Sturm über Washington (Advise and Consent, USA 1962) #Filmfest 205

Filmfest 205 A

2020-08-14 Filmfest ADer Glanz überstrahlt die langen Schatten

Otto Preminger zählte sicher zu den besten Hollywood-Regisseuren, die nie einen Oscar erhielten. Am dichtesten dran war er sicher bei dem herausragenden „Anatomie eines Mordes“ (1959), doch in jenem Jahr waren alle auf den Monumentalstreifen „Ben Hur“ eingeschworen und „Anatomie“ erhielt trotz sieben Nominierungen keine Statue. Außerdem war der Film einer von jenen kontroversen Produktionen, mit denen Preminger seiner Zeit manchmal um ein paar Jahre voraus war. Wenn man dem IMDb-Listing glaubt, weist das Werk von Preminger qualitativ eine große Spannweite auf, aber das ist bei Filmemachern nicht unüblich, die für ihre Studios auch Routine-Streifen zu inszenieren hatten. Ein Routinefilm ist der hochkarätig besetzte „Advise and Consent“ sicher nicht, deswegen gibt es einiges über ihn zu berichten. Es steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Der liberale Professor Robert Leffingwell wird als Kandidat für den Posten des Außenministers der USA vorgeschlagen. Der Vorschlag kommt vom in seiner zweiten Amtszeit amtierenden Präsidenten der USA, der schwer erkrankt ist und das Amt des Außenministers nach seinem Tod in sicheren Händen wissen will.

Als Prüfungsgremium muss der Senat der Vereinigten Staaten die vorgeschlagenen Kandidaten prüfen und die Kandidatur genehmigen oder verweigern. Im Senat herrscht ein Kampf zwischen den Anhängern und den Gegnern des Präsidenten. Dieser Kampf wird zum Teil sehr hitzig geführt. Gegen die Nominierung spricht sich insbesondere der erfahrene Politiker Seabright Cooley aus, obwohl er in der derselben Partei ist: Er hat noch eine alten Streit mit Leffingwell zu begleichen. Unterstützt wird Leffingwell durch den Mehrheitsführer Munson, der dem Präsidenten treu ergeben ist, und dem machthungrigen und demagogischen Senator Van Ackerman. Den Vorsitz des Prüfungsgremiums wird dem jungen Senator Brig Anderson verliehen, sehr zum Ärger von Van Ackerman, der sich Hoffnungen auf den Posten gemacht hatte.

Vor dem Gremium sagt nach Einladung von Cooley der nervöse Finanzbeamte Herbert Gelman als Zeuge aus. Gelman berichtet, dass er an der University of Chicago für kurze Zeit mit Leffingwell in einer kommunistischen Zelle war. Das ist besonders brisant, da sich Leffingwell für eine entspanntere Politik mit der Sowjetunion einsetzt. Er bezeichnet sich als unschuldig und kann Gelman vor dem Gremium erfolgreich als Lügner darstellen. Der idealistische Anderson, der sich mit den politischen Grabenkämpfen nicht anfreunden kann, erfährt allerdings mithilfe Cooleys, dass Leffingwell vor dem Gremium gelogen hat und tatsächlich einmal Kommunist war. Er fordert den Präsidenten auf, den meineidigen Leffingwell von der Kandidatenliste zu streichen. Der Präsident will allerdings an seinem Kandidaten festhalten.

Anderson will sich nicht für Leffingwell als Außenminister einsetzen, wodurch Van Ackerman zu seinem Feind wird. Er erpresst den jungen Familienvater Anderson mit einer homosexuellen Liebesbeziehung aus der Vergangenheit. Anderson begeht schließlich Selbstmord. Später wird Van Ackerman von Mehrheitsführer Munson darauf aufmerksam gemacht, dass man von seiner Erpressung wisse und Leute wie ihn nicht in Washington haben wolle.

Bei der Abstimmung im Senat, ob Leffingwell Außenminister werden solle, herrscht nach einer hitzigen Debatte Gleichstand. Der Vizepräsident Hudson – ein freundlicher, aber von seinen Kollegen aus Washington oft ignorierter Mensch – ist zugleich Präsident des Senats. Man erwartet, dass Hudson für Leffingwell stimmt, doch macht er von seinem Recht keinen Gebrauch, denn der US-Präsident ist während der Abstimmung gestorben. Hudson ist damit nun neuer Präsident und kündigt an, seinen eigenen Außenminister wählen zu wollen, während Munson den Senat zum Gedenken an den verstorbenen Präsidenten aufruft.

Hintergrund (1)

Allen Drury, der Autor der literarischen Vorlage, arbeitete als politischer Korrespondent für die New York Times, als er den Roman schrieb. Für sein Werk erhielt er 1960 den Pulitzer-Preis.

Regisseur Otto Preminger war dafür bekannt, in seinen Filmen publikumswirksam damals kontroverse Themen aufzugreifen, in diesem Fall Homosexualität.[2] So gilt Sturm über Washington als erster Hollywood-Film nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer Szene in einer Schwulenbar. Weitere Aufmerksamkeit erzielte Preminger mit der Behauptung, er habe Martin Luther King für eine Nebenrolle als afroamerikanischer Senator gewonnen (obwohl es damals im echten Senat keine schwarzen Senatoren gab).[3][4] Die Meldung stellte sich allerdings als Fehler heraus, zwar hatte King über Premingers Rollenangebot nachgedacht, es aber schließlich abgelehnt. King bemerkte, dass sein Auftritt nicht der Bürgerrechtsbewegung geholfen und außerdem möglicherweise für Feindseligkeit gesorgt hätte.[5] Henry F. Ashurst, ein damals 87-jähriger Senator im Ruhestand, ist in zwei Szenen als schläfriger Senator zu sehen. Ashurst erwacht dabei aus seinem tiefen Schlaf, um automatisch „Opposed, sir! Opposed!“ zu rufen.

Für Charles Laughton war sein streitbarer Senator Sturm über Washington die letzte Rolle, er litt bereits während der Dreharbeiten an seiner Krebserkrankung. Dagegen ist Betty White in einer Nebenrolle als junge Senatorin in ihrem Kinofilmdebüt zu sehen. In den 1980er und 1990er Jahren wurde sie als Rose in der Fernsehserie Golden Girls bekannt. Peter Lawford, der den Senator und Frauenhelden Lafe Smith spielt, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten durch seine Ehe mit Patricia Kennedy Schwager von US-Präsident John F. Kennedy. Seine Figur wurde oft als an John F. Kennedy angelehnt gesehen.

Der fünfmalige Oscargewinner Lyle R. Wheeler war für das Szenenbild verantwortlich. Columbia Pictures verwendete für die Senatsszenen dasselbe Filmset, das bereits 23 Jahre zuvor bei Mr. Smith geht nach Washington von Frank Capra zum Einsatz kam.[6]

Frank Sinatra steuerte für den Film eine im September 1961 entstandene spezielle Aufnahme des von Jerry Fielding und Ned Washington geschriebenen Liedes Heart Of Mine (Song from ‚Advise and Consent‘) bei. Sie erklingt in der Szene in der Schwulenbar aus der Jukebox.

Rezension

„Advise and Consent“, wie der Politthriller aus dem Jahr 1962 im Original viel beziehungsreicher, wenn auch weniger poetisch heißt, ist nach Meinung der IMDb-Nutzer eindeutig ein Highlight in Premingers Filmografie und findet sich t mit 7,7/10 (Stand 22.07.2020) auf Platz 4 hinter dem Gerichtsdrama „Anatomie eines Mordes“, dem stilvollen Film noir „Laura“ und dem ersten großen Film über die Flucht von alliierten Soldaten aus einem deutschen POW-Camp „Stalag 17“. Diese drei Filme erhalten jeweils 8/10 und spiegeln damit auch ein wenig die Tragik von Premingers Arbeit: Alle drei liegen knapp unter der Grenze, mit denen sie die Top 250 aller Zeiten der IMDb erreichen würden (derzeit 8,1/10). Der erste Film von Otto Preminger, den ich für den Wahlberliner rezensiert habe, war „Der Mann mit dem goldenen Arm“ (1955) mit Frank Sinatra in einer fordernden Rolle als Junkie, die er sehr gut bewältigt hat. Auch dieser Film zählt zu den Meilensteinen in Premingers Werk, weil Heroinsucht zuvor nie so direkt und schmerzlich auf die Leinwand gekommen war. Kürzlich angeschaut und rezensiert, die Rezension wird in den nächsten Monaten auf dem Filmfest erscheinen: „Exodus“ über die Staatsgründung Israels im Jahr 1948.

Ist „Advise and Consent“ ebenfalls ein Meilenstein? Politthriller waren in den frühen 1960ern mit einem Mal in Mode, Washington war hip wie selten zuvor und der Grund klar: Der Glanz der Macht und der Demokratie hatten mit der Präsidentschaft John F. Kennedys einen Höhepunkt erreicht. Durch seine Ermordung 1963 kam eine mythische Verklärung hinzu, die sich unter anderem dadurch ausdrückte, dass bei einer Umfrage danach zwei Drittel aller Teilnehmenden angegeben hatten, ihn 1960 gewählt zu haben. Er gewann aber sehr knapp und vermutlich mit gekauften Stimmen gegen „Tricky Dick“ Richard Nixon, seinen republikanischen Herausforderer.

Um Stimmenkauf geht es in „Advise and Consent“ zwar nicht, aber um Tricks, mit denen man die Zustimmung zu einem vom Präsidenten gewünschten Mann für den wichtigen Außenministerposten erreichen kann. Die Handlungsbeschreibung ist zwar korrekt, aber sie verzerrt ein wenig das Bild: Der Kandidat Leffingwell wird von Henry Fonda gespielt und trotz der leicht arroganten Haltung, die ihn schon in „Die zwölf Geschworenen“ auszeichnete, wirkt er überwiegend sympathisch und mit seiner Wendung vom Kommunisten zum Linksliberalen scheint er wie geschaffen für die Zeit der Entspannung zwischen den Blöcken, die sich nicht zuletzt durch die Kubakrise von 1962 als dringend notwendig erwiesen hatte. Diese war allerdings noch nicht auf ihrem Höhepunkt, als der Film gedreht und veröffentlicht wurde. Man konnte ihn erstmals auf den Filmfestspielen von Cannes im Mai 1962 sehen, die Raketenkrise, welche die Welt an den Rand eines Atomkriegs führte, ereignete sich erst im Oktober 1962.

Keine Frage, dass „Advise and Consent“ vor allem von seiner herausragenden Besetzung lebt. Viele Stars der vergangenen Jahrzehnte spielen hier erfahrene Männer des Senats, allen voran natürlich Charles Laughton als Senior Senator von South Carolina, der als einziger im weißen Tropenanzug zu Debatten erscheint und sich damit als südstaatlicher Demokrat aus der Zeit zu erkennen gibt, als die Republikaner eher die progressive Partei waren und der den alten Süden und die alten Werte der Stärke und des Hurra-Patriotismus mit großer Wortgewalt vertritt. Nicht so plump wie Trump, ein solcher politischer Stil war damals nicht üblich oder wäre dem eher gebildeten Publikum, das sich solche Filme anschaute, unglaubwürdig vorgekommen, aber doch erkennbar mit der Maxime „America first“ unterwegs, außerdem natürlich mit der damals wichtigen Kombination: Antikommunismus gehört auch dazu. Die McCarthy-Ära, die auch in Hollywood für viel Wirbel sorgte, hallt in dem Film sehr stark nach, der trotz Leffingwells Jugendsünde als Mitglied einer konspirativen linken Gruppe, die als solche nicht positiv kommentiert wird, eindeutig Sympathie für einen weltoffenen politischen Kurs zeigt.

Deswegen ist auch das Verhalten von Leffingwell und das des alten, kranken Präsidenten, der ihn unbedingt als Außenminister haben möchte, um sein politisches Erbe zu sichern, nicht einfach zu beurteilen. Auf rechtlicher Ebene ist die Sache und lässt sich nicht negieren: Leffingwell schwört vor dem Ausschuss einen Meineid. Andererseits ist die Art, wie er angegriffen wird, eine jener typischen Finten dreckiger Politik, die integere oder geläuterte, hochbegabte Menschen von wichtigen Ämtern fernhalten und den wenig inspirierten Durchschnittspolitiker privilegiert, der gut vernetzt ist, gerne im Hintergrund Fäden zieht und auch gerne korrumpierbar ist, wie wir leider mittlerweile auch in Deutschland fast täglich sehen. Dieser stromlinienförmige und weitgehend von Werten befreite Typus ist immer noch weltweit führend, wird aber zunehmend von Populisten anstatt von brillanten, progressiven Denkern verdrängt. Ein vielleicht etwas narzisstischer, aber kluger Kopf wie Leffingwell, der im Lehrbetrieb arbeitet und daher keine Hausmacht in der demokratischen Partei der USA hat, kann sich politisch selten und noch seltener auf Dauer durchsetzen. Auch wenn der Begriff negativ besetzt ist, die repräsentative Demokratie ist im Wesentlichen auf Kaderparteien basiert, und die Granden jener Parteien lieben die Quereinsteiger nicht und jene, die sich ihre Karrieren im Baukastensystem erarbeiten, tun es ebenfalls nicht.

Das ist nach meiner Ansicht überhaupt der Grund für die Handlung des Films: Erfahrene Senatoren, die dem Präsidenten treu zur Seite stehen, müssen für Leffingwell erst einmal eine Mehrheit in der eigenen Partei organisieren, damit sie ihn anschließend gegen die Opposition durchsetzen können und im Wege dieser Tätigkeit kommt es zu etwas, das es in Deutschland leider nicht gibt: Zu einem Ausschuss, der den Kandidaten befragen kann und der auch mit Politikern der Opposition besetzt ist.

Dass dabei der schärfste Widersacher aus der eigenen Partei kommt, jener von Charles Laughton verkörperte Südstaaten-Senator, ist sicher eher die Ausnahme – in einem solchen Verfahren. Aber es entspricht auf höherer Ebene dem Verfahren der Vorwahlen in den USA, in dem die Schlammschlachten zunächst im eigenen Lager ausgetragen müssen, bevor man überhaupt gegen den oftmals auf dieselbe Weise bestimmten Kandidaten der anderen großen Partei antreten darf. Bei Präsidentschaftswahlen, wohlgemerkt. Dieses Verfahren ist im Vergleich zur eher kameralistischen deutschen Vorgehensweise der Bestimmung des Regierungschefs oder der Regierungschefin höchst aufwendig, aber auch sehr spannend und entspricht dem amerikanischen Hang zur großen Show und zum allumfassenden Wettbewerb.

Um die Gemengelage so komplex wie möglich zu gestalten, wird der Mann mit dem sehr schön sprechenden und schwungvollen Namen Leffingwell (klingt nach Leftie = Linker und beinhaltet „gut“, er ist also ein guter Linker) ausgerechnet von dem wenig sympathischen und fanatischen Jungpolitiker van Ackerman mächtig unterstützt, der sogar den Ausschussvorsitzenden aus der eigenen Partei buchstäblich über die Klinge springen  lässt, als dieser sich in seiner straighten Art nicht damit anfreunden kann, dass Leffingwell gelogen hat. Dieser Akt des Wahldramas ist wohl der offensivste des Films: Der Ausschussvorsitzende hatte eine homoerotische Beziehung, als er auf Hawaii stationiert war, natürlich vor seiner Ehe, sonst wäre es wirklich zu kompliziert geworden, für damalige Verhältnisse. Eine Liaison, die er später als Irrtum zu erkennen glaubt und der besonderen Situation in der Army zuschreibt.

Damals hat eine solche Hintergrundgeschichte aber ausgereicht, um jemanden in schweres Fahrwasser zu bringen, der politisch hoch hinaus wollte. Die USA sind diesbezüglich heute noch konservativer als Europa. Wir haben nun einen farbigen Präsidenten gesehen und die Demokraten hatten im Wahljahr 2020 erstmals einen Vorkandidaten für das Rennen um die Präsidentschaft dabei, der offen schwul ist, aber dieser scheiterte in den Vorwahlen. Derzeit könnte es immerhin sein, dass die nächste Vizepräsidentin die erste weibliche Person auf diesem Posten und die erste Nichtweiße sein wird.

Bereits, bevor ich die oben gelisteten Zusatzinfos aud der Wikipedia las, dachte ich: Diese Geschichte und die Szene in der Schwulenbar sind für damalige Verhältnisse des Mainstreamkinos avantgardistisch und ein Plädoyer dafür, dass man jemanden nicht durch gleichgeschlechtliche Liebe erpressbar sein lassen darf. Dass der frühere Liebhaber des demokratischen Juniorsenators von Utah in einer wenig angenehmen Szene buchstäblich im Dreck landet – weil er sich auf das Erpressungsspiel eingelassen hat, für etwas Geld, nachdem er seinen früheren Freund wohl vergeblich versucht hat anzupumpen – kann zu einem anderen Schluss führen, den Regisseur Preminger vielleicht sogar einkalkuliert hat, um die konservativen Kinozuschauer zu beruhigen. Der Film ist aber nicht schwulenfeindlich, das sieht man schon daran, dass Frank Sinatra seine Stimme hergegeben hat und in der New Yorker Homosexuellenbar aus der Jukebox tönt, zu welcher der Senator sich begibt, um die Hintergründe der Verschwörung gegen ihn zu ermitteln und seinen frühren Army-Freund zur Rede zu stellen.

Dass sich der Mann, der Leffingswells „Sünde der Vergangenheit“ nicht als solche abtun möchte, sich selbst in seiner Vergangenheit verstrickt, ist ein weiteres Überkreuzen in einem der vielschichtigsten politischen Filme, die bis dahin gedreht wurden. Dem Zuschauer wird eigenständiges Nachdenken und Urteilen abgefordert, obwohl die gezeigten Politiker selbstverständlich in den Gesprächen untereinander ihr Verhalten kommentieren, „Advise and Consent“ ist kein Klassiker des „Show, dont’t tell-Prinzips“, das in jenen Jahren zugunsten dialoglastiger Dramen etwas aus der Mode gekommen war. Hier aber sind die Gespräche wichtig, damit Zuschauer*innen, besonders jene außerhalb der USA, verstehen, wie der kleine Horrorladen der Parteitaktik funktioniert.

Der Roman, dessen Autor dafür den Pulitzer-Preis gewann, war gewiss nicht leicht zu verfilmen, aber Premingers bekannt strenge Regie führt das Werk souverän zu Ende. Drehbuchautor Wendell Mayes, der schon das Skript zu Otto Premingers „Anatomie eines Mordes“ verfasst hatte, verdichtet das Buch gut zu einem 135-Minuten-Film ohne Längen, zumindest habe ich als politische interessierter Mensch keine wahrgenommen, und größere sonstige Schwachstellen. Das Ende ist sehr dramatisch, innerhalb weniger Minuten sterben zwei wichtige Charaktere – und der Vizepräsident, der erkennbar unter seiner nachrangigen Rolle leidet, setzt einen Paukenschlag und will einen eigenen Außenminister haben und Leffingwell nicht durchsetzen. Er hätte es können, indem er bei der Stimmengleichheit, die sich im Senat ergeben hat, seine doppelte Stimme zum Einsatz bringt, aber er tut es nicht und damit die Schlacht entscheidet. Aus honoriger, angesichts der Geschichte dieses Wahlvorgangs etwas naiv wirkender Integrität, wegen der absoluten Ablehnung einer taktisch wichtigen Notlüge, wegen des Schicksals des Senators aus Utah, dessen Selbstmord die Wahl Leffingwells befleckt hätte – oder um gleich eigene Akzente zu setzen? Wir erfahren es nicht. Wir sollen ja über den Film nachdenken.

Es macht noch heute betroffen, dass eineinhalb Jahre nach der Premiere von „Advise and Consent“ der Fall tatsächlich eintrat, dass ein Vizepräsident übernehmen musste. Nicht, weil der Präsident krank gewesen wäre, das Vorbild für diesen Part in „Advise and Consent“ ist sicher die dritte Amstszeit von Franklin D. Roosevelt gewesen, für den Harry Truman nach dessen Tod einsprang, sondern wegen des ersten Kennedy-Mordes. Sowohl Truman als auch Kennedys Vizepräsident Lyndon B. Johnson gewannen ihre nachfolgenden Wahlen und wurden Präsidenten aus eigener Kraft. Johnson hat viele liberale Neuerungen durchgesetzt, die man heute mit der Aufbruchstimmung der Kennedy-Ära verbindet, die Kennedy selbst aber nicht mehr vollenden konnte, wie den epochalen Civil Rights Act von 1964 – allerdings die USA auch so tief ins vietnamesische Labyrinth hineingeführt, dass ein  Rückzug, der das Prestige der Nation gewahrt hätte, nicht mehr möglich war.

Mit einem Außenminister Leffingwell, hätte dieser sich auch als handlungsstark, nicht nur als pro Entspannung positoniert erwiesen, wäre das vermutlich nicht passiert und das gibt dem Film eine zusätzliche Bedeutung: Was wir sehen, ist alles nicht sauber, aber wäre es nicht um der größeren Sache willen dennoch richtig gewesen, dem Visionär einer friedlicheren Weltordnung diesen wichtigen Posten anzuvertrauen? Es ist sicher bezüglich der Folgen für den Senator aus Utah schrecklich, aber das Hauen und Stechen im Hintergrund, das einer bedeutenden politischen Entscheidung vorausgeht, nicht vollkommen außergewöhnlich. Deswegen kommt es auch immer wieder zu Enthüllungen bei Politikern, die längst wichtige Positionen bekleiden und man darf davon ausgehen, dass diejenigen, die bei der Erreichung dieser Positionen Unterstützung leisteten, mehr wussten als die Bevölkerung und ein gewisses Risiko eingingen.

Nicht die absolute Integrität ist das, was zur Macht führt, sondern eher das Patt: Du weißt etwas über mich, ich weiß etwas über dich, im Interesse von uns beiden und der Partei halten wir still und ziehen uns nicht gegenseitig in den Dreck. Wenn sich dann die internen Machtverhältnisse verschieben, Achsen und Bündnisse brüchig werden, jemand nicht erreicht, was er sich vorgenommen hat, Loyalitäten schwankend werden, kommt es u. a. zum Whistleblowing gegenüber Journalisten. Ich bin mir sehr sicher, dass vieles, was von den Medien als große Enthüllung verkauft wird, auf Durchstechereien gewisser Feindfreunde basiert, die aus eigenem Antrieb, aus persönlichen Gründen und nicht aus solchen der Demokratie- und Transparenzförderung dazu beitragen wollten, dass Leichen im Keller der anderen entdeckt werden. Vor allem jene, die schon gescheitert sind, dürfen als dafür sehr anfällig betrachtet werden – oder man kann ihnen selbst tatsächlich nichts nachweisen, weil sie zum Beispiel noch nicht sehr eng mit der Lobbymafia in Verbindung gekommen sind.

Finale

Aber wer war es? Journalisten haben das Recht, ihre Quellen zu schützen und das ist richtig so. Ein guter Politthriller muss aber nicht unbedingt den Hintergrund journalistischer Arbeit entblättern, wie man an „Sturm über Washington“ sehen kann. Es gibt in diesem Film keine Helden und auch das ist richtig so. Es geht um ein politisches Geschäft, das niemanden strahlen lässt und doch hat man das Gefühl, die Demokratie funktioniert und hat Selbstreinigungskräfte. Allein dieser Eindruck lässt den Film heute fast märchenhaft wirken, obwohl er in den früheren 1960ern sicher als sehr realistisch und instruktiv empfunden wurde. In der deutschen Fassung kommt hinzu, dass das durchaus Edle, was ihn prägt, verstärkt wird durch die Tatsache, dass fast alle männlichen Synchronsprecher von Rang, die damals in der BRD tätig waren, für dieses Werk eingesetzt wurden. Einige hört man mit etwas Übung gut heraus und sie verstärken das Gefühl, dass all diesem Ringen und mancher bösen Konspiration noch etwas Würdiges, gar Glanzvolles anhaftet, das junge Menschen dazu verführen könnte, Politiker*innen zu werden.

Deswegen wird auch nicht vergessen, farbige Politiker*innen zu zeigen, auch wenn sie, der damaligen Realität entsprechend, nur Nebenrollen spielen, ebenso: Frauen als Senatorinnen. Und manchmal verstärken Kleinigkeiten diesen Effekt, wie etwa, dass der Start von Linienmaschinen um ein paar Minuten verschoben wird, wenn Senatoren noch eilig zusteigen wollen.

Das entspricht aber auch der Haltung in jener Zeit: Man glaubte an das System, gerade, indem man es mehr kritisierte, seine Erneuerungsfähigkeit aber nicht in Zweifel zog, mehr als noch wenige Jahre zuvor, als der Production Code viele Darstellungen noch verunmöglichte – beispielsweise die Implementierung von Homosexualität in einen politischen Film. Auch der sogenannte Hays Code wurde 1967 endgültig aufgehoben und New Hollywood profitierte sehr davon, was in den 1970ern auch dazu führte, dass sie das Jahrzehnt des kritischen Kinos wurden – und doch hat man als leidenschaftlicer Demokrat das Gefühl, es wäre in jenen Jahren noch etwas zu retten gewesen, das heute längst davongeschwemmt wurde von der Systemkrise, die selbst politisch unbedarfte Menschen leise erschauern lässt. Der Unterschied zu jenen, die sich täglich mit dem Gegenstandb befassen, ist vielleicht, dass sie nicht so recht wissen, woher das Frösteln kommt, das sie erfasst hat. Ich widme diese Rezension auch dem aktuellen Wahlkampf in den USA und hoffe nicht das Beste, sondern nur, dass es nicht noch schlimmer wird. Um zu sehen, wie es angefangen hat, mit einem großen Herz für aufrechte Idealisten, bitte „Mr. Smith Goes to Washington“ aus dem Jahr 1939 anschauen.

86/100

(1) Wikipedia

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Otto Preminger
Drehbuch Wendell Mayes
Produktion Otto Preminger
Musik Jerry Fielding
Kamera Sam Leavitt
Schnitt Louis Loeffler
Besetzung

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