Amoklauf – Polizeiruf 110 Episode 120 #Crimetime 771 – #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Fuchs #Amok #Lauf #Amoklauf #DDR

Crimetime 771 - Titelfoto © Fernsehen der DDR

Mensch, Kain, noch mal Glück gehabt!

Nicht nur für die Verhältnisse von 1988, als der Polizeiruf 110 sich bezüglich seiner Spielzeit langsam an die Tatorte im Westen annähert, ist „Amoklauf“ außergewöhnlich kurz, er liegt auch mit 57 Minten unterhalb des Durchschnitts der ersten Jahre (64-66 Minuten). Aber man kann eine solche Hatz auch nicht ewig ziehen, wie sie hier gezeigt wird. Man hätte lediglich die Exposition um einiges verlängern können. Verständlich ist der Film aber auch so und was haben wir gezittert, weil der spätere Kommiaar Kain, Ehrlichers jüngerer Kollege im Sachsen-Tatort, doch überleben musste! Ob das geschah oder ob er später wiederauferstnd und einiges weitere zum 120. Polizeiruf steht in der -> Rezension.

Handlung

Hauptmann Peter Fuchs ermittelt im Rahmen eines Verkehrsunfalls. Ein Kleinwagen stieß auf einer Brücke mit einem Lkw zusammen, nachdem sich ein Rad gelöst hatte. Es stellt sich heraus, dass der 14-jährige Junge Markus Seifert und sein etwas älterer Freund Jürgen Gruber die Radmuttern gelockert haben. Sie wollten ihrem ungeliebten Nachbarn Huber eine Lektion erteilen, hatte sich der Journalist doch mehrfach über den Lärm Jürgens beschwert. Huber erleidet einen Beinbruch und wird drei Monate für die Rekonvaleszenz brauchen.

Jürgen Gruber nimmt mit seinen Eltern Hermann und Hilde am Nachmittag des Unfalltags an der Beerdigung seines Großvaters teil. Zur Trauerfeier ist auch Hermanns Bruder Siegfried mit seiner Frau Waltraud erschienen. Die Brüder verstehen sich nicht, hat Siegfried doch im Gegensatz zu seinem Bruder nicht wie der Vater den Fleischerberuf ergriffen, sondern studiert. Er arbeitet als Ingenieur, was Hermann immer wieder zum Vorwurf führt, dass sich sein Bruder die Finger nicht schmutzig machen will. Im Laufe der Trauerfeier betrinkt sich Hermann exzessiv und beginnt, mit den Taten des Vaters während des Zweiten Weltkriegs zu prahlen. Peinlich berührt verabschieden sich die meisten Gäste. Bruder Siegfried und Frau gehen ebenfalls. Hermann, der mit Sohn Jürgen weitergetrunken hat, will sich nun hinters Steuer setzen und die Familie nach Hause fahren. Hilde weigert sich, in das Auto einzusteigen und beginnt, nach Hause zu laufen. Hermann zwingt sie schließlich, doch mitzufahren.

Die Tour erweist sich als länger als gedacht. Hermann fährt in der Dämmerung mit überhöhter Geschwindigkeit ohne Licht und rast schließlich an Peter Fuchs’ Auto vorbei. Als der ihn anhalten will, überfährt Hermann eine rote Ampel, woraufhin Peter Fuchs eine Fahndung einleiten lässt. Hermann wiederum verfährt sich in der Stadt und tauscht mit seinem ebenfalls angetrunkenen Sohn die Plätze. Jürgen hat nur einen Motorradführerschein, setzt sich jedoch gegen den Willen seiner Mutter hinters Steuer. Die Irrfahrt der Familie sorgt für immer mehr Zwischenfälle und mehrere Unfälle. Im Wagen fallen die Masken, und die stets unterdrückte Hilde berichtet ihrem Sohn, dass sein Vater egozentrisch ist, stets andere unterdrückt hat, und sie sich schon längst von ihm hätte scheiden lassen, wenn nicht er, Jürgen, gewesen wäre. Jürgen, und später wieder Hermann, durchbrechen auf der Flucht Polizeisperren und fahren Polizisten um. Über Umwege versucht Hermann schließlich, nach Hause zu kommen, wobei er einen Radfahrer anfährt, der schließlich auf dem Weg ins Krankenhaus verstirbt. Hermann ist das Ziel bald egal, er will der Polizei nur noch beweisen, dass sie ihn nicht kriegen kann. Die Amokfahrt endet schließlich in einem Dorf. Hermann überfährt eine Nagelsperre, und der Wagen kommt auf dem Dorfplatz zum Stehen. Per Lautsprecher wird Hermann zum Aussteigen aufgefordert. Es ist Hilde, die nervlich am Ende aus dem Wagen flieht und von Sanitätern in Empfang genommen wird. Erst Peter Fuchs bringt Hermann dazu, auszusteigen. Der tut naiv und behauptet, es sei doch nichts geschehen und niemand zu Tode gekommen. Dann werden Hermann und Jürgen abgeführt.

Rezension

In der DDR kurz vor der Wende war wirklich nochmal einiges geboten. Man hat einen echten, kurzen Action-Polizeiruf inszeniert, in dem ein wildgewordener Familienvater in beinahe selbstmörderischer Absicht am Steuer durchdreht und dabei eine Kalamität nach der anderen verursacht. Ganz offen: Alles, was wir da gesehen haben, halten wir beinahe für hyperrealistisch, auch wenn es schmerzhaft gedehnt wird und wir am liebsten alle Mitglieder der Familie Gruber in die tiefe Grube und zum Teufel gewünscht hätten.

Durch diesen kurzen FIlm werden sich Freund*innen der Familienaufstellungen bestätigt fühlen. Es beginnt damit, dass der Vater gestorben ist und ein Meer der emotionalen Verwüstung hinterlassen hat. Der ältere Sohn versucht, dem Vater nachzueifern, hat aber nicht dessen Härte und der jüngere Sohn setzt sich ab und wird Akademiker. Gegen den Willen des Vaters. Aber er bleibt kinderlos, die eigene Kindheit war ihm wohl Graus genug – während der ältere Sohn einen einzigen Stammhalter produziert, der zwischen einer gütigen, aber auch ihrem Mann gegenüber viel zu weichen Mutter, den Anforderungen des Vaters, seinem jugendlichen Aufbegehren hin- und hergerissen ist. Das riskante Verhalten des Vaters, seinen Zwang, ständig etwas beweisen zu müssen, stellen wir noch über den Egoismus, der damit einhergeht und der bei vielen Menschen zu beobachten ist, die sich auf diese Weise behaupten wollen. Wenn wir wissen wollen, wo ewiger Zwist und immer neue Kriege herkommen, bei den Grubers und ihren unglaublich destruktiven Verhaltensweisen werden wir fündig. Dass die Grubers in zweiter, bald in dritter Generation Schlachter sein werden, ist kein Zufall.

Und wie sie über andere denken, zum Beispiel über den Journalisten, der von dem Lärm der Familie genervt ist und beinahe umkommt, weil Gruber junior sein Auto manipuliert und es dadurch zu dem Unfall kommt, mit dem der Film beginnt. Die Amokfahrt selbst ist natürlich nicht ganz so ausgeführt, als wenn dies ein amerikanischer Film wäre, andererseits mutet die Häufung von Begebnissen, die aber nicht zum Stoppen des Wolga Kombi führen, etwas kurios an – aber sie ist symbolisch für den Crashkurs einer Familie, die nur aus ungelösten Konflikten beseteht und in dieser Fahrt ihren Höhe- und Endpunkt findet. Wir haben sehr viele Polizeirufe gesehen, in denen sich Paare getrennt haben oder schon geschieden und immer wieder gab es Probleme durch Verhältnisse, in denen die Beteiligten sich nicht klar abgrenzen konnten oder nicht alle mitnehmen und zu einer neuen Gemeinschaft zusammenwachsen konnten. Hier nun das Gegenteil: Dringend hätte sich Frau Gruber von ihrem vor allem dem Sohn gegenüber gewalttätigen Mann scheiden lassen müssen, aber dazu ist sie auch zu naiv und unsicher.

Was aber will uns der Film gesellschaftspolitisch in einer Zeit sagen, in welcher man in der DDR erkennbar nochmal versucht hatte, den Laden irgendwie auf Vordermann zu bringen? Demgemäß verhält sich auch Hauptmann Fuchs, der in diesem Kurzthriller alleine ermittelt, ziemlich autoritär und sehr moralisierend. Was ihn aber dennoch auszeichnet, ist, dass er, bevor er durch die Gefahrenlage gebunden wird, mehr über die Grubers wissen will. Er ist nicht nur der Vertreter eines Staates, der seine Autorität und seine Ideologie durchsetzen will, sondern auch ein Forscher, dem es wirklich um die Menschen zu tun ist. Diese Seite kommt in „Amoklauf“ besonders gut zum Vorschein.

Nicht ganz einfach ist zu bewerten, welche Haltung der Film nun einnimmt. Wenn man sich die Grubers anschaut, muss man eigentlich davon ausgehen, dass es Quatsch ist, jeden zu einem guten Sozialisten machen zu wollen, zumal, wenn man sich darüber streiten kann, ob es in der DDR überhaupt Vorbilder gab, die getaugt hätten. Wenn eine Familie so von innen zerfault ist sie die Grubers, und da schließen wir den Bruder und seine Frau ein, die lieber ihre Gene nicht weitergeben möchten, wer soll das von außen ändern, solange sie strafrechtlich nicht auffällig werden – und das war ja bei den Grubers lange Zeit der Fall, der Vater fuhr 20 Jahre lang unfallfrei und dann das. Dass zu viel getrunken wird und man auch mal alkoholsiert ans Steuer steigt, nun ja. Wenn es niemand merkt, dann kann man es auch nicht als Anknüpfungspunkt dafür nehmen, ob man mal etwas genauer hinschauen sollte.

Günter Junghans spielt den Vater, diese Mischung aus Manipulator und Ausübender roher häuslicher Gewalt, schon sehr gut und Bernd Michael Lade lässt schon erkennen, wie er später den sensiblen Kommissar Kain anlegen wird. Barbara Dittus, eine der häufigsten Episodenrollen-Inhaberinnen der „alten“ Polizeirufe hat es drauf, die Mutter so darzustellen, dass das Desaster komplett wird.

Finale

Wir fanden den Film sehr spannend, weil die Psychologie der Figuren so eingerichtet ist, dass jederzeit alles Mögliche und vor allem das Schlimmste passieren kann. Dass deren Verhalten auf der Fahrt nicht gerade logisch ist, stellt sich in diesem Fall nicht als Filmfehler dar, sondern als Ausdruck der Persönlichkeit, die nicht in der Lage ist, einen klaren, rationalen Gedanken zu fassen, sondern ganz und gar gefangen in der Aggression, auch der im wörtlichen Sinne Auto-Aggression, von der diese Familie gekennzeichnet ist

Die Polizeirufe der letzten DDR-Jahre haben eine große Varianz und oft eine sehr gute psychologische Ausarbeitung. Hätte die dortige Politik so viel Ahnung von ihrem Volk gehabt wie die Filmemacher, wäre manch gravierender Fehler vielleicht nicht passiert oder hätte rechtzeitig korrigiert werden können. Die Menschen, die wir sehen, versuchen zwar, im System zu funktionieren, haben aber eine ganz falsche Auffassung davon, was Funktionieren, auch, was Disziplin und Verantwortung bedeuten. Selten haben wir einen im Verhalten anderen gegenüber disziplinloseren Menschen in einem Polizeiruf gesehen als Vater Herrmann Gruber. Den finalen Durchbruch am Ende hat er aber nicht versucht, nachdem sein Wolga Kombi durch die auf der Straße agebrachten Nagelbretter vier platte Reifen hat.

Der Weg ist zu Ende. Vor allem der von Vater Herrmann, der schlussendlich den Tod des Radfahrers zu verantworten hat, den er achtlos umfuhr und dann auch noch behauptet, dem wird schon nichts geschehen sein. Es gibt viele Personen, die wirklich so ticken, das ist das besonders Üble daran. Die Art, wie es immer wieder hin und her geht, im Auto und schon zur, die ist sicher ein wenig stagy, kommt auf ein Theaterstück. Aber Familien in den 1980ern mit unbewältigten Schatten der Vergangenheit, die gab es, davon gab es viele. Und wie wir heute auch am politischen Verhalten vieler sehen: Der Hang zu Brutalität und unbeherrschter Aggression, nie hinterfragter Autorität und manches mehr führt zur Bevorzugung faschistischer Denkmuster und Wahlentscheidungen, der ist nicht ausgestorben. Im Gegenteil. Man hat das Gefühl, die Gespenster der Vergangenheit werden immer aktiver. Nur, wie es ausgeht, sieht man auch in dieserm Film wieder. Wer aus 1945 nicht gelernt hat, kann es in „Amoklauf“ betrachten: Es kommt zum Totalschaden.

8/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Wolfgang Hübner
Drehbuch Eberhard Görner
Produktion Irene Ikker
Musik Conny Bauer
Kamera Otto Hanisch
Schnitt Brigitte Koppe
Besetzung

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