Acht Jahre später – Tatort 39 #Crimetime 769 #Tatort #Essen #Haferkamp #Kreutzer #WDR #Jahre #später

Crimetime 769 – Titelfoto © WDR

Titelfoto © WDR

Es tötet nur der Kommissar

Aber soll er auch getötet werden? Eine Reise in die Vergangenheit ist der Schlüssel für eine seltsame Wendung im Leben des Kommissars aus Essen: Eine Frau dringt in seine Wohnung ein und lässt sich von dort nicht mehr vertreiben. Sie ist die Ex-Freundin eines Einbrechers, der einst von Haferkamp gefasst wurde.

1974 wurde Kommissar Haferkamp vom Westdeutschen Rundfunk als Nachfolger des Zollfahnders Kressin installiert – und im Gegensatz zu Kressin ortsfest gemacht. Essen im Revier war sein Revier. Und damit keine Zweifel aufkommen, wird im ersten Haferkamp-Fall gleich eine Verfolgungsjagd inszeniert, die sich in einem Stahlwerk zuträgt. Doch wohl in keinem anderen Tatort bis heute spielen so erhebliche Teile der Handlung in der Wohnung eines Ermittlers.

Wir stellen die Rezension zu der des neuen Dortmund-Tatorts „Kollaps“ und erinnern an den ersten Kommissar, der im „Revier“ ermittelt hat. Viel hat sich seitdem verändert, auch beim Stil der Tatorte, aber Legenden wie Kommissar Haferkamp gehören zu den Quellen, aus denen die Reihe sich immer neu speist. Ob die Quelle schön sprudelt, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Kommissar Haferkamp ist in Gefahr. Der Einbrecher Brossberg wird nach 8 Jahren Haft entlassen. Haferkamp hatte ihn gestellt. Und bei einem Feuergefecht, das der Verhaftung vorausging, hat Haferkamp Brossbergs Bruder getötet. Brossberg hat Rache geschworen. Und auch seine ehemalige Geliebte, Frau Pallenburg, von der Brossberg sich verraten glaubt, will er umbringen.

Haferkamp nimmt das alles nicht sehr ernst. Wer wird nach 8 Jahren noch seine Rache ausführen wollen!? Aber plötzlich taucht Frau Pallenburg bei Haferkamp zu Hause auf. Sie fühlt sich von Brossberg bedroht und bittet Haferkamp um Schutz. Haferkamp ist nicht begeistert. Wie soll er der Frau Schutz gewähren? Es passt ihm gar nicht, dass sein Privatleben gestört wird. Aber schließlich, was soll er machen? Wenn die Frau wirklich bedroht ist, kann er sie nicht einfach wegschicken. Er resigniert und beherbergt sie in seiner Wohnung.

Brossberg wird von der Polizei beschattet und scheint ein ruhiges Leben führen zu wollen. Frau Pallenburgs Angst scheint unbegründet. Da wird plötzlich ein Mordanschlag auf sie verübt. Eine Großfahndung nach Brossberg setzt ein, Haferkamp findet den Flüchtigen.

Brossberg flieht auf einen riesigen Hochofen, Haferkamp hinterher. Haferkamp wird von Abgasen des Hochofens ohnmächtig. Aber Brossberg versucht nicht, Haferkamp zu töten. Will er die Pallenburg und Haferkamp zusammen erwischen oder hat er sich mit Frau Pallenburg versöhnt, und Frau Pallenburg will Haferkamp umbringen? In der Wohnung von Haferkamp unternimmt Frau Pallenburg einen Mordanschlag, den Haferkamp in letzter Minute verhindern kann.

Rezension

Hansjörg Felmy war einer der ersten Promi-Darsteller in dieser Reihe. Mit ihm hat der WDR einen Antipoden zu seinem Vorläufer, dem Zollfahnder Kressin, in die Welt setzen wollen. Kressin, der lockere Frauentyp mit österreichischer Lässigkeit und ganz gut angelerntem rheinländischem Lebensfrohsinn, Haferkamp, der Nordmensch im Ruhrpott, melancholisch, beziehungsgeschädigt. Kressin war immer auf Achse, Haferkamp kommt im 39. Tatort dank eines besonderen Plots kaum aus seiner Wohnung heraus, schafft es höchstens bis zur Dienststelle – und einmal zwecks Inszenierung einer der bis dahin actionreichsten Tatort-Szenen bis in ein Essener Stahlwerk.

Kressins Filme waren sehr zeitgeistig, hatten jedoch kein ausgeprägtes Lokalkolorit, auch wenn Städte wie Bonn mit seinem Regierungsbetrieb atmosphärisch gut inszeniert wurden. Haferkamps persönliche Lebenskonstellation wirkt recht modern und seine beinahe maximale persönliche Involvierung in einen Fall, der sich eher mit ihm zuträgt, als dass er ihn löst, wurde bis heute nicht übertroffen. Damit ist bewiesen, dass vieles, was man heute für ein Ergebnis langer Entwicklungszeit hält, schon sehr früh vorhanden war. Und dass einige dieser Komponenten heute noch gerne genommen weren, liegt auch am Erfolg von Haferkamp, der im Vergleich zu seinen Ermittler-Zeitgenossen deutlicher in seinen menschlichen Dimensionen gezeigt wird.

Mit seiner manchmal ruppigen Abgeschlossenheit ist Haferkamp nicht unbedingt ein moderner Typ, sondern eben ein Kind seiner Zeit, er trägt viele Dinge nach innen oder bespricht sie allenfalls mit seiner Frau. In seinen folgenden Fällen sollte allerdings noch eine Justierung seiner Persona erfolgen, sie wirkte später etwa ausgeglichener und die Fälle wurden konventioneller und entsprechen mehr dem überwiegenden Tatort-Muster, das eine Leiche spätestens nach einigen Minuten vorsieht.

Aber was hat man sich für damalige Verhältnisse eine Mühe gemacht, den Kommissar als Typ herauszustellen. Über seine Wohnung könnte man einen kompletten Essay schreiben, denn wir glauben nicht, dass sie zufällig so disharmonisch und altmodisch wirkt – auch für die Verhältnisse von 1974. Auch seine Ernährung und seine Trinkgewohnheiten sind nicht die eines überwiegenden Genussmenschen, das waren sie aber sichtlich sehr wohl vor der Scheidung von seiner Frau. Unter dieser Trennung leidet er sehr, aber so kam er vom Rotwein zum Bier – was ab einem bestimmten kulinarischen Niveau als Rückentwicklung zu verstehen sein soll.

Die Küche wirkt wie von vor dem Krieg, ohne wesentliche Oberschränke, zusammengewürfelt, das Wohnzimmer ist eine ästhetische Zumutung, das Klo wurde wohl gerade mit neuen Sanitärelementen versehen und die typischen tiefblauen Kacheln der 1960er beißen sich mit dem Orange, das 1974 sehr modern war. Das Schlafzimmer hingegen hat eine Tapete mit großfloralem, die wiederum in den frühen 1970ern vom Kleiderdesign aufs Wanddesign übertragen wurde – diese großen, in überwiegendem Rosa gehaltenen Elemente und die Komplettheit des Schlafzimmers stehen für Haferkamps einst rosige Ehezeiten und für alles, was jetzt fehlt. Aber war es die gemeinsame Ehewohnung? Heute gehört die Set-Dekoration in vielen Tatorten zu den Goodies, damals war das schon genauso. Die Wohnung ist die eine Menschen, der zerzaust und unbehaglich zwischen Vergangenheit und Gegenwart lebt und die Vergangenheit hochleben lässt, wenn die Gegenwart ihm nicht schmecken will und die Kochversuche demnach mit Spiegeleiern als Einfach-Mahlzeit enden.

Musik hört er auch. Der übliche, fast klischeeartige Mellow-Jazz ist es aber nicht, oder nicht nur. Hier geht man weiter und ist mutiger: Man stellt als zentrales Stück seiner Plattenkollektion das Titellied aus dem Film „River of No Return“ (1954) heraus (Rezension beim Wahlberliner), dem wohl am meisten sehnsüchtig-sentimentalen aller Marylin Monroe-Kinostücke. Der Fluss ohne Wiederkehr ist die gescheiterte Liebe von Haferkamp (der Text des Liedes lautet u. a.: „Love is like a river, a river of no return“), aber wer den Film kennt, weiß, dass da doch noch eine Hoffnung auf etwas sein muss, und dass noch nicht alles vorbei ist, wobei aus einer gescheiterten Liebe nicht eine Hoffnung auf deren Rückkehr, sondern auf etwas Neues werden kann. Haferkamp räumt sich allerdings nicht frei für eine solche neue Hoffnung, was ihn letztlich sogar schützt, sondern sucht die Nähe zu seiner Exfrau, ohne dass daraus etwas Perspektivisches werden kann.

Wohl, weil er nicht gestört werden mag, nicht überwiegend, weil er von Beginn an die Gefahr erkennt, ist er so ruppig zu Frau Pallendorf, um dann doch über sich zu erzählen, und es wird etwas zweisam. Aber dann kommt, wie sollte es bei einem Polizisten anders sein, der Verdacht auf, dass Frau Pallenberg irgendwie mit Brossberg zusammenarbeitet. Darin liegt eine heimtückische, jedes Misstrauen, jeden Rückzug rechtfertigende Enttäuschung.

Die düsteren Bilder, der starke Low-Key-Eindruck, den besonders die Szenen in Haferkamps Wohnung machen, unterscheiden sich stark von der Art, wie zum Beispiel die Finke-Tatorte gefilmt wurden, in denen viel mit der Landschaft operiert wird und die Farben natürlicher wirken (immer abzüglich der digitalen Restaurierung, die gerade bei den Finke-Filmen weit vorangetrieben wurde und sogar beinhaltet, dass sie jetzt im 16:9-Format ausgestrahlt werden). Aber das war stilprägend für die kommenden Jahre, in denen bräunliche Farben und viel Dunkel die melancholische Stimmung von Tatorten sehr verstärkten. Aufgefallen sind uns die teilweise ausgezeichnete, modern wirkende Kameraführung und Schnitttechnik, und als wir im Abspann gelesen haben, dass der Kameramann Josef Vilsmaier heißt, nickten wir. Der hat sich ja dann auch als Regisseur einen Namen gemacht („Herbstmilch“, 1988).

Die Handlung als solche ist, aber wir kommen eh kaum aus dieser Nummer heraus, zwischen unglaubwürdig und lächerlich angesiedelt. Besonders der Moment, als Frau Pallenberg den armen Kommissar mit einer CO2-Vergiftung um die Ecke bringen will, ist schlimm, schlimm. Mit einem radiotechnisch synchronisierten Pulszähler. Wie das gehen soll, weiß der Himmel, aber es ist eben auch Klamotte mitten in einem Plot, in dem es doch eigentlich um Befindlichkeiten, um Zustände und um viele Symbole geht. Wenn wir schon von Synchronisierung reden: Die Synchronisierung von Handlung und Thema, von Stimmung und Geschehen ist in heutigen Tatorten vielfach besser.

Finale

Wir hatten diesen Tatort vor Jahren schon einmal gesehen – vor dem Start unserer Arbeit für die TatortAnthologie des Wahlberliners. Damals konnten wir ihn nicht in ein Gesamtgefüge einordnen und ziemlich sicher haben wir die Motivation des Duos Brossberg-Pallenberg nicht so recht verstanden.

Warum Frau Pallenberg sich bei Haferkamp einnistet und vorgibt, ebenso gefährdet zu sein wie er selbst, die Rachegelüste von Brossberg betreffend? Ehrlich: Uns kommt dieser Part immer noch spanisch vor. Wir halten ihn für ziemlich herbeikonstriert, und zwar mit dem durchscheinenden Motiv der Macher, dass sie auf diese Weise Haferkamp als Charakter sehr ausführlich und gleich in seiner Umgebung darstellen konnten. Man wollte ihn hiermit dem Publikum so nah wie möglich bringen.

Das langsame und oft nicht konsistent wirkende Entblättern einer geheimnisvollen Vergangenheit über viele, viele Fälle hinweg, das gerade der letzte Schrei im Tatort-Modemarkt ist, war bei der Haferkamp-Inthronisierung erkennbar keine Option und kein Stilmittel. Man vertraute der Figur und brauchte keinen Cliffhanger, der nach vielen Filmen, oft über Jahre verteilt, so in der Luft hängt, dass er nicht mehr spannend wirkt, sondern dazu führt, dass sämtliche bisherigen Filme eines Teams vor der Ausstrahlung einer Premiere wiederholt werden müssen, damit das Gedächtnis des Publikums aufgefrischt wird. Eines Publikums, das nicht, wie 1974, nur zwei Fernsehkanäle zur Verfügung hat und zudem mit einer viel kürzeren Premierenfrequenz innerhalb der Reihe Tatort konfrontiert ist.

Zum vorherigen Absatz müssen wir anlässlich der Republikation des Textes im Jahr 2020 etwas ergänzen: Gemeint ist dver Versuch, dem neue Berlin-Team Elemente des horizontalen Erzählens mitzugeben – was nach unserer Ansicht, ebenso wie in Dortmund, nicht besonders gut funktioniert. Besser läuft es beim NDR-Poliruf in Rostock, weil ein Head-Autor die Fortführung überwacht -doch die Reihe Polizeiruf rezensieren wir erst seit März 2019 und in Rostock zieht sich die Annäherung der beiden Hauptermittler*innen nun nicht erst seit acht, sondern seit zehn Jahren, nachdem viele Probleme der Vergangenheit und solche, die erst in den letzten Jahren entstanden sind, einige Filme später irgendwie gelöst werden konnten.

In „Acht Jahre später“ wird die Vergangenheit gleich abschließend mitgeliefert und erklärt, der Film beginnt sogar mit der Rückblende. Dass die Mode 1966 dabei schon genauso aussieht wie 1974, verzeihen wir mal. Am Ende wird das Anfangsmotiv wieder schön aufgenommen: Wieder ist Brossberg in der Falle und wieder behauptet die Polizei, er habe keine Chance, als sich zu ergeben. Das tut er dann auch und dieses Mal ist kein jüngerer Bruder dabei, der die Nerven verliert. Der typische Racheakt eines einst von Haferkamp gestellten, dann verurteilten Verbrechers, der sich nie geläutert hat, kann nur mit einem Tatort enden.

7/10

© 2016, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Haferkamp – Hansjörg Felmy
Scheffner – Bernd Schäfer
Brossberg – Rel ja Basic
Kaslik – Ulrich von Dobschütz
Eisenbahner – Werner Gaefke
Gastkommissar NDR – Klaus Schwarzkopf
Ingrid, seine Ex-Frau – Karin Eickelbaum
Kreutzer – Willy Semmelrogge
Vorsitzender – Walter Feuchtenberg
Wilke – Hermann Günther
Wärter – Hans Beerhenke
Haftrichter – Herbert Bötticher
Frau Pallenburg – Christine Ostermayer
Direktor – Max Mairich
Müller – Klaus Münster

Drehbuch – Karl Heinz Willschrei
Regie – Wolfgang Becker
Kamera – Joseph Vilsmaier
Schnitt – Hannes Nikel

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