Still wie die Nacht – Polizeiruf 110 Episode 119 #Crimetime 780 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Grawe #Reichenbach #Nacht #still

Crimetime 780 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Stille ist nicht immer von Vorteil

Wir wüssten ja zu gerne, was damals, in der DDR immer im anderen Hauptkanal gelaufen ist, wenn die Polizeirufe auf DDR 1 Premiere hatten, denn die Sehbeteiligung bei den Erstausstrahlungen war viel unterschiedlicher als im Westen bei Tatortpremieren – abzüglich der Tatsache, dass das neue Privatfernsehen der ARD-Premiumreihe damals schwer zu schaffen machte und die alten Erstausstrahlungsquoten von über 60 Prozent auch heute nicht mehr möglich sind.

Aber nur 33,4 für „Still wie die Nacht“ bei nur einem weiteren Programm stellen eine auffallend geringe Sehbeteiligung dar, was uns zu einer weiteren Frage leitet: Wie exakt wurde damals vorab rezensiert? Heute gibt es viele Kritiker, die sich die Filme schon vorher anschauen und darüber ihre Meinung abgeben, auf die Zuschauerquoten hat deren Meinung aber wenig Einfluss – eher sind es bestimmte Teams wie Münster, die sich herausheben, weil sie einen großen Fankreis haben. Nachdem wir dies nun abgehandelt haben, schreiben wir in der -> Rezension über den Film selbst.

Handlung (Wikipedia)

Renate Liebig lernt während ihrer Kur den Musiker Horst Plessow kennen, der für die Kurgäste Musikabende veranstaltet. Stets legt er Schellackplatten seiner Sammlung mit klassischer Musik auf. Während Renate mit ihrem auf Besuch angereisten Mann Falk an Horsts Abend teilnimmt, wird ihr Haus ausgeraubt. Es fehlen unter anderem eine wertvolle Fotoausrüstung und Falks Briefmarkensammlung. Der Verlust beläuft sich auf rund 50.000 Mark. In der Wohnung finden sich Fußspuren und eine vom Täter verlorene und unter einen Schrank gerollte Pfeife. Hausmitbewohner sagen aus, einen Mann mit Schnauzbart erkannt zu haben. Die Beschreibung passt auf Horst Plessow, doch hat der durch den Musikabend ein Alibi.

Die Ermittler, zu denen neben Hauptmann Wolfgang Reichenbach und Leutnant Thomas Grawe auch Leutnant Sabine Baumert in ihrem ersten Fall gehört, finden ältere ungelöste Fälle mit ähnlichem Muster. Stets war Ehemann oder -frau zur Kur und wurde vom Partner besucht, als in der Wohnung eingebrochen wurde. Bei den neueren Einbrüchen ist jedoch erstaunlich, dass die Spuren in den Wohnungen scheinbar bewusst gelegt werden und so der Verdacht aktiv auf Plessow gelenkt wird. In einer Wohnung, in der ein wertvolles Gemälde gestohlen wird, kann eine ganze Schrittfolge im Garten sichergestellt und analysiert werden. Es stellt sich heraus, dass der Täter eine Frau ist.

Horst Plessow hat zahlreiche Frauen um sich, mit denen er Beziehungen angefangen hat. Elsa lernte er vor sieben Jahren kennen, als er gerade beruflich am Ende war. Sie baute ihn wieder auf. Er jedoch betrügt sie seit einiger Zeit mit der deutlich jüngeren Masseurin Kerstin. Als beide Frauen im Beisein von Horst zufällig zusammentreffen, trennen sich beide von Horst – Elsa, weil sie sein Fremdgehen nicht mehr tolerieren kann, und Kerstin, weil sie nicht weiterhin Horsts Assistentin sein will. Kerstin zieht zu Elsa, die von Horst in den nächsten Tagen Schulden in Höhe von 5.000 Mark zurückgezahlt kriegen will. Er vermacht ihr stattdessen ein wertvolles Gemälde, das er angeblich von seinen Eltern geerbt hat. Elsa bringt das Gemälde zur Polizei, da der rückseitige Besitzervermerk deutlich macht, dass das Gemälde nicht aus Horsts Familie stammt. Tatsächlich erweist es sich als gestohlen. Die Nachforschungen ergeben, dass Horst gelernter Schlosser ist. Stets hat er mit seinen zukünftigen Opfern geflirtet und ihnen unbemerkt die Hausschlüssel entwendet, die er bis zum nächsten Treffen nachgemacht hat. Während er die Gäste dann einige Tage später mit Musik unterhielt, brach seine Komplizin bei den Kurpatienten zu Hause ein. Die Ermittler stellen Horst eine Falle: Als er diesmal selbst mit nachgemachten Schlüsseln in ein Elektrogeschäft einbricht, wird er festgenommen.

Horst flirtete auch mit Renate Liebig, die darauf einging, weil ihr Mann Falk sie als Modedesigner ständig mit Models betrog. In ihrer Abwesenheit gewann Falk in Uta Mahlow eine neue Liebschaft. Uta jedoch akzeptiert nicht, dass Falk sich kurz vor Renates Rückkehr aus der Kur von ihr trennen will. Sie richtet sich auf dem Wassergrundstück der Liebigs ein und gibt vor Renate an, dass Falk sie zum Raub überredet habe. Renate zeigt Uta bei der Polizei an, die längst nach Uta sucht. Sie hatte früher mit Horst eine Varieténummer einstudiert, in der sie sich in Horst verwandelte. In Utas Wohnung finden sich die Utensilien zur Verkleidung. Uta wird als Horsts Komplizin festgenommen.

Rezension

Regisseur Hans-Joachim Hildebrandt war in den 1970ern und Mitte der 1980er vermutlich der am meisten beschäftigte Regisseur der Reihe Polizeiruf 110 und einige seiner Werke haben wir bereits gesehen, darunter die Nummern eins bis sieben, von den wir vor allem sagen können: Sie sind sehr unterschiedlich. Hildebrandt war offensichtlich vom Stil sehr am Drehbuch und an dessen Erfühlung orientiert und eher adaptiv, als dass er besonders viel Wert auf einen eigenen Ton gelegt hätte oder besonders innovativ sein wollte. Einige seiner Arbeiten zählen zu unseren Lieblingen, wie „Per Anhalter“ und „Heiße Münzen„, der nächste Hildebrandt-Krimi, den wir uns anschauen werden, ist „in Maske und Kostüm“ – wir folgen derzeit der chronologischen MDR-Ausstrahlung der 1970er und sind nun im Jahr 1978 angelangt. Ganz besonders schön fanden wir „Ein Schritt zu viel„, der bereits ein Hildebrandt-Spätwerk darstellt und im Jahr 1985 Premiere feierte.

In ihm spielt Herbert Köfer ganz großartig einen sensiblen Musiker, der älter wird und sprichwörtlich vom Wege abkommt. Danach hat Hildebrandt nur noch einen Polizeiruf inszeniert – und das ist „Still wie die Nacht“, in dem wir den beliebten Jürgen Zartmann in einer für ihn eher ungewöhnlichen Rolle sehen. Dazwischen lagen drei Jahre ohne Regietätigkeit für die Reihe. Hauptmann Reichenbach spielt in beiden Filmen, dieses Mal zusammen mit Grawe und Leutnant Sabine Baumert.

Interessant, dass man nach dem Abgang der sehr geeigneten Sigrid Göhler als Vera Arndt immer wieder versucht hat, neue weibliche Kriminaler zu etablieren, aber geklappt hat das während der DDR-Zeit nicht mehr – und auch danach hat es lange gedauert, bis im Polizeiruf die Hauptermittler-Rollen wenigstens paritätisch besetzt wurden. Wenn man genau hinschaut ist das aber, anders als im Tatort, wo es mittlerweile sogar Schienen mit weiblicher „Übermacht“ gibt, bis heute nicht der Fall. Wenn es im Polizeiruf es eine weibliche Hauptrolle auf Polizeiseite gibt, sind ihr immer überwiegend Männer beigestellt (Lenski mit Krause, dann mit Raczek, König mit Bukow, Brasch mit Drexler / Köhler / ?).

Nachtrag 2020 für die Veröffentlichung: In München hat man mit Elisabeth Eyckhoff nun erstmals eine weibliche Ermittlerin eindeutig ins Zentrum gestellt, allerdings dominiert, nach neueren Erkenntnissen, auch Brasch ihre jeweiligen Partner und Lenski in schwächerem Maße Raczek. Lediglich das Duo Bukow-König ist sehr ausgeglichen, weil beide von besonders starken Darsteller*innen gespielt werden, die viel Raum bekommen.

Jetzt sind wir ziemlich gewandert und weit gegangen, aber der Film selbst ist nach dem Kracher „Der Mann im Baum“, dem direkten Vorgänger von „Stil wie die Nacht“ auch schwer zu rezensieren. Es ist noch einmal ein ganz traditionelles Werk, in dem vieles zusammengefasst wird, was wir kennen: Diebstahl in Zusammenhang mit Betrug und zwei Komplizen, von denen einer aber plötzlich nicht mehr mittut und in die Offensive geht. Ein kunstsinniger, aber leider verkrachter Charakter, der allerdings nicht, wie in früheren Jahren, eine Art Sonderfall unter robusten Menschen ist, die den Arbeiter- und Bauernstaat repräsentieren, sondern eine wirklich seltsame Form des Entertainments ausübt: Er spielt faszinierten, überwiegend weiblichen Kurgästen alte Schellack-Platten vor. Im Fall von „Still wie die Nacht“, dem titelgebenden Lied, kratzt und rauscht es zwar, aber die Aufnahme selbst stammt nicht von einer alten Platte, sondern ist eindeutig neueren Datums. Ein bisschen ist das, was wir hier sehen, wie ein Spiegel: Denn auch über alte Polizeirufe im Jahr 2019 schreiben, hat ja etwas leicht Schräges.

Dass aber so viele Menschen verzückt da sitzen und Liedern aus Zeiten lange vor der Gründung der DDR lauschen, dass diese Menschen sehr privat wirken, ein wenig versponnen und der Film eine melancholische Grundstimmung hat, das lässt tief in die Realität kurz vor der Wende blicken. Vielleicht hatte Hildebrandt auch nicht so mitbekommen, dass man sich seit 1987 wieder einen anderen, handfesteren Stil wünschte: „Still wie die Nacht“ ist bei weitem nicht so intensiv wie „Ein Schritt zu weit“, weil er mehr Personal hat, keine so überaus anziehende Hauptfigur, aber er schließt von der Stimmung doch an diesen Film eher an als an die letzten Werke aus 1987, 1988, die wir gesehen haben. Wir wissen nicht, warum Hildebrandt dazwischen keinen Film mehr gemacht hat und warum „Still wie die Nacht“ sein letzter Polizeiruf war, aber möglicherweise war er auch den Verantwortlichen beim Fernsehen der DDR doch zu traditionell und vielleicht zu wenig aktivistisch. Das sind natürlich nur Annahmen, aber die Menschen, die hier gezeigt werden, haben wirklich überhaupt keinen sozialistischen Drive, nicht mal einen gespielten. „Still wie die Nacht“ schließt an einige nahezu ideologiefreie Filme an, die eben eher den Stil Mitte der 1980er als zum Ende des Jahrzehnts hin repräsentierten. Nicht einmal der Begriff „Genoss*in“ fällt, wenn die Polizisten einander anreden.

Ob diese Menschen weiter von der Realität weg waren als üblich? Wir haben durchaus den Eindruck und der Film wirkt auch etwas künstlich, weil die Figuren so aufgestellt sind. Entertainer, die zwischen Begabung und Scharlatanerie angesiedelt sind, haben wir durchaus in jenen Jahren häufiger, zuletzt in „Abschiedslied für Linda“, aber jener Film hatte einen moderneren Touch, der von Peter Hoff etwas später wiederum als nicht realistisch bezeichnet wurde und eine so schöne Leiche, dass sie Eingang in den Vorspann fand.

Einen Todesfall gibt es hingegen in „Still wie die Nacht“ nicht, nicht einmal eine Person, die verletzt wird. Dass alles um eine Diebstahlsserie herum konstruiert ist, gab es in den ersten Polizeiruf-Jahren häufig, aber im Lauf der Zeit kam es doch immer mehr zu gewollten und ungewollten Körperverletzungs- und Tötungshandlungen. Wir haben bereits festgestellt, dass „Still wie die Nacht“ sehr traditionell ist, die Abwesenheit körperlicher Versehrungen zählt sicher zu den Merkmalen, die ihn so ausweisen.

Finale

Und damit hat er noch etwas mit jenen Filmen der ersten Jahre gemeinsam. Sie waren nicht dazu gemacht, Menschen zu berühren, anders als viele spätere Polizeirufe. Die Figurenzeichnungen waren von Beginn an sehr prägnant, aber meist ohne Hintergründe. Die sieht man bei Plessow sehr wohl, Figuren einfach so im Hier und Jetzt in den Raum zu stellen, war wohl in den späten 1980ern doch zu einfach, es sei denn, sie waren Serien-Sexualstraftäter, aber die Geschichte von Plessow wirkt doch sehr standardisiert und mit wenig Enthusiasmus vorgetragen. Sie wird einfach aus einer Akte vorgelesen, während zum Beispiel in dem sehr gut gemachten „Des Alleinseins müde“ aus 1977 ein ähnlicher Täter sich selbst erzählt und seine Herkommen auch sichtbar wird.

„Still wie die Nacht und tief wie das Meer, soll deine Liebe sein! Wenn du mich liebst, so wie ich dich, will ich dein eigen sein. Heiss wie der Stahl und fest wie der Stein soll deine Liebe sein!“, lauten die Zeilen eines unbekannten Verfassers, die von Carl Bohm vertont wurden:

Wenn still wie die Nacht, dann natürlich eine Aufnahme von Richard Tauber, die wirklich in die Schellackplattensammlung von Herrn Plessow passt. Im Finale tritt dieses Lied selbst und sein Klang erst die Assozitationskette los, die zur eigentlichen Interpretation des Films führt: Die Sehnsucht aller nach etwas, was es nie gab. Zumindest nicht in ihrem Leben. Keine große, stille Liebe, sondern nur die vordergründige Mischung aus Suche nach Abwechslung und eine Sentimentalität, die jenseits der großen Liebe ist, die still sein kann wie die Nacht, heiß und stark und fest.

Die Romantik bricht sich noch einmal an einer Wirklichkeit, die nicht etwa roher ist, wie man es in vielen Polizeirufen sehen kann, sondern ist eingezwüngt zwischen einem Gestern, das es so nie gab, und einem Morgen, von dem man nicht weiß, was es bringen wird – aber man ahnte bereits, die Erstarrung wird sich lösen und ein Sturm heraufziehen. Und man wird es schwer haben, ohne feste, starke Liebe zu anderen und zum Leben diese Probe zu bestehen. Dass das keine zwei Jahre nach der Erstausstrahlung des Films schon so kommen würde, das freilich hatte kaum jemand voraussehen können. Wenn man den Film so einordnet, hebt sich unweigerlich die Punktzahl, weil man sich denkt, die Distanz zu den Figuren soll gar nicht aufgehoben werden, denn nur, wo die Charaktere Raum lassen, kriecht diese unheimliche Stimmung des Stillstands in uns hinein. Das kommt stärker, wenn man sich das Lied anhört, gesungen von Richard Tauber.

7/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans-Joachim Hildebrandt
Drehbuch Hans-Joachim Hildebrandt
Produktion Erich Albrecht
Musik Karl-Ernst Sasse
Kamera Günter Eisinger
Schnitt Anneliese Hinze-Sokolowa
Besetzung

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