Fliegende Holländer – Polizeiruf 110 Fall 234 #Crimetime 764 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Volpe #Küppers #Möller #WDR #Holland #fliegen

Crimetime 764 - Titelfoto © WDR

Dieses Mal 1a-Bioeier?

Offenbar hat man sich entschlossen, die Polizeirufe des Duos Küppers-Möller chronologisch rückwärts zu zeigen. Deshalb konnten wir bisher „Mein letzter Wille“ rezensieren, der mit einem beachtlichen Abstand von drei Jahren nach „Fliegende Holländer“ erschien und in vieler Hinsich ein Abschieds-Polizeiruf war (letzter Film mit Inge Meysel, letzter fürs Team Küppers-Möller, letzter Polizeiruf des WDR). Aber in „Mein letzter Wille“ war doch Gabi Bauer zu sehen, auf die in „Fliegende Holländer“ ein Abgesang stattfindet? Vielleicht können wir das in der -> Rezension klären und natürlich auch vieles zum 234. Polizeiruf.

Handlung (Wikipedia)

Vor einem Jahr wurde in Volpe die achtjährige Nathalie überfahren. Vater Hartmut Lamprecht ist seither in Trauer. Ralf Lohse, Inhaber der Großwäscherei Lohse, steht ihm zur Seite und versucht ihn auf andere Gedanken zu bringen. Auch Streifenpolizist Sigi Möller trauert ein wenig, wurde er doch von seiner langjährigen Freundin Gabi Bauer verlassen, die sich aktuell mit ihrem neuen Freund am Kongo aufhält. Er versucht, sich ein wenig mit der Bäckereiangestellten Anita zu trösten. Kalles Versuch, ihn mit Hund Strolchi abzulenken, schlägt fehl, und so muss Kalle den Hund nun selbst pflegen. Über Strolchi lernen die Polizisten Sigi und Kalle schließlich Luzy kennen, die bei Volpe einen Öko-Bauernhof betreibt. Kalle ist von ihr angetan, erfährt jedoch kurze Zeit später von LKA-Polizeirat Gisbert Diesbach, dass der Biohof wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz unter Beobachtung steht. Über einen holländischen Laster sollen wohl in Kürze Tiefkühlhühnchen geliefert werden, die mit Ecstasy-Pillen gefüllt sind.

In Volpe wird der junge Udo Hackenberg tot aufgefunden. Er wurde anscheinend überfahren, auch wenn er eine Kopfverletzung hat. Hackenberg arbeitete als Fahrer bei Lohse und wohnte auf dem Biohof. Dass er kleine Mengen Drogen bei sich hatte, bestärkt das LKA nur in seiner Vermutung, dass der Biohof ein Umschlagplatz für Drogen ist. Da auch Hackenbergs Fall nun Teil der LKA-Ermittlungen wird, kommen Sigi und Kalle ein ums andere Mal zu spät mit ihren Ermittlungen. Andere Dinge passieren. Taubenzüchter Plonner, den die Polizisten bereits aus einem früheren Fall kennen, gibt an, den Fahrer gesehen zu haben, der Hackenberg umgefahren hat. Er will seine Erkenntnisse aufmalen.

Der Biohof erhält die Hühnchenlieferung des holländischen Lasters Flying Dutchman. Kurz darauf befiehlt Diesbach den Zugriff, der zu zahlreichen durchsägten Frosthähnchen führt, jedoch keine Drogen zutage bringt. Diesbach hat den falschen Laster observiert. Dennoch wird sich Luzy verantworten müssen, da sie normale Hühnchen als Bioware verkauft hat. Luzys Bruder Felix hat unterdessen ein Rendezvous mit Petra Seckelmann, der Frau von Kalles einstigem Lehrer Seckelmann, und wird kurz darauf von Sigi und Kalle mit Messerstichen im Rücken aufgefunden. Nach kurzen Ermittlungen kann Petras Mann, ein notorischer Trinker, als Täter verhaftet werden. Auch Hackenbergs Tod wird aufgeklärt. Zwar behauptet Lohse, den jungen Mann umgefahren zu haben, doch zeigt Plonners Zeichnung eindeutig Hartmut Lamprecht als Fahrer des Wagens.

Lamprecht gibt die Tat zu: Er habe Hackenberg erschlagen und später am Fundort niedergelegt, der derselbe Ort war, an dem auch Nathalie tot aufgefunden wurde. Hackenberg habe damals seine Tochter überfahren. Tatsächlich war Hackenberg laut Dienstplan an diesem Tag zu einer Fahrt eingeteilt und ebenso wurde Hackenbergs Auto nach dem Unfall repariert. Plonner erklärt jedoch, dass Hackenberg an dem Tag Urlaub genommen hatte, um ihm mit seinem Taubenschlag zu helfen. Erst jetzt gesteht Lohse, dass er Nathalie überfahren hat. Sie sei ihm vors Auto gelaufen. Alle Fälle sind geklärt und Sigi und Kalle gehen zu Luzy. Hier ist auch Anita – die sich als Luzys Lebensgefährtin entpuppt. Desillusioniert gehen die Polizisten davon.

Rezension

Leider können wir an dieser Stelle nicht klären, warum Gabi Bauer erst weg ist und drei Jahre später doch wieder mitmacht. Offenbar fehlte mit Andrea Sawatzkis „Gabi Bauer“ doch eine wesentliche Figur im WDR-Land-Tatort.

In „Fliegende Holländer“ tröstet sich Möller zu Beginn des Films mit der Bäckereiverkäuferin Anita, die sich am Ende als mindestens bisexuell herausstellt und Küppers wirft ein Auge auf die Biobauerin Luzy, die aber am Ende was mit Anita hat. Dazwischen liegt viel Handlung mit sympathischen Charakteren und einem LKA, das wieder mal daneben liegt – sind die Dauerrollen selbst mit LKA-Polizist*innen besetzt, ist es das BKA, das nichts als Ärger bereitet. 

Ein prinzipielles Problem zeigt dieser Film sehr deutlich: Kann man furchtbare und deprimierende Ereignisse wie den Tod von Natalie und wie ihr Vater darauf reagiert, mit einem durchweg humoristischen Ton kontern? In unserer abgespaltenen Zeit fällt vielen die übertriebene Heiterkeit, die auch schwierigste Themen in Kriminalfilmen nicht etwa begleitet, sondern marginalisiert, offenbar nicht mehr auf. Die immer roher werdende Wirklichkeit und die Filme spiegeln einander und wir alles sind mittendrin, weil wir uns zu dieser Wirklichkeit stellen und an ihr teilnehmen. Müssen. Sollten. „Fliegende Holländer“ wurde noch vor 9/11 gedreht, aber erst im November 2001 ausgestrahlt und hatte mit fast 9 Millionen Zuschauern eine sehr beachtliche Einschaltquote, die über dem damaligen Durchschnitt der Tatorte lag und sich von den etwas schwächeren Zuschauerzahlen der Reihe Polizeiruf deutlich abhob. Erstaunlich, dass der WDR diese offenbar beliebte Schiene aufgegeben hat – vielleicht zugunsten des Münster-Tatorts, der ein Jahr nach diesem Film startete und in der Tat ein großer Erfolg wurde. 

Die beiden Landpolizisten Küppers und Möller zählen zu den realistischsten Polizeifiguren innerhalb der ARD-Premium-Reihen Tatort und Polizeiruf, auch wenn sie überdurchschnittlich nett dargestellt werden. Vielleicht ist es gar nicht möglich, Fälle mit ihnen düster und bedrückend auszuformen, ohne dass man diese Charaktere wesentlich verändert, aber das Drama um Natalie, ihren Vater, den Bruder, den Biohof-Angestellten kommt eben doch viel zu kurz, auch wegen des Geplänkels mit dem LKA. Auch die Tatsache, dass die fesche Luzy Legebatterien-Eier als Bioware verkauft und Küppers das quasi so kommentiert, dass die Batteriehühner eh glücklicher seien, mutet fast 20 Jahre nach dem Entstehen des Films ziemlich unterkomplex an. Im Prinzip wird damit unterstellt, dass biologischer Landbau eh Flunkerei ist und zu Betrug geradezu herausfordert. Mag schon sein, dass das nicht so selten vorkommt, aber viele Dinge, die eigentlich gar nicht gehen, kommen nicht so selten vor und werden oft auf eine Weise bagatellisiert, die gute Rückschlüsse auf unsere Achtsamkeit und unsere Selbstachtung zulässt. 

Die Drehung des Klischees, dass nicht nur alle Tulpen, sondern auch alle Drogen aus Amsterdam kommen, hält ebenfalls nur für einen Moment: Der Biohof von Luzy erhält vom holländischen Geflügelprodukteversender keine Ecstasy-Pillen. Dafür stecken sie aber in einem anderen Transporter, den man an einer anderen Stelle – offscreen – festsetzt. Und der natürlich auch auch aus den Niederlanden kommt. Die Wirtschaft in Westdeutschland ist schon eng mit der niederländischen verflochten und auch der WDR-Duisburg-Tatort mit Schimanski und Thanner bezog sich in den 1980ern oft auf diese Verflechtung, die im Nachfolger aus Köln interessanterweise kaum noch eine Rolle spielt. Aber viel von dem Witz in „Fliegende Holländer“ rekurriert auf Klischees, die sich letztlich bewahrheiten oder gerade erst im Entstehen begriffen sind. Der Titel ist trotzdem nett gemacht, weil er sich auf die tiefgefrorenen Hähnchen bezieht, die auch zu Lebzeiten keine sehr guten Flieger gewesen sein dürften. Auf einen Baum schaffen es aber alle Hühner und Hähne per Flügelschlag.

Die Tierindustrie, der Drogenhandel, Schuld, Sühne, Rache nach einem tragischen Unfall mit einem kleinen Mädchen, Beziehungen aller Art, Alkoholprobleme, die Polizeihierarchien, das ist schon ganz schön viel für einen Film, der nur 85 Minuten dauert und nichts davon kann vertieft werden. Dadurch wird auch die Dramaturgie – sic! – flach und es sind wirklich die beiden Sympathieträger in Polizeiuniform, die das Ganze zusammenhalten müssen. Dass es bei dieser überfrachteten Handlung einige Schwächen und Unstimmigkeiten im Plot selbst gibt, liegt auf der Hand, aber da haben wir schon Schlimmeres gesehen – hier sind es eher Kleinigkeiten. Woher wussten die Dorfcops von den Vermessern, wieso glaubt Küppers, indem er einen einzigen Eierkorb umkippt, er hätte alles Beweismaterial gegen den Biobetrug vernichtet. Solche Sachen. 

Finale

Bis auf den Bayerischen Rundfunk, der seine Poliizeirufschiene zu einem der besten deutschen Fernsehkrimis entwickelt hat, sind alle „Westsender“, die sich zwischenzeitlich angeschlossen hatten, wieder ausgestiegen. So schade finden wir das nicht, denn dafür gibt es ja immer mehr Tatort-Teams und uns gefällt die regionale Unterscheidbarkeit nicht so schlecht. Dass zwei Dorfpolizisten Krimis von 90 Minuten Länge tragen können, vor allem, wenn sie zu dritt sind, haben Küppers und Möller bewiesen, die Beliebigkeit und Überfülle von Themen, die damit in „Fliegende Holländer“ verbunden ist, lässt allerdings keinen Rückschluss darauf zu, wie das bei einem konzentrierten, mehr auf Spannung als auf einen gepflegten Wechsel zwischen Vignetten kriminalistischer Themen und Humoreinlagen ausgerichteten Film aussehen würde.

Wir sind gespannt auf weitere Filme mit Küppers, Möller, Bauer, vor allem der erste aus dem Jahr 1995 mit dem Namen „1a-Landeier“ wurde preisgekrönt und war damals offenbar neu und erfrischend. Auf die Eier hat man ja auch dieses Mal wieder zurückgegriffen, aber dabei auch ein bisschen viel Matsch verursacht.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Ulrich Stark
Drehbuch Margot Rothkirch,
Michael Fengler
Produktion Veith von Fürstenberg
Musik Birger Heymann
Kamera Wolf Siegelmann
Schnitt Felicitas Lainer
Arnd Möller
Besetzung

 

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