenz (und möglicherweise durch die ihr zugrunde liegende Bildung) Erfolg hat, aber in der Küche nichts kann. Das erfahren wir in „Woman of the Year“ ganz ohne Umschweife und wir sind selbst erstaunt darüber, wie anders wir den Film heute sehen als zum Beispiel in der Pubertät, als unsere Liebe zum Kino entstand. Der Wortwitz ist geblieben, ohne Frage. „Woman of the Year“ gilt bis heute als klassische Screwball-Komödie mit der Meisterin des Genres, Katharine Hepburn, als Wortflummi, der zwischen allen anderen Menschen bzw. Charakteren hin- und herspringt und sie wuschig redet. Dann die Sache mit dem Frühstück. Da ist sie allein mit der Technik, die für damalige Verhältnisse außerordentlich fortgeschritten scheint. Da werden noch einmal die Dämonen wach. Tracy selbst ist keiner mehr, kein Hyde, nur noch ein etwas einfach gestrickter Sportreporter – aber seine Küchengeräte, die haben es in sich.

Was Sam Craig alias Tracy vor und während der Ehe nicht konnte, das gelingt dem Waffeleisen, dem Toaster und der Kaffeekanne mit vereinten Kräften. Nämlich die Frau des Jahres zu zähmen, sie demütig zu machen und sie auf den Boden der Tatsachen zu holen. Sie kann es halt nicht oder hat es nie geübt, sagt Sam sinngemäß zu ihr. Da geht es nicht um Weltpolitik und Flüchtlingsdramen, mit denen sich Tess Harding, die Diplomatentocher, hingebungsvoll beschäftigt, sondern um wirklich Wichtiges, nämlich wie macht eine Frau einen Mann schon am frühen Morgen glücklich.

Aus heutiger Sicht ist der Film, der als Inszenierung, von den Dekors, auch in der Rollengestaltung von Mann und Frau so progressiv daherkommt, bereits eine düstere Vorahnung dessen, was nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges State of the Art wurde: Dass die Frauen, die im Krieg allerorten gebraucht wurden, zurück an den Herd zu gehen hatten. Und wehe, sie konnten das nicht. Nein, so dramatisch war es natürlich nicht, aber das Kino der 40er war nun einmal fortschrittlicher als das der frühen 50er und die Art, wie Geschlechterrollen in „Woman of the Year“ dargestellt werden, ist reaktionär. Der Mann im Kritiker fühlt beinahe ständig mit Tracy, der von lauter Dingen überrollt wird, die beinahe jeden Mann überfordern würden. Das ist ganz schön tückisch, und es ist nur Katharine Hepburns Schauspielkunst zu verdanken, dass die Manipulation nicht allzu ärgerlich wird. Wenn sie während der Hochzeit ihrer Tante mit ihrem Vater weint, weil die Wort von den grundlegenden Werten der Ehe sie erst jetzt erreichen und nicht während ihrer eigenen Schnellhochzeit, dann wirkt das nicht einmal kitschig, sondern rührend.

Die Drehbuchautoren waren nicht auf dem allzu schiefen Brett, das Ende allzu eindeutig misogyn zu schreiben – verbal ist es ein Kompromiss, ein aufeinander zugehen. Doch man fühlt, dass es Tess Harding ist, die sich an Craig wird anpassen müssen, damit die beiden vernünftig zusammenleben können. Ja, Frauen sind mit Multitaskingfähigkeit begabt und daher haben sie nicht den Zwang zur Selbstbegrenzung, wie die meisten Männer oder sagen wir, weniger als diese. Es fasert manchmal in eine kaum überschaubare Zahl von Aktivitäten aus, während Männer mit einzelnen Hobbys wohl mehr Zeit verbringen und dabei in unendlichen Tiefen verschwinden können, die Frau ein Geheimnis bleiben, besonders angesichts spinnerter Gegenstände und Ausprägungen solcher Hobbies.

Ist eines schlechter oder besser als das andere? Man kann alles übertreiben, in der Breite und in der Tiefe. Der Film wertet aber unterschiedlich und stellt Sams ultimative Sportleidenschaft als etwas Natürliches, Gesundes, Amerikanisches und die Gemeinschaft der Sportrporter und der Kumpane in der Sportbar als etwas elementar Soziales dar, obwohl sie nur fachsimpeln – bestenfalls. Tess Hardings soziales, interkulturelles Engagement wird hingegen als hyptertroph gezeigt. Der einfache Bursche, der aufrechte Amerikaner, wird einer Frau gegenübergestellt, die alles ist, flirrend und intelligent, charmant und witzig – nur kein All American Girl, das sich vorwiegend als Gefährtin und Unterstützerin des Mannes sieht.

Deswegen gibt es neben der Küchenszene ein weiteres fragwürdiges Handlungselement, dieses sogar mit bitterem Beigeschmack. Es geht dabei um einen griechischen Flüchtlingsjungen, den Tess aufnehmen will – und ihn Sam quasi als Ersatz für ein eigenes Kind verkauft. Klar, dass ein aufrechter Amerikaner wie Sam da platzen muss. Ein fremdländisches Adoptivkind anstatt eines eigenen Balgs, der Baseball schon mit der Muttermilch oder, bei Tess als Mutter, besser mit den Vatergenen aufnimmt. Dabei ist der kleine Grieche ein Baseballfan. Aber er kann nicht Englisch und das ist die einzige Sprache, die Sam kann und das ist auch okay so, wie der Film sehr deutlich herausstellt, indem er Tess‘ Sprachgewandtheit verunglimpft. Tatsächlich bringt Sam den Jungen heimlich zurück ins Flüchtlingsheim – wo er sich augenscheinlich wohler fühlt als in Tess‘ luxuriösem Appartement in der 5th Avenue von New York. Als sie ihn wieder mitnehmen will, sagt er etwas, das nicht übersetzt wird, aber es ist eindeutig.

Wenn man es genau nimmt, ist dieser auf den ersten Blick mondän wirkende Film von der Geisteshaltung unglaublich provinziell und rückständig. Kaum zu fassen, dass die intelligente Katharine Hepburn das nicht gemerkt haben sollte. Aber vielleicht wollte sie nach zuvor schwierigen Jahren die mit „Die Nacht vor der Hochzeit“ wiedergewonnene Stellung als Superstar nicht gefährden.

In gewisser Weise ist es ein typischer MGM-Film, denn dieses Studio stand wie kein anderes – neben seiner hervorragenden Technik, den luxuriösen Settings, den Musicals – für Familienwerte und Tradition, was in den 40er Jahren dazu führte, dass man den inhaltlichen Anschluss an die Spitze verlor. Die USA standen schon im Krieg und trotzdem wird Hardings Engagement für Geflüchtete aus den von den Nazis besetzten Ländern als etwas Selbstgefälliges und Skurriles dargestellt.

Hintersinnige Ideen, die man als Nicht-Amerikaner nicht immer direkt erkennt, gibt es ebenfalls, wie die die Zeitungswerbeplakate, nebeneinander hängend „Hitler will loose, says Harding“, „Yankees will win, says Craig“ (mit den Yankees ist die Baseballmannschaft der New York Yankees gemeint, aber natürlich ist es auch eine witzige Ergänzung zum anderen Plakat, weil die Yankees natürlich auch als Nation USA in ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg gemeint sind).

Die für damalige Verhältnisse omnipräsente Mediendame Tess sagt und weiß am Ende also auch nicht mehr als der gute Sportonkel Sam. Antiintellektualismus ist vielen amerikanischen Mainstream-Filmen nicht fremd. „Woman of the Year“ ist sozusagen retroprogressiv, denn er ist ein Vorreiter dieser Tendenz, die zur damaligen Zeit noch selten so offen zutage trat wie während der konservativen 1950er.

Natürlich ist „Woman of the Year“ kein schlechter Film, sondern eine A-Produktion. Er enthält viele Szenen von großer Natürlichkeit und auch Innigkeit zwischen Tracy und Hepburn, wenn man davon weiß, kann man aus ihnen die echte Sympathie der beiden ungleichen Typen füreinander herauslesen.

Finale

Dass aber nicht die Schauspieler Hepburn und Tracy, sondern die Drehbuchautoren Ring Lardner und Michael Kanin einen Oscar bekamen (Hepburn war immerhin als beste Schauspielerin nominiert, verlor aber gegen Greer Garson, welche die Titelrolle in der patriotischen Tragikomödie „Mrs. Miniver“ spielte), hat auch schon wieder ein Gschmäckle, denn in dieses Buch sind ja die ganzen deutlichen und weniger deutlichen Seitenhiebe auf moderne Frauen hineingeschrieben worden.

Sie sind deshalb in Kombination so wirksam, weil manche von ihnen auf eine dialogseitig geschliffene Weise situativ etwas plump anmuten und die subtileren Manipulationen dadurch kaum auffallen. Wir wollen damit nicht sagen, dass Kochen Sünde ist und hinter einer sozusagen selbstreferenziellen Aktivität, die jede Minute des Tages füllt, nicht auch die Substitution von Sinn stecken kann, aber das ist nichts Geschlechtsspezifisches. Jedenfalls würden wir nie eine Frau, die beim Kochen so kläglich versagt wie Tess Harding bis zum Ende im Schlamassel sitzen lassen, sondern ihr ritterlich dabei helfen, aus dieser viel zu engen Kiste irgendwie herauszukommen.

Schade und beinahe beängstigend kann es hingegen sein, wenn Frauen  schlicht alles können. Beruf, Haushalt, eigene und geptachworkte Kinder und Männer, die mit dem Rollenverständnis so ins Trudeln gekommen sind wie Sam Craig, der etwas einseitig veranlagte Sportreporter.

68/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Eine Rezension im Rahmen des Filmrests kommt demnächst – vergleichend mit der Version von 1931, in der Frederic March den Arzt und den Dämon gespielt hat.

Regie George Stevens
Drehbuch Ring Lardner Jr.,
Michael Kanin
Produktion Joseph L. Mankiewicz
Musik Franz Waxman
Kamera Joseph Ruttenberg
Schnitt Frank Sullivan
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s