8 Frauen (8 femmes, FR 2002) #Filmfest 203

Filmfest 203 A

2020-08-14 Filmfest AFest für Ästheten und Cineasten

Nun hat es also 18 Jahre gedauert, bis ich „8 Frauen“ angeschaut habe. Einige wichtige Filme werde ich nie sehen – was soll’s. Aber in dem Fall kann ich sagen, ich habe über längere Zeit hinweg etwas verpasst, weil das Werk von François Ozon ein Leckerbissen fürs Auge ist und ich Filme mit einer so grandiosen Visualität wie diesen kaum schlecht finden kann, zum anderen behaupte ich aber, jetzt ist trotzdem die richtige Zeit, denn 2002 kannte ich z. B. noch nicht „Die Regenschirme von Cherbourg“, die auffälligen Ähnlichkeiten bei der intensiven Farbgebung und einigen Dekors. Aber auch mit dem Stil der Gesangseinlagen desjenigen Films, mit dem Cathérine Deneuve berühmt wurde, hätte ich also nicht erkennen können. Was in der Wikipedia steht, hat mir diesen Eindruck bestätigt, aber das ist eben etwas anderes, als wenn ich dort einen mir nicht bekannten Bezug hätte nachlesen müssen. Zum Film „8 Frauen“ geht’s in der -> Rezension.

Handlung (1)

An einem verschneiten Morgen in einem französischen Ort während der 1950er Jahre: Suzon, die in England studiert, kehrt über Weihnachten nach Hause zurück. Ihre Mutter Gaby hat sie vom Bahnhof abgeholt und führt sie ins abgelegene Haus der Familie. Dort wird Suzon von ihrer Großmutter Mamy, ihrer jüngeren Schwester Catherine, von der Köchin Madame Chanel sowie von ihrer Tante Augustine und dem neuen Hausmädchen Louise empfangen. Lediglich Suzons Vater Marcel – der einzige Mann im Haus – dessen Geschäfte in letzter Zeit schlecht laufen, lässt sich nicht blicken. Als Louise ihm sein Frühstück aufs Zimmer bringen will, entfährt ihr ein gellender Schrei, denn der Hausherr liegt tot in seinem Bett mit einem Messer im Rücken.

Aus Angst, der Mörder könne zurückkehren, um eventuelle Spuren zu verwischen, schließt Catherine das Zimmer des Toten ab. Der Versuch, die Polizei zu rufen, scheitert, weil das Telefonkabel durchtrennt wurde. Auch das Auto springt nicht an. Die Frauen sehen sich daher gezwungen, selbst den Mörder zu finden. Aufgrund des vielen Schnees, der das Verlassen des Anwesens unmöglich macht, wird ihnen klar, dass eine von ihnen den Mord begangen haben muss.

Überraschend trifft schließlich auch Pierrette, die Schwester des Opfers, ein. Sie habe einen mysteriösen Anruf erhalten und sich deshalb zum Ort des Geschehens begeben. Die anwesenden Damen beginnen nun, sich gegenseitig zu verhören. Wie sich herausstellt, hatten alle acht Frauen ein Mordmotiv und zudem die Gelegenheit zur Tat. Jede von ihnen versucht durch Lügen und Schweigen vergeblich, ihre jeweiligen Geheimnisse – Giftmord, lesbische Neigungen, Schwangerschaft, unerwiderte Liebe und außereheliche Affären – zu bewahren.

Mit gegenseitigen Anschuldigungen, Zickereien und Handgreiflichkeiten heizt sich die Stimmung im Haus auf, bis Catherine schließlich die Situation aufklärt und den wahren Ablauf des vorangegangenen Abends schildert: Nachdem alle anderen Frauen Marcel in der Nacht zuvor aufgesucht und ihn – angesichts seiner eigenen finanziellen Schwierigkeiten – mit Forderungen und Geständnissen viele Nerven gekostet hatten, inszenierte Catherine mit ihrem Vater den Mord, um ihm vorzuführen, wie egoistisch und habgierig „seine“ Frauen hinter ihren Fassaden sind. Marcel wurde nicht ermordet; er befand sich die ganze Zeit quicklebendig in seinem Zimmer, von wo aus er die Gehässigkeiten der Frauen untereinander miterleben konnte. Als Catherine das Zimmer ihres Vaters aufschließt, hält sich dieser eine Pistole an den Kopf und erschießt sich zum Entsetzen aller acht Frauen.

Rezension

Natürlich hatte ich auf dem Schwarz-Weiß-Foto Romy Schneider erkannt, aber ich hätte nicht den Film zuordnen können, in dem sie auf dem Foto gezeigt wird und damit nicht den Hintergrund, dass es sich um „La Banquière“ handelt, den ich für den Wahlberliner bereits rezensiert habe (die Kritik ist hier noch nicht veröffentlicht) und dass es dabei um eine bisexuelle Frau geht. Bisexualität ist ja auch in „8 Frauen“ eines von sehr vielen gesellschaftlichen Themen.

Um das Exorbitante mehr herauszuheben, hat man den Film in die 1950er verlegt, wo solche Affaires noch mehr oder weniger tabu waren, auch Inzest steht im Raum, aber es ging gerade nochmal gut und trotzdem hatte eine der Frauen mit dem Mann, den sie bisher immerhin für ihren Vater hielt, eine Liebesbeziehung. Selbstverständlich fiel mir der Bezug zu George Cukors „Die Frauen“ (1939) auf, in dem ebenfalls kein männlicher Darsteller gezeigt wird, es wird nur über Männer gesprochen – okay, einen kleinen Unterschied gibt es: Das Familienoberhaupt, um dessen vorgebliche Ermordung sich alles dreht, wird hin und wieder als Silhouette gezeigt und ein silbergrauer Haarschopf ist erkennbar. Man hat es also nicht vollkommen, sondern nur fast durchgezogen. Dies ist aber auch das Motto des Films: Nur so zu tun, als ob man ein echtes Vorbild hätte und in Wirklichkeit eine der gandiosesten Ausschlachtungen der Filmgeschichte vorzunehmen, die ich bis heute gesehen habe.

Was ich beim ersten Anschauen auch noch von selbt gecheckt habe: Dass der Plot überdeutlich an Agatha Christie und andere britische Kriminalschriftsteller*innen angelehnt ist: Eine Personengruppe ist in einem verschneiten, wahlweise durch eine Flut von der Umwelt abgeschnittenen Anwesen zugange, jedenfalls ist es von der Außenwelt her nicht mehr zugänglich und niemand kann entkommen, natürlich ist auch das Telefon kaputt – und eine der anwesenden Personen muss der Mörder oder die Mörderin sein. Dass auch diese eigentlich lächerliche, aber immer wieder gut funktionierende, unserer Kognition und dem, was wir als spannend empfinden, sehr entgegenkommende Plotanlage ironisch betrachtet wird, sieht man daran, dass es gar keine Mörderin gibt, der arme Mann da oben im Zimmer aber die Frauen seines Lebens als so schrecklich empfindet, dass er sich lieber selbst erschießt, anstatt weiter mit ihnen leben zu müssen. Zumal er pleite ist und sie nicht mehr mit Geld beeindrucken oder steuern kann, die teilweise etwas raffgierigen Weiber.

Diese stellen aber auch ein großartiges Ensemble dar, der Film ist auch ein  historisches Dokument, fast ein Monument, weil er alle Generationen von weiblichen Starschauspielerinnen des französischen Tonfilms bis Anfang der 2000er Jahre vereint.

Danielle Darrieux, die Großmutter, war die bekannteste Filmschauspielerin Frankreichs in den 1930ern, Cathérine Deneuve der Superstar der 1960er und 1970er, Isabelle Huppert und Fanny Ardant hatten vor allem ab den 1980ern ihre große Zeit und Emanuelle Béart gehört zur letzten „großen Generation“, die in den 1990ern herauskam, zusammen z. B. mit Sandrine Bonnaire und dem letzten verbleibenden Superstar, Juliette Binoche. Virginie Ledoyen war damals eine der vielversprechendsten „Neuen“ aber heute hat sich gezeigt, dass, wie auch bei den Männern, die Fülle von Darsteller*innen mit Starpotenzial auch in Frankreich nicht mehr so hoch ist wie vor wenigen Jahrzehnten.

An der Schwelle zu dieser Veränderung wurde „8 Frauen“ gedreht und ist auch deshalb eine fantastische Reminiszenz mit einem Trauerflor, weil sich die ungebrochene Tradition von 70 Jahren französischem Starkino doch nicht ganz hat in die heutige Zeit der Beliebigkeit retten lassen. Für männliche Darsteller gilt das in weitaus stärkerem Maße, seit dem schon ziemlich betagten Gérard Dépardieu kam kein großer Star mehr heraus – bei den Frauen unter 40 kann immerhin Marion Cotillard noch den Typ repräsentieren, der in den letzten Jahrzehnten das französische Frauenkino am Leben hielt.

Schwer zu sagen, wer hier die beste Vorstellung abliefert, aber die exzentrische Darstellung von Isabelle Huppert wird bei mir vermutlich nicht den am wenigsten bleibenden Eindruck hinterlassen und dass Fanny Ardant sehr gekonnt im Stil von Ava Gardner auftritt, behalte ich mal für mich, es steht nicht einmal in der Wikipedia, die mittlerweile meint, den Rezensenten das Wasser abgraben zu müssen – ansonsten ist es die große Ensemble-Leistung, die von den Kritiken gewürdigt wird. Was man nicht darf, was im Jahr nach 9/11 aber nahe lag und hin und wieder tatsächlich angemerkt wurde, ist, den sehr verspielten und selbst im dramatischen Ernst flockigen Umgang mit der Filmgeschichte und einigen Ikonen dieser Geschichte negativ zu bewerten. Wenn man selbst eine Ikone ist, wie die Darrieux oder die Deneuve, wirkt das Gezeigte auch beeindruckend selbstverständlich und leicht selbstironisch.

Finale

Man müsste tatsächlich alle Anspielungen in dem Film zusammentragen, denn sie sind wichtiger als die Motive, und eine kleine Abhandlung darüber schreiben. Zum Ausgangspunkt kann man ruhig die kollektionistische Wikipedia machen, in der wohl kaum ein Zitat oder ein Vorbild für etwas Visuelles außer Acht gelassen wird. Wichtig sind natürlich auch die Zitate der Darstellerinnen aus ihren früheren Filmen.

Trotzdem ist „8 Frauen“ auch ein Film über die Liebe und was hinter all der exzessiven Stilistik hervortritt, ist ein einfaches, melancholisches Gefühl, das durchaus dem Zeitgeist entsprach und immer noch entspricht: Die älteren Damen haben eine große Vergangenheit, die Jugend ist am Suchen und am Erfahren, aber es wird Zeit, einen farbenprächtigen Schlussstrich unter den Glamour des alten Jahrhunderts zu ziehen, wie es der Regisseur hier tut. Ohne Kenntnisse über die mannigfachen Zitate wird der Film vielleicht etwas affektiert wirken und seinen schlichten und humanistischen Hintergrund nicht offenlegen, aber man muss sie auch nicht alle kennen, um zu spüren, mit wieviel Akribie, ja Besessenheit, Francois Ozon hier mit seinem großen und hoch talentierten Ensemble zwei Monate lang zusammengearbeitet hat.

83/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie François Ozon
Drehbuch François Ozon,
Marina de Van
Produktion Olivier Delbosc,
Marc Missonnier
Musik Krishna Levy
Kamera Jeanne Lapoirie
Schnitt Lawrence Bawedin
Besetzung

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