Das Gespenst – Tatort 726 #Crimetime 770 #Tatort #LKA #Hannover #Lindholm #NDR #Gespenst

Crimetime 770 - Titelfoto © NDR, Christine Schröder

Vorwort 2020

Heute (schon) wieder ein Original. Anfang April 2011 startete die „TatortAnthologie“ im „ersten Wahlberliner“. Am 24. Mai wurde der untenstehende Beitrag veröffentlicht als Nr. 26. Es war der erste Lindholm-Tatort, über den wir geschrieben haben und sie ist bereits hier zu bemerken: Die Aversion gegen diese Figur, die sich im Laufe mehrerer Jahre aufgebaut hatte und in unserer ausführlichen Rezension zu „Schwarzes Herz“ gipfelte. Trotzdem würden wir heute wohl das eine oder andere auch in der Kritik zu „Gespenster“ anders formulieren.

„Unglaubwürdig“ ist mittlerweile keine Kategorie mehr, die Geheimdienste betreffend, man muss ihnen alles zutrauen. Vom notabene ungewollten Fail, vom Übersehen und von Nachlässigkeit übers absichtliche Vertuschen bis hin zu aktiver Mitwirkung und Förderung der rechten Szene bei gleichzeitiger Überbewertung linker Gewalt. Als die Rezension 2011 geschrieben wurde, gab es noch keine institutionalisierte Rechte in Form der AfD, keine Aufdeckung des NSU, keine immer wiederkehrenden Versäumnisse beim Schutz der Werte des Grundgesetzes, zumindest drang nichts davon nach außen, was große Aufmerksamkeit erregt hätte. Die Strukturen, die heute als so problematisch wahrgenommen werden, gab es damals aber schon und selbst, wenn Filmemacher nur spekulierten und nichts wussten, wirken Filme, in denen die Integrität bestimmter Behörden in Zweifel gezogen wird, sehr vorausschauend.

I. Inhalt

Auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen wird ein Polizist bei einer Personenkontrolle erschossen. Was aussieht wie die panische Reaktion eines Kriminellen, wird zunehmend mysteriöser. Alle Überwachungskameras waren zur Tatzeit ausgefallen.

Für Charlotte Lindholm scheint der Fall allerdings bereits nach wenigen Stunden klar. Zu ihrer eigenen Überraschung ist die mutmaßliche Mörderin ihre Jugendfreundin Manu. Sie wird von Charlotte gefasst – kurze Zeit später zieht jedoch der Verfassungsschutz den Fall an sich, um Manu wieder freizulassen. Man habe keine stichhaltigen Beweise für ihre Schuld gefunden.

Charlotte ist empört und recherchiert das Leben Manus. Sie findet heraus, dass Manu lange für verschiedene Hilfsorganisationen u. a. im Kongo gearbeitet hat. In der geheimen Akte der Freundin findet sie Hinweise, dass sie sich einer radikalen Gruppe angeschlossen haben könnte. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, den brutalen, von westlichen Nationen geduldeten Bürgerkrieg in dem zentralafrikanischen Land zu beenden.

Besetzung
Rolle Darsteller
Charlotte Lindholm Maria Furtwängler
Martin Felser Ingo Naujoks
Manu Seehausen Karoline Eichhorn
Jens Osburg Pierre Besson
Annemarie Lindholm Kathrin Ackermann
Edgar Strelow David Rott
Klaus Ritter Hansa Czypionka
Bitomsky Trsten Michaelis
Belz Holger Handtke
HK Pritt Stephan Benson
Stabliste
Aufgabe Name
Regie: Dror Zahavi
Buch: Stefan Dähnert
Kamera: Gero Steffen
Musik: Jörg Lemberg

Zusammenfassung, Besetzung und Stab aus DAS ERSTE.)

(Ausführliche Zusammenfassung im Tatort-Fundus)

II. Kurzkritik

Ein Fall für höhere Stellen. Charlotte Lindholm wird bei den Ermittlungen durch den Landesverfassungsschutz gestört, der den Fall an sich nehmen will. Natürlich gibt sie sich damit nicht zufrieden und recherchiert weiter, schließlich ist sie auch bei einer Landesbehörde tätig.

Alte Freundschaft und neue Fragen der Gerechtigkeit kreuzen sich, Charlotte Lindholm muss sich der Tatsache stellen, dass sie für den Staat arbeitet, der Staat aber einen brutalen afrikanischen Diktator schützt, den wiederum ihre alte Freundin Manuela in einem terroristischen Akt umbringen will. Zudem hat diese bereits einen toten Polizisten auf dem Gewissen, der rein gar nichts mit der ganzen Sache zu tun hatte. Hätte er vielleicht mal nicht so penetrant darauf insistieren, dass Manuela ihr Auto aus dem Halteverbot bewegt.

Die moralischen Aspekte sind schwierig, die Handlung ist an vielen Stellen unlogisch, der Gesamtplot unglaubwürdig. Schauspielerisch gehört 726 ebenfalls nicht zu den Top-Tatorten.

III. Rezension

  1. Erstmalig Charlotte Lindholm

Dies ist nicht der erste Tatort mit Maria Furtwängler alias Hauptkommissarin Charlotte Lindholm, den wir gesehen haben, aber der erste, den wir rezensieren. Und wir müssen es gleich an dieser Stelle schreiben: Nach wenigen Minuten war das Bauchgefühl bei diesem Krimi negativ.

In manchen Folgen haben wir Charlotte Lindholm schätzen gelernt, mit ihrer kühl-norddeutschen Art und ihrer Professionalität. Über Bindungsunfähigkeit zu urteilen, steht uns sowieso nicht an. Denn die ist den meisten Kommissarsfiguren nun einmal in die fiktionale Biografie geschrieben. Zum einen, weil dadurch viel mehr Platz ist für eigene persönliche Verwicklungen, als wenn sie alle brave Familienväter wären wie Freddy Schenk aus Köln. Immerhin ist Charlotte Lindholm allein erziehende Mutter.

Zunächst muss man festhalten, dass Maria Furtwängler als Privatperson seit 1991 mit dem Verleger Hubert Burda verheiratet ist und dass das Paar zwei Kinder hat. Zudem ist sie promovierte Ärztin. Vermutlich hat sie privat wenig mit der Figur gemein, die sie spielt.

Auch wenn sie gegenüber ihrem Film-Sohn Max nicht übermäßig zärtlich wirkt, nimmt man ihr die Mutterrolle ab, aber in dieser eher einsamen Person Charlotte Lindholm steckt einiges an schauspielerischer Leistung, weil eben jemand nicht sich selbst spielt, wie das auch in den Tatorten durchaus nicht unüblich ist.

In Folge 726 hat sie ein Problem, das wir in anderen mit ihr,  die wir bereits gesehen haben, weniger ausgeprägt fanden. Nämlich ein Glaubwürdigkeitsproblem. Erst möchte sie Gerechtigkeit für den getöteten Polizisten, dann Gerechtigkeit für Afrika, gemeinsam mit ihrer früheren Freundin Manuela, die einen anderen Lebensweg gegangen ist, am Ende ist sie erschüttert über Manuelas Tod, obwohl diese ihr selbst wenige Stunden zuvor nach dem Leben trachtete und ihren kleinen Sohn mitleidlos zum Waisen machen wollte.

Selbst eine Frau, die in diesem Film als Idealistin und Polizei-Anarchistin („ich mag keine Dienstwege“) dargestellt wird, stellt ihren eigenen Lebenswillen so zurück? Jemand, der so strukturiert und professionell wirkt, verliert sich nach einem solchermaßen eigenen, existenziellen Erlebnis in Nostalgie? Ja, in manchen Tatort-Drehbüchern geht alles. Auch, dass jemand, der eine ganz andere Ausstrahlung hat, komplett aus der Schale tritt und sich selbst überhöht. Das natürlich auch. Im weiblich-kommissarischen Norden scheint das auf die eine oder andere Weise immer mehr üblich zu werden, wie man zuletzt im Tatort 801 („Der illegale Tod“) auch für Bremen feststellen konnte.

Die Auslegung der Figur war in diesem Umfeld ohnehin schwierig, da es keine moralischen Sieger gibt. Im Grunde eine sehr interessante Konzeption, aber der unglaubwürdige Plot macht diese zunichte. Und Charlotte Lindholm weiß nicht, wem sie ihre Loyalität schenken soll. Dass sie immer dazu tendiert, gegen den Staat zu opponieren, der sie bezahlt und dessen Rechtsordnung sie verpflichtet ist, wäre an sich nicht so schlimm, das tun ja mittlerweile fast alle Kommissare. Dass sie aber, wie die Kollegin aus Bremen, dafür einen moralischen Impetus für sich in Anspruch nimmt, ist fragwürdig. Wäre es wenigstens noch einzelfallbezogen, wäre es aus ermittlerischem Ehrgeiz, das wäre verständlich, weil nicht so unerträglich idealisiert.

  1. Der Verfassungsschutz des Landes Niedersachsen als Person im Film

Um das verständlich zu machen, hat man den Staatsschutz auf eine Weise agieren lassen, die garantiert so wirklichkeitsnah ist wie ein Marsmensch auf dem Mars. Gut für Verschwörungstheoretiker, schlecht für Realisten. In dem Fall verständlich, dass sich das niedersächsische Innenministerium beschwert hat.  Wir lassen außen vor, ob hier nicht die Bundesbehörde zuständig gewesen wäre, es geht immerhin um einen Fall auf höchster Ebene; und ob wirklich Hannover und nicht etwa ein international renommiertes Krankenhaus wie die Berliner Charité für die Operation eines Staatsoberhauptes erste Wahl hätte sein müssen.

Es gibt auch genug eindeutige Probleme mit diesem Verfassungsschutz. Das Agieren an sich, jenseits der Legalität, wird immer gerne unterstellt, wenn man sonst keinen vernünftigen im Sinne von fetzigen Plot konstruieren kann. Natürlich gibt es heute einige Freiheiten für die Verfassungsschützer, die man in Bezug auf die Bürgerrechte kritisch sehen muss, aber die Art, wie hier verwanzt und getrickst und agiert wird, ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern auch ineffizient. Niemals, und da hat der Repräsentant des Verfassungsschutzes, Klaus Ritter (Hans Cypionka) recht, hätte man diesen Diktator wissentlich einer solchen Gefahr ausgesetzt, ihn quasi als Köder für einen lang gesuchten deutschen Terroristen verwendet.

  1. Afrika!

Man hätte auch nicht eine Falle so aufgebaut und Topterroristen wären ihr nicht so leicht ins Netz gegangen. Das hier ist mehr eine Amateurtruppe und man wundert sich, dass der Verfassungsschützer aus der Angelegenheit beinahe einen persönlichen Rachefeldzug gegen Jens Osburg (Pierre Besson), den Chef des kleinen terroistischen Sprengels, macht. Der ja so gefährlich sein soll. Der aber, genau wie die Kollegin Manuela Seehausen (Caroline Eichhorn) nicht merkt, dass dieses Eindringen ins Krankenhaus und Vordringen zum Staatspatienten irgendwie sehr, sehr leicht vonstatten geht. Die Terroristen wissen genau, dass Klaus Ritter über ihren geplanten Anschlag Bescheid weiß, ziehen ihn aber dennoch mit einem billigen Täuschungsmanöver schön durch. So fanatisch sind nur Selbstmordkommandos und das wirkt hier, bei allem Respekt vor dem Idealismus, unglaubwürdig.

Wie eine weitere Grundkonstellation. Deutsche engagieren sich für alles Mögliche und auch für manches Unmögliche, aber noch nie ist jemand in diesem Land zum Terrorist geworden, um den Armen in der dritten Welt zur  Seite zu stehen. Dafür sind Deutsche schlicht nicht geeignet. Weil es die ideologische Unterfütterung offenbar nicht gibt. Bei den Palästinensern geht das noch gerade so hin, und natürlich nach innen. Afrika ist den Deutschen nicht wurscht, es gibt viele Helfer dort unten und viele Menschen, die spenden. Aber links, das ist Kuba, Südamerika, der Osten und natürlich Che Guevara – der hängt ja auch noch im Zimmer der nach Afrika gegangenen Manuela Seehausen. Aber Afrika?

So weit, ausgerechnet in Deutschland afrikanische Diktatoren ermorden zu wollen, würden Deutsche nicht gehen, um in Afrika die Zustände zu verbessern. An die käme man auch nicht so leicht heran, wie Tatort 726 es suggeriert. Es ist ja geradezu lächerlich, wie ungeschützt der im Rollstuhl sitzende Mann am Flughafen in einen Krankenwagen verbracht wird, man sieht es auf dem Amateurvideo, und nur deshalb kann man ihn erkennen.

Von Beginn an hakt es gewaltig an der Gesamtlogik. Was wollte eigentlich Frau Eichhorn am Flughafen? Die afrikanische Kollegin abholen? Die könnte auch ein Taxi nehmen. Mit ihr gemeinsam oder alleine den Diktator beobachten? Ob er auch wirklich im Flugzeug saß? Komplett unnötig, sich dafür eine auffällige Diskussion mit dem Polizisten einzuhandeln. Man hätte auch noch einmal im Kreis fahren können oder sich auf den Parkplatz stellen, lange vorher. Es war ja offenbar nicht geplant, den Diktator direkt am Flughafen umzubringen und von dort zu fliehen. Dazu wäre nämlich der Terroristenchef wieder nicht anwesend gewesen, der die Planung für einen im Grunde komplizierten Terroranschlag machen muss. Am Flughafen-Ausgang, das wäre ein simples Attentat gewesen, ähnlich wie seinerzeit bei Franz Ferdinand von Österreich im offenen Auto. Einen Weltkrieg hätte es allerdings nicht ausgelöst.

Wenn man weiß, welch schweres und logistisch durchdachtes Geschütz aufgefahren werden muss, um geschützte Personen umzubringen, wirkt das alles hier sehr dilettantisch – im Grunde auf allen Seiten (bis auf Kommissarin Lindholm, die ermittelt mit Maximalkapazität und steigt deshalb auch in rasender Eile hinter die  Zusammenhänge – Klaus Ritter hat Recht, sie müsste an seiner Stelle den Verfassungsschutz leiten, dann würde manche Panne nicht passieren).

Eine Panne wie zum Beispiel, dass ein führender Mann des Organs einfach in den Flughafen spaziert, sich als Polizist ausgibt, um ein Überwachungsvideo löschen zu lassen. Und nicht jemand, der weniger prominent ist und vielleicht auch irgendwie getarnt. So ein richtiger Schlapphut, eben. Einer mit Bart, wie Jens Osburg, der ja auch mit veränderter Optik nach Deutschland einreist. Es muss dem Verfassungsschützer doch klar sein, dass eine Zeugenbefragung wegen des verschwundenen Videos stattfinden und ein Phantombild angefertigt werden wird.

Natürlich, man konnte Frau Seehausen nicht in den Händen der Kommissarin lassen, war sie doch die Verbindungsperson zu dem gesuchten Terroristen Osburg. So konnte sie auch ungehindert in Lindholms Wohnung spazieren, sich zu ihr in die Badewanne setzen und dort ein Gespräch über die Dinge des Lebens führen, mit geladene Pistoler, versteht sich. Das ist so fern der Wirklichkeit, dass es schon wieder nett kommt. Dazu kommt, dass sie Lindholm die Tatwaffe überlässt, mit welcher der Polizist umgebracht wurde. Das einzige echte Beweismittel gegen sie. Manchmal würde man sich schon Figuren und Handlungen wünschen, die psychologisch wenigstens möglich sind, sofern man unterstellt, dass die Handelnden hier nicht sowieso persönlichkeitsgestört sind. Dann kann man die Maßstäbe natürlich verschieben.

IV. Fazit

Am Ende ist man enttäuscht. Über einen Film, der sehr viel Anspruch mit sich trägt und diesem nicht gerecht wird. Die Handlung ist überzogen und mit unglaubwürdigen Elementen gepflastert, die Art, wie Charlotte Lindholm Partei bezieht, wirkt besonders zum Ende hin immer fragwürdiger. Überhaupt ist der Schluss, ein regelrechter Showdown mit ungleichen Waffen, zu viel des Schlimmen. Dieses Mal gibt’s auch keine Aufwertung dafür, dass man ein wichtiges Thema bringen wollte. Das is ja immer so, nur manchmal wesentlich stimmiger. 6,0/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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