Alibi für Amelie – Tatort 516 #Crimetime 757 #Tatort #Saarbrücken #Palu #SR #Alibi #Amelie

Crimetime 757 - Titelfoto © SR, Wolfgang Klauke

Böse und gute Gasflammen

Ein Wissenschaftler wird beim Joggen ermordet, also versucht Max Palu etwas schneller zu sein und fährt Fahrrad, wobei der Lenker etwas wackelt, stößt dabei auf Konkurrenzneid, Gier, Untreue und Eifersucht und während die Ermittlungen durch Befragung und quasi ohne Kriminaltechnik doch recht langsam vorangehen, kommt es zu weiteren dramatischen Ereignissen. Aber vielleicht ist das ja nicht alles, was es zum Tatort Nr. 516 zu sagen gibt. Mehr Geschriebenes steht in der -> Rezension.

Handlung

Dr. Fabian Kurz, Chef eines Hightech-Forschungsinstituts, wird ermordet aufgefunden. Max Palu und sein Kollege Stephan Deiniger kommen dahinter, dass der Wissenschaftler vor einer großen Erfindung stand, mit der er in den USA seine Karriere fortsetzen wollte. Verdächtig sind für Palu Amelie, die Ehefrau des Ermordeten, und missgünstige Kollegen aus dem Institut. Fast zur gleichen Zeit geht bei der Polizei die Nachricht ein, dass auf Korsika der Maler und Bildhauer Cornelius Faber bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Als sich herausstellt, dass die Ehepaare Kurz und Faber befreundet waren, geht Palu diesem Zufall nach.

Ein ganz normaler Kriminalfall, der auf Missgunst, Neid und Eifersucht basiert. Aber im Verlauf der Geschichte stellt sich heraus, dass viel mehr dahinter steckt: Verwicklungen, Intrigen, Macht- und Finanzspielereien, wie sie täglich im Bereich der Hochtechnologie stattfinden. Da sind plötzlich keine kühlen Köpfe mehr am Werk, die nichts anderes als ihr Produkt sehen. Kommissar Palu gerät nach und nach in den Sog unglaublicher Kräfteverhältnisse, die ihn selbst beinahe aus der Bahn werfen.

Rezension

Die Menschen in diesem Tatort sind so böse, dass wir paralysiert genug waren, um am Ende zu glauben, dass Palus Flamme ihm das Kochrezept klaut, um den Wettbewerb zu gewinnen, ähnlich, wie sich die Wissenschaftler gegenseitig ihre Erfindungen abjagen. Aber wenigstens eine funktionierende Beziehung gibt’s dann doch, in einem Krimi, in dem alles sich gegenseitig hintergehen und betrügen. Wir kennen eine ähnliche Konstruktion von einem Berlin-Tatort, und der spielt auch im Milieu der Hochtechnologie. Wo Wissenschaft im wirtschaftsnahen Bereich, da Gier und harte Konkurrenz, die möglicherweise tödlich ist.

Es gab tatsächlich im Saarland den Versuch, ein kleines Silicon Valley aufzubauen, dazu gehörten neben verschiedenen EU-geförderten Gründerzentren und Firmen auf den „Saarterassen“, dem zweiten Lehrstuhl für Rechtsinformatik neben dem in Karlsruhe auch ein Fraunhofer-Institut und eines der Deutschen Institute für Künstliche Intelligenz, dies alles an der Universität des Saarlandes. Das DFKI dient hier als Außenkulisse für die Firma, die hitzeresistente Werkstoffe entwickelt. Wie weit nach diversen Krisen noch Hochtechnologie am Standort Saar gemacht wird, wissen wir nicht, bis zu uns dringt wenig davon durch.

Dafür wissen wir sicher, dass das Drehbuch von Felix Huby stammt, der die Figur Ernst Bienzle erfunden hat und auch die meisten von dessen Tatorten schrieb. Das bedeutet, wir haben es mit einem Whodunit zu tun, der nach allen Regeln der Kunst konstruiert ist. Ja, so stellen wir’s uns vor. Nicht wie bei einem genialen Wissenschaftler, der ruft: „Heureka!“, sondern wie bei jemandem, der unzählige Handlungselemente aus vielen Jahren gesammelt hat und sie immer wieder neu kombiniert, wobei eine gewisse Steigerung darin besteht, die Zahl der Elemente immer wieder mal zu erhöhen. Wir sind zwar ganz gut mitgekommen, fanden den Fall aber trotzdem überladen. Dadurch waren die Möglichkeiten eingeschränkt, die Figuren lebendig werden zu lassen – Ausnahme natürlich Max Palu, der jetzt mit Erdgas kocht. Für uns in Berlin ist das ein alter Hut, obwohl es hier Stadtgas ist.

Der Titel ist nett gedichtet und hat auch einen nachvollziehbaren Bezug zum Inhalt und der Name von Frau Kurz ist wohl dem im Jahr zuvor in die Kinos gekommenen Film „Die fabelhafte Welt der Amelie“ zu verdanken. Er passt nicht so richtig zu dieser blonden Person, das könnte aber auch Ironie gewesen sein. Aber es ist ein französischer Film und es passt im Saarland allemal, dass man sich auf einen solchen bezieht.

Palu, das waren diese ferne Tatortzeiten, in der man noch die schönen Seiten des Saarlandes auf den Bildschirm brachte und in der das Essen eine wichtige Rolle spielt. Also, Leute, die keinen Bezug zur Haute Cuisine haben, gibt es überall, aber im Südwesten, nicht nur im Saarland, ist schon mehr Savoir-vivre angesagt als in Preußisch-Berlin. Obwohl Berlin angeblich überwiegend von Zugezogenen bewohnt wird, darunter viele aus dem Südwesten, findet eine Infiltration statt. Weißwein statt Weiße.

Der Name des Sternekochs, der am Schluss auftritt, sagte uns nichts, aber wir haben Vincent Klink mittlerweile gegoogelt. Es gibt im kleinen Saarland tatsächlich zwei Dreisterne-Restaurants, in Berlin weiterhin keines. Insofern ist Palu zwar eine ausgeprägte, aber nicht untypische Figur.  Und wohl der einzige Tatort-Ermittler, der sich nicht hauptsächlich an der Würstchenbude ernährt. Insofern war sein Abgang 2007 ein Kulturverlust.

Liegt auch gutes Essen schwer im Magen, wenn es mitten in einem so gedrängten Plot wie dem von „Amelie“ runtergewürgt werden muss? Selbst dann ist gutes Essen immer noch besser als schlechtes.

Optimal wär’s aber gewesen, wenn Felix Huby weniger hätte beweisen wollen, dass er aus konventionellen Elementen immer noch mehr rausholen kann, sondern mehr Wert auf die Ausgestaltung der Figuren gelegt hätte.

So bleibt die für saarländische Verhältnisse hochkarätige Besetzung leicht unterfordert, selbst dann, wenn sie, wie Rufus Beck, einen exzentrischen Wissenschaftler spielen darf. Die Figuren häufiger Tatortgäste wie Arndt Klawitter wirken ein wenig dünn gepinselt, dafür wird Udo Schenks Charakter dieses Mal nicht als böse, wohl aber als unfähig inszeniert.

Eindeutig zu übertrieben fanden wir die Sache mit dem Künstler, der auf Korsika verunglückt und dann lebendig wieder auftaucht, um den Wissenschaftler Kurz mal eben beim Laufen an der Saar entlang zu ermorden. Man sollte sich merken, immer wenn Leute im Ausland einfach so verschwinden, auch wenn es zunächst überhaupt keine Relevanz für die Geschichte zu haben scheint oder gerade dann – dann kehren sie zurück und tun schreckliche Dinge.

Im Grunde ist die Figurenanlage klasse – wie in dem Institut hin- und her intrigiert wird, das hätte man eben noch etwas ausführlicher darstellen können, die Idee dahinter haben wir aber verstanden: Wo Forschung Geld bedeutet, da gibt es keine Freundschaften. Frauen hingegen können Freundschaft, können auch lesbische Liebe und sogar Frau Braun kann Intrige. Das hat uns fast vom Hocker gehauen, wie sie Deininger instruieren wollte, hintenrum Palu anzuschwärzen, wegen lässiger Dienstauffassung.

Hätte Deininger sich von der Guten mal so richtig ausbilden lassen, dann wäre ihm später die Sache mit Kappl nicht passiert, der ihm vor die Nase gesetzt wurde. Aber wer Deininger in diesem Film von 2002 sieht und wie er ein wenig hilflos chargiert, der kann ihn sich beim besten Willen auch nicht als Leitenden Ermittler vorstellen.

Jochen Senf als Palu hingegen wirkt souverän. Druckvoll, knorrig, lediglich, wenn er Seit an Seit mit einem Verdächtigen auf dem Fahrrad und viel zu langsam hinter einem Kamerawagen herfahren muss, kommt er ins Trudeln. Befragungen von Drahtesel zu Drahtesel wirken linkisch, das hat man hoffentlich anhand dieser Szene erkannt.

Fazit

Die fiesen Figuren machen diesen Tatort unterhaltsam, die Handlung hat uns weniger überzeugt. Das Ambiente stimmt aber in diesem nunmehr 12 Jahre alten Saarland-Tatort noch, wohingegen die heutigen Filme den Eindruck erwecken, wir befinden uns in der DDR kurz nach der Wende, verlassene und abrissreife Bauten überall.

Gibt es eine Botschaft? Natürlich: Menschen werden zu Schweinen, wenn Geld lockt, und wer wollte ernsthaft bestreiten, dass da etwas Wahres dran ist. Die Botschaft ist nicht neu oder originell, aber sie ist wahr, und das macht es immer wieder interessant, einen Krimi anzuschauen, der sie transportiert.

Wir fanden „Alibi für Amelie“ unterhaltsam und die Figuren trotz ihrer zu knappen Spielzeit interessant, Jochen Senf hat das Maximale aus seiner Palu-Figur herausgeholt und bewiesen, dass man auch als physisch weniger hervorstechender Polizist Aussagen von Verdächtigen bekommen kann und außerdem der einzige ist, der eine echt nette Frau abbekommt.

7/10

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Max Palu – Jochen Senf
Stephan – Gregor Weber
Udo Retzlaff – Rufus Beck
Christian Keitel – Arndt Klawitter
Eliane Faber – Eva Kryll
Kathrin Lehmann – Alexandra Wilcke
Stephan Deiniger – Gregor Weber
Amelie Kurz – Ulrike Kriener
Margit – Tatjana Clasing
Eduard Dichgans – Udo Schenk

Regie – Hans-Christoph Blumenberg
Kamera – Achim Hasse
Buch – Felix Huby
Musik – Frank Nimsgern

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