Schneewittchen – Polizeiruf 110 Episode 274 #Crimetime 768 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Schneewittchen

Crimetime 768 - Titelfoto © MDR,

Zu früh gefreut, Zwerge!

Da malt man sich vorher aus, dass man in diesem Film auf ein wunderschönes, blasshäutiges, schwarzhaariges Mädchen trifft und dann ist das einzige Mädchen, das häufiger zu sehen ist, blond und heute Kommissarin im Tatort Dresden. Obwohl das Jahr 2006 noch nicht so lange her ist, Cornelia Gröschel hatten wir als Personalisierung von Anja, dem Vergewaltigungsopfer, das überlebt hat, nicht erkannt. Eine Roothaarige gibt es auch noch, aber diese erleben wir leider nur als Leiche und lebend auf einem Bild. Für die sieben Zwerge, also in etwa alle Männer, die in diesem Film vorkommen, gibt es also niemanden, der von ihren Tellerchen isst und der ihnen unaufgefordert die Buden aufräumt. Was in manchen Fällen dringend nötig wäre. Zu diesem Aspekt und weiteren gibt es mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Anja Wilke, ein junges Mädchen, wird von der Polizei vollkommen verängstigt gefunden. Eine ärztliche Untersuchung zeigt, dass sie vergewaltigt wurde, aber sie kann sich nicht erinnern. Da der Drogentest negativ ist, stehen Schmücke und Schneider vor einem Rätsel, denn es gibt keine Erklärung für die Verfassung des Mädchens. Ihr Vater verdächtigt sofort ihren Freund Sven Reif, der in einer WG lebt und seiner Meinung nach nicht der richtige Umgang für seine Tochter ist.

Wenig später finden die Ermittler die Leiche von Sandra Breitmeier, mit der Anja Wilke am Abend eine Diskothek besucht hat. Da das Drogenscreening die Droge GHB nachweist, bestätigt sich der Verdacht der Ermittler, dass auch Anja Wilke diese Droge zu sich genommen haben muss. Ihr Freund sagt aus, dass Anja in der Diskothek, die sie zusammen besucht hatten, an der Bar mit einem fremden Typen sehr viel getrunken habe. So wird der Diskothekenbetreiber befragt, der sich gut an Anja erinnern kann und angibt, dass sich Anja an einen Joe heran „geschmissen“ habe und ihr Freund sie dann energisch weggeholt habe. Nach seiner Erinnerung habe sie aber nur Cola getrunken.

Ein DNA-Test ergibt inzwischen, dass die bei Anja Wilke gefundenen Spermaspuren von vier verschiedenen Personen stammen, darunter auch von ihrem Freund Sven. Dieser wird umgehend festgenommen und die WG durchsucht. Dabei entdecken die Ermittler eine Drogenküche und nehmen daher auch Sven Reifs Mitbewohner Markus und Eddie fest. Allerdings passen die DNA-Ergebnisse nicht zu ihnen.

Mithilfe von Anja und Sven kann ein Phantombild von dem ominösen Joe erstellt werden, woraufhin ein Thorsten Rabe ermittelt werden kann, der über seine Arbeitsstelle einen direkten Zugang zu GHB besitzt, einer Substanz, die in der Möbelindustrie verwendet wird, aber auch als Droge missbraucht werden kann. Des Weiteren hat er nachweislich am Tatabend in seiner Wohnung eine größere Party veranstaltet, die nicht allzu weit vom Fundort der Leiche von Sandra Breitmeier stattgefunden hat. Als Rabe verhaftet werden soll, ist er flüchtig und bereits auf dem Weg zum Flughafen, wo er von einem Auto angefahren wird und vorerst nicht vernehmungsfähig ist. Den Ermittlern ist aber bereits klar, dass Rabe sogenannte „Schneewittchenpartys“ organisiert hat, da sich eindeutige Spuren der beiden Mädchen in Rabes Wohnung finden. GHB ist als Vergewaltigungsdroge bekannt, da sie die Betroffenen willenlos macht. So hat er schon oft Mädchen für diese Partys über Discotheken beschafft und dann seinen Klienten zur Verfügung gestellt.

Auf der Suche nach den Teilnehmern der letzten Party treffen sie auf Rainer Ketelhut, Versicherungsvertreter Harald Lübke und den Unternehmer Edgar Schwerdtfeger, bei denen Schmücke bereits im Zuge der Ermittlungen festgestellt hatte, dass diese drei Männer untereinander gut bekannt und miteinander verstrickt sind. Ausschlaggebend, um den letzten Zweifel auszuräumen, ist der Schuhabdruck von orthopädischen Schuhen, der am Fundort der Leiche gefunden wurde. Rainer Ketelhut trägt solche Schuhe. Des Weiteren hat Schwerdtfeger die Rechnung des Partyservice beglichen. Aufgrund dieser Fakten werden die drei festgenommen. Den Mord an Sandra hat Ketelhut zu verantworten. Als er das Mädchen erkannte, hat er ihr extra noch einmal von der Droge gegeben, damit sie ihn nicht erkennt. Dass sie dabei stirbt, hat er nicht gewollt.

Rezension

Es gibt weitere alte Bekannte in diesem Film, die im Polizeiruf-Universum eine Rolle spielten oder mehrere. Oliver Stritzel, der bis 2004 im WDR-Polizeiruf als Kalle Küppers tätig war, spielt den Vater des Verwgewaltigungsopfers Anja und wirkt dabei um einiges strenger als in seiner netten Dorfpolizistenrolle – und durchaus authentisch. Peter Prager, der die nicht immer dankbare Aufgabe hatte, der Freund von Johanna Herz (Imogen Kogge) im Polizeiruf Brandenburg zu sein, spielt einen Unternehmer, der, wie alle Unternehmer in Polizeirufen und die meisten in Tatorten, keine sehr positive Rolle einnimmt.

Und natürlich die sympathischen Kommissare Schmücke und Schneider, welche die größte Nachwende-Polizeiruf-Karriere hatten. Rainer Tittelbach bei Tittelbach.tv schrieb: „In Halle treibt ein Vergewaltiger, der seine Opfer unter Drogen setzt, sein Unwesen – und Schmücke und Schneider sind gefordert. Endlich! Das macht sich auch in der Handlung und der Dramaturgie positiv bemerkbar. Gute Besetzung, effektive Regie, solider Whodunit.“[3]

K.O.-Tropfen aller Art sind ja mittlerweile fast ein Standard, in Krimis. Synthetische Drogen gängig, die Klassiker, wie Heroin, kommen aber auch zurück. In der Realität. Wir haben es auch so empfunden, dass Schmücke und Schneider mehr zeigen müssen als in etwas älteren Werken wie „Doktorspiele“, den wir vor einiger Zeit angeschaut haben und recht standardisiert fanden. Aber die Polizeirufe machen auch einen Hype aus Sexualdelikten, der Prozentsatz von FIlmen, die sich um diese Art von Verbrechen drehen, dürfte um einiges höher sein als in der Parallelreihe Tatort. Das hat Tradition. Schon in der DDR griff die Reihe dieses damals heiße Eisen auf, als man sowas in Tatorten lieber noch nicht brachte oder zumindest nicht explizit zeigte – und entwickelte dabei bis in die späten 1980er mit Filmen wie „Der Mann im Baum“ eine Kompetenz, die später gar nicht so leicht zu verwenden war. Auch „Schneewittchen“ ist viel zurückhaltender gefilmt als bestimmte Serientäter-Filme früherer Zeiten. Aber es geht ja auch um Partys mit miesen Typen, nicht um Triebtäter.

Erstaunlich aber, dass der Film nicht immer den richtigen Ton findet. Sowohl das Drehbuch wie die Inszenierung lagen in der Hand von Frauen, deswegen sind wir uns nicht sicher, ob das etwas inkonsistente Verhalten von Schmücke und Schneider Absicht war – besonders Schmücke wirkt in manchen seiner Aussagen alles andere als subtil („Vielleicht war das erste Mal nicht so der Hit, deswegen schämit sie sich und sagt nicht, was gelaufen ist“, sinngemäß wiedergegeben). Ganz sicher hat es in den letzten Jahren noch einmal einen Schub gegeben, die Sensibilität beim Filmen solcher Delikte betreffend, ganz sicher sind heutige, jüngere Teams, die auch oder sogar ausschließlich weiblich besetzt sind, per se besser geeignet, um zum Beispiel ein im Krankenhaus liegendes Vergewaltigungsopfer zu befragen. Uns hat die erste Befragung von Anja, in der Schmücke sich mit ihr unterhält, als sei das selbstverständlich, an den allerersten Polizeiruf erinnert, der eine Vergewaltigung thematisierte: Und damals, 1972, war es schon ausgemacht, dass die Befragung von einer Polizistin durchgeführt wird. Alerdings wirkt Anja auch nicht so traumatisiert wie die Frau in „Blutgruppe AB“, wie dieser erste Sexualtäter-Polizeiruf hieß.

Immerhin waren die Hausbesetzer nur im Drogenbusiness tätig und nicht auch die Sexualtäter, sonst hätten wir hier doch mal wieder über den typischen Drive von Sendern nachgedacht, die unterschwellig gegen links und pro rechts unterwegs sind. Aber dass drei gewisse Herren etwas mit der Sache zu tun haben, das war uns früh klar, weil ihre Rollen sonst keine Funktion gehabt hätten. Dass jemand, der ein Mädchen umgebracht hat, es hinkriegt, die Mutter bei sich aufzunehmen und mit ihr die typischen Dinge zu besprechen, die nach dem Tod eines Menschen von den Angehörigen unvermeidlicherweise zu erledigen sind, ist schon krass, besonders, wenn man bedenkt, wie er nachher auseinandergeht und weint, weil er doch die Tötung nicht gewollt hatte, sondern sich leider in der Dosis der verabreichten Droge vergriff.

Die Ermittlungen sind so lala. In dem Moment, indem die Sache mit dem orthopädischen Schuh klar ist, hätten alle, die irgendwie in Frage kommen, sofort dahingehend überprüft werden müssen, ob sie infrage kommen. Beim Unternehmer Schwerdtfeger hat man das zum Beispiel erst einmal gar nicht gemacht und ansonsten auch eher mal so nebenbei, wenn man ohnehin mit Verdächtigen zu reden hatte, einfach ihre Schuhgröße abgefragt. Schmücke kommt am Ende schon auf die richtige Idee, immerhin.

Finale

Die Schneewittchen-Partys sind natürlich auch ein Stück weit Gesellschaftskritik, der Film mit der von Zwergen geliebten, von der bösen Stiefmutter gehassten Schönheit, die es leider, wir wiederhohlen uns da sozusagen in Form einer Motiv-Wiederaufnahme gerne, im Polizeiruf 274 gar nicht gibt, ist ein akzeptabler Whodunit, Schmücke auf Wohnungssuche ist köstlich, vor allem, weil nebenbei gezeigt wird, dass Beamte immer bevorzugt werden und dass in Halle anno 2006, wo ja viele Unternehmen nicht so recht liefen, wie ebenjener Schmücke ausführt, hübsche Altbauwohnungen gar nicht so leicht loszuschlagen waren, sodass die Maklerinnen behaupten müssen, sie hätten unzählige Interessenten zurückgewiesen, damit dieser sympathische Single mit dem sicheren Gehalt eine adäquate Bleibe kriegen kann. Aber er hat gar nicht vor, dem Kollegen Winkler von der Pelle zu gehen. Wie lange haben die beiden das so gespielt, seitdem Schmücke von seiner Ex vor die Tür gesetzt wurde?  Mehr als zwei Jahre, wenn wir’s richtig im Kopf haben. Aber auch die schönste WG hat mal ein Ende. Wir sind jetzt mit der Rezension auch fertig und kommen zur Bewertung.

7,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Christiane Balthasar
Drehbuch Rodica Doehnert
Produktion Susanne Wolfram
Musik Stefan Ziethen,
Johannes Kobilke
Kamera Markus Hausen
Schnitt Nicole Hussy
Besetzung

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