Gebrochene Herzen – Tatort 636 #Crimetime 762 #Tatort #Konstanz #Blum #Perlmann #SWR #Herzen #brechen

Crimetime 762 - Titelfoto © SWR, Gerd Hollenbach

Herzen und Seelen in Not

Zurück am Bodensee, zurück in Konstanz, mit Klara Blum mit Kai Perlmann, mit Beckchen, mit einer wunderschönen Landschaft und bei bestem Sommerwetter. Zurück in der Zeit, in der Eva Mattes eine Kommissarin spielte, die bis heute auf ihre Weise unerreicht ist. Von 2002 bis 2016 löste sie 31 Fälle, die meisten davon zusammen mit Perlman. Der zehnte Blum-Tatort, „Gebrochene Herzen“ wurde als Sommer-Wunschtatort des SWR im August 2020 wiederholt und erinnert an den allerersten Fall mit ihr, „Schlaraffenland“. Weshalb das so ist und vieles mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Seit Jahren sitzt Matthias Hecht wegen Vergewaltigung und Misshandlung der damals zehnjährigen Leonie König hinter Gittern. Seine Tat liegt als dunkler Schatten nicht nur über dem Leben von Leonie und ihrer Mutter Katharina, sondern auch über seiner eigenen Familie.

Die Hechts betreiben im Dorf einen Friseursalon, dem die Kunden ausbleiben, obwohl Familie Hecht sich von Matthias losgesagt hat. Auch bei der Beerdigung wollen sie ihn nicht sehen. Als Matthias Hecht am Grab des Vaters steht, wird auf ihn geschossen. Er wird lebensgefährlich verletzt, der ihn bewachende JVA-Beamte ist tot.

Klara Blum und Kai Perlmann müssen sich mit der Geschichte der Dorftragödie und den Verwundungen der beiden Familien auseinander setzen. Wurde Hecht ausgerechnet in dem Augenblick verletzt, als er seine Taten bereute und ein neues Leben beginnen wollte? Seine freiwillige Betreuerin Maria Eichhorn ist davon überzeugt, dass Hecht ein Beispiel für eine gelungene Resozialisierung ist, und hat sich sogar mit ihm verlobt. Doch weder seine Schwester Christiane noch Katharina König wollen von Hechts innerer Wandlung etwas wissen. Hat eine von ihnen die Vollstreckung selbst in die Hand genommen?

Rezension

Ich mag Klara Blums ruhige, konzentrierte und sehr einfühlsame Art und habe die Bodensee-Tatorte mit der Zeit immer mehr schätzen gelernt, auch wenn sie meist nicht spektakulär waren.

Vier Jahre nach der Ablösung von Blum und ihrem Co-Ermittler Kai Perlmann lässt sich sagen: Das Schwarzwald Team, das ihnen nachfolgte, ist zwar nicht uninteressant, mit ihm werden seit Neuestem sogar Experimente gemacht, die man am Bodensee nicht gewagt hätte, aber es wird schwierig sein, Meistertatorte wie „Herz aus Eis“ zu produzieren.

Wiederum vier Fahre vor dem Tatort mit dem Internat und seinen Zöglingen entstand bereits ein Konstanzer Tatort, der Herzen im Titel trägt. Aus Eis sind sie nicht, obwohl man auch Eis brechen kann. Das Zentrum des 636. Tatorts „Gebrochene Herzen“ umschließt gebrochene Herzen und geplagte, ja zerstörte Seelen, traumatisierte Menschen, die durch die Vergewaltigung eines damals zehnjährigen Mädchens schwer belastet wurden.

Durch die Arbeit mit der Tatort-Parallelreihe Polizeiruf 110 seit März 2019 haben sich gerade bezüglich der Darstellung von Sexualverbrechen in deutschen „Premium-Krimiformaten“ neue Aspekte ergeben. Man kann auch sagen, Tatorte müssen sich jetzt mehr anstrengen, dass ich sie als vergleichsweise gute Darstellungen dieses Themas empfinde. Denn als man diesem schwierigen, lange Zeit mit einem gesellschaftlichen Tabu belegten Sujet in den Polizeirufen bereits intensiv nach spürte, wagte man sich beim Tatort nicht an derlei dezidierte Darstellungen – entsprechend ungelenk und viel zu sehr aus vermeintlich der vermeintlichen sicheren Perspektiv beliebter Ermittler gefilmt wirkten in den 1980ern die ersten Versuche, sich dieser Verbrechenskategorie und der Tätergruppe der Vergewaltiger, Pädophilene, Frauenmörder anzunähern.

Oder: sich intensiv mit den Opfern zu befassen. Die Frankfurt-Schiene hat in den 2000ern mit den sensiblen Cops Dellwo und Sänger viel dafür getan, die Glaubwürdigkeit der Tatorte mit solcher Thematik zu steigern, Köln muss man ebenfalls nennen, aber auch „gebrochene Herzen“ trägt etwas eigenständiges, etwas Spezielles bei.

Auch dieser Film zeigt keine sehr ausgefeilte Täteranalyse, wie sie bei den DDR-Polizeirufen mit der Zeit immer mehr zu einem Sondermerkmal wurden, dafür habe ich bisher keine bessere Umfeld-Darstellung gesehen: Das Opfer, dessen Mutter, der Vater, die Mutter, die Schwester des Täters, eine Frau, die sich in den Täter verliebt – und das Dorf und die Männer.

Die Familie des Täters. Der Vater bringt sich gleich zu Beginn des Films um. Der zurückhaltende Mann leidet unter der Tatsache, dass sein Sohn ein Sexualverbrecher geworden ist, außerdem ist er geschäftlich ruiniert, weil aufgrund sozialer Sippenhaft der Friseursalon der Hechts nicht mehr läuft. Seine Frau ist ein eher harter Typ (sagt Klara Blum), die Tochter ebenfalls nicht sehr zugänglich. Nur der Hund ist der treue Gefährte, der nach dem Schuss aus dem eigenen Jagdgewehr an der Tür kratzt, sonst hat ihn erst einmal niemand bemerkt.

Man spürt sehr wohl, dass im Familiensystem etwas nicht stimmt, schon vor dem Verbrechen des Sohnes nicht gestimmt hat. Besonders beeindruckt hat mich die zurückgenommene, aber intensive Darstellung der Schwester durch Sandra Borgmann. Sie porträtiert die junge Frau als jemanden, dem man das Leiden nach mehreren Jahren Traumatisierung anmerkt. Sie hat kein erkennbares soziales Umfeld, wer will schon mit der Schwester eines Kindervergewaltigers …?

Trotzdem schafft es die Familie nicht, aus dem Ort wegzuziehen, Perlmann kommentiert das mit der Irrationalität der Menschen – was stimmt, aber man kann es auch etwas präzisieren. Ein System, das schon lange nicht richtig funktioniert, hat auch nicht die Kraft, sich aus einer solchen Lage zu befreien, in der auch die Eltern des Täters sich schuldig fühlen und die Schwester alle Ungerechtigkeit der Welt verspürt und ihren Bruder nie verstanden hat. Ist er ein Monster?, fragt sie Klara Blum, aber die weiß es auch nicht oder gibt ihre Meinung nicht preis – und das mag ich so an ihr. Lürsen aus Bremen oder Lindholm aus Hannover hätten garantiert Bescheid gewusst und den Zuschauer*innen Anweisungen gegeben – und ihm damit etwas von der Kraft des „Show, don’t tell“-Prinzips genommen, das sich am Bodensee mit der selbst traumatisierten, aber gerade deshalb besonders aufmerksamen Klara Blum gut umsetzen ließ.

Gut möglich, dass die eigene Familie den Delinquenten loswerden will, als er, begleitet von zwei Beamten aus der JVA, am Grab seines Vaters auftaucht, nachdem alle anderen bereits gegangen sind. Möglich wäre das auf jeden Fall gewesen.

Das Opfer, die Mutter. Ebenfalls denkbar: Die Mutter des Opfers war es – oder das Opfer selbst, das mittlerweile 15 jährige Mädchen, das durch seine Erlebnisse mit einem Mann, der ihr Sporttrainer war und den sie einst bewunderte und sich nach der Tat zu einer zurückhaltenden Einzelgängerin entwickelt hat. In der Tat hat die Mutter etwas mit dem Tod des Hecht zu tun, auf gleich zweifache Weise – indem sie eine andere Person manipuliert hat und dadurch, dass sie in der Klink auf ihn schießt, in die er nach dem Vorfall am Grab seines Vaters eingeliefert wurde.

Die Mutter wird vor allem verbittert gezeigt – und muss am Schluss eine unfassbare Tat begehen, um ihre Tochter zu schützen, weil sie glaubt, diese habe den Hecht aus Selbstjustizgründen am Grab angeschossen. Es gibt in diesem Film zwar sehr viele Waffen, aber daraus ergeben sich Fehlschlüsse. Frau König schießt im Krankenhaus auf Hecht mit der falschen Waffe. Erst dadurch ergibt sich sicher, dass die Opferfamilie sich nach der Beiseitzung von Vater Hecht nicht an dessen Sohn gerächt hat. Trotzdem geht Mutter König mit der Erzählung hausieren, dass Hecht sich überhaupt nicht geändert habe, siehe Brief – dieser Brief, mit dem Hecht sich die Chancen seiner zuletzt guten Sozialprognose verbaut, kommt Blum und Perlmann aber zu Recht seltsam vor.

Diese Familie hat also nicht vergeben, oder: Eher die Tochter, das Opfer hat es getan als die Mutter. Diese befürchtet vielleicht etwas, was im Film ebenfalls zur Sprache kommt: Dass die Täter sich reuig geben, um schneller entlassen zu werden – also nette, sanfte Briefe schreiben, es aber nicht so meinen und dass man daher gut daran tue, deren Briefe zu fälschen, damit sie schön lange hinter  Schloss und Riegel bleiben.

Die Helferin. Hat Maria Eichhorn, die ehrenamtlich in der Gefangenenbetreuung arbeitet und hauptamtlich Altenpflegerin ist, ein übertriebenes Helfersyndrom? Diese Kombination lässt beinahe darauf schließen und eine realistisch-robuste JVA-Beamtin unterstellt es ihr. Auch diese Beamtin vertritt die These: Die Täter faken oft ihre Reue und außerdem ist es unfassbar, wie leicht sie an Frauen herankommen, wieviele weibliche Fans (mit Helfersyndrom, angenommenermaßen) sie haben. Während man selbst niemanden abkriegt, in dieser etwas engen Welt. Merke: Sowohl Frau König als auch die Schwester des Täters als auch diese Beamtin haben keine Beziehung. Wie übrigens auch „Schönling“ Perlmann und Klara Blum, sie ist allerdings Witwe.

Frau Eichhorn wird von ihren hohen ethischen Ansprüchen geleitet und vor allem vom christlichen Gedanken der Vergebung, nicht vom alttestamentarischen der Vergeltung Auge um Auge etc. Sie baut eine nicht unproblematische Beziehung zu Hecht auf – und merkt nicht, dass ihre extreme Haltung daher kommt, dass sie selbst ein Kindheitstrauma nicht bewältigt hat: Den (mindestens) sexuellen Missbrauch durch den Onkel, der auch noch in dem Seniorenheim lebt, in dem sie arbeitet, mit dem sie also weiterhin Kontakt hat. Dass sie von einem weiteren Mann, Hecht, enttäuscht zu werden glaubt, wo sie doch so die heilende Graft des Verziehens in den Vordergrund stellt, verkraftet sie nicht und schießt auf ihn. Ungeübt, wie sie ist, sehr ungenau, dafür mit der Armeepistole ihres Onkels. Wenn dies nicht symbolisch dafür steht, dass sie mit ihrer eigenen Kindheit und dem Verhalten des Onkels nicht fertigt wurde, weiß ich’s auch nicht.

Deswegen konnte sie auch nicht den vermeintlichen Brief von Hecht in der JVA abgeben oder zur Polizei damit gehen, der Impuls, die große Enttäuschung privat zu sanktionieren, war zu groß.

Vielleicht kann man es fragwürdig finden, dass Blum und Perlmann nicht gegen sie ermittelt haben, aber es schien ja kein Blatt zwischen sie und Hecht zu passen und ihre Erschütterung angesichts von dessen Schicksal wirkt zunächst sehr echt. Was ich dann allerdings etwas übertrieben fand, war das kleine Lächeln am Krankenbett. Oder? Es resultiert vielleicht (auch) daraus, dass sie es letztlich nicht war, die seinen Tod ausgelöst hat. Sie war es aber doch, denn er war vor dem Schuss von Frau König schon  hirntot.

Die zusätzliche Verstrickung. Die ohnehin schwierig zu bewertende Lage von Schuld, Vergebung, Vergeltung wird durch einen zusätzlichen Umstand verkompliziert: Die Person, die auf den Hecht schoss, am Grab, zielte nicht sehr genau und traf mit einem Schuss zunächst einen der beiden JVA-Beamten, dann erst ging die Kugel in Hechts Stirn – und blieb, in der Geschwindigkeit abgeschwächt durch die erste Berührung mit einem menschlichen Körper, in dessen Schädelknochen, in der Stirn, stecken. Nach meiner Ansicht stimmt an dieser Darstellung ballistisch etwas nicht, so, wie die Szene gefilmt wurde, aber bei diesem Film spielt eher eine untergeordnete Rolle.

Prämisse: Nur wer vergeben kann, findet seine Ruhe. Und sei es nach dem Tod. Genau so werde ich das auch machen: Meinen Schuldnern nach deren Tod vergeben, dann können sie wenigstens nicht mehr dämlich reagieren und mir damit weiteren Stress machen.

Die Dialektik, mit der diese Prämisse behandelt wird, ist tiefgründig, differenziert und nachvollziehbar gleichermaßen. So überzeugend wird sehr selten dargestellt, wie eine Tat sich fortfrisst durch die Jahre und in der Gegenwart nicht endendes Leid – und für weitere Gewalt sorgt. Die Schwierigkeiten, die alle Beteiligten haben, diese negative Energie irgendwann zu absorbieren, treten plastisch hervor. Und nun muss man sich vorstellen, in wie vielen Familien-Blackboxen es zu psychischer oder physischer Gewalt, zu Missbrauch, zu Vernachlässigung kommt, wie viele falsche Werte vermittelt und falsche Muster gelebt werden. Dann kann man zumindest ahnen, warum unsere Geselllschaft ist, wie sie ist. Hinzu tritt der Einfluss der genetischen Ausstattung und eine Meinung in der heutigen Biogenetik besagt zudem, dass Gene ihrerseits (auch) das transportieren, was sich aus der Familienaufstellung ergibt.

Aber wie soll man da rauskommen, wenn man anhaltend traumatisiert ist? Einige schaffen es, sich abzuschotten, indem sie brutal und herzlos werden, die anderen müssen es dann aushalten.

Durch den Tod des Beamten von der Justiz bleibt das bisherige System auch nicht erhalten, sondern erweitert sich, es gibt neue Opfer, neue Traumata – die glücklich wirkende Familie des Beamten. Und Frau Eichhorn natürlich. Die Frau des Beamten hat es trotz ihrer großen Trauer offenbar noch am leichtesten, denn sie vergibt der Frau, die versehentlich ihren Mann umgebracht hat.

Blums eigenes Trauma. Kein Wunder, dass Klara Blum dadurch getriggert wird, hat doch ein Verbrecher auf der Flucht ihren Mann erschossen, der auch dientlich ihr Partner war. Parallel zum Täter Hecht will auch derjenige, der Blums Mann getötet hat, Kontakt im Sinne des Täter-Opfer-Ausgleichs aufnehmen und Blum begehrt auf: Sie will sich nicht für eine gefakte Reueaktion missbrauchen lassen. Man erfährt nicht, wie sie letztlich handeln wird, unter dem Eindruck des Geschehens.

Die klare und zurückhaltende Art von Klara Blumen, die nicht verurteilt, die aber so wunderbar schauen kann, als wenn sie über die Seelen anderer mehr wissen als diese selbst, ist auf der einen Seite  perfekt geeignet, um einen solchen Fall in die richtige Richtung zu lenken, die richtige nachdenklich-traurige Stimmung zu schaffen – andererseits merkt man in diesem Film auch die Grenzen dieser Darstellung: sie wirkt in gewissem Sinne kompetenter, als sie wirklich ist, denn auch sie ahnt nicht, was man als früh Zuschauer schon relativ früh ins Kalkül zieht: Dass die junge Frau, die als Altenpflegerin arbeitet und ehrenamtlich Häftlinge betreut, die Täterin sein könnte. Ein Motiv dafür kann man freilich erst einmal nicht erkennen.

Einiges bleibt offen, z. B.: Wer wusste nun wann genau, dass der Brief von Hecht gefälscht wurde? Hingegen wird gezeigt, wie Familie Hecht am Ende doch wegzieht. Gut so. Das ist nach meiner Ansicht in deren verfahrener Situation die Grundvoraussetzung für die Entflechtung der inneren Verstrickungen.

Exkurs: Täter-Opfer-Ausgleich.

Der Täter-Opfer-Ausgleich ist eine Möglichkeit zur Zusammenwirkung von Straftäter und Tatopfer, um einen Konflikt außergerichtlich beizulegen oder zumindest durch das Bemühen des Täters für diesen eine Strafmilderung im Strafprozess zu erlangen.

Der Täter-Opfer-Ausgleich ist in § 155a, § 155b StPO und § 46a StGB niedergeschrieben. Er gilt als ein Element der Umgestaltung des Strafrechts, um auch die Opferperspektive stärker in das Gerichtsverfahren einzubeziehen.

Das Jahr 2006 war nicht direkt zwingend, um einen Film zu machen, der (sehr geschickt) dieses neue Element der Strafrechtspflege behandelt. Er stufenweise in den 1990ern und bis zum Jahr 2000 eingeführt.

Dem soll nun der Täter-Opfer-Ausgleich entgegenwirken, indem er auch das Opfer in den ausgleichenden Sühneprozess des Täters mit einbezieht und so dem Opferschutz innerhalb des Strafrechts zu Geltung verhilft. Dies kann wie angedeutet nicht im Rahmen des üblichen strafrechtlichen Ablaufs geschehen, in dem der Staat nur als vergeltende Instanz auftritt. Vielmehr soll das Opfer von der Strafe des Täters in irgendeiner Weise profitieren und dementsprechend eine gewisse Entschädigung erhalten. Darüber hinaus wird das Opfer beim Täter-Opfer-Ausgleich (im Gegensatz zum Gerichtsprozess, wo es in erster Linie als Zeuge dient) in seiner emotionalen Situation und mit seinen materiellen Forderungen wahrgenommen.

Zum besseren Verständnis kann dem Täter-Opfer-Ausgleich gewissermaßen der zivilrechtliche Ausgleichsgedanke des Schadensersatzes zugrunde gelegt werden. In diesem Fall hat der Täter für den Schaden, den er dem Opfer verursacht hat, aufzukommen. Darin stecken nun einerseits die Strafe des Täters für sein Handeln, nämlich die Geldzahlung, andererseits aber auch eine Entschädigung des Opfers, das von der Strafe effektiv etwas erhält. Auf dieses Prinzip baut der Täter-Opfer-Ausgleich ebenfalls auf: Täter und Opfer werden nach der Straftat in eine gewisse Wechselbeziehung gebracht, aus der ohne unmittelbare Einwirkung des Staates ein Ausgleich zwischen beiden Parteien erreicht werden soll, der gleichzeitig den Täter straft und das Opfer entschädigt. Dies kann in Einzelfällen schon erreicht sein, wenn der Täter sein Unrecht begreift und das Opfer ihm vergibt.

Die zivilrechtliche Komponente ist übrigens sehr, sehr alt und entspricht dem „Wergeld“ der germanischen Rechtsordnung, die noch nicht sehr moralisch mit Körperverletzungs- und Tötungsdelikten umgegangen ist, sondern wo es vor allem darum ging, den Wer eines Menschen danach zu taxieren, wie groß sein Verlust für dessen Sippe sein würde. Ich finde das heute noch sinnvoller als ewige Rachefehden, die dazu führen, dass die Zivilisation sich nicht weiterentwickeln kann. Eine Bewertung der Vergeltung durch den Staat, von Prävention und Resozialisierung sowie von Vergebung als Komponenten heutiger Strafrechtspflege habe ich damit nicht vorgenommen, weil sie in einem ganz anderen Verhältnis zueinander stehen als die pragmatische Form germanischer Rechtsprechung bei Kapitalverbrechen. Selbst bei Notzucht war Wergeld eine übliche Sühneform.

Eine Bewertung des Täter-Opfer-Ausgleichs nehme ich hier nicht vor. Es gibt keine perfekte Regulierung von Verbrechen, in denen Menschen ihre Liebsten verloren haben, aber zumindest ist es eine Idee, die, wenn alle aufrichtig sind, dem inneren Frieden aller Beteiligten gelten kann. Ich war noch nie in einer Situation als Opferangehöriger, auch deswegen möchte ich mich diesbezüglich etwas zurückhalten. Im Grund ist es ähnlich mit der Resozialisierung oder damit, Sexualtraftäter überhaupt je wieder freizulassen oder ihnen nur Freigang zu ermöglichen. Das Risiko, dass sie rückfällig werden, lässt sich nicht vollkommen ausschließen und Fehlbewertungen ihres Sozialverhaltens sind leider nicht selten – zumindest in Fernsehkrimis.

Sowohl der Aspekt, dass eine Tat nicht mehr rückgängig machen lässt, wie auch die psychologische künftige Situation, die Aufstellung, die sich durch einen Akt der Vergebung und durch eine Katharsis positiv verändern kann, halte ich auf jeden Fall für überlegenswert. 

Exkurs 2: Schuss auf einen Hirntoten. 

Ende des menschlichen Lebens. Der genaue Zeitpunkt des Todes ist gesetzlich nicht definiert. Nach dem klassischen Begriff tritt der Tod mit dem Stillstand von Atmung und Kreislauf (sog. Herztod oder auch klinischer Todesbegriff) ein. Da die medizinischen Möglichkeiten einer Reanimation (Wiederbelebung eines Menschen, nachdem Atmung und Kreislauf zum Stillstand gekommen waren) in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen sind und nunmehr auch Beatmung und Ernährung eines Menschen auf künstlichem Wege möglich sind, muss der strafrechtliche Todeszeitpunkt über den Herztod hinausgehen. Im Zuge der Regelungen von Organentnahmen zu Transplantationszwecken hat der Gesetzgeber den Todesbegriff in §3 Abs. 2 Transplantationsgesetz (BGBl. 1997I, S.2631 ff.) konkretisiert. Danach ist der Begriff des Gesamthirntodes, in der Praxis verkürzt als Hirntod bezeichnet, maßgebend. Somit tritt der Tod eines Menschen strafrechtlich erst ein, wenn ein nicht behebbarer Ausfall des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach Verfahrensregeln, die dem Stand der Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist. Für die Hirntod-Diagnose aktualisiert der wissenschafliche Beirat der Bundesärztekammer ständig den Katalog von Symptomen (§ 16 Abs. 1 Nr. 1 TPG); z.B. reaktionslose Pupillenerweiterung; Fehlen von Schmerzreaktionen und bestimmten Reflexen; Nulllinie im Elektroenzephalogramm.

Kann man aber über die Organe eines Mannes befinden, auch wenn auf ihn nach dem Hirntod geschossen wurde und er danach unzweifelhaft nach allen möglichen Bestimmungsarten tot ist? So, wie seine Schwester es hier tut („Dann ist er wenigstens zu etwas nütze“), wenn keine entsprechende Patientenverfügung vorliegt? Ja, in 90 Prozent der Fälle sind es in der Tat die Verwandeten, die „nach dem mutmaßlichen Willen“ des Toten zu entscheiden haben. Dieser spielt in „Gebrochene Herzen“ erkennbar eine untergeordnete Rolle, aber warum soll das Herz eines Menschen, der die Herzen so vieler gebrochen hat, nicht tatsächlich noch etwas Gutes tun? Das wäre zwar kein direkter Täter-Opfer-Ausgleich, aber auch eine Sühneform.

Finale

„Gebrochene Herzen“ ist ein kluger, insgesamt glaubwürdiger Film, der von den Figuren lebt, die nicht exzentrisch, sondern eher zurückgenommen und daher authentisch als Menschen wirken, die auch unsere Nachbarn sein könnten und die Handlung ist zumindest stimmig, wenn auch an ein paar Stellen nicht zwingend. Das ssogar etwas Humor beigegeben wurde, ohne dass dadurch das Thema so wirkt, als wenn man es mit einem falschen Ton behandeln wolle, ist ebenfalls beeindruckend.

Mir fällt kein anderer Bodensee-Tatort ein, indem Perlmann in seiner in seiner Rolle als „liebenswerter Schnösel“ so herausgestellt wird wie in diesem Film. Man lässt auch ein bisschen durchblicken, dass das extreme Achten auf Äußerlichkeiten, von mangelhafter Bindungsfähigkeit egleitet wird. Dafür die kurze Klassenfahrt-Szene: Mitschüler*innen haben bereits Kinder und haben Themen, über diese sich austauschen können, die ihm verschlossen sind. Der sich immer selbst spiegelt, wird sich nicht Kinden wiedererkennen. Es gibt unzählige Menschen, denen es so geht.

In Zusammenhang mit seinen Ermittlungen wird auch die Dorfgemeinschaft ein wenig beleuchtet, die vielen Sportschützen, das alles andere als gewaltfreie Klima, und Perlmanns Rachegelüste, die er auslebt, indem er alle Gewehre untersuchen lässt, auch wenn klar ist, dass keines von ihnen die Tatwaffe sein kann, sind tricky und hier wird das Archaische schön durchgespielt. Sie haben ihn vermöbelt, er versucht auf eine leicht hilflose Art, Vergeltung zu üben. Dass die Männer so zornig sind, weil sie nach er Vergewaltigung des Mädchens alle zum DNA-Test mussten, wirkt zunächst nachvollziehbar. Ist es aber nicht: Denn da alle es machen mussten, wird niemand diskriminiert. Vielmehr kommt hier zum Vorschein, dass viele Männer eine verdächtige Abwehrhaltung einnehmen, die in diesem Film als Subtext unterlegt ist: Sie haben zwar nicht dieses Mädchen vergewaltigt, aber sie werden auf ihre eigene Gewalttätigkeit gestoßen, z. B. ihrer Kernfamilie gegenüber.

„Gebrochene Herzen“ hat nicht ganz den Impact wie „Herz aus Eis“, dafür macht er sehr, sehr nachdenklich. Daraus ergab sich, dass diese Rezension die umfangreichste geworden ist, die ich seit langer Zeit für einen Tatort geschrieben habe. Die gleiche Punktzahl.

9/10

 © 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klara Blum – Eva Mattes
Kai Perlmann – Sebastian Bezzel
Frau Hecht – Marita Breuer
Matthias Hecht – Clemens Schick
Frau König – Annette Uhlen
Leonie – Alice Dwyer
Christiane Hecht – Sandra Borgmann
Annika Beck – Justine Hauer
Lucha – Bernhard Leute
u.a.

Drehbuch – Dorothee Schön
Regie – Jürgen Bretzinger
Kamera – Christoph Feller
Szenenbild – Joachim Schäfer

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