Treffpunkt Friedhof – Tatort 56 #Crimetime 759 #Tatort #Essen #Haferkamp #Kreutzer #WDR #Friedhof #Treffpunkt

Crimetime 759 - Titelfoto © WDR (Der Film ist in Farbe)

Waffenbau und Frikadellenherstellungs-Exerzitium

Vermutlich wird dies eine relativ kurze Tatort-Kritik werden. Sie handelt von Frikadellen, davon, wie man einen Schlagbolzen absägt, woraufhin eine Waffe nicht funktionieren kann, wie man bei relativ einfachen Dingen schlampt und das sich auf den Eindruck auswirkt, den ein Film macht, aber natürlich ist auch viel Haferkamp drin. Dieses Mal sogar in der Horizontalen. Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Der Fahrzeugtuningspezialist und ehemalige Rennfahrer Robert Geffken schleicht sich bewaffnet in das Haus des Maschinenfabrikanten Zangemeister und wird von dessen Haushälterin Frau Naumann überrascht. Als sie ihn zu überwältigen versucht, wird sie von ihm erschossen. Er wartet auf Zangemeister und fordert 450.000 DM von ihm oder er werde seine Familie ermorden. Zangemeister ruft dennoch die Polizei, jedoch hat ihn Geffken abgehört und kehrt kurz ins Haus zurück. Als Warnung schießt er ihm in den Fuß.

Haferkamp schaltet sich ein und befragt in Zangemeisters Fabrik unter anderen den Ingenieur Schaßler. Schaßler gibt offen zu kein gutes Verhältnis zu seinem Chef zu haben. Im Krankenhaus berichtet Zangemeister dem Kommissar, dass er mit Schaßler um eine Abfindung für eine Erfindung im Rahmen der gleichen Summe gerungen habe, die der Erpresser verlangt. Haferkamp sucht Schaßler zu Hause auf und lernt seine Tochter Ellen kennen, die nach einem waghalsigen Fenstersprung ein steifes Bein behalten hat. Er folgt ihr nach dem ergebnislosen Gespräch mit ihrem Vater zur Werkstatt von Geffken.

Ellen beschuldigt Geffken, den Plan ihres Vaters, Zangemeister zu erpressen, in die Tat umgesetzt zu haben. Geffken räumt dies ein, meint aber er tue es nur für ihren Vater, damit dieser seine Anstellung nicht verlöre. Ellen glaubt ihm nicht, zumal die Höhe der geforderten Geldsumme ihren Vater für die Polizei verdächtig erscheinen lässt. Auch Schaßler selbst versucht auf Geffken einzuwirken und muss erfahren, dass dieser das absichtlich so geplant hat, um einen Verdacht von ihm selber abzulenken.

Geffken begibt sich zum Ort der Geldübergabe. Dabei wird er von Haferkamp verfolgt, kann ihn jedoch aufgrund seines schnelleren Wagens zunächst abschütteln. Frau Zangemeister wird von Geffken mit dem Geld durch halb Essen geschickt. Dadurch bemerkt er, dass Haferkamp und seine Kollegen die Übergabe weiterhin überwachen. Er fordert, das der Kommissar seine Männer abzieht und sie nicht weiter verfolgt, sonst werde er einen von Zangemeisters Neffen umbringen. An einer verlassenen Kreuzung auf dem Land überlässt Frau Zangemeister dem Erpresser das Geld.

Derweil hat Ellen einen Plan gefasst, dem verhassten Geffken sowie seiner Erpressung Einhalt zu gebieten und beschafft sich eine Walther PP. Sie studiert die Waffe genau und manipuliert den Schlagbolzen. Sie erzählt Haferkamp, dass sie sich mit Geffken auf den Friedhof treffen will, um ihn angeblich der Erpressung zu überführen. Mit dem Vorwand, sie habe ihn bei der Polizei angezeigt, lockt sie Geffken zum Friedhof. Haferkamp beobachtet sie. Sie bringt Geffken dazu die manipulierte Waffe zu nehmen und sie zu bedrohen. Als er abdrücken will und diese nicht funktioniert, erschießt Haferkamp ihn aus nächster Nähe. Ellens Plan hat funktioniert, doch Haferkamp hat es durchschaut. Er kann ihr es aber leider nicht beweisen.

Rezension

Eine Sache ist uns noch eingefallen: Wir müssen erwähnen, wie das Wort „Tuning“ in den deutschen Sprachgebrauch kam. Wir dachten bisher, Autos schneller machten, hieß Mitte der 1970er noch „Frisieren“. Aber schon damals war vermutlich doch aufgefallen, dass das Wort Verwechslungsgefahr birgt. Wer möchte schon, dass sein Liebling auf vier Gummireifen nach einem wegen zweideutiger  Beschreibung verpatzten Auftrag aussieht, als habe man ihm eine Dauerwelle verpasst? Über der Tuning-Werkstatt steht also tatsächlich „Tuning“. Und wer eignet sich als Tuner besser als ein ehemaliger Rennfahrer?

Der Einstieg in den Fall ist ziemlich seltsam. Dieses schreckliche Gewitter vom Tonband mit den mal mehr, mal weniger zeitversetzten Blitzen, manchmal auch Blitze ohne Donner oder umgekehrt, aber nicht zu erkennen, von wo nach wo das Gewitter zieht. Und ein Mann, der in ein Haus einsteigt, damals noch einfach mit Fenster einschlagen, nicht mit so einem schicken Schneidegerät, das keine Geräusche macht, es sei denn, das Fenster ist mit einer Alarmanlage verbunden. Dann ist es aber die Alarmanlage, nicht das herausgetrennte kreisrunde Scheibenstück, was für das Geräusch sorgt. Die Szene mit der Haushälterin und dann mit dem Hausbesitzer Zangemeister ist dermaßen steif gestaltet, dass es schon fast wieder kultig wirkt. Als dann Ehefrau Ellen ins Spiel kommt, wird alles etwas sämiger und natürlich tragen auch die Ermittler dazu bei, dass wieder sehr individualistisch wirkende Individuen auf dem Bildschirm zu besichtigen sind. Ach ja, der Sex mit der Ex, ein so schönes Thema. Haben wir gerade auch, in Liebe natürlich. Mal sehen, wie es sich entwickelt hat, wenn diese Rezension veröffentlicht wird. Das Leben bleibt ja nie stehen. Selbst in der Nacht rennt es wild umher, indem es wilde Träume produziert.

Der Tatort Nr. 56 müsste indes ein Alptraum für Heinz Haferkamp sein, denn er lässt sich von einer psychisch angeschlagenen, wiewohl sehr cleveren Frau benutzen, um deren – sic! – Ex-Lover um die Ecke zu bringen. Rache kann verzwickt sein. Diese Schlussszene wirkt beinahe so dilettantisch wie der Beginn, aber dazwischen bieten diese alten Filme Persönlichkeiten, über die man wenigstens nachdenken kann. Zum Beispiel der Vater der rachsüchtigen Frau. Sicher, 1975 kam das Wort Arbeitslosigkeit gerade in Mode, das wussten wir, anders als beim Begriff „Tuning“, bereits. Nach der ersten Ölkrise, der von 1974, wackelte zum zweiten Mal nach dem Krieg die westdeutsche Wirtschaft etwas. Es war die Zeit der Sonntags-Fahrverbote. Aber dass man in einem zweitklassigen Betrieb bleibt, betrogen, ausgebeutet, als versierter Maschinenbau-Ingenieur, ohne ersichtlichen Grund, anstatt von einem neuen Arbeitsplatz aus Klage zu führen, ist schon erstaunlich. Ebenso, wie leicht sich Männer hier manipulieren lassen. Sowohl der Rennfahrer als später eben auch Haferkamp. Vielleicht ist es die Schockwirkung, die entsteht, wenn eine schöne Frau ein Gebrechen hat.

Der Tatort Nr. 56 war wohl auch für einige Zuschauer ein Alptraum, jedenfalls gilt er als schwächster aller 20 Haferkamp-Fälle. Das heißt aber nicht, dass er ganz unten in der Rangliste steht, sondern derzeit immerhin etwa am unteren Ende des zweiten Drittels (Rang 713 von 1146) – das kommt daher, weil die Haferkamp-Filme alle mindestens „ordentlich“ gelten. Also Entwarnung? Uns hat es schon gestört, dass es mal Zangemeister, mal Zangemann heißt. Okay, der Fehler passiert nur einmal. Auffällig ist er trotzdem. Der Film wirkt insgesamt ein wenig fahrig und es ist weniger Haferkamp, trotz der Bettszene mit Exfrau Ingrid, als die Persönlichkeit von Ellen, die ihm doch eine respektable Statur und eine erkennbare Struktur verleiht. Auf diese Weise kommt man ganz gut durch die 81 Minuten Spielzeit, die sich aber anfühlen, als seien es etwa 90. Nein, so bunt wie am Ende der Haferkamp-Tatort, den wir zuletzt rezensiert haben („Wodka Bitter Lemon“) ist er nicht und auch nicht ganz so zeitgeistig, ebenfalls nicht so dicht in der Atmosphäre wie einige andere kriminalistische Werke mit dem Stolz der Essener Mordkommission.

Finale

Es ist jedoch immer wieder faszinierend, zu sehen, wie Haferkamp auf die Persönlichkeiten der Verdächtigen einsteigt. Das macht ihm bis heute kaum jemand nach. Da kann schon einmal die innere Distanz flöten gehen, ohne dass je die äußere Distanz überwunden wird. Das ist richtig gut und auf eine Weise berührend. Je mehr wir von Haferkamp gesehen haben, desto mehr haben wir den Verdacht, die Wurschtigkeit und der Unwille, den er häufig zeigt, wenn ein neuer Fall an ihn herantritt, kommt nicht daher, weil er lieber zu Hause sitzen und alten Schellack-Jazz hören würde, sondern weil er befürchtet, dass er sich innerlich wieder zu sehr engagiert. Einen Twist hat „Treffpunkt Friedhof“ aber auch deswegen, weil dieses Mal der Spieß umgedreht wird.

Der Essener Kommissar zählt zu jenen Ermittlern, die den Verdächtigen eine Falle stellen, wenn er anders nicht weiterkommt, wie etwa der französische Meister-Inspektor Maigret, sogar einer der Filme, in denen er den Verbrechern nachjagt, ist so betitelt. Dieses Mal aber ist er es, der in eine Falle geht. Dieses Mal stellt er nicht andere mit rechtlich nicht ganz einwandfreien Methoden, sondern wird selbst zu einem Tatwerkzeug, das glaubt, in Nothilfe zu handeln. Aber die höhere Gerechtigkeit wird nicht vergessen, denn er tötet jenen Mann, der, wir erinnern uns an die Erwähnung einer Haushälterin, bei einem Einbruch eine Person tötete. Aber so ganz zufrieden waren wir mit diesem Ende doch nicht. Nun ist uns doch noch ein bisschen was zu diesem 56. Tatort eingefallen.

6,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Wolfgang Becker
Drehbuch Werner Kließ
Produktion Werner Kließ
Kamera Gernot Roll
Schnitt Hannes Nikel
Besetzung

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