Dr. Jekyll und Mr. Hyde (Dr. Jekyll and Mr. Hyde, USA 1931) #Filmfest 208

Filmfest 208 A

2020-08-14 Filmfest ADas wesentlich andere Ich

Ist die Version des Stoffes nach einem Roman von Robert Louis Stevenson, die Ruben Mamoulian 1931 gedreht hat,  bis heute die beste aller Verfilmungen dieses prototypischen Kinostoffes, in dem es um den manchmal arg großen Widerspruch zwischen Gut und Böse in uns allen geht?

Nicht jeder zerbricht an diesem Widerspruch so dramatisch, wie der Londoner Arzt Dr. Jekyll, in dieser Version gespielt von Frederic March. Mancher trägt diesen Widerspruch nicht aus, sondern lebt in seiner Mitte, welche diesseits oder jenseits von Moral und Triebhaftigkeit sein mag, ein recht komfortables Leben, bleibt gleichermaßen unauffällig wie unerfüllt. Wie es aussieht, wenn das nicht gelingt, vielleicht nicht einmal erwünscht ist, darüber schreiben wir in der -> Rezension. 

Handlung (1)

Dr. Jekyll ist beseelt von dem Gedanken, das Gute und das Böse in der menschlichen Seele voneinander trennen zu können, und experimentiert daher mit Chemikalien, um einen Wirkstoff zu finden, der seine Vision Wirklichkeit werden lassen soll.

Im Alltag lebt er seine gute Seite aus, als er zum Beispiel eines Abends nicht am Empfang der Herzogin von Densmore teilnimmt, um stattdessen im Armenkrankenhaus Patienten zu behandeln, oder seine Verlobte Muriel und deren Vater, General Carew, versetzt, um stattdessen eine Bettlerin zu operieren. Nach der Operation kann Dr. Jekyll dann doch noch erscheinen. Er bittet General Carew, Muriel sofort heiraten zu dürfen, muss sich aber von ihm vertrösten lassen.

Auf seinem gemeinsam Nachhauseweg mit Dr. Lanyon wird er Zeuge eines Überfalls auf die Prostituierte Lucy Pearson. Er greift ein und bringt sie auf ihr Zimmer, auf dem sie ihn zu verführen versucht. Jekyll bleibt nicht unbeeindruckt, doch reagiert er zurückhaltend.

Im heimischen Labor setzt Dr. Jekyll seine Studien fort. In einem ersten Selbstversuch verwandelt sich Dr. Jekyll in ein Monster, den er fortan Mr. Hyde nennt. Als Mr. Hyde sucht er nun des Öfteren Lucy Pearson auf und schreckt in dieser Rolle nicht davor zurück, sie zu schlagen und sexuell zu nötigen.

Dr. Jekyll wird immer mehr vom schlechten Gewissen geplagt, welches ihm sein Alter Ego bereitet, und schickt Lucy Pearson Geld, die ihn jedoch plötzlich aufsucht. Jekyll ist erschüttert, als sie ihm Hydes Misshandlungen an ihrem Körper zeigt, und verspricht ihr, dass Hyde sie nie mehr behelligen wird. Als General Carew am folgenden Abend die Hochzeit seiner Tochter und Dr. Jekyll bekanntgeben will, verwandelt Jekyll sich wieder in Hyde und sucht als solcher die sich in Sicherheit wiegende Lucy Pearson auf. Er macht sich über Jekyll lustig und erwürgt Lucy. Über Dr. Jekylls Fernbleiben erbost, verbietet General Carew seiner Tochter den weiteren Umgang mit Jekyll.

Per Brief bittet Dr. Jekyll seinen Freund Lanyon, aus seinem Labor eine Phiole des Verwandlungselixiers zu holen, die später von einem Fremden abgeholt werden soll. Als Hyde erscheint, besteht Lanyon darauf, über Dr. Jekylls Wohlbefinden informiert zu werden. Hyde verwandelt sich zurück, und Dr. Jekyll erzählt ihm die ganze Geschichte. Lanyon zeigt für Dr. Jekylls Versuche kein Verständnis.

Am folgenden Abend sucht Dr. Jekyll Muriel auf, um sie freizugeben. Vor ihrem Haus verwandelt er sich wieder in Mr. Hyde und schleicht sich an die weinende Muriel heran. In der darauf folgenden Panik erschlägt er den General und flüchtet, von der Polizei verfolgt, in sein Labor. Lanyon trifft ein und führt die Polizei in Dr. Jekylls Labor, der sich inzwischen wieder zurückverwandelt hat. Als Lanyon der Polizei im Labor den Übeltäter verrät, verwandelt Dr. Jekyll sich erneut in Mr. Hyde und wird von der Polizei erschossen. Ein letztes Mal verwandelt sich Mr. Hyde in Dr. Jekyll zurück.

Rezension

Der Roman von Robert Louis Stevenson („Die Schatzinsel“), der als Vorlage der mittlerweile über 50 Adaptionen des Stoffes dient, treibt das Duell der Wesenszüge auf die Spitze, reduziert das Ringen zwischen kulturell unterlegter Selbstbeherrschung und Befreiung von allen zivilisatorischen Einengungen im Prinzip darauf, ob Dr. Jekyll nun darauf wartet, dass der Vater seiner Verlobten endlich in die Heirat einwilligt oder ob der sich durch eine Affäre mit dem Showgirl Ivy schadlos hält. Weiterhin ist Dr. Jekyll ein begnadeter und für die Sache der Armen engagierter Arzt, sein anderes ich hingegen kann nichts als brutal und durchtrieben sein.

Frederic March erhielt für seine Darstellung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde den Oscar, die Kamera von Karl Struss war immerhin nominiert. Es versteht sich, dass die Tricktechnik nicht heutigen Maßstäben standhält, aber vielleicht ist das sogar ein Vorteil des Films – dass hier viel experimentiert wurde. Darüber hinaus kann man gut darüber diskutieren, welche Botschaft wirklich transportiert wird: Ist sie konservativ oder subversiv rebellisch?

Haben Sie schon mal n‘ Primaten geseh’n?

Wir finden, es ist auch heute noch eine Show, wie sich die feinen Züge von Frederic March, die sich so gut für seinen Arzt Dr. Jekyll eignen, in die eines eindeutig affenähnlichen Wesens verwandeln, und zwar bei jeder Transformation ein wenig stärker. Das veraltete Wort „viehisch“, das Ivy Pearsons Vermieterin für den Mann in der modernen deutschen Synchronisation gebraucht, trifft es nicht nur charakterlich, sondern auch optisch sehr gut. In einer weiteren sehr bekannten Hollywood-Verfilmung aus dem Jahr 1941, die wir zum Vergleich heranziehen werden, transformiert sich Spencer Tracy in eine etwas andere Richtung, die nicht ganz so deutlich als Bekenntnis zur Evolutionstheorie aufgefasst werden kann.

Die Darstellung der Verwandlung als Tricksequenz ist noch nicht ganz so perfekt, muss es aber auch nicht sein. Im Gegenteil: Der Schockeffekt, der sich nach der ersten Verwandlung beim damaligen Zuschauer eingestellt haben wird, ist größer, weil diese eben nicht in Schritten gezeigt wird, sondern in einer wilden Kamerafahrt, die einer Traumsequenz ähnelt und in der alles gezeigt wird, was die Wandlung des Arztes zum Dämon ausgelöst hat.

Brillant in allen wichtigen Aspekten

Nicht nur Marchs Schauspielkunst, die ihn zu einem Topstar der frühen 30er Jahre gemacht hat, auch die Kamera und das Drehbuch sind großartig. Die subjektive Eingangssequenz, in der March nicht auftaucht, weil aus seinem Blickwinkel heraus gefilmt wird, ist großes Kino – nicht nur, weil damals etwas Neues, sondern auch technisch für die Verhältnisse der Zeit sehr anspruchsvoll. So beweglich war zuvor wohl keine Kamera, die durch den Ballast der neuartigen und schweren Tontechnik gebremst wurde. Zum Vergleich fällt uns aus 1931 die berühmte Kutschenfahrt von Lilian Harvey aus „Der Kongress tanzt“ ein, die auf andere Weise die Kamera von ihren zwischenzeitlichen Tontechnikfesseln befreite.

Erstmalig wird March konsequenterweise sichtbar, als er in den Spiegel schaut – grandios. Nicht nur, weil man ihn dem Publikum ein paar Minuten lang vorenthält, sondern auch, weil diese erste Spiegelszene auch programmatisch ist. Ein Mann betrachtet sich im Spiegel und das heißt in der Sprache des Films unmissverständlich, er sieht seine zwei Gesichter. Als er zum ersten Mal ausgeht und in einem schön atmosphärischen Alt-London unterwegs ist, noch als Dr. Jekyll, da ist bereits ein Polizist im Bild sichtbar – ein Hinweis auf die mörderischen Dinge, die sich ereignen werden. Zu dem Zeitpunkt hat der junge Arzt noch gar nichts mit der Polizei zu tun, aber man gewinnt den Eindruck, der Bobby beobachtet ihn bereits. Am Ende gibt es eine Verfolgungsjagd mit vielen Polizisten, an einer Stelle mit expressionistischen Schatten gefilmt – und tödlich endend, die Qual des in sich zerrissenen Arztes beendend, der sich ein letztes  Mal vom Terrorwesen zu einem Mann von geradezu reinem Antlitz verändert.

Hervorragend ist die Stringenz des Drehbuchs, das kein Zuviel, keine dramaturgischen Lücken und keine Fragwürdigkeiten enthält. Gemäß den Konventionen der frühen Tonfilmzeit, die noch ein paar Stummfilmtechniken reflektierten, sind manche Szenen sehr deutlich und theatralisch ausgeformt, zum Beispiel die Liebesszene zwischen March und seiner Verlobten Muriel, die Beinszene mit Ivy. Der eine Moment erzeugt aber auch Spannung und Nähe, nicht zuletzt durch eine Detailaufnahme von Muriels Augen, der andere ist hübsch frivol. Ein typischer Pre-Hays-Code-Film. Glücklicherweise hat man die Szenen, die für eine Wiederaufführung in 1935 herausgeschnitten worden waren, später wieder eingefügt.

Die vom WDR im Jahr 2001 gezeigt und von uns rezensierte Fassung hat zwar nicht die ursprüngliche Dauer von 98 Minuten, aber viel vom aus verschiedenen Gründen Entfernten ist wieder enthalten – auch die Abschiedsszene zwischen Muriel und Dr. Jekyll, der sie freigibt, weil er sich verloren glaubt. Hier ist der zusätzliche Schnitt allerdings nachzuvollziehen – diese Sequenz ist sehr lang und an der Stelle, an der Muriel aufs Klavier sinkt und es zu einen dumpfen Ton mehrerer gleichzeitig angeschlagener Tasten kommt, auch ein wenig unfreiwillig komisch. Das war manchmal so, im frühen Tonfilm.

Dafür waren diese beinahe experimentellen Werke sehr inspiriert und wirken heute noch, weil sie nicht müde Aufgüsse waren, lustlose Remakes, sondern Neuinterpretationen mit neuen Möglichkeiten – gegenüber den Stummfilmversionen, von denen es gerade bei diesem Stoff schon einige gab, bevor Mamoulian 1931 die preisgekrönte Variante mit Frederic March drehte.

Alle wichtigen Rollen richtig besetzt

Nicht nur March überzeugt durch seine Darstellung. Die wenig bekannte Rose Hobart gibt eine sehr gute, gleichermaßen distinguierte wie treu-tapfere Verlobte ab. Sie verkörpert die Zivilisation. Ihr Vater hingegen, Brigadegeneral Danvers Carew, gespielt von Halliwell Hobbes, ist als Figur und weniger prägnant, verkörpert aber das, was uns bezüglich der Tendenz des Films stutzig  gemacht hat: Einen Hagestolz, der die Verlobten auseinanderhält und sehr viel Wert auf Etikette legt – was den impulsiven jungen Dr. Jekyll in große Anspannung versetzt. Das wird wunderbar gezeigt und der Wunsch des freigeistigen wissenschaftlichen Grenzgängers, einmal ganz ohne Konventionen operieren zu können, wird verständlich.

Dass diese gesprengten Ketten ins Halbweltmilieu zu Ivy Pearson führen und letztlich zum Mord an ihr, das war gewiss nicht seine Absicht. Miriam Hopkins spielt diese Ivy sehr sinnlich und intensiv, es ist nicht verwunderlich, dass sie in der Folge für Ernst Lubitsch, den Meister der angedeuteten und geflüsterten Frivolität im Hollywoodfilm der frühen 30er, zu einer bevorzugten Darstellerin wurde, wenn es um die Besetzung weiblicher Hauptrollen ging.

Ganz anders hingegen die 1941er Version mit Spencer Tracy, gedreht vom „GWTW“-Regisseur Victor Fleming: Ingrid Bergman als Ivy und Lana Turner als Muriel hätten z. B. anders und auch anders herum besetzt werden können – aber offenbar wollte sich der neue Superstar Bergman in einer eher verruchten Rolle versuchen und dem wurde stattgegeben. Das sollte sich sobald nicht wiederholen.

Welche Botschaft?

Jeder, den den Film gegen die moralische Zensur eines konservativen  Zeitalters verteidigen muss,  kann das gut tun. Denn am Ende stirbt derjenige, der die Grenzen zwischen Gut und Böse aufriss, der den Dualismus zwischen Gut und Böse in einheitlich gute oder böse Persönlichkeiten auflösen wollte – sein Selbstexperiment musste scheitern, weil er sich gegen die göttliche Ordnung stellte.

Doch er ist ein junger, stürmischer Mann gewesen, der nicht wusste, wohin sein Risiko ihn führen würde – und in den 30er Jahren, einer Zeit des technischen und wissenschaftlichen Aufbruchs, konnte so jemand nicht einfach ein verblendeter Charakter sein. Vielmehr ist es so, dass die anderen – sein traditionellerer Arztfreund Lanyon, mehr noch der Brigadegeneral und Schwiegervater in spe – repressiv und steif wirken, Moralvorstellungen nicht hinterfragen (der General) und sich mit dem vorhandenen Wissen der Menschheit begnügen wollen, anstatt die Erweiterung zu suchen (der Arztfreund) – und ist es nicht so, dass die Dinge erst ins Rollen kommen, weil diese Menschen den jungen Arzt nicht verstehen? Sein Engagement für die Armen, seine Fragen ans Mensch sein, selbst seinen gewissen Mangel an Bereitschaft zur Konzession oder Einhaltung der Konventionen?

Am Ende stirbt er mit diesem beinahe jungenhaften Gesicht einer reinen Seele – wir meinen, diese Szene ist signifikant. Er wird nach seinem Tod auffahren, nicht zur Hölle; obwohl die affenähnliche Kreatur, die er im eigenen Körper geschaffen hat, mindestens einen Mord begangen hat. Insofern weicht der Film auch deutlich von der Vorlage ab, in welcher Hyde Selbstmord begeht, ohne sich zurückzuverwandeln – Letzteres ist freilich auch effektvoller, ebenso wie die Verlobte und die Affäre, die es beide in Stevensons Brieferzählung nicht gibt.

Es ist keine ganz einfache Botschaft, nicht frei von Zweifeln – doch die Sympathie für Dr. Jekyll, der einen falschen Weg geht, die ist spürbar und hebt den Film über den Status eines frühen Horror-Movies hinaus. Die Botschaft hat einen zweiten Aspekt – es geht um sexuelle Unerfülltheit:

Afterwards, Jekyll’s friend, Lanyon, chides him for his behaviour.
Lanyon: I thought your conduct quite disgusting, Jekyll.
Jekyll: Conduct? Why, a pretty girl kissed me. Should I call the constable? Even suppose I’d liked it?
Lanyon: Perhaps you’ve forgotten you’re engaged to Muriel?
Jekyll: Forgotten it? Can a man dying of thirst forget water? And do you know what would happen to that thirst if it were denied water?

In diesem Dialog zwischen Dr. Jekyll und seinem Arztfreund geht es um die Szene, als er der verletzten Ivy geholfen hat und das offenherzige Mädchen ihn dafür küsste. Profunde viktorianische Moral – die Handlung ist in der Spätphase des 19. Jahrhunderts angesiedelt – und der Wunsch nach Sex stehen sich unversöhnlich gegenüber. Bewusst oder unbewusst dealt der Film mit der Tatsache, dass Repression und krude Moral mit dazu geführt haben, dass dies auch das Zeitalter der ersten Massenmörder und großen Sexualverbrecher wurde – und genau ein solcher Typ ist Dr. Hyde, das selbst erschaffene alter Ego des drängend forschenden Arztes. Was sich nicht in gesundem Maß äußern darf, bricht sich auf zerstörerische Weise Bahn.

Bis heute ist es wohl bei aller sonstigen Verschiedenheit ein Kennzeichen solcher Täter, dass sie früh negative Erfahrungen mit der Sexualität gemacht haben, dass emotionale Frustrationen, die Abwesenheit von Liebe und einem gesunden Maß an Einbindung von Sexualität ins eigene Leben eine Rolle bei der Werdung solcher Täterpersönlichkeiten spielen – und nicht etwa ein Mangel an Disziplin und Funktionabilität in einer Umwelt mit rigiden Moralvorstellungen. Diese Moralvorstellungen verkörpert aber Lanyon, der eher sich eher als Zuchtmeister des jungen Dr. Jekyll denn als verstehender Freund zu begreifen scheint und damit diesem faustischen Forschertypus nicht gerecht werden kann. Dieser gewinnt kein Verständnis, verschreibt daraufhin seine Seele einem gewagten Experiment, in dem er Gott herausfordert – und muss scheitern.

Kritik der anderen

Vor allem aus heutiger Sicht wurde von einigen Rezensenten das zeitweise theatralische Spiel von Frederic March aufs Korn genommen – und die Abschiedsszene zwischen ihm und Muriel, die einzige, die wir als fragwürdig empfanden und bei der wir nachvollziehen konnten, dass man sie zwischenzeitlich möglicherweise auch aus qualitativen Gründen herausgeschnitten hatte, zeigt viel davon: Der Kniefall vor der Angebeteten, auf die er, nicht nur sündig, sondern in Person seines anderen Ichs zum Mörder geworden, verzichten muss, geht an die Schmerzgrenze.

Auch sonst ist seine Gestik zeitweise recht exaltiert, mithin theaterhaft. Natürlich hat Spencer Tracy zehn Jahre später etwas weniger ausholend gespielt – das war ihm aber auch deshalb möglich, weil er sich nach den frühen, rauen Rollen, einen Status als Charakterdarsteller (vor allem mit „Boy’s Town“) erarbeitet hatte, der seinem teilweise dämonischen Spiel einen Subtext qua Filmhistorie verlieh, das die frühen Tonfilmakteure nicht haben konnten – wir meinen, March hat seinen Oscar, gemessen an den Standards der Zeit, sehr verdient. Hätte zum Beispiel Marlon Brando an seiner Stelle agiert, hätte man das Exaltierte als Method Acting deklariert und klasse gefunden, James Dean hätte das Ganze bezüglich der Theatralik locker noch getoppt (falls man ihm einen Arzt abgenommen hätte).

Der Akzent auf der sexuellen Motivation ist ein weiterer Kritikpunkt für manche und in der Tat hat hier der Spaß an der Sensation mitgewirkt, den man in den frühen 30ern auslebte. Immerhin: Es gibt ein nachvollziehbares Motiv, das kann man nicht von allen auf Zelluloid gebannten Dramen sagen. Hinzu kommt, dass der Film für diese Frühzeit des Tonfilms erstaunlich vielschichtig ist und viel Subtext herauszulesen ist.

Aktuell ca. 5.000 Nutzer der IMDb bewerten ihn mit sehr guten 7,8/10, beinahe gleich über alle Altersstufen hinweg und ohne geschlechtsspezifische Unterschiede; die Sicht von US-Nutzern und solchen aus anderen Ländern führt ebenfalls zu einer beinahe identischen Wertung.

Finale

„Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ ist noch heute sehenswert. Dass man sich immer die Brille des Kino-Enthusiasten, der sich für Filmgeschichte interessiert, aufsetzen muss und technische Vergleiche mit heutigen Kinoproduktionen nicht statthaft sind, das setzen wir voraus, so sind unsere Bewertungen zu verstehen. Wir setzen Filme in ihren historischen Zusammenhang und befreien uns von der Idee, dass mehr technische Perfektion und daraus resultierende Möglichkeiten, Action zu erzeugen, per se bessere Unterhaltung bieten. Die Verve der frühen Tonfilmära war etwas Besonderes und mit einfachen Mitteln wurde manches Thema brillant umgesetzt. Aus diesem Grund rezensieren wir derzeit auch verstärkt Filme aus dieser Zeit – um ihre urwüchsige Kraft und naive Form von Genialität zu würdigen.

Letztere mag auch daher kommen, weil man Vieles neu erfinden musste und sich noch Gedanken über Dinge machte, die heute selbstverständliches Routine-Handwerk geworden sind: Die größte Herausforderung bestand wohl darin, die Essenz literarischer Vorlagen in gelungene Bilder umzusetzen und das zu nutzen, was das visuelle Medium gerade an Neuheiten bot. Der erste Dr. Jekyll des Tonfilmzeitalters hat guten Gebrauch von all dem gemacht und uns keine Sekunde gelangweilt. Dass er ein wenig einseitig akzentuiert ist, hat uns nicht sehr gestört und wir geben gerne zu, dass wir fasziniert waren von dem selbstverständlichen Wagnis, das die US-Filme vielfach zeigten, bevor der Hays Code zu einer stärkeren Uniformierung führte, als er 1934 zwingend wurde.

Später erzeugte der Code dann eine neue Form von brillanter Dialogtechnik: Die sexuellen oder politisch subversiven Botschaften, die in unterschwelliger Form vorgetragen und oft in großartig doppeldeutige Worte gekleidet wurden. In der Entwicklungsgeschichte des Films gab es kaum langweilige Zeiten. Die frühen 30er, als die Bilder lernten, mit Ton zu laufen bzw. der Ton lernte, mit bewegten Bildern Schritt zu halten, zählten gewiss zu den aufregendsten Momenten des Mediums.

82/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Rouben Mamoulian
Drehbuch Percy Heath,
Samuel Hoffenstein
Produktion Adolph Zukor,
Rouben Mamoulian
Musik Herman Hand
Kamera Karl Struss
Schnitt Amy E. Duddleston
Besetzung

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