In Maske und Kostüm – Polizeiruf 110 Episode 53 #Crimetime 775 – #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Hübner #Maske #Kostüm

Crimetime 775 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD, Christian von Rautenberg (Der Film ist in Farbe)

Gaukler und Ermittler

Der 53. Polizeiruf hat eine sehr starke Atmosphäre, bedingt durch die Zeit zwischen dem 24. und 31. Dezember, in welcher er spielt. Wir lernen unter anderem, dass in der DDR Weihnachten, zumindest die Dekorationen betreffend, ähnlich gefeiert wurde wie im Westen. Und dass man sich mehr pflichtgemäß denn aus Begeisterung überall gegenseitig ein frohes neues Jahr wünscht. Wir sehen den Star aus „Der geteilte Himmel“, Renate Blume, in der weiblichen Hauptrolle und Jürgen Hübner (Jürgen Frohriep) ermittelt nicht in einer der üblichen Kombinationen mit Fuchs, Arndt, Subras – sondern zusammen mit einem jungen Beamten, der ihm für die Bereitschaft-über-die-Tage-zwischen-den-Jahren zugeteilt worden ist.

Handlung

Am Silvesterabend erscheint der Illusionist Dietmar Schuchard in Maske und Kostüm bei der Polizei und berichtet Oberleutnant Jürgen Hübner betrunken, dass er zu Weihnachten seine Frau Liane ermordet habe. Dietmar erleidet einen Zusammenbruch und wird ins Krankenhaus gebracht. Die Untersuchung ergibt, dass Dietmars Wohnung seit Weihnachten augenscheinlich nicht noch einmal betreten wurde. Eine Leiche findet sich nicht, doch weisen Blutspuren zumindest auf eine größere Auseinandersetzung hin. Als Dietmar drei Tage später aus dem Krankenhaus entlassen wird, wiederholt er vor den Ermittlern, dass er seine Frau umgebracht habe. Beide hatten einen Streit, weil Dietmar für 5.000 Mark den Nachlass eines Zauberers erstanden hatte. Das Geld wollte er sich von Helfried Wipperling leihen, dem er einst Liane ausgespannt hatte, und der ihn daher eigentlich nicht leiden konnte. Liane reagierte wütend, weil Dietmar so verschwenderisch lebt, obwohl er es sich nicht leisten kann. Der gelernte Friseur ist ein untalentierter Zauberer, der nur selten ein festes Engagement hat. Einst arbeitete die gelernte Friseurin Liane als seine Assistentin, entschloss sich jedoch bald, in ihren Beruf zurückzukehren. Vergeblich versuchte sie seither, Dietmar von der brotlosen Kunst abzubringen. Nun entschloss sie sich, sich selbst etwas zu gönnen, und kaufte sich eine teure Kette. Dietmar vermutete, dass ein Liebhaber ihr den Schmuck geschenkt hat und Liane entgegnete in ihrer Wut, dass möglicherweise Helfried der Schenker war. Daraufhin schlug Dietmar sie so lange, bis sie regungslos liegenblieb. Anschließend verließ er die Wohnung und lebte bei einem Freund, bis er zur Polizei ging. Als die Ermittler ihm berichten, dass Liane nicht in der Wohnung war, reagiert er erleichtert.

Jürgen Hübner kommen Zweifel, ob der Fall Liane tatsächlich ein Verbrechen ist. Wenig später wird Lianes Leiche in einem ausrangierten Bahnwaggon in ihrem Heimatdorf Wernrode gefunden. Durch die Taktzeiten der in der Nacht nach Wernrode gefahrenen Züge kann Dietmar als Täter ausgeschlossen werden, da er nachweislich kurz nach Mitternacht bei seinem Freund auftauchte. Jürgen Hübner befragt Helfried und auch Raubtierdompteur Stefan Marwitz, der ein guter Freund Lianes war. Langsam kann Lianes Weg in der Nacht rekonstruiert werden. Helfried war Weihnachten bei einem Bekannten, der in Dietmars Nebenhaus wohnt. Er hörte den Ehekrach der Schuchards mit und passte Liane ab, als sie aus dem Haus kam. Er wollte sie mit nach Wernrode nehmen, doch sie bat ihn nur, ihn zum Amalienpark zu fahren. Hier hoffte sie, bei Bekannten unterzukommen, die jedoch nicht da waren. Eine Hausbewohnerin verarztete sie und lieh ihr ein Kleid, da Lianes Oberteil beim Streit von Dietmar zerrissen wurde. In dem Haus wohnte auch Stefan, bei dem Liane klingelte. Sie erfuhr von ihm, dass er frisch verheiratet ist, und verließ das Haus überstürzt. Stefan lief ihr nach und sah, wie sie in ein Auto einstieg – Helfrieds Wagen. Der sagt aus, er habe auf Liane gewartet und sie auf ihren Wunsch in Wernrode zum Bahnhof gefahren. Sie wollte nicht vor Dietmar fliehen und mit dem letzten Zug zurück in die Stadt fahren.

Helfrieds und Stefans Aussagen erscheinen glaubhaft. Erneut rückt Dietmar in das Visier der Ermittler, der jedoch nicht mit dem Zug nach Wernrode gekommen sein kann. Erst der ABV aus Wernrode kann das Rätsel lösen. Dietmar muss einen Zug genommen haben, der deutlich früher, aber nur bis zu einem Nachbarort Wernrodes fuhr. Von hier könnte er ein Taxi genommen haben, weil keine Busse mehr fuhren. Tatsächlich findet sich ein Taxifahrer, der angibt, Dietmar zu Weihnachten als Freundschaftsdienst nach Wernrode gefahren zu haben. Mit den Aussagen konfrontiert, gibt Dietmar zu, seiner Frau am Bahnhof aufgelauert zu haben, weil er glaubte, sie habe ein Verhältnis mit Helfried. Nach einem erneuten Streit erschlug er sie auf dem Bahnhof.

Rezension

Kann es sein, dass man Renate Blume schon kurz nach Beginn des Films sterben lässt? Ach nein, das wäre ja furchtbar. Wir begegnen ihr nach ihrem Verschwinden wieder, denn der 53. Polizeiruf ist „von fast vom Ende her“ gefilmt. Nach dem Geständnis von Herrn Schuchard beginnt Oberleutnant Hübner zu ermitteln und es kommt zu mancher Rückblende, die den Fall Schritt für Schritt erhellt, sodass auch Liane (Blume) weiterhin häufig ins Bild kommt.

Ende der 1970er Jahre war der Polizeiruf schon so weit entwickelt, dass man sich an intensive Porträts herantraute, vielschichtige oder wenigstens zwielichtige Gestalten in den Vordergrund rückte und sich mit dem Kommentieren auffällig zurückhielt. Eines aber schimmert oft durch, in den 1980ern sehen wir das dann noch häufiger: Wer aus dem bürgerlichen Leben ausbrechen möchte, ist meist gar nicht talentiert genug dazu. Die Botschaft: Hättste mal besser in der Friseur-PGH weitergemacht, Schuchard. Dann wär dir viel Stress erspart geblieben und deine hübsche Frau wäre auch nicht gestorben.

Robert Wien hingegen spielt den Schuchard mit sehr viel Talent und damit sehr glaubwürdig. „In Maske und Kostüm“ war sein zweiter Polizeiruf-110-Einsatz, es sollten noch viele folgen und auch einige Rollen in Nachwende-Tatorten der Dresden-Schiene. Als der Mann in Maske und Kostüm auf der Polizeidienststelle erscheint, ist es noch nicht klar, aber im Verlauf des Films deutet sich dieser Aufzug als Symbol, denn der Mann trägt immer eine Maske und – dahinter suchen wir eine Persönlichkeit und finden sie nicht. Dass er sich selbst bezichtigt, seine Frau umgebracht zu haben, es aber so wirkt, als sei sie nur verschwunden, ist ein Trick, der dem mittelmäßigen Magier sehr liegt. Schön spiegelt sich das in der Nummer, die er mit seiner neuen Partnerin probt, die er in einer Kiste verschwinden lässt und die dann wieder auftaucht. Den Eisenbahnwaggon, in dem Liane wirklich ihr Ende findet, könnte man als eine Zauberkiste deuten, aus der sie aber nicht mehr hervortreten soll – und danach nimmt gleich eine andere Frau deren Stelle ein. Was man kritisieren muss, ist, dass Schuchard die Leiche nicht besser „entsorgt“ hat. Dass sie an einer Stelle umgebracht wurde, an welcher er zu dem Zeitpunkt theoretisch nicht hätte sein können, wird ja von der Polizei recht gut entschlüsselt – sein Alibi ist eben nicht wasserdicht. Wie meistens in solchen Fällen.

Wir hatten relativ schnell das Gefühl, dass der Zauberkünstler doch nicht so gut Menschen verschwinden lassen kann und natürlich, dass er seine Frau wirklich auf dem Gewissen hat. Es gibt im Verlauf nur einen weiteren Verdächtigen und die gesamte Stimmung des Films ließ uns keinen Moment lang erwarten, dass Liane noch lebt. Jetzt, wo es auf den Winter zugeht und die Weihnachtszeit näher rückt, spürt man die Kälte geradezu körperlich, die um die Neujahrszeit geherrscht hat, als der Film gedreht wurde und in welcher er spielt, und es kommen viele Erinnerungen auf an Schnee- und Kältebegegnungen. Dass an Weihnachten Funktionsstörungen und schwelende Konflikte in Familien besonders häufig zutage treten, ist allgemein bekannt, die letzten Tage im Jahr sind kritisch und kathartisch zugleich.

Der Film hat eine Länge von 80 Minuten; wenn man so will, wuchsen die Produktionen der Reihe Polizeiruf 110 von knapp über eine Stunde Länge allmählich dem heutigen 90-Minuten-Format entgegen. Da es nur ein relatives kleines Personaltableau gibt und die Handlung nicht allzu kompliziert ist, unter anderem, weil die Rückblendentechnik alles sehr gut nachvollziehbar macht, indem sie ihrerseits chronologisch angelegt sind, konnte man sich gut auf die Figuren konzentrieren und erfährt von einem Ehedrama, das durchaus seine berührenden Seiten hat, denn Schuchard ist nicht nur ein Gaukler, sondern ein innerlich zerrissener, unzufriedener Mensch, der nie seine Bestimmung findet. Für seinen handwerklichen Job gewiss zu intelligent, aber ob man ausgerechnet damit kritisieren wollte, dass die begrenzten Arbeitsmöglichkeiten in der DDR häufig dazu führten, dass Menschen sich unterfordert fühlten, bezweifeln wir eher.

Die Idee, dass alle Berufe mehr oder weniger gleichwertig sein sollten bzw. das Ranking eher nach Nützlichkeit für die Gesellschaft als nach Qualifikation vorgenommen wurde  – und wer wollte bestreiten, dass Haare schneiden, damit nicht alle aussehen wie Hippies, nützlich für die Gesellschaft war – hat sowieso nicht funktioniert. Es lief lediglich darauf hinaus, dass Akademiker sich unterbezahlt fühlten und noch häufiger vom Westen träumten als Menschen mit einfachen Jobs. Bis zum Mauerbau gingen ja dann auch viele, viel zu viele höher Qualifizierte in die BRD. Dass hingegen Handwerker in der DDR eine herausragende Sonderstellung hatten, lag schlicht daran, dass der häufige Materialmangel, verbunden damit, dass private Handwerksdienstleistungen schwer zu bekommen waren, sie in eine Position rückte, der sie heute noch nachtrauern – wir vermuten unter Handwerken, besonders solchen, die in strukturschwachen Gebieten leben, in denen die Aufträge nicht von selbst kommen, mit die meisten Rechtswähler in den östlichen Bundesländern.

Was es ebenfalls zu sehen gibt und was wieder gut zur bunten Weihnachtswelt passt, ist der Zirkus, dessen Zelt die gleichen Farben aufweist wie die dominierende Weihnachtskollektion: Rot und Grün, dazwischen etwas Gold. Auch die Kette, die in dem Film eine wichtige Rolle spielt, weil sie der Auslöser für die häusliche Gewalt von Schuchard gegenüber seiner Frau ist, schimmert in Gold.

Finale

Wir haben das noch nicht verifziert, aber es zeichnet sich ab, dass Polizeirufe aus der DDR-Zeit eine höhere Durchschnittsbewertung von uns bekommen als Tatorte der 1980er oder 1990er Jahre – und vor allem, dass die Qualität recht gleichmäßig war. Es gibt einige Filme, die uns gar nicht gefallen haben, aber in der Regel ist es kein Problem, 7/10 oder mehr zu vergeben, das trifft auch auf den intensiv gespielten und atmosphärisch dichten „In Maske und Kostüm“ zu.

An Spannung mangelt es nicht – zum einen, weil das Schicksal von Liane erst einmal nicht geklärt ist und als man weiß, dass sie leider doch getötet wurde, wer es denn nun war. Wir haben es oben angedeutet, schwierig war es nicht mehr, aber zunächst mangelt es am Beweis. Den gibt es bis zum Schluss nicht wirklich, es findet keine kriminaltechnisch unterstützte Täterfindung statt – aber Schuchard gibt alles zu, nachdem Hübner ihm wenigstens nachweisen konnte, dass er sich ein Taxi genommen hatte und vor Ort war. Ein Ort, in dem offenbar kein Bahnsteig vorhanden ist, oder warum geht Liane so lange und weitab vom Bahnhofsgebäude zwischen den Zügen hindurch, um sich in einen Wagen zu setzen?

„In Maske und Kostüm“ hat durchaus seine Trigger bei uns aufgerufen, mehr die Stimmung als die handelnden Personen betreffend, außerdem zählt er zu den Werken, die entweder auf anderen Material gefilmt wurden als die meisten dieser Filme aus der Mitte der 1970er – oder schon restauriert wurde. Es gibt zwar interessante Wechsel bei der Farbgebung innerhalb einzelner Szenen, besonders auffällig auf dem Revier, aber keine Grobkörnigkeit und kein Flimmern, die Farben sind intensiv und recht natürlich, was besonders in den Zirkusszenen und wenn Weihnachtsschmuck im Bild war, gut zum Tragen kommt. Der Heilgabend fängt bei den Schuchards so friedlich an – aber die Befürchtung, dass die Entwicklung bis zum handfesten Streit kammerspielartig den Film beherrscht, hat sich zum Glück nicht bestätigt.

8/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Joachim Hildebrandt
Drehbuch Hans Joachim Hildebrandt
Produktion Ralf Siebenhörl
Musik Lothar Kehr
Kamera Franz Ritschel
Schnitt Karola Mittelstädt

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