Eine mörderische Idee – Polizeiruf 110 Episode 347 #Crimetime 767 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Brasch #Drexler #MDR #Magdeburg #Idee

Crimetime 767 - Titelfoto © MDR, Frédéric Batier

Im unheimlichen Reich der Server (Alternativ: Im Reich der unheimlichen Server)

Wer würde nicht der These Recht geben, dass die IT ein unsicherer Ort ist, wenn es darum geht, Daten zu sichern, der schon einmal Angriffen von Hackern ausgesetzt war, und sei es nur, dass alte Mailpostfächer mit alten Mailadressen für Spam verwendet werden. Mails mit falschen Verfassern gibt es in „Eine mörderische Idee“ auch. Ist der Krimi auch so düster wie andere Fälle der aktuellen Magdeburg-Linie, wo doch im Serverraum der Uni so viele bunte Lichter IT-psychedelisch blinken? Das und mehr zum Film klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Ein Unbekannter droht mit Bombenanschlägen auf die Märkte einer Supermarktkette im Süden von Magdeburg. Dass er es ernst meint mit seiner Drohung, unterstreicht die erste Explosion. Ein Großeinsatz der Polizei wird ausgelöst. Nicht nur Brasch und Drexler werden an die unterschiedlichen Tatorte gerufen, auch Kriminalrat Lemp muss persönlich in den Einsatz.

Zur gleichen Zeit versucht ein Wachmann aus dem Hafen am anderen Ende der Stadt verzweifelt, über den Notruf 110 Hilfe zu rufen. Jedoch ohne Erfolg, da alle Polizeikräfte in dieser Nacht durch die Bombendrohungen gebunden sind. Am nächsten Morgen wird seine Leiche gefunden. Erste Ermittlungen ergeben, dass im Hafen ein dreister Diebstahl durchgeführt wurde. Smartphones im Wert von drei Millionen Euro wurden aus einem Container gestohlen. Bilder von der Tatnacht liegen nicht vor, da die Aufzeichnung der Überwachungskamera manipuliert wurde.

Auch bei den Ermittlungen des Bombenanschlags stoßen die Kommissare auf manipulierte Aufzeichnungen der Überwachungskameras. Drexler ist der Erste, dem die Parallelität der Ereignisse auffällt. Kann es tatsächlich ein Zufall sein, dass die Magdeburger Polizei gerade in der Nacht eines großangelegten Raubes durch Bombendrohungen in Atem gehalten wird?

Rezension

Mitten in der Raffinesse des Ganzen, die „Eine mörderische Idee“ vorspiegelt, verbirgt sich die Tücke des Details. Die drei äußerst raffinierten Studenten, die hier zusammenarbeiten, um einen riesigen Handyraub  zu organisieren, sollen also nicht gemerkt haben, dass die avisierte Handelskette gar keine Genmais-Produkte verkauft und dass das Ganze ohnehin oversized wirkt? Das Tückische an der Erkenntnis: Es ist egal, denn der Zweck ist erreicht, dass die Polizei abgelenkt war und dem Notruf am Containerhafen nicht folgen konnte. Die nächste Frage folgt aber auf dem Fuß: Wieso konnte man sich so sicher sein, dass nicht doch jemand dem Notruf aus dem Containerhafen Folge leisten und den Coup vereiteln würde?

Wieso benutzt ein Polizist einen Stick, von dem klar ist, dass man mit ihm Computer manipulieren kann? Da hilft es nichts, dass die anderen das doof finden. Und die Sache mit dem Schirm – klar, wenn man einfach nur überspielt, merkt man nicht, dass mitten auf dem Video eine Andeutung ist, dass das Wetter anders ist als an dem Tag, an dem das Video entstanden sein soll. Man muss immer an den Spin glauben, mit dem solche übertrieben konstruierten Filme wie dieser auch Kritiker ziemlich beeindrucken. Außerdem hat jeder einigermaßen gesicherte Server normalerweise eine Sperre gegen das Anschließen von externen Medien an mit ihm verbundene Computer durch nicht autorisierte Personen, also hat der Professor eben doch eine Autorisierung an seinen Studenten vergeben, mit dem er einen mehr als kurios wirkenden Deal abgeschlossen hat. Die Magdeburg-Polizeirufe sind manchmal etwas mehr an Technik orientiert als die Rostock- oder die Brandenburg-Schiene und „Eine mörderische Idee“ ist durchaus ein Vorreiter, denn ab 2016, 2017 kamen auch in der Parallelreihe „Tatort“ mehr und mehr Fälle auf, in denen sich die IT selbstständig macht. Zwar handelt es sich dabei schon um KI oder AI, aber das Ergebnis  ist das Gleiche, als wenn ein Mensch hinter allen Manipulationen steckt: Per IT wird die Wirklichkeit passend gemacht.

Wenige negative Kritiken zum Film haben sich am Verhältnis Brasch-Drexler gestört, das einfach nicht funktioniert. Das sehen wir auch so, allerdings auch deshalb, weil sich das nach diesem dritten gemeinsamen Film auch in Nr. 4/5 („Wendemanöver“, Teil 1 und Teil 2) wieder zeigt, nachdem man am Ende von „Eine mörderische Idee“ ein Hoffnungszeichen gesetzt hat, als Drexler seiner Kollegin ein Handy schenkt. Weil sie ihr vorheriges in der Maschine eines Waschsalons gewaschen hat und für ihren Kollegen nicht erreichbar war. Nach der fünften Zusammenarbeit ist Sylvester Groth als Kommissar Drexler dann auch ausgestiegen und nach 6 Fällen ist bekannt, dass auch der Nachfolger Köhler nicht weitermachen wird. Wir meinen tatsächlich, man sollte Brasch alleine weitermachen lassen. Wie soll jemand, der so hermetisch ist, sinnvoll mit anderen zusammenarbeiten? Es hat etwas Autistisches, wie Brasch sich häufig verhält, genau konträr dazu sind die bewusst übergriffigen Fragen, die sie in Verhören des Öfteren stellt und die zumindest bei uns in der Tat dazu führen würden, dass wir gar nichts mehr sagen würden. Gleichwohl darf sie hin und wieder politische Statements abgeben, dieses mal weniger als etwa in „Abwärts“, der prägend war für unseren Eindruck von den Magedeburg-Krimis, vor allem die dunkle Atmosphäre betreffend.

Ganz so schlimm ist „Eine mörderische Idee“ nicht, weil er in einem eher hochgestellten Milieu angesiedelt ist und demgemäß viele schöne Sets hat, unter anderem offenbar die Zentralbibliothek der Universität Magdeburg, die inklusive Lesesaal eine durchaus beeindruckende Größe aufweist. Ein bisschen labyrinthisch wirkt sie auch, so, wie sie im Film dargestellt wird, und das ergibt schon einen Sinn. 

Finale

Wir müssen bei allen Rezensionen zu Polizeirufen und Tatorten, die wir derzeit schreiben, immer bedenken, dass die Bewertung die Umstände berücksichtigen muss. Wir stehen im Moment gleich in mehrfacher Hinsicht unter Zeitdruck und schauen uns die Filme beider Reihen, die wiederholt werden oder Fernsehpremiere haben, in sehr kurzen Abständen an. Dadurch ergibt es sich, dass wir auch herausragende Filme immer in frischer Erinnerung haben und andererseits ein Übersättigungseffekt eingetreten ist. Dieser bedingt nicht, dass wir grundsätzlich nicht mehr aufnahmefähig sind, aber, dass wir schneller rastern und bei gewissen Dingen, die wir grundsätzlich nicht so schick finden, ungeduldiger und unzugänglicher sind, als wenn wir pro  Woche nur einen Krimi zu besprechen hätten. 

„Eine mörderische Idee“, in dem, wie häufig in Polizeirufen, die Täter ursprünglich niemanden töten wollten, ist schön bebildert, hat ein gutes Tempo und die Überkonstruktion hat auch einen Vorteil, nämlich, dass man auf drei Täterpersonen hingeführt wird, ohne dass die Zusammenhänge zu früh erkennbar sind und man sich auf nur eine davon festlegen kann. Was man mit der IT alles anstellen kann, ist außerdem ein wichtiges Thema und den Verdächtigen im Verhörraum Blinkzeichen – oder sind es gar Morsezeichen? – zu senden, wollen wir zwar nicht technisch analysieren, das können wir leider nicht, aber dass Big Brother zurückstresst, ist zumindest nicht undenkbar, vor allem nicht für diejenigen, deren Computer gekapert wurden.

Die Magdeburg-Polizeirufe sind für uns wegen der Personenaufstellung schwieriger als Rostock, Brandenburg oder München; dieses Mal ist aber wird der Effekt, in einer wenig erschließbaren Welt unterwegs zu sein, nicht durch eine extreme Atmosphäre weiter gesteigert – die man immer gut aushält, wenn man nicht zu häufig damit konfrontiert ist. Alles in allem ein ansehnlicher, ideenreicher Film, emotional mitgehen konnten wir aber keinen Schritt weit. Die Polizisten sind  zwar, wie immer, markant gezeichnet, aber nicht die Typen, mit denen man sich identifiziert, und die Episodenrollen sind alle recht schwach ausgeformt. Wer einen Hinweis darauf sehen will, dass die im Internet aufgewachsene Generation so ist, der kann das gerne tun.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Stephan Rick
Drehbuch Stephan Brüggenthies,
Olaf Kaiser,
Stephan Rick
Produktion Britta Hansen
Musik Stefan Schulzki
Kamera Anton Klima
Schnitt Vessela Martschewski
Besetzung

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