Das Haus im Wald – Tatort 171 / #Crimetime 776 #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Wald #Haus

Crimetime 776 - Titelfoto © WDR

Wer ist nun im Wald?

„Sind im Wald die Mörder oder die Erpresser“ hatten wir die Vorschau betitelt. Hätten wir derzeit nur ab und zu einen alten Tatort nachzurezensieren, und sei es ein Schimanski, würden wir vielleicht das eine oder andere anders bewerten, was in diesem Film zu sehen ist, aber da wir unter Hochdruck die Reihe Polizeiruf 110 ausarbeiten und dabei viele Filme anschauen, die in derselben „Epoch“ entstanden sind wie „Das Haus im Wald“, bewerten wir es so, wie es sich am Ende der -> Rezension ergeben wird.

Handlung

Eine unbekannte junge Frau, Ulla, bittet Schimanski um Hilfe: Ihr Lebensgefährte, Michael Mungo, ist verschwunden. Mungo ist Journalist, einer, der mit ungewöhnlichen Methoden beachtliche Erfolge erzielt hat. Zuletzt untersuchte er, als Reiseleiter getarnt, die zwielichtigen Geschäfte eines großen Busunternehmens.

Schimanski begleitet Ulla zu ihrem einsam gelegenen Haus, das offensichtlich durchsucht worden ist. Ulla weiß angeblich nicht, wer hier nach was geforscht haben kann. Als die beiden wieder in die Stadt fahren wollen, werden sie vom Wald aus beschossen und ins Haus zurückgetrieben. Alle weiteren Ausbruchsversuche scheitern im Feuer der unsichtbaren Schützen. Ulla irritiert Schimanski: einerseits zieht sie ihn an, andererseits mißtraut er ihr. Sie ist ihm zu ahnungslos; hat sie ihn in eine Falle gelockt?

Auf der Suche nach dem verschwundenen Kollegen stößt Thanner auf eine Spur im Rauschgiftdezernat, die ihn aber nicht weiterführt. Jetzt fahndet er nach der Frau, mit der Schimanski verschwunden ist, denn alles deutet darauf hin, daß er sich in großer Gefahr befindet.

Im Haus ist außer Schimanski und Ulla inzwischen auch Franz gefangen, ein junger Mann von einem alternativen Bauernhof in der Nähe; die heimtückischen Schützen lassen die Leute zwar rein, aber nicht wieder raus. Endlich geben sich die Belagerer zu erkennen. Sie haben Mungo in ihrer Gewalt und stellen ultimative Forderungen. Ulla entschließt sich, die Karten auf den Tisch zu legen.

Rezension

Ein Forist der Fan-Plattform Tatort-Fundus verglich „Das Haus im Wald“ mit John Carpenters „Assault“ („Anschlag bei Nacht“). Zuletzt wurde der Murot-Tatort „Anschlag auf Wache 08“ mit diesem Film verglichen und nimmt wohl tatsächlich Anleihen bei Carpenters zweitem Spielfilm. Allein der Unterschied zwischen „Das Haus im Wald“ und „Angriff auf Wache 08“ ist riesig und beide basieren lose auf „Rio Bravo“, wie wir in der Rezension richtig vermutet hatten, ohne es zu wissen. An einen Vergleich mit einem der besten Western aller Zeiten hätten wir bei „Das Haus im Wald“ nicht im Traum gedacht und auch nicht an die Filme, die ihn zitieren. Einer oder zwei weiterer Forumsteilnehmer hatten den Begriff „Psychothriller“ für „Das Haus im Wald“ verwendet. Psychothriller sind bei uns Filme, die mit Hitchcocks „Spellbound“ oder „Vertigo“ in etwa beginn und die vor allem eines sein müssen: psychologisch stimmig.

Von all dem kann bei „Das Haus im Wald“ keine Rede sein. Um auf die Einleitung zurückzukommen: Bei der Parallelreihe „Polizeiruf 110“, Stand 1980er, mit der man einen Tatort aus jener Zeit vielleicht eher vergleichen kann als mit Klassikern aus Hollywood, hätte sich niemals ein Autor-Regisseur-Duo einen solchen Quatsch erlaubt wie den Ablauf von „Das Haus im Wald“ und wie sich die Menschen in dem Film verhalten. Aber das haben wir gelernt: Mit Schimanski ging alles, weil man glaubte, der Typ ist so schräg und schrill, dass sich seine Verhaltensweisen nicht groß erklären lassen müssen. Was die Glaubwürdigkeit von Plots angeht, wollen wir nun nicht rückwärts zu streng sein, nachdem wir die Bewertung dieses Aspekts für heutige Tatorte gelockert haben, um die Stilisierung, die zunehmend in die Reihe Einzug hält – siehe unter anderem den erwähnten Film „Angriff auf Wache 08“ – besser würdigen zu können. Der Knackpunkt ist aber: „Das Haus im Wald“ ist keine Parodie oder Übertragung von „Rio Bravo“, auch wenn die Macher an diesen Film gedacht haben mögen.

Es fehlen wesentliche Elemente, der Plotverlauf ist anders, dafür wird eine Frau eingeführt, die es in einem klassischen Western nur außerhalb der Schießzone gab (von „Zwölf Uhr mittags“ abgesehen). Aber man konnte das Ganze natürlich nicht so gestalten, dass sie das Haus mit verteidigt, denn ihre Rolle sollte ja zwielichtig, geheimnisvoll sein. Wir erleben nebeneinander also die Sache mit Bönisch, Schimanski wird daran gehindert, an einer Gerichtsverhandlung teilzunehmen, weil er im Haus festgehalten wird. Das ist misslich. Aber dann stellt sich doch heraus, dass der Angriff damit gar nichts zu tun hat. Nette Pointe nun wieder, auch wenn die Sache mit der Recherche – ja, erfunden ist? Jedenfalls handelt der Ex-Bestsellerautor wohl mit Drogen und klaut sie auch bei Dealern.

In Westernsprache übersetzt: Die Drogen sind der Gefangene, den die Bande, die vor dem Gefängnis aufläuft, heraushaben will. Dass Schimanski nicht mehr fertigtelefonieren kann, ist der Bote zu Pferd, der um Verstärkung losgeschickt wird, aber leider nie ankommt, aus welchen Gründen auch immer. Oder es ist keine Verstärkung da, die Variante gibt es auch. Wenn man alle Filme hinzunimmt, in denen ein Häuflein Aufrechter, hier also Schimmi und der junge Dominic Raacke, der noch als Eierbote kommt, ein wenig Schiss hat, aber sich bewährt, sodass er ca. 12 Jahre später selbst Kommissar werden durfte. Wenn man also jene Grundsituation als Basis nimmt, gibt es Tausende von Filmen, die passen, unter anderem „The Alamo“, John Waynes nächsten Film nach „Rio Bravo“, wenn auch etwas hochgezogen auf politisch-kriegerische Ebene und mit unzähligen Statisten.

Aber eines zeichnet fast alle Filme aus, die sich mit diesem David-gegen-Goliath-Ding befassen, selbst, wenn die Motive und die Dialoge nicht immer stimmig sind (besonders bei den Motiven muss oft ganz schön konstruiert werden, wenn Menschen so bewusst den Tod riskieren, der angesichts der Machtverhältnisse auch sehr überwiegend wahrscheinlich ist). Aber was sie in der Regel nicht tun, das ist so chargieren wie in „Das Haus im Wald“. Der blonde Drogengott ist wirklich eine übel gespielte Figur, auch wenn zu vermuten ist, dass die Regie es so haben wollte. Das macht es im Ergebnis nicht besser, man hat nur etwas Mitleid mit Darstellern, die sich mit sowas die Karriere verhunzen können. Raacke, dem Eierlieferanten, hat seine Darstellung wenigstens nicht geschadet oder seinen Werdegang nicht langfristig aufgehalten.

Was bei vielen Filmen ebenfalls besser gemacht ist: Die Unausweichlichkeit. Nach unserer Ansicht gab es mehrere Momente, in denen man das Haus einigermaßen gefahrlos hätte verlassen können und viele Varianten, die man gar nicht versucht hat. Hingegen diese wirklich gruselige Szene mit dem Durchbruch per Motorrad, das ewig nicht mehr benutzt wurde – reiner Slapstick, ob gewollt oder nicht. Die Probleme beginnen aber schon viel früher. Normalerweise für einen Beamten undenkbar, dass er in einer Zeit, in der es noch keine Handys gab, einfach so mit raus in die Pampa fährt, der am nächsten Morgen einen Gerichtstermin hat. Schimanski halt. Blonde Frau, Verstand setzt aus. Und warum hat man den Wagen von Ulla startunfähig gemacht? Da hätte man auch gleich angreifen können. Falls man den zeitlichen Zusammenhang mit der Ballerei vom Truppenübungsplatz herstellen wollte, damit das Schießen darin untergeht – dann ist das Timing komplett verpeilt. Warum das Telefon plötzlich nicht mehr funktioniert, erfährt man auch nicht. Man kann sich höchstens ausmalen, dass die draußen die Leitung gekappt haben. Die Erdleitung? Neben dem Boten zu Pferd gibt es im Western noch die Variante, dass jemand böswillig die Telegrafenleitung beschädigt, die in der Regel offenbar im Bahnhof endet.

Jenseits einzelner unsinniger Momente häuft sich der Quatsch zu sehr, weil das Drehbuch ziemlich dünn geraten ist. Dadurch passiert etwas, das bei einem Thriller gar nicht geht: Elemente wiederholen sich zu oft und sind auch zu sehr gedehnt. Weder im Haus selbst noch draußen spielt sich etwas wirklich Spannendes ab. Wie entsteht eine Gruppendynamik, wenn Menschen zufällig in eine gemeinsame Gefahrenlage geraten? Hollywood hat das von vorne bis hinten durchgespielt, in mehreren Genres, natürlich auch wieder bevorzugt im Western, weil in der rauen Vergangenheit die Archetypen so gut sichtbar gemacht werden können. Hier: Nichts, weil zu wenig Personal da ist und zu wenig Konfliktstoff beim vorhandenen Personal im Haus – es rächt sich beispielsweise durch wenig innere Spannung, dass man die Frau nicht klarer positionieren wollte. Umso schlimmer, dass Schimanski es dabei belässt, ihr die Wange mal zu streichen und sie ihm die Hand auf die Schulter auf den Rücken legt. Das war für uns noch mit der größte Thrill: Wird es zu einer Affäre kommen? Dass die Idioten, die sich draußen rumtreiben, am Ende das Nachsehen haben, war in Bezug auf Schimanski natürlich sowieso klar, aber auch sonst fehlte einfach das Dämonische, das Bedrohliche.

Finale

Aus einem Thema wie diesem muss man mehr herausholen. Dass man dabei richtig in die Grütze haut, wie bei „Angriff auf Wache 08“ und trotzdem ein genialer Spin fehlt, das kann passieren, die Klassiker wären keine solchen, wenn jeder Film ein Klassiker wäre. Aber die Schimanski-Tatorte sind manchmal nur schwer zu ertragen. Mit der Figur wird schlichtweg Schabernack getrieben und Götz Georges bewusst fahriges Spiel unterstützt den Eindruck, dass alles ziemlich geschludert ist.

Thanner bildet meist einen liebenswerten Gegenpol, gibt den Typ, der versucht, die Ordnung zu wahren und dabei immer die Contenance verliert, weil das bei dem Ermittlungspartner unmöglich ist. Aber das Walross ist dieses Mal weitgehend raus. Er kommt viel zu spät in Aktion. Warum? Weil Schimanski ihn nicht gleich abends anruft, als er im Haus im Wald ankommt, um dem Kollegen Bescheid zu sagen, dass er die Nacht woanders verbringen wird als in der ersten WG der Tatortgeschichte. Und das vor dem oben erwähnten wichtigen Termin. Schimanski eben.

5,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Sind im Wald die Mörder oder die Erpresser?

Seit Wochen geht das so. Ein Schimanski-Tatort wird gezeigt. Wir müssen eine Vorschau schreiben, weil noch keine Rezension vorliegt, die wir wiederveröffentlchen oder auf die wir, weil schon veröffentlicht, verweisen könnten. Und wir müssen den Film aufzeichnen. Weil wir ihn noch nicht gesehen haben. Und einen weiteren Beitrag müssen wir schreiben – ebenjene Rezension.

Es ist ganz offensichtlich doch so, dass der WDR einen Plan hat. Man erkennt ihn nicht auf den ersten Blick. Aber es gibt ihn. Welcher Plan ist es? Uns an die Grenzen der Rezensions- und Aufnahmefähigkeit zu treiben, aus Rache dafür, dass wir uns nun auch der Reihe Polizeiruf widmen? Und nehmen sie immer die Filme aus der unteren Hälfte der Schimanski-Rangliste, damit wir vor dem Fernseher einschlafen und weiter Zeit verlieren? Oder ist es doch nur die logische Fortsetzung? In den letzten Jahren wurden fast alle Schimanski-Filme wiederholt, die als Highlights seines Ermittlerschaffens gelten, nun folgen die schwächeren nach. Am Ende sind wieder alle beisammen. Gelebte Inklusion. Wir nehmen alle mit und alle dürfen sich zeigen.

„Das Haus im Wald“ gilt als leicht untermittelgut, nicht als so schwach wie „Doppelspiel“ und „Rechnung ohne Wirt“, die zuletzt gezeigt wurden und über die wir noch nicht geschrieben haben, weil wir noch keine Zeit hatten, die Aufzeichnungen zu sichten.

Jedenfalls hat er mit dem Szenario der Belagerungssituation im Wald einen ebenso klassischen wie interessanten Plot, bei dem es vor allem darauf ankommt, wie er erzählt wird. Ob das gelungen ist, darüber mehr in einigen Wochen, müssen wir jetzt leider schreiben, angesichts des Staus von noch Werken für die Reihe „Crimetime“, die alle noch beschrieben werden wollen. Eigentlich sollten wir uns freuen, dass die Tatortanthologie weiter wächst, aber im Moment ist alles etwas zugespitzt, denn die Politik fordert ebenfalls viele, viele Worte, die zu schreiben sind.

TH

Besetzung und Stab

Kommissar SchimanskiGötz George
Kommissar ThannerEberhard Feik
UllaChristiane Lemm
FranzDominic Raacke
NasigRolf Zacher
MungoNicolas Brieger
SkinnyHartmut Nolte
SonnyAndras Fricsay
Regie:Peter Adam
Buch:Peter Adam

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