Gervaise (FR 1956) #Filmfest 212

Filmfest 212 A

2020-08-14 Filmfest AÉmile Zola kommt zur Geltung

„René Cléments Werk wird zumeist kontrovers gesehen. Manchmal wird er als „vulgärer“ Techniker ohne Seele bezeichnet, manchmal in den Rang des besten französischen Cineasten erhoben.“ Zitat aus der Wiki-Kurzbiografie des Regisseurs René Clément, der „Gervaise“ im Jahr 1956 gedreht hat. Leider ist ausgerechnet diese Textstelle nicht mit einem Beleg versehen. Warum ich gerne eine gehabt hätte und weiteres zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Gervaise, eine junge, sanftmütige Wäscherin, wird in Paris im Jahr 1852 mit ihren zwei Söhnen von ihrem Liebhaber Auguste Lantier verlassen. Sie meistert diese Situation und einige Jahre später heiratet sie den Dachdecker Henri Coupeau. Nachdem sie einige Jahre weiter hart arbeitet, erfüllt sie sich ihren Traum und kauft eine eigene Wäscherei. Im Laufe der Zeit beginnt ihr Ehemann Coupeau zu trinken, nachdem er bei einem Arbeitsunfall vom Dach gefallen ist, und auch ihr Liebhaber Lantier taucht plötzlich wieder auf.

Rezension

Ich kenne von ihm „Die Mauern von Malapaga“, „Verbotene Spiele“, „Die Schöne und die Bestie“, den er zusammen mit Jean Cocteau gemacht hat, der ihm aber in der Filmografie nicht zugerechnet wird – und mein Lieblingsfilm von Clément bleibt auch nach „Gervaise“ die wohl beste Ripley-Verfilmung bis heute, „Nur die Sonne war Zeuge“, deren eigenartige und einzigartige Atmosphäre zu einem der spannendsten Thriller geführt hat, die man sich denken kann. Für die beiden erstgenannten Werke erhielt Clément jeweils den Oscar für die Realisation des besten fremdsprachigen Films des Jahres.

„Brennt Paris“ habe ich gerade aufgezeichnet, fürs Anschauen dermaßen langer Filmen brauche ich in der Regel einen ruhigen Wochenendtag, „Liebling der Frauen“ vor langer Zeit im Rahmen einer Gérard-Phillipe-Retrospektive im Dritten des SWR / SR gesehen. Derlei größer angelegte Projekte gibt es heute leider nicht mehr, jedoch wäre es mindestens die Aufgabe von ARTE, sich wieder auf den Pfad des Zeigens von Filmen in einem größeren Zusammenhang zu begeben, leider kommt auch dies allzu selten vor.

Möglich, dass die Anicht vom „Techniker“ auch durch den Bruch im französischen Kino Ende der 1950er zustandekam, in dem das „konventionelle Qualitätskino“, das zuvor so viele herausragende Produktionen zustande gebracht hat, ziemlich durch den Kako gezogen wurde – von den Filmern der „Nouvelle Vague“, die zuvor als Theoretiker bei den Cahiers du Cinéma gearbeitet hatten. Ich sehe heute, dass das französische Kino nur aus seiner großen vorausgehenden Tradition schöpfen konnte, um sich zu erneuern und, wenn man es bei Licht betrachtet, von den teilweise tatsächlich, teilweise nur scheinbar radikalen Neuerungen am Beginn der 1960er ist weniger übrig geblieben als von dem, was das französische Kino seit dem poetischen Realismus auszeichnet: Seine in der Tat geradezu lyrische Form, düster und realistisch sein zu können, jenseits des Geplänkels über die Liebe, das manchmal auch etwas affektiert anstatt tiefschürfend daherkommt.

Deswegen hätte es mich schon interessiert, wer welche Meinung zu René Clément vertritt.

„Gervaise“ würde ich zwar nicht zum Kern eine späten, einer Nachkriegsvariante des poetischen Realismus zählen, wie sie sich in einigen geradezu romantisch-fatalistischen Gangsterfilmen manifestiert hat, die dennoch nicht mehr so das Alleinsein des Individuums hervorheben wie die Hauptwerke der Richtung vor dem Krieg, sondern eher zum filmischen Naturalismus, wie er bei Literaturverfilmungen immer dann sinnvoll ist, wenn es sich dabei selbst um naturalistische Sozialdramen und Milieustudien wie „Gervaise“ von Émile Zola handelt. Der Film ist alles andere als einfach, weil er schonungslos mittenrein ins Desaster geht und im Grund gibt es nur eine blühende, auch humorvolle Szene, das Bankett mit der Gans, die man aber nur dann wohl als hoffnungsvoll empfinden wird, wenn man nicht den Spin berücksichtigt, den solche Geschichten haben: Es kann nicht gutgehen. Es kann einfach nicht, denn das Schicksal oder die Verhältnisse lassen es nicht zu, dass jemand sich durch harte Arbeit tatsächlich über seinen Stand erhebt und ins kalte Herz der gehässigen Bürgerlichkeit vorstößt. Wer möchte sich dort ansiedeln?, könnte man sich fragen, doch der Gervaise würde man ihr wünschen, dass ihre Mühen vom Erfolg gekrönt sind.

Dem Film kommt zugute, dass Maria Schell als versehrte, mutige Frau die Titelfigur auf eine Weise erleuchtet, die etwas über das Romanvorbild hinausgehen dürfte. Ich mag die mimisch und vokal ziemlich exzentrische Art ihres Spiels nicht in allen ihren Filmen, aber hier hat sie den Vorteil, dass sie zum etwas Derben, aber auch Leidenschaftlichen ihrer Persönlichkeit passt, vor allem aber, dass sie als Heldin die Aufmerksamkeit so auf sich zieht, dass man den Film nicht nur aus der Distanz betrachtet, weil man sich nicht mit dem Milieu identifizeiren möchte, sondern zunehmend durch ihre Augen und dadurch ihre Hoffnungen und Enttäuschungen miterlebt und nachvollziehen kann. Sehr männerfreundlich ist „Gervaise“ nicht, wie die meisten Kinostücke, die eine Frauenfigur im Titel tragen – wenn man von der Figur des Schmieds absieht, der leider im entscheidenden Moment, in dem er Gervaise helfen könnte, einfährt, weil er sich politisch betätigt hat. Jedoch, auch mit den Frauen, die hier gezeigt werden, möchte man so wenig wie möglich zu tun haben. Ich habe mich zwar gefragt, ob die böse Halbdirne, die erst den Lantier verführt und später den Polizisten heiratet, tatsächlich alles bis zum Ende durchgeplant hat, nämlich, bis sie den Laden von Gervaise kriegt, oder ob das in erster Linie der inneren Not von Gervaise zu verdanken ist, die eine Art Schuldprojektion benötigt, weil die schreckliche Wahrheit, nämlich, dass sie an einem Säufer klebt, der alle in den Abgrund zieht und weil sie sich nicht von ihrem Ex befreien kann, der auch noch in die engen Räume hinter dem Laden einzieht, weil das einfach zu viel für eine Person ist, um trotzdem ein Geschäft zu führen, das von der eigenen Kernfamilie sabotiert wird.

Aber schauen wir es uns doch kausal an: Die böse Nebenbuhlerin hätte keine Möglichkeit gehabt, Gervaise anzugreifen und zu gewinnen, wenn nicht Gervaises Mann nach seinem Arbeitsunfall sich als schwacher Charakter herausgestellt hätte und das Familienkonstrukt zusammengebrochen wäre, das immer nur von ihrer emotionalen Kraft gelebt hat. Eine Schlüsselstelle des Films zeigt sehr früh die Botschaft auf: Der Mann muss ein Kreuz unter den Mietvertrag fürs Ladenlokal machen, der Analphabet, obwohl Gervaise selbst schreiben kann und in der Folge ihre eigene Buchhaltung erledigen wird. Besser kann man nicht illustrieren, wie Frauen von geistig und charakterlich unterlegenen Männern aus rechtlichen Gründen dominiert werden konnten – damals, gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, aber noch weitaus später.

„Erst 1965 werden französische Ehefrauen ermächtigt, ihr Vermögen selbst zu verwalten und ohne Zustimmung ihres Gatten einen Beruf auszuüben, und erst 1970 wird im Code civil die väterliche Autorität zugunsten der elterlichen ersetzt.

Während in vielen europäischen Ländern das Frauenwahlrecht spätestens nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eingeführt wurde, auch in Deutschland, gilt es in Frankreich erst seit 1945. Die französische Revolution ab 1789 hatte zwar „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“ als Leitsatz für eine demokratische neue Zeit in die politische Systemdiskussion eingebracht, aber diese Gleichheit galt lange Zeit nur für Männer, obwohl Frankreich mit Jeanne d’Arc und der Figur der Marianne, deren Büste, verkörpert mittlerweile durch aktuell bekannte Französinnen (seit 2012 Sophie Marceau, zuvor u. a. Cathérine Deneuve), in jedem Rathaus zu finden ist, zwei historisch besonders wichtige weibliche Identifikationsfiguren hat.

Man hätte auch Gervaise ein Denkmal setzen können, aber zur Wahrheit des französischen Kinos zählt auch, dass Frauenfiguren selten verklärt wurden, zumal, wenn es es sich eben nicht um Ikonen wie Jeanne d’Arc handelte, sondern dass man sie ihn einen sozialen Kontext gestellt hat, der ihre begrenzten Möglichkeiten zeigt. Im Grunde waren erst die Filmstars selbst, die ab den 1930ern das französische Kino zu bevölkern begannen, Symbole für die Emanzipation, am meisten wohl Danielle Darrieux mit ihrem forschen Auftreten ab den 1930er nund ab den 1950ern dann eine ganze Reihe von weiblichen Stars, die im Filmm und auch mehr im Leben als bisher ihr Schicksal eigenständig in die Hand zu nehmen begannen – trotzdem oft materiell dominiert von Männern. Nicht, dass dies in anderen Ländern anders gewesen wäre, aber die amerikanischen Screwball-Comedies, eigentlich schon die Flapper der 1920er, warfen ein anderes, möglicherweise etwas idealistisch gefärbtes Licht auf den Gang der Dinge jenseits des Atlantiks, das außerdem nur in Großstädten schien. Der große Schub kam im Grunde erst durch die Notwendigkeit, dass Fraue im Zweiten Weltkrieg vierlorts Männer ersetzen und in der hochtourig laufenden Kriegswirtschaft mitarbeiten mussten. Selbst in den 1950ern gab es wieder den Versuch, das Rad zurückzudrehen und berufstätige Frauen wurden in Hollywoodfilmen nicht selten als hysterisch und überfordert dargestellt.

Ganz sicher waren die 1920er oder die 1950er nicht mit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu vegleichen, aber das modisch Selbstbewusste, die neue Sexyness, die Frauen nach dem Ersten Weltkrieg ausstrahlten, lässt die sozialen Verhältnisse und vor allem das Verhältnis zwischen den Geschlechtern neuzeitlicher wirken, als sie tatsächlich waren – Unternehmerinnen wie z. B. Coco Chanel, an denen man sich heute noch orientiert, wenn es um das neue Zeitalter ging, stellten in Wahrheit seltene Ausnahmen dar. Vielleicht hätte Gervaise hundert Jahre später auch einen solchen Weg nehmen können, aber so endet ihr Laden als große Bonbonniere unter Führung ihrer alten Rivalin.

Das ist schon deshalb böse, weil diese Frau nur Händlerin ist, ein dekadentes Früchtchen, im Vergleich, das Geld für den Laden kommt natürlich von ihrem Mann, dem Polizisten, während Gervaise immer selbst mitgewaschen hat und eigentlich den Prototyp einer Selfemadewoman dargestellt hat, die andere, aber vor allem sich selbst nicht schont. Warum sollten Frauen sich auch im Kaptialismus anders verhalten als Männer, wenn sie nach oben kommen wollen? Der Unterschied: Ganz nach oben kommt man so nicht, weil das Kapital nicht arbeitet, sondern arbeiten lässt.

Finale

In der werkgetreuen literarischen Adaption von Zolas Roman L’Assommoir wird die fatale Degeneration einer Arbeiterfamilie dargestellt, die vor allem auf den Alkoholismus zurückzuführen ist.

Kann man so sehen. Ich stelle mehr die sozialen Hintergründe heraus, denn was ist Alkoholismus mehr als individuelles Versagen, eigene Schwäche, wenn man ihn nicht in die Verhältnisse einordnet, die es der Frau des Alkoholikers, die man bis in der schrecklichen Schlussszene kaum trinken sieht, verunmöglicht, diesen Verhältnissen zu entkommen? Mit den Kindern abhauen und woanders neu anfangen? Ohne Möglichkeit, auch rechtlich die Trennung zu vollziehen? Sich scheiden lassen war damals ebenso unmöglich, wie Frauen eben viele andere Rechte noch nicht hatten – die Scheidung gibt es in Frankreich generell immerhin seit 1884 (wieder), aber die Handlung von „Gervaise“ liegt vor dieser Zeit.

82/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie René Clément
Drehbuch Jean Aurenche
Pierre Bost
nach dem Roman L’Assommoir von Émile Zola
Produktion Agnès Delahaie
Musik Georges Auric
Kamera Robert Juillard
Schnitt Henri Rust
Besetzung

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