Trio zu viert – Polizeiruf 110 Episode 130 #Crimetime 782 – #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Grawe #Gemälde #Künstler #Trio

Crimetime 782 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

 

Nachts im Museum

Es ist wundervoll, zuzuschauen, wenn ältere Darsteller wunderbare Darstellungen liefern, indem sie eine liebenswürdig-garstige Gang bilden. Wir hatten schon einmal die Idee zu einer ähnlichen Geschichte, aber sowas ist gar nicht so einfach zu schreiben. Das merkt man dem Film ebenfalls an, der nur 34,1 Prozent Einschaltquote hatte, als er Fernsehpremiere feierte. Was uns auch verblüfft und geärgert hat – dass der RBB unvermittelt um ein Jahr vorwärts gesprungen ist, nachdem es bisher so aussah, als würde er alle Polizeirufe der 1980er weitgehend vollständig-chronologisch wiederholen. Nachdem wir das erwähnt haben, können wir uns in der -> Rezension wichtigen Aspekten zuwenden.

Handlung (Wikipedia)

In Kürze soll die erste Ausstellung des Malers Alfred Seebacher eröffnet werden, als fünf seiner Bilder gestohlen werden. Neben vier eigenen ist darunter auch eine Leihgabe. Alfred ist erst in höherem Alter von der Kunstwelt beachtet worden. Lange Zeit hat er seine Bilder gegen Naturalien getauscht und mal ein Brot und mal ein Paar Schuhe für seine Werke erhalten. Nun sind diese im Preis deutlich gestiegen und werden für eine vierstellige Summe gehandelt – allein die gestohlenen Bilder haben einen Gesamtwert von rund 30.000 Mark.

Diese Entwicklung verbittert Alfred, zumal er die „Tauschverkäufe“ damals auch auf Veranlassung seines Vaters Alfons getätigt hat. Auch wenn die Tauschgeschäfte unumgänglich waren, weil die Familie kein Geld hatte, kam es später zum Zerwürfnis von Vater und Sohn. Alfons lebt nun im Altenheim. Seine Freunde Friedrich Marquart und Otto Knebel, die nichts von der Vaterschaft wissen, laden Alfons ein, die Ausstellung seines Namensvetters zu besuchen. Erst hier erfahren beide, dass Alfons der Vater Alfreds ist. Alfred hat unterdessen verschiedene Leihgeber aufgesucht, um seine damals unter Preis verkauften Werke zurückzukaufen. Die Leihgeber, darunter Arzt Hausdörfer, Kammersängerin Bomsberg und der Wirt des Lokals Zur Linde, lehnen dies jedoch ab.

Alfons will auf seine alten Tage eine Aussöhnung mit dem Sohn und seine damaligen Aktionen wiedergutmachen. Mit Friedrich und Otto plant er akribisch den Einbruch in das Museum, wo sie die damals unter Wert verkauften Gemälde stehlen wollen. Beim Bruch müssen sie jedoch erkennen, dass sie zu lange geplant haben: Die Ausstellung ist bereits abgebaut. Ein weiterer, durch Friedrich und Otto geplanter Einbruch geht ebenfalls schief, wurde der echte Seebacher von Arzt Dr. Hausdörfer doch bereits von einem anderen Dieb gestohlen. Die Ermittler Hauptmann Peter Fuchs und Oberleutnant Thomas Grawe erhalten den Tipp, dass Museumsdirektor Sauerbrei erpresst wird und daher möglicherweise in die Einbrüche verstrickt ist.

Da es der Täter auf die zeitigen Werke Seebachers abgesehen hat, lauern ihm die Ermittler am Lokal Zur Linde auf. Zwar können sie dort Direktor Sauerbrei stellen, doch ist das Gemälde zuvor bereits von Alfons gestohlen worden. Sauerbrei gibt bei der Vernehmung zu, die Gemälde für einen Erpresser gestohlen zu haben. Dieser hatte beobachtet, wie Sauerbrei einen Rentner angefahren und Fahrerflucht begangen hatte. Mit dem Wissen erpresste er ihn. Die Einzelgemälde bleiben jedoch verschwunden, genauso wie Alfons nicht aufzufinden ist. In seinem Altersheim-Zimmer finden sich die beiden vermissten Gemälde hinter dem Kleiderschrank. Um sicherzugehen, begeben sich Peter Fuchs und Thomas Grawe zu Kammersängerin Bomsberg, bei der die letzte Leihgabe aus der Ausstellung hängt. Hier sind Vater und Sohn Seebacher erschienen. Als Alfons das Gemälde stehlen will, wobei er an den Nagel ein Lebensmittelpäckchen hängt, verhindert Alfred den Diebstahl heimlich und hängt das Bild an seinen Platz zurück. Die Ermittler erscheinen schließlich und nehmen Vater und Sohn fest – beide Männer versöhnen sich. Bei der Vernehmung des Rentnertrios und des Malers muss sich Thomas Grawe ein Grinsen verkneifen. Wenig später sieht man alle vier vereint in Freiheit.

Rezension

Sowohl nach dem Film als auch nach dem Lesen der obigen Inhaltsangabe blieb für uns eine der wichtigsten Fragen offen: Wer hat den Museumsdirektor denn nun erpresst? Doch keiner der alten Männer und wohl auch nicht der Maler. So richtig sind wir nicht dahinter gestiegen, wer wann welches Gemälde nun wirklich geklaut hat und das sehen wir bei den Polizeirufen aus der DDR-Zeit relativ selten – dass man einen Plot so kompliziert gemacht hat, dass es entweder schwierig ist, ihn ganz zu verstehen oder dass man sich selbst überholt hat, als man was besonders Verzwicktes basteln wollte und die Handlung tatsächlich Fehler aufweist.

Einer der krassesten Momente war das Monopoly-Spiel und der allerletzte Versuch, gegen den Kapitalismus zu protestieren, von wegen ganze Straßenzüge kaufen und die Mieter bis zum Anschlag ausquetschen. Da können Assoziationen nicht ausbleiben, wenn man so viel über den Mietenwahnsinn schreibt, wie wir das derzeit tun. Außerdem deutet der Film an, dass es eigentlich keine „echten“ Kunstmarktpreise gibt, sondern diese nach Gusto gemacht werden: Zum Beispiel von Museumsdirektoren, die billig eine ganze Reihe von Bildern eines Künstlers erworben haben und ihn nun herausheben, eine Ausstellung von ihm machen, nachdem sie vorher, vermutlich durch Fachartikel und Expertise, dafür gesorgt haben, dass er „entdeckt“ wird.

Es gibt eine hervorragende ARTE-Dokumentation darüber, wie auf dem Kunstmarkt getrickst wird, der allerdings ganz andere Dimensionen aufweist. Wenn immer über den Irrsinn überzogener Preise bei Immobilien oder die auffällig hohen Aktienbewertungen dieser Tage geschrieben wird, muss man auch den Kunstmarkt erwähnen. Hier gibt es die Liste der teuersten Gemälde der Welt. Wenn russische Oligarchen an die Herrscher eines Kopf-ab-Regimes für 450 Millionen Dollar ein einzelnes Bild verkaufen, sollte jedem klar sein, dass an diesem System irgendetwas faul ist.

Für diese Summe könnte man die Armen eines mittelgroßen afrikanischen Landes für ein Jahr vor dem  Hunger bewahren. Es war ein da Vinci, ein solches Stück kommt nicht alle Tage auf dem „freien“ Markt, aber das ändert nichts an der grundsätzlichen Problematik. Als „Trio zu viert“ gedreht wurde, war gerade der bis dahin spektakulärste Kunstdeal gelaufen, Schwertlilien von van Gogh gingen für ca. 55 Millionen Dollar über den Tisch. Vielleicht hat das aufsehenerregende Ergebnis dieser Sotheby’s-Auktion auch in der DDR die Gemüter der Kunst- und Filmschaffenden angeregt. Eine Haltung aus dem Film herauszulesen ist, wenn man von der pflichtgemäßen Kritik am Kapitalismus per Monopoly-Spiel absieht, nicht so leicht.

Denn nicht nur der Plot, auch die moralische Lage ist verzwickt. Natürlich haben die Kunden von einst die Seebachers, die sicher gut gemalt sind, zumindest lässt das, was man zu sehen bekommt, darauf schließen, für einen Appel und ein Ei, fast im wörtlichen Sinn, bekommen. Aber haben sie nicht vielleicht sogar aus Mitleid gekauft und das mehr als Spende betrachtet, weil sie doch keinen realisierbaren Wert erworben haben – oder einfach deshalb, weil ihnen die Bilder gefielen? Uns wie sieht es aus mit dem Verhältnis von persönlichem Geschmack und Geldanlage, wenn Kunst teuer ist? Wir würden uns sicher nichts an die Wand hängen, was wir schrecklich finden, nur, weil der Künstler, der es gemacht hat, hohe Wertsteigerungen erwarten lässt – aber wir haben auch keinen besonders ausgeprägten kapitalistischen Drive, der es bewirkt, dass „Marktteilnehmer“ alles, was in ihr Eigentum gelangt, nur als Objekt zum Geld machen betrachten.

Vielleicht gibt es in dem Film doch eine Kritik, nämlich, dass nicht Aufwand fürs Malen und Qualität der Ausführung, vielleicht auch künstlerischer Anspruch im Stil, entscheidend sind, sondern, was Dritte durch Manipulationen als Marktpreis etablieren. Aber gerade im Begriff Stil verbirgt sich auch der Haken: Ist es verwerflich, wenn ein bestimmter Stil von Käufern bevorzugt und mit einem höheren Preis honoriert wird als einer, der gerade nicht angesagt ist? Der Kunstbegriff in der DDR war nicht neutral, bevorzugt wurde offiziell der „Sozialistische Realismus“ und wer darin – wenn auch nicht in der brutalen Ausprägung, wie anderes Unrecht auch quantitativ und qualitativ nicht dem der NS-Zeit nahekommt – eine Parallele zur Abgrenzung in genehme und entartete Kunst sehen will, der kann das tun, aber natürlich hat auch jede Epoche  und haben vor allem Auftraggeber das Recht, bestimmte Darstellungsweisen zu bevorzugen und diese Bevorzugung lief in der DDR auf oft großformatige Werke hinaus, die den Arbeiter*innen Denkmäler setzten.

Kritiker dürfen dann z. B. das Pathos in diesen Werken kritisieren und es als im Lauf der Zeit zunehmend hohl anprangern. In der Nachbetrachtung ist alles einfacher. Seebacher hat aber erkennbar keinen sozialistischen Realismus gemalt, sondern Porträts von Clowns, Landschaften, nicht gegenstandslos auf jeden Fall. Damit war er auch aus der oft böse Pointen verwendeten Nummer raus, dass manche Künstler mit einem leeren Bilderrahmen in große Ausstellungen kommen. Kunst soll dem Volk dienstbar sein, ihm etwas sagen, verständlich wirken – dieser Aspekt hat sicher in der DDR eine Rolle gespielt.

Finale

Wir fanden den Film nicht langweilig, aber in Relation zu anderen Polizeirufen der DDR-Epoche überkonstruiert. Die Einzelszenen überwiegen aber und ein Extra-Plus muss man für die lockere Art der Schauspielerführung vermerken: Die älteren Herrschaften und wenigen Damen, die in diesem Film vorkommen, die Episodenrollendarsteller, kennen wir jetzt nicht so gut, dass wir sagen könnten, sie haben hier neue Höhepunkte ihres Schaffens erreicht, aber bei den Polizisten Fuchs und Grawe ist das naturgemäß anders, sie haben wir unter vielen Regisseuren erlebt und sie passen sich hier mühelos der recht flockigen Gestaltung des Ganzen an, sie wirken natürlich und symathisch und unser Highlight ist, wie die beiden sich vor dem Haus, in dem die Kammersängerin wohnt, gleichzeitig hinsetzen und Bonbons lutschen, weil sie warten wollen, bis die Diebe aus Gerechtigkeitsgefähl sich drinnen sortiert haben.

Am Ende werden sie trotz ihrer versuchten und echten Diebstähle laufen gelassen – sowas haben wir bisher in einem Polizeiruf noch nicht gesehen und klar ist es angesichts der Umstände die richtige Entscheidung. Es ist ja niemandem wirklich ein Schaden entstanden und es war so uneigennützig. Sie sind ja die letzten Rosen im Garten. Wir kannten das Lied zunächst in Englisch gesungen, aber wenn derlei so schön vorgetragen wird, ist das für uns immer auch emotional und – beim Text, wenn auch erst im Nachgang, dachten wir: Ist es so gemeint? Deuten auch die alten, im Grunde idealistischen Herren darauf hin, von denen einer eine Versöhnung mit der fast verlorenen Generation zwischen 50 und 60 möchte? Nämlich, dass die DDR quasi die letzte Rose im Garten des Sozialismus war, nachdem andere Staaten des ehemaligen Ostblocks, vor allem die Sowjetunion selbst, bereits die Generallinie verlassen hatten und ist vielleicht noch gerade Zeit, die Jüngern versöhnt in eine neue Zeit zu entlassen? Schwer zu beantworten.

Es heißt immer wieder, dass es so plötzlich kommen wird, ahnte niemand. Nicht das vielleicht, aber, dass etwas im Umschwung war. Schon vor dem Dreh des Films, im Jahr 1988, gab es in der DDR Demonstrationen und Verhaftungen und noch vor der Premiere, im Mai 1989, kam es zur Ausreise von DDR-Bürgern über Ungarn und Österreich nach Westdeutschland. Zur ersten Massenflucht seit dem Mauerbau 1961.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Edgar Kaufmann
Drehbuch Wolfgang Dehler
Produktion Hans-Jörg Gläser
Musik Werner Pauli
Kamera Michael Albrecht
Schnitt Marion Fiedler

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