Schöne Belinda – Tatort 54 #Crimetime 766 #Tatort #Ulm #Lutz #SF Stuttgart #Belinda

Crimetime 766 - Titelfoto © Südfunk Stuttgart / SWR

Sakrileg?

Der 54. Tatort wird von „Tatort Fans“ dem Standort Stuttgart zugeordnet, offenbar, weil vom Südfunk Stuttgart produziert – eigentlich müsste er aber der einzige Ulm-Tatort der bisherigen Geschichte sein. Das spielt durchaus eine Rolle, weil das Ulmer Münster in ihm eine Rolle spielt. Eine vielleicht etwas zweifelhafte Rolle. Dazu und zu vielen anderen Aspekten des Films steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Manfred, der Chauffeur des Ulmer Geschäftsmannes Lippens, wurde im Wagen von Lippens erschossen und in die Donau geworfen. Kommissar Lutz entdeckt Verbindungen Manfreds zu einem Dealerring – vermutlich wurde Manfred ein Opfer von Streitigkeiten innerhalb der Ulmer Unterwelt. Lippens hat Umgang mit einer schönen Frau, Belinda. Man weiß nicht so recht, ist es ein Abenteuer, will die Dame den begüterten Witwer heiraten, oder ist sie auf etwas anderes aus?

Rezension (mit Auflösung)

Es muss doch gewürdigt werden, dass das Ulmer Münster den höchsten Kirchturm der Welt hat – was allerdings erst dadurch möglich wurde, dass der gotische Bau erst im späten 19. Jahrhundert fertiggestellt wurde und damals erst den Turm erhielt. Er ist 163,17 Meter hoch. Im 19. Jahrhundert waren die höchsten Kirchtürme in der Regel auch die höchsten Bauwerke – bis der Eiffelturm diesen Zusammenhang bis heute auflöste. Selbst die höchsten bestehenden und geplanten Minarette kommen an ihn (noch) nicht heran, geschweige denn an Profanbauten, die mittlerweile eine Höhe von ca. 800 Metern erreichen.

Das Sakrileg besteht aber nicht darin, einen Showdown in luftiger Höhe auszuführen, das ist mittlerweile gängig, sondern eben darin, einen Kirchturm für eine Szene zu verwenden, die beinahe zu einem Mord führt. Zu einem Mord geführt hätte, wären Lutz & Co. nicht die über 700 Stufen bis zur höchsten Aussichtsplattform des Ulmer Münsterturmes in einer affenartigen Geschwindigkeit hinaufgestürmt, nachdem Lutz kurz zuvor wahre Adleraugen bewiesen hatte und von seinem kleinfenstrigen Behelfspolizeibüro aus erkannt hätte, dass sich auf dem Turm zwei Personen in die Haare gekriegt haben, die gerade wichtig für den Fall sind, den er zu lösen hat.

Warum sich jemand ausgerechnet auf einen solchen Turm rettet, ohne dass ein Rückweg möglich ist, habe ich mich bei Krimis schon häufig gefragt, wahlweise auf gewagte Gerüstkonstruktionen unfertiger Bauwerke, auf Dächer, zu denen es nur einen Aufgang gibt etc. Ja, die Panik. Die führt dazu, dass Menschen zum Höheren streben. Wie man auch daran sieht, dass Selbstmörder*innen gerne die spektakuläre Ausführungsmethode durch Sturz aus windiger Höhe bevorzugen. Zumindest im Film.

Aber im Film ist es ja auch so, dass Täter Beweisstücken für ihre Tat einen Sonderplatz im Haussafe einräumen, nur, damit andere ihn dann finden können, die es schaffen, beide Safeschlüssel zusammenzubringen. Diese anderen, die sich als Privatdetektiv*innen betätigen, sind dann meist mit falschem Namen unterwegs, sogar, wenn sie sich in Familien einnisten, und niemand forscht irgendwie nach.

Ja, ja, auch in den 1970ern gab es bereits Drehbücher, die ganz schön frisiert sind, wie man herzhaftes und lautes Tuning damals noch nannte. Es bleibt aber nicht bei Fragwürdigkeiten dieser Ar. Auch dass Junkies alte VW Käfer mit zwei aufgemalten Blumen auf der Seitentür fahren, versteht sich von selbst – wenn es wenigstens eine Mohnblume gewesen wäre oder ein Bully! Dafür dürfen Assistenten von Kommissaren noch als Stilikonen mit Prinz-Eisenherz-Frisuren (hinten etwas länger), Schlaghosen und Helmut-Kohl-Brillen unterwegs sein. Die Chefs, wie Lutz, sind ja für sowas meist zu konservativ. Aber vielleicht wird er doch noch herausfinden, wer Belinda wirklich ist, das wäre ihm zu gönnen, sonst schmeckt ihm evtl. das gute Essen nicht mehr, das in seinem Leben eine große Rolle spielt. Immerhin tut es das.

Aber es ist wichtig und richtig, dass der SWR und andere Sender diese alten Filme wiederholen, nach meiner Auffassung geschieht das eher zu selten als zu häufig. Besonders wichtig ist das, wenn Sender, dazu zählt auch der SWR, die Mediathek der ARD verschmähen, auch als Gebührenzahler finde ich das nicht optimal, einen Anspruch auf komplette Bestückung selbiger mit alten Tatorten gibt es aber vermutlich nicht.

Ja, Lutz ist ziemlich finster drauf, in der Vorschau ist es erwähnt, und anders als Trimmel auf eine eher muffige Art, nicht so offensiv böse. Mehr süd- oder besser südwestdeutsch eben, um die Bayern da mal rauszulassen, die ja auch eine sehr ausdrucksstarke Art haben, sich zu ärgern. Die regionalen Unterschiede sind heute sowieso nicht mehr so stark, wie sie einmal waren. Dabei ist die Regionalität doch eines der Geheimnisse der Reihe Tatort. Die Erfahrbarkeit der Umgebung für die Zuschauer. Wer eine Ecke kennt, freut sich, dass er etwas Bekanntes entdeckt, wer nicht, findet es interessant, andere Ecken in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum mit ihren Eigenarten nähergebracht zu bekommen.

Wie hier die Stadt Ulm, die wegen der US-Garnison in Neu-Ulm, also auf der bayerischen Seite, zumindest laut Tatort in den 1970ern ein Drogenumschlagplatz gewesen sein soll. Kein Wunder, dass immer wieder den Menschen an Truppenstandorten ganz bange wird, wenn von dort US-Streitkräfte abgezogen werden sollen. Sollen ihre Zelte dort abbrechen und nach Berlin kommen, hier steppt der Drogenbär – aber nicht für alle natürlich in dem Sinne, dass sie davon profitieren könnten. Doch Familientragödien gibt es überall und beispielsweise Brüder, die sich immer zurückgesetzt fühlen und Morde innerhalb der Familie begehen, um ihre Position zu verbessern. Schlimm und leider nicht unrealistisch ist das. Natürlich spielen auch Frauen und spielt die Eifersucht eine Rolle, aber hier auch das erwähnte Drogenbusiness, denn ein Dealer wird ja auch um die Ecke gebracht, nicht nur ein Firmeninhaber. Und beinahe wäre es zu einem dritten Mord gekommen, aber – das Münster! Das hat man sich dann doch nicht getraut und außerdem wurde die schöne Belinda noch gebraucht, um eine Art halboffenes Ende zeigen zu können.

Je traditioneller der Tatortfan, desto weniger Neigung, ein solches Ende zu akzeptieren, vor allem, wenn es sich um einen traditionellen Tatort aus den 1970ern handelt. Mir hat’s nichts ausgemacht, ich fand es ein wenig freakig, wie einige andere, oben erwähnte Elemente des 54. Tatorts, der plotseitig sicher nicht zu den Highlights des Jahrzehnts zu rechnen ist. Aber die Ermittler und die Figuren machen doch wieder recht viel Spaß. Zugegeben, würde man den grummeligen Lutz und den beflissen-klugscheißerischen Wagner alle paar Monate in einem neuen Film erleben müssen, wie heute Ikonen à la Batic und Leitmayr oder Ballauf und Schenk, wäre man irgendwann von diesen Typen mehr genervt als von den heutigen Kommissar*innen. Aber es ist ja alles lange her und außerdem hätte man anhand der Outfits von Assistent Wagner jede kleine Veränderung der Mode mitverfolgen können. Allerdings musste man damals nicht so angezogen sein wie er, um up to date zu sein, es gab durchaus schon mehrere „Styles“, auch welche, die fetziger waren als sein beigefarbener, dickwolliger Dufflecoat.

Finale

Eine Exercise in hoher Tatortkunst ist „Schöne Belinda“ nicht, aber Belinda sieht immerhin gut aus und neben dem Modischen gibt es Überzeitliches, wie die Villen mit düster getäfelten Wänden, die man auch heute noch hin und wieder in Tatorten sieht. Diese überdauern die Zeiten ohnehin am besten, wie hoffentlich auch das Ulmer Münster sich weiterhin gut halten wird, an dem bekanntlich ständig irgendwo gearbeitet wird. Aber die komplette Einrüstung, die auf dem Still zu erkennen ist, das wir als Titelbild verwendet haben, die sieht man im Film interessanterweise nicht. Vielleicht wurde das Pressebild kurz nach den Dreharbeiten aufgenommen, für die man die Außenrestaurierung eigens verschoben hat (nur eine Spekulation!).

6/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

„Schöne Belinda“ lautet der vollmundige Titel des fünften Falls von Kommissar Lutz (Werner Schumacher) aus dem Jahr 1975. Der rastlose Tatort-Ermittler, der in seinen Einsätzen stets als „Wanderpokal“ von Dienststelle zu Dienststelle gereicht wurde – unter anderem Hamburg, Frankfurt, Mannheim, Friedrichshafen, Stuttgart und Karlsruhe waren seine Stationen – vermittelte stets den Eindruck, als habe er auf seine kriminalistische Tätigkeit nur wenig Lust. Mürrisch und oftmals schlecht gelaunt, ohne Sinn für Humor: so kannte ihn das Tatort-Publikum der 70er und 80er Jahre“, schreibt die Redaktion von Tatort Fans.

Schlimmer als die Laune von Trimmel in Hamburg kann die von Lutz gar nicht sein, aber die Kommissare waren damals generell keine Spaßmacher, das trifft u. a. auch auf Haferkamp in Essen zu, auf Finke in Kiel – lediglich Zollfahnder Kressin war ein Cop der ersten Stunde, der es schon recht locker angehen ließ, mithin der Vorgänger von Horst Schimanski, der wiederum für viele Jahre ein Einzelfall blieb. Vor einiger Zeit hat der SWR einige Lutz-Tatorte seiner Vorgängersender Südfunk und Südwestfunk ausgepackt und mir ist vor allem aufgefallen, dass er der erste Hobbykoch unter den Tatortermittlern war, weniger, dass er mürrischer gewesen wäre als die damaligen Kollegen.

Als „Wanderpokal“, also häufig in einem neuen räumlichen Umfeld ermitteln zu müssen, ist doch eigentlich sehr interessant, wenn auch für einen Polizisten nervig und schlechte Laune daher verständlich. Es entspricht der Anlage der DDR-Polizeirufe, in denen es anfangs nur ein Team von zwei bis vier Personen gab, das überall in der ostdeutschen Republik Verbrechen aufklärte, aber doch erkennbar in Berlin angesiedelt war. Allerdings wurde das Herumfahren dort nie negativ thematisiert und erst im Laufe der  Zeit überhaupt explizit erwähnt.

Was ich mich immer wieder frage: Orientieren sich die Sender, wenn sie Wiederholungen ansetzen, mittlerweile (auch) am „Tatort-Fundus“ und den dort hinterlegten Bewertungen? Der Lutz-Klassiker „Rot – rot – tot“ mit Curd Jürgens wird beispielsweise recht häufig gezeigt, „Schöne Belinda“ hingegen wurde seit dem Beginn unserer Rezensionstätigkeit Anfang April 2011 nicht wiederholt und ist auch leider (das trifft auf alle Lutz-Filme zu) nicht in die ARD-Mediathek eingespeist. Nach Ansicht der Fundus-Nutzer ist „Schöne Belinda“ der zweitschwächste von 16 Lutz-Fällen (Stand 10.08.2020).

Ob wir das auch so sehen, wird sich am Mittwochabend zeigen, denn wir werden den Film aufzeichnen und in den folgenden Tagen über ihn berichten. Was man jedenfalls auf dem Titelbild sieht: Das Ulmer Münster ist komplett eingerüstet.

Besetzung und Stab

Andrea Lippens – Annette Kluge
Assistent Wagner – Frank Strecker
Belinda – Monika Gabriel
Horst Lippens – Werner Bruhns
Kommissar Lutz – Werner Schumacher
Kommissar Liersdahl – Dieter Eppler
u.a.

Regie – Theo Mezger
Buch – Urs Aebersold
Kamera – Justus Pankau
Schnitt – Hans Trollst
Musik – Jonas C. Haefeli

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