Alles tanzt nach meiner Pfeife (L’Homme Orchestre, FR 1970) #Filmfest 215

Filmfest 215 A

Der bunte Traum

Wie schlägt sich der französische Starkomiker Louis de Funès als Chef einer Show-Balletttruppe? Geht es tragisch für einen seiner Schützlinge aus, wie in „Die roten Schuhe“? Weil die Kunst und die Liebe nicht miteinander können? Aber Mesdames et Messieurs! Wer wird denn gleich das Schlimmste denken? Wie es wirklich läuft, steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Balduin ist ein vielbeschäftigter Mann. Er arbeitet ebenso als Produzent, Regisseur, Musiker wie auch als Tänzer und Schauspieler. In erster Linie aber ist er Manager der berühmten Tanzgruppe „Evan Evans“. Der tyrannische Balduin überwacht penibel, dass seine Tänzerinnen auf ihre Figur achten und immer fleißig üben. Vor allem achtet er darauf, dass seine Tänzerinnen keinen Kontakt zu Männern aufnehmen können.

Probleme hat Balduin mit seinem Neffen, dem Orchester-Schlagzeuger Philippe. Der feinfühlige junge Mann ist häufig neu verliebt, was seinem Onkel so gar nicht gefällt. Balduin ist entsetzt, als er eines Tages ein Baby in seinem Hotelzimmer vorfindet. Es stellt sich heraus, dass der kleine Junge angeblich das Produkt einer Beziehung seines Neffen mit einer der Tänzerinnen ist. Für Balduin ist klar, dass ein Baby die Disziplin seiner Truppe stören würde. Also versteckt er das vermeintliche Kind seines Neffen. Während Balduin und Philippe versuchen, die Mutter des Kindes aufzuspüren, taucht plötzlich ein zweites Kind auf. Diesmal ist es ein Mädchen, und die Verwirrung ist perfekt.

Kritiken

Das Lexikon des internationalen Films beschreibt den Film als „[u]nterhaltsame, doch unverbindliche Komödie mit Musik- und Tanznummern“, die „handwerklich solide gemacht“ sei.[1] „Schräges Lustspiel in schrillem Dekor, bisweilen dilettantisch und hanebüchen, auf jeden Fall immer unterhaltsam“, befand TV Spielfilm.[2] TV Digital meinte schlicht: „Louis schwächelt mal.“[3] Der Evangelische Film-Beobachter bemerkt lapidar: „Harmlos-lautstarker Ulk der Balduin-Serie. Möglich ab 8 Jahren.“[4]

Rezension

Na, na – ab acht Jahren? Wenn Kinder noch gar nicht wissen, wie Kinder gemacht werden? Immerhin ist doch HWG ein Thema dieses Films, denn wir sind im Jahr 1970. In der Tat gibt es ein schwaches Echo von „Die roten Schuhe“, weil die Tänzerinnen keine Männerkontakte haben sollen, aber das Thema wird natürlich ins Komische gezogen.

Ich kann das Schwächeln hingegen nicht ganz nachvollziehen, das wohl darauf hindeuten soll, dass Louis de Funes in diesem Film nicht perfekt oder nicht so gut in Form gewesen ist. 1974 hatte er zwei Herzinfarkte und musste seine Rollen etwas ruhiger auslegen, weniger auf die körperliche Exzentrik als Choleriker vom Dienst setzen.

Doch in „L’Homme Orchestre“, wie der Film im Original heißt, ist er noch dieses energetische Stehaufmännchen, das man in Deutschland vor allem aus den Komödien kennt, die ihn als Gendarm von St. Tropez zeigen.

Doch gerade die Tatsache, dass er hier einmal nicht in dieser Paraderolle zu sehen ist, die ihn berühmt gemacht hat, nicht als dämonischer Restaurantkritiker oder tyrannischer Chef eines Familienbetriebs, macht „Alles tanzt nach meiner Pfeife“ interessant. Sicher ist das Grundmuster das übliche, denn er ist ja Leiter einer Balletttruppe. Aber der Reiz ist natürlich und das liegt auf der Hand, dass diese Balletttruppe aus hübschen jungen Mädchen besteht und nicht aus genervten Familienangehörigen oder subversiven Arbeiter*innen. Außerdem rekurriert der Film darauf, dass de Funès durchaus musikalisch begabt war. In Deutschland so gut wie unbekannt ist, dass er als Jazzmusiker angefangen hatte. Sein Gesang klingt zumindest synchronisiert nicht unbedingt melodisch, aber zum Glück passiert es nur einmal, dass er vom Sprechen ins Singen wechselt. Dass er aber ein Gefühl für die Choreografie eines Musicals und für den Tanz hat, sieht man deutlich.

Selbstverständlich ist Monsieur Balduin, wie seine Figuren damals auf Deutsch meistens genannt wurden, aus dem Alter heraus, in dem er den Show-Balletteusen noch nachstellt. Er ist ganz der Profi, der nur das professionell Beste aus seinen Angestellten herausholen will, dafür quält er sie natürlich etwas, wie in seinen Filmen üblich, in denen er Patrone spielt und demgemäß sehr patriarchalisch wirkt. Er triezt sie mit unendlichen Wiederholungen von Nummernsequenzen und auf der Waage, aber trotzdem wirkt er nicht so beängstigend wie in einigen seiner anderen Filme, in denen man durchaus den Eindruck hat, dass seine Umwelt an ihm zerbrechen kann.

Was dem Film einen zusätzlichen Reiz mitgibt, ist seine recht gute Choreografie, der leicht ironische Witz der mehr oder weniger aus Lautungen bestehenden Lieder,  aber auch die Ästhetik des Films.

Die Sets sind ungewöhnlich schön gemach und nicht ohne Vorbilder. Einiges davon ist nach meiner Ansicht an die beiden großen 1960er-Muscials aus Frankreich, „Die Regenschirme von Cherbourg“ und „Les Demoiselles de Rochefort“ (1964, 1967) angelehnt und selbstverständlich auch an amerikanische Musikfilme, die wiederum den Stil der beiden französischen Städte-Musicals geprägt hatten. Ersterer zeigt Catherine Deneuve als Jungschauspielerin, der mit diesem Werk der Durchbruch gelang, der andere sie mit ihrer Schwester Francoise Dorléac, die etwas komödiantischer veranlagt war

„Alles tanzt nach meiner Pfeife“ macht sich ein wenig über die Sizilianer lustig, zeigt aber Louis de Funès, und das finde ich wichtig, als einen Onkel oder Vater, der auf eine Weise auch nett und fürsorglich wirkt. Zumindest zum Ende hin. Als sich herausgestellt hat, dass sein Sohn nicht bloß ein Abenteuer mit Kind beendet hat, sondern, dass ein weiteres Kind von einer seiner Balletttänzerinnen sozusagen eingeschmuggelt wird, weil sie niemanden mehr findet, der das Kind versorgen kann, ist es  kein Problem, nun die beiden Babys anzunehmen und zu versorgen.

Zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere hatte Louis de Funès manchmal mit seinem Sohn Olivier zusammen gespielt. In „Alles tanzt nach meiner Pfeife“ gibt der Sohn den Neffen, der nett ausschaut und herrlich unbedarft gucken kann – genau das Gegenteil seines Filmonkels und realen Vaters, dessen Gesicht immer zu einer boshaften Fratze gefroren scheint, und er beim ausstoßen seiner oft diskriminierenden und patriarchalischen Aussagen schon wirkt, als habe er die nächsten Sätze bereits abgespeichert – so spontan sie zunächst auch wirken.

Die Handlung ist nicht belangvoll, aber das erwartet von einer derartigen Komödie auch niemand. Die Gags finde ich recht gut dosiert, nicht zu viel nicht zu dicht gedrängt, hin und wieder klamaukig, aber auch auf die Musik ausgerichtet –  man fühlt sich nicht erschlagen von zu vielen schlechten Witzen. Dem Film kommt es auch zugute, dass Serge Korber kein reiner Kommödienregisseur war, sondern, ähnlich wie Billy Wilder in einem größeren Rahmen, verschiedene Genres konnte und daher mehr Distanz zum Gags produzieren hatte als einige andere Filmemacher, die es mit Louis de Funès und anderen französischen Starkomikern manchmal etwas übertrieben haben, woraufhin der Rhythmus außer Puste kam und der Slapstick mangels gutem Timing ein wenig verpuffte.

Außerdem leiden speziell die Gendarmen-Filme darunter, dass der erste oder die ersten beiden so erfolgreich waren, und man nicht unendlich vieles Gags im selben Setting produzieren kann. Man hat bei bei diesen an der Côte d’Azur angesiedelten Produktionen zwar den Familienrahmen weiterentwickelt, aber spätestens, als es um fliegende Untertassen geht, merkt man, dass die Ideenwelt, die auf einer Polizeiwache generiert werden kann, nicht unendlich erweiterbar ist.

Mitten zwischen den Gendarmen Filmen, im Jahr 1970 kam also dieses flockige, bunte Musical, das auch recht gut übersetzt wurde, die Dialogregie wirkt relativ geschickt. Gerade bei Komödien spielt es eine große Rolle, ob man es schafft, Witze aus einer fremden Sprache, die wörtlich übersetzt im Deutschen überhaupt nicht komisch wirken würden, einigermaßen geschickt zu transformieren.

Das ist hier recht gut gelungen, außerdem wird de Funès von seinem Standardsprecher Gerd Martienzen synchronisiert, der viel dazu beigetragen hat, dass der Urfranzose auch in Deutschland sehr populär wurde. Wenn Dinge gut sind, geht nichts über Gewohntes. Außerdem sind die späten 60er und frühen 70er in vieler Hinsicht grandios. Optimistisch, farbkräftig, trotz der Verdunklung am Horizont gegenüber den hoffnungsvollen ersten Jahren des Jahrzehnts nicht von materiellen oder ökologischen Zukunftssorgen geplagt. Das merkt man auch diesen Film an, er ist reiner Spaß, ein wenig frivol und – offenbar recht kurz. Die Spielzeit ist in der Wikipedia mit 75 Minuten angegeben.

69/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Serge Korber
Drehbuch Jean Halain
Serge Korber
Produktion Alain Poiré
Musik François de Roubaix
Kamera Jean Rabier
Schnitt Monique Isnardon
Robert Isnardon
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s