Schwarzer Peter – Tatort 718 #Crimetime 772 #Tatort #Leipzig #Saalfeld #Keppler #MDR #Peter #schwarz

Crimetime 772 - Titelfoto © MDR, Steffen Junghans

Vorwort 2020

Die Rezension zum Tatort Nr. 718 wird wohl eines der letzten „Originale“ sein, die wir zeigen: Eine Rezension, wie sie in der Anfangszeit der „TatortAnthologie“ entstanden ist, in diesem Fall am 25. April 2011 als Nr. 10 der Anthologie und als erste Rezension eines Falls des damaligen Leipzig-Teams. Wir haben den Text also nicht an die heutigen Modalitäten von „Crimetime“ angepasst, Stilistik und Gliederung betreffend, weil wir noch einmal dem Anfang nachspüren wollten – das heißt, alle Bezüge im Text betreffen unseren Stand von damals. Warum wird diese Variante bald enden? Das Jahr 2011 ist nun beinahe komplett „republiziert“ und in der Folge entwickelten sich die Kritiken schrittweise in die Richtung, in der wir die aktuellen Rezensionen schreiben. Beigefügt haben wir ein Titelbild, ein solches gab es bei den ersten Rezensionen noch nicht, sowie die Copyrights für dieses Bild und den Text.

Inhalt:

Bei einer Ruderpartie auf der Weißen Elster entdeckt eine Leipziger Familie einen Toten im Wasser. Die Hauptkommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler fi nden seine Identität heraus: Es handelt sich um Peter Schneider, einen erfolgreichen Leipziger Unternehmer. Seine Frau Gitta ist fassungslos.

Unter Verdacht gerät Schneiders ehemaliger Mitarbeiter Siegbert Finster. Der geschiedene Ingenieur hatte zu trinken angefangen und war von Schneider gekündigt worden. Am Tag des Mordes hatte Finster seinen früheren Chef aufgesucht, um ihn noch einmal umzustimmen. Das Gespräch endete im Streit, und Finster hatte am Grundstückszaun randaliert…

Aus den Gesprächen mit ihm und der Familie des Ermordeten erfahren die Kommissare, dass Peter Schneider ein herrschsüchtiger Mann war, der die Menschen in seiner Umgebung tyrannisierte und mit Geld und Geschenken kaufen wollte. Sogar sein Stellvertreter und Ziehsohn Christian Bensen, der die Firma jetzt allein führt, gibt zu, dass er regelmäßig Auseinandersetzungen mit dem Patriarchen hatte. Auch die erwachsenen Kinder halten offenbar schon lange Abstand von ihrem Vater. Bei ihren Befragungen erkennen die Kommissare immer mehr, dass sich in der Familie tiefe Verletzungen zu Hassgefühlen entwickelt haben. Als Gitta Schneider nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus liegt, stehen ihr nur ihre Kinder Michael und Ivonne bei. Die jüngste Tochter Susanne aber scheint vom Leid ihrer Mutter unberührt. (Zusammenfassung aus dem Tatort-Fundus)

Kurzkritik:

718 ist einer der immer häufigeren Tatorte, die Sozialdramen anhand von Kriminalfällen aufrollen, hin und wieder dienen die Kriminalfälle beinahe als Vorwand für das, was die Macher des Films eigentlich zeigen wollen: ein gesellschaftliches Thema.

Das ist in „Schwarzer Peter“ selbst für Tatort-Verhältnisse sehr eindeutig und der Kernpunkt „häusliche Gewalt“ überlagert im Verlauf immer mehr die Ermittlungsarbeit.

Die Spannung resultiert weniger aus der Ermittlungsarbeit und es ist am Ende beinahe gleich, welche von diesen bemitleidenswerten Figuren, die mit Peter Schneider in Kontakt kamen, den Mord verübt hat. Trotzdem ist es besonders einprägsam, dass es seine Frau war, die sich am Ende doch aus jahrelanger Demütigung und Unterwerfung befreit hat.

Ein sehenswerter Tatort, auch wenn nicht jeder denkt, das Thema ginge ihn an. Es geht die meisten zumindest als Zuschauer an.

Rezension:

  1. Das Thema steht dieses Mal vorne

Wir lassen Saalfeld / Keppler erst einmal ein wenig zurücktreten. Sie ordnen sich ja auch ein und dem Thema unter. Das machen sie übrigens im Wesentlichen gut. Sie diskutieren über häusliche Gewalt und bringen den Zuschauer auf den neuesten Stand, zum Beispiel, was die Meinung angeht, dass die Tendenz zu häuslicher Gewalt vererbbar ist, nicht nur durch Prägung erlernbar. Das ist ein Feld für Biogenetiker, diese können genau erklären, was sich da mit den Genen und auf ihnen abspielt und wie Konditionierung offenbar auch das Erbgut unterwandert – falls das so gesicherte Erkenntnis ist, im Film wird es eher als These dargestellt. In einer Diskussion mit Eva Saalfeld vertritt Bruno Keppler eher die Theorie, dass die Umwelt das Handeln des Menschen vorherbestimmt und Eva Saalfeld wirft das Prinzip Eigenverantwortung ein. Aber der Film hat eine klare Haltung. Er neigt zur deterministischen These, nicht nur, weil Keppler das letzte Wort hat, nicht Saalfeld. Sondern auch, weil man am Ende sieht, wie ungeheuer schwierig es für jeden, der jemals mit dem Opfer Peter Schneider zu tun hatte, ist, sich aus dem zu befreien, was dieser Mensch in ihm angerichtet hat.

Man sieht Peter Schneider nur als Leiche, aber selbst als solche herrscht er über die Lebenden – und ist, gemäß Kepplers Ansicht, selbst ein Opfer seines eigenen Traumas.

  1. Darstellung des Themas gelungen?

Das Thema „häusliche Gewalt“, bereichert um die Variante „Manipulation durch Geld / Macht“, wir haben uns darauf eingelassen, es zum Zentrum der Bewertung von Folge 718 zu machen.

Deswegen steht und fällt sie damit, ob wir die Darstellung des Themas gelungen finden. Wir ziehen zunächst einen kurzen Vergleich zu einem anderen andern Film, der sich explizit damit auseinandergesetzt hat: „Kehrtwende“. Auch dort hat übrigens ein Tatortkommissar die Hauptrolle gespielt – allerdings als negative Figur.

Dort haben wir uns an der Herleitung der Gewalt gestört, an der zu schwachen Begründung. In 718 ist es beinahe umgekehrt. Ursachen und Folgen sind so gnadenlos linear miteinander verknüpft, dass angesichts der Unausweichlichkeit die Tragödie spürbar wird, in jedem Mitglied der Familie Schneider. Aber man kann nicht beides kritisieren, sondern muss anerkennen, der Tatort bringt im Rahmen eines Krimis, der viel mehr Figuren zeigt, nicht nur mehr unter, er tut es sehr gekonnt.

  1. Die Figuren im Thema

Die Kinder sind für uns stimmige Figuren. Die Tochter Susanne (Chiara Schoras), die ihrerseits das Muster wiederholt und einen gewalttätigen Mann heiratet und sich nicht von ihm befreien kann, bis Eva Saalfeld eingreift. Die Tochter Ivonne (Sandra Borgmann), flirrend-aggressiv, trotz Helferberuf, wenn es um die Familie geht, drei Therapien und noch kein Frieden. Wenige Szenen, aber intensive Darstellung. U. a. die Leistung in 718 könnte zu ihrem Einsatz im Giganten-Tatort 751 („Weil sie böse sind“) geführt haben. Sie kann Figuren spielen, die nicht leicht zu durchschauen sind genauso wie böse Mädchen. Wir würden sie gerne öfter sehen. Dann der Sohn Michael (Joram Voelklein), der sich abgewendet hat und die Mutter nur besucht, wenn der Vater nicht da ist, diese dann zu Ausflügen mitnimmt, obwohl der Vater ihm einen Laden geschenkt hat und Michael dieses Geschenk nicht etwas zurückgewiesen hat.

So, wie hier gezeigt, nicht nur glaubwürdig, sondern folgerichtig. Zwei der Kinder haben immerhin darum gekämpft, sich ein eigenes Leben aufzubauen, nur eines wiederholt das Muster der Kindheit schicksalsergeben, beinahe ohne Abweichung. Im Grunde kann man jede These über die Auswirkungen frühkindlicher Prägung, und wie sehr sie später zwangsläufig das Handeln bestimmt, bestätigt sehen. Das ist einer der Tricks und eine der großen Leistungen – dass der Film durchaus Interpretationsspielräume offen lässt.

Da steckt natürlich noch mehr drin. Wie der frühere Mitarbeiter von Schneider, der Ingenieur Finster (Hans Uwe Bauer) zerbricht und sein zerstörtes Selbstwertgefühl durch Katzen als einzige Wesen, die ihn beachten, wie er selbst sagt, gerade über Wasser hält. Wie Bensen (Pierre Besson), der Kronprinz in der Firma, an Schneider gekettet ist und zwischen Dankbarkeit und Hass keine klare Haltung findet (einerseits sagt er, auf Qualifiaktion kommt’s nicht an, sondern auf das Charisma, das Schneider besitze und er nicht. Später dann, Schneider habe sich alles nur gekauft, nie dazugehört – das ist entweder ein Drehbuchfehler oder der Mann weiß wirklich nicht, wie er sich zu seinem verstorbenen Chef stellen soll, eine der wenigen grenzglaubwürdigen Darstellungen im Film).

Peter Schneider, der Schwarze Peter, den seine Familie gezogen hat, ist ein Prototyp. Selten ist eine tote Figur so präsent gewesen, durch einen ganzen Tatort hindurch. Das ist sehr gut, diesen Mann schüttelt man nicht so leicht ab, deswegen kommt seine Leiche ja auch an die Oberfläche, und das schon bald. Genauso symbolisch wie sein Name. Ein Allerweltsname. Zehntausende von Menschen werden sich an jemanden dieses Namens und dieser Generation erinnern. Das ist natürlich Absicht, und die Spekulation soll zum Nachdenken anregen: Wie war der Peter Schneider, den ich kannte?

Wie waren sie, die Menschen der Kriegsgeneration in Ost und West, die in totalitäre Strukturen auf allen Ebenen hineingeboren wurden und im Osten weiter mit ihnen gelebt haben, als Erwachsene? Das ist gewissermaßen die Meta-Ebene (wenn wir das Wort schon einmal gebrauchen wollen). Es wird angedeutet, dass der Schneider des Films ein DDR-Apparatschik übelster Sorte gewesen war, der in Fünfjahresplänen gedacht und nach ihnen funktioniert hat. Als Firmenleiter ist er allerdings inkongruent oder inkonsequent, wie man es auffasst. Da hätten wir uns, um der Klarheit willen, mehr Einheitlichkeit seines Charakters gewünscht. Das hätte seiner Darstellung als manipulativer und aggressiver Mensch keinen Abbruch getan, aber die Authentizitätsvermutung gestärkt.

Zu jedem Film über häusliche Gewalt gehören auch die Nachbarn. Zum einen werden dem armen Ingenieur Finster die Katzen weggenommen, dafür sorgt eine Frau, die, sehr guter Trick, nicht sächselt, sondern berlinert. Andererseits sprengt eine Nachbarsfrau in der Sonne seelenruhig den Vorgarten, während nebenan bei Kuhnerts Angst und Terror herrschen. Eine gesichtslose Neubausiedlung, kleinbürgerliche Fassade, dahinter das Grauen. Stereotyp, das Szenario, aber die großbürgerliche Variante wurde ja bei den Eltern Schneider – nicht gezeigt, aber beschrieben.

4. Grenzwertiges

Die Szene, in der Kuhnert (Thomas Huber) so austickt (wie es geschieht, wird nicht gezeigt, nur das Ergebnis), dass seine Frau Ivonne auch äußerlich schwer verletzt ist, war nicht einfach zu bewerten. Zum einen, wir uns schwer damit tun, dass plötzlich alles genau dann eskaliert, was sich über Jahre aufgebaut hat, dass es gerade gut in den Plot passt. Zum anderen, weil Saalfelds Reaktion, wie sie Kuhnert anschreit, wie dieser sogar ihr gegenüber aggressiv werden will, obwohl ein Polizist mit ihr zusammen im Haus ist, ein wenig überzeichnet wirkt. Da hätten wir sie uns, psychologisch geschult, wie sie ist, ruhiger gewünscht. Oder hatte auch sie tatsächlich Angst vor dem unberechenbaren Mann? Diese Explosion von Gewalt ist aber wohl im hier gegebenen Rahmen kaum anders darstellbar – man hat nicht Zeit, sich zwei Stunden nur mit der Figur Kuhnert zu beschäftigen, er ist ja nur eines von vielen Täter-Opfern (gemäß Kepplers Ansicht).

Dass Saalfeld in der vorbeschriebenen Diskussion mit Keppler plötzlich einwirft, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt sein können (gezeigt in der zuletzt bewerteten Folge 798 „Grabenkämpfe“), war off topic, denn darum ging es nicht und es hat den sonst guten Dialog aufgeweicht. Aber da die beiden Ermittler in diesem Dialog die „talking heads“ waren und dem Zuschauer die psychologischen Aspekte des Themas erklären sollten, wollte man diesen Gesichtspunkt wohl nicht außer Acht lassen.

Insgesamt ist Saalfeld dieses Mal sehr engagiert, zeigt Anteilnahme und Mut – und wieder finden wir es nicht schlecht, dass sie dennoch nicht ihr eigenes Drama ist. Das lässt sie als Ermittlerin und als Mensch hinter die Figuren zurücktreten, die hier über häusliche Gewalt referieren. Die Szene mit ihrer Mutter allerdings war Unsinn und führte ins Nichts. Entweder man lässt sie mal raus, oder man gibt ihr mehr Raum.

5. Handlung, Dramaturgie

Das Ende war der einzige witzige Moment im Film, eine besondere Ironie. Warum hatte Schneider seine Beine verloren? Der Arzt hatte seiner Frau empfohlen, dass sie nicht so schwer heben soll. Als sie sich also endlich, nach jahrelanger Misshandlung und Demütigung, zum finalen Schritt entschlossen hatte, da wollte sie nur noch gut zu sich sein und sich nicht das Risiko antun, sich einen Bruch zu heben. Doch noch ein Augenzwinkern in einem sehr ernsten Tatort.

Die Figuren dominieren über die Handlung und das ist richtig, denn sonst wären sie blass geblieben. Nicht selten überfrachten Drehbuchautoren die Handlung und wundern sich, dass die der Zuschauer den schwach skizzierten Figuren nicht folgen mag. Hier konnten wir folgen und fanden auch keine logischen Unebenheiten. Sauber konstruiert, sodass die Konzentration auf Thema und Figuren nicht durch Schwächen der Handlungsführung gestört war.

Selbst die Dramaturgie, eine Schwäche vieler neuerer Tatorte, ist gelungen. Die vielen schlechten Charakterzüge des Peter Schneider kommen im Verlauf immer deutlicher zutage und bieten immer mehr Motive für immer mehr Personen. Die Überführung seiner Frau Gitta (Suzanne von Borsody) war zu dem Zeitpunkt, zu dem sie geschah, noch nicht zwangsläufig, aber sie hat es den Ermittlern leicht gemacht, sich nicht gewehrt. Aber gerade dieses Verhalten offenbart auch die einzige ernste Schwäche des Drehbuches. Sie hat es riskiert, dass alle möglichen Menschen in Verdacht kamen, auch ihre Kinder – anstatt sich zu stellen und gleich zu sagen, was sie am Ende des Filmes kundtut: lieber zwanzig Jahre Gefängnis als weiter mit Schneider. Vielleicht doch Angst vor der Konsequenz der Konsequenz? Möglich, aber ein Zweifel bleibt. Auf jeden Fall wünscht man der Frau, dass sie tatsächlich ein Gericht findet, das bei ihrer Tötungshandlung den Rechtfertigungsgrund des § 34 StGB (Notwehr) als gegeben ansieht – wie Eva Saalfeld es ihr gegenüber andeutet.

  1. Fazit

Die kleineren Unstimmigkeiten, die wir unter 6. aufgeführt haben, beeinflusst unser Votum nur unwesentlich. Es gab Tatorte, die fanden wir herrlich, weil sie böse waren. Diesen finden wir beinahe genauso gut, weil er wichtig ist. Und im Wesentlichen glaubwürdig gespielt.

7,5/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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