M – Eine Stadt sucht einen Mörder (DE 1931) #Filmfest #Top250 DGR

Filmfest 217 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (15) / "Die große Rezension"

2020-08-14 Filmfest AM wie Meilenstein

Es ging mir ähnlich wie der Stadt Berlin, die einen Mörder jagt – ich hatte große Mühe, die Rezension zu diesem Film mit der Titelsuche zu finden und dachte: Unmöglich – schon wieder! Und es ist auf keinen Fall ewig her, dass ich den Film (zuletzt) gesehen habe.

Abgelegt war die Kritik schlicht unter „M D 1931“. Das ist zu wenig, Monsieur. Kein Verweis auf Fritz Lang oder den Subtitel – und die Inhaltssuche dauert bei diesem Gerät einfach zu lang(e). Zur Beruhigung: Die nächsten drei Filme auf der „IMDb Top 250 aller (bisherigen) Zeiten“ habe ich bei der Gelegenheit nachgeschaut und – es gibt tatsächlich zu jedem von ihnen eine Besprechung („City Lights“ von Charles Chaplin, „Frankenstein“ (beide aus dem Jahr 1931) und „King Kong“ (1933). Nun aber der Clou. Der Film heißt tatsächlich und im Grunde nur „M“. Der Subtitel wurde beigefügt, um eine Orientierung zu erleichtern und natürlich auch das digitale Suchen. Zum Film geht’s nun aber in der -> Rezension.

Handlung (1)

Ein unbekannter Kindermörder versetzt die Bewohner Berlins (der Name der Stadt wird im Film allerdings nicht ausgesprochen) in Schrecken und Hysterie – was noch intensiviert wird durch die Berichterstattung der Presse und überall angeschlagene Fahndungsplakate. Schließlich nimmt nicht nur die Polizei, sondern auch die in Unruhe versetzte Unterwelt die Verfolgung des Serienmörders auf. Eine hohe Belohnung ist ausgesetzt.

Eine Mutter in einem Arbeiterstadtteil wartet ungeduldig auf die Rückkehr ihrer Tochter aus der Schule. Diese ist aber mit einem nicht gezeigten Mann mitgegangen. Der schenkt der kleinen Elsie Beckmann Süßigkeiten und einen Luftballon und erschleicht sich so ihr Vertrauen. Als man die Leiche des Mädchens findet, verstärkt die Polizei ihre Anstrengungen, ohne eine erfolgversprechende Spur zu finden. Von den Behörden muss eine steigende Nervosität der Bevölkerung konstatiert werden: Es kommt zu wechselseitigen Verdächtigungen und anonymen Anzeigen, was die Anspannung und Übermüdung der Polizeibeamten weiter verschlimmert.

Um die Polizei zu verspotten, sendet der Mörder ein Bekennerschreiben an die Zeitung, das als Originalabdruck veröffentlicht wird. Es wird graphologisch untersucht, um die Psyche des Täters zu ergründen.

Die ständigen Polizeirazzien und Kontrollen behindern die kriminellen Ringvereine bei ihren „Geschäften“. Außerdem kränkt es sie, mit dem Triebtäter in Verbindung gebracht zu werden. Daher beschließen einige ihrer „Sprecher“, unter Führung des Schränkers (ein berüchtigter Geldschrankknacker, der bereits mehrere Polizisten erschossen hat) selbst nach dem Mörder zu suchen. Bei einer nächtlichen Krisensitzung wird stundenlang hin- und herüberlegt. Endlich hat der Schränker eine Idee: Für die Suche wird die Organisation der Bettler eingespannt.

Bei einer gleichzeitig stattfindenden Konferenz von Polizeibeamten und Sachverständigen regt Kommissar Lohmann an, die Unterlagen über vormalige Insassen von Heilanstalten zu durchforsten, um einen Anhaltspunkt zu finden. Eines Tages macht sich der Mörder erneut an ein kleines Mädchen heran. Als er ihm einen Luftballon kauft, wird er von dem blinden Ballonverkäufer identifiziert. Der erkennt das charakteristische Pfeifen des Mannes wieder, der zuletzt bei ihm auch für die kleine Elsie Beckmann einen Luftballon gekauft hat. Sofort informiert der Blinde einen jungen Burschen, der den Mann verfolgt und durch einen Kreideabdruck mit einem „M“ auf dessen Mantel kennzeichnet.

„M“ wurde inzwischen auch von der Kriminalpolizei nach einer verdeckten Durchsuchung seines Untermietzimmers als Hans Beckert identifiziert. Ein Zigarettenstummel, aufgefunden am letzten Tatort, trug zur Aufklärung bei. Beckert, der das Mädchen stehen ließ, davonlief und inzwischen von mehreren Bettlern verfolgt wird, kann kurz vor Geschäftsschluss eben noch in ein Bürogebäude entwischen, das die Kriminellen bald umstellen. Nach Einbruch der Dunkelheit täuscht der als Polizist verkleidete Schränker einen Nachtwächter. So können seine Leute in das Haus eindringen und es unter Einsatz von Einbruchwerkzeug durchsuchen, nachdem sie die anderen Wächter überwältigt haben. Schließlich finden sie „M“ in seinem Versteck auf dem Boden. Inzwischen kommt einer der niedergeschlagenen Nachtwächter zu sich und löst die Alarmanlage aus; dadurch wird die Polizei verständigt. In höchster Eile flüchten die Kriminellen aus dem Haus und schleppen den Kindermörder in eine stillgelegte Schnapsfabrik. Dort ist die gesamte Halb- und Unterwelt versammelt und macht „M“ einen makabren Schauprozess. Dabei drückt Beckert verzweifelt seine Selbstentfremdung und innere Spaltung aus:

„Immer, immer muß ich durch Straßen gehen, und immer spür ich, es ist einer hinter mir her. Das bin ich selber! (…) Manchmal ist mir, als ob ich selbst hinter mir herliefe! Ich will davon, vor mir selber davonlaufen, aber ich kann nicht! Kann mir nicht entkommen! (…) Wenn ich’s tue, dann weiß ich von nichts mehr … Dann stehe ich vor einem Plakat und lese, was ich getan habe, und lese. Das habe ich getan?“

Schränkers Truppe hat Franz, den Vorarbeiter der Einbrecher, im Bürogebäude vergessen. Ahnungslos wird er von der Polizei gefasst. Lohmann täuscht ihm vor, ein Nachtwächter wäre bei der Aktion erschlagen worden. Er packt Franz damit bei seinem Gewissen und bringt ihn zum Reden. Franz gibt den Treffpunkt Schnapsfabrik preis. Lohmann und seine Leute kommen dort in letzter Minute an und verhindern, dass das Tribunal den mutmaßlichen Mörder lyncht.

Das Urteil ist nicht zu sehen. Der Film endet mit einer Einstellung vom Anfang des Films. Die Mutter klagt, davon würden ihre Kinder auch nicht wieder lebendig; man müsse eben noch besser auf die Kinder achtgeben.

Rezension

„Gestern Abend Fritz Langs „M“ gesehen, allein, vorm Flachbildschirm.“ Böse Anspielung auf einen Satz von einem bösen Mann, der den Film auch angeschaut hat, natürlich nicht allein und natürlich im Kino. Wie immer bei den ganz großen Filmen ist die Prämisse, einen Zugang zum Rezensieren zu finden, der nicht genau das wiederholt, was ohnehin schon alles geschrieben wurde, aber eine Einbindung der vielen Interpretationen lässt sich natürlich nicht vermeiden. Viele von ihnen haben wir als moderne Medienbeobachter, mit einem Mindstmaß an Geschichts- und Filmgeschichtskenntnissen ausgestattet, allerdings auch ohne Nachrecherche erkannt. Wir gehen Fritz Langs Meisterwerk nun erst einmal themenseitig an und betonen die Vorläufigkeit der Rezension, eine Überarbeitung wird es bei einer weiteren Sichtung spätestens in einigen Jahren geben.

Unseres Wissens ist Langs erster Tonfilm auch der erste Film, der sich mit einem Serienmörder, dazu noch einem Kindermörder, befasst. Aufgrund unserer Arbeit für die „TatortAnthologie“ des Wahlberliners haben wir einen Zugang dazu, wie Kindermörder heute dargestellt werden und wie das Unaussprechliche im Verlauf der Kino- und Fernsehgeschichte Bild werden konnte – und nicht Bild werden durfte. Die Art, wie Lang den einzigen Mord, der während der Spielhandlung von „M“ geschieht, visualisiert, wirkt heute deshalb noch so modern, weil sie genau dem entspricht, was man zeigen kann und das vermeidet, was zu zeigen auch heute noch zu entsetzlich wäre. Der Mord selbst findet also offscreen statt, aber als der Ball des Kindes ins Bild rollt und der Luftballon-Mann sich in den Drähten eines großen Strommastes verfängt, ist alles klar und man hält den Atem an und denkt sich zwangsläufig hinzu, was man nicht sieht. Zudem wird an einer Stelle von Seiten der Polizei angemerkt, dass man wisse, wie der Mörder seine Opfer zurichtet – sinngemäß wiedergegeben, was die Fantasie des Zuschauers natürlich weiter steigert. Selbst, wenn man sich die Mordszene nicht konkret ausmalt, ist der Tatbestand, dass ein unschuldiges Kind von einem psychopathischen Serienmörder umgebracht wurde, noch immer ähnlich schockierend, wie er auf die Zuschauer 1931 gewirkt haben muss, als der Film herauskam.

Oder aber noch schockierender. Der Film zeigt es selbst, das Ende der Weimarer Zeit war gewalttätig und das einzelne Leben galt bei weitem nicht so viel wie heute und die Gesinnung und die Stimmung der Menschen waren bereit für eine lebensverachtende Ideologie wie den Nationalsozialismus. Deswegen ist eine der vielen Ironien in diesem Film, dass um diesen Kindermörder eine wahre Hysterie entsteht, aber jeder gemeine Bürger tatsächlich ein gemeines und kaum weniger aggressives Antlitz offenbart, wenn er zum Beispiel Nachbarn als Mörder denunziert, nur um alte Rechnungen zu begleichen. Jeder in diesem Film, der wunderbar gezeichnete Polizist Lohmann ausgenommen, der einer realen Berliner Persönlichkeit jener Jahre nachgebildet wurde. Wie später mit „Abweichlern“ der „Volksgemeinschaft“ umgegangen wurde, das deutet sich hier schon ganz allgemein an.

So gesehen, ist die seelenkranke Mörderfigur nur die pointiert dargestellte Spitze all dessen, was durch den und nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Ruder gelaufen war. Die Idee, einen Serienmörder als Projektion für eine gesamte Nation zu setzen, war leider ungeheuer visionär und die Wirklichkeit übertraf einige Jahre später alles, was selbst Fritz Lang sich wohl vorgestellt hatte, als er seine furchteinflößend entstellten Charaktere für „M“ entwickelte. Der Mörder ist nicht nur unter uns, sondern auch in uns, das wird hier mehr als deutlich. Besonders eindrucksvoll ist eine Szene während des „Tribunals“ in der alten Spirituosenfabrik: Die verzerrten, gewaltgeilen Gesichter der Menge, die den M gerne lynchen würde, die sagt alles darüber, was Lang allgemein von seinen Mitmenschen in der deutschen Gesellschaft jener Tage dachte. Es gibt auch keine Relativierung, die etwa darin liegen könnte, dass es sich hier um Verbrechergesindel handelt. Die anderen, die Guten, die werden nämlich nicht gezeigt, die zivilisierten Bürger, die es selbstverständlich auch 1931 noch gab und die sich vornehm zurückhielten und der Dinge harrten, die kommen sollten, als der Mob auf der Straße tobte. Für diese Bürger, auch wenn sie eher die ärmere Bevölkerungsschicht repräsentiert, steht die Mutter des Opfers Elsie Beckmann. Eine offenbar allein erziehende, furchtsame, verhärmte Frau, die anfangs sehr apathisch wirkt, irgendwann sinnlos durchs Treppenhaus der Mietskaserne schreit, als ihrem Mutterinstinkt klar wird, dass etwas geschehen ist, und die am Ende allerdings den wahren Satz sagt: Davon werden unsere Kinder auch nicht wieder lebendig, als sie offenbar mit anderen Opfermüttern der Gerichtsverhandlung beigewohnt hat, in der, auch dies wird nicht ausgesprochen, M offenbar zum Tode verurteilt wurde.

Das ist eine sehr interessante Wendung des Films, denn die Unterwelt geht in ihrem Tribunal davon aus, dass der Mörder sich, vor der staatlichen Justiz in Anklage, auf § 51 (StGB) wird berufen können und weggesperrt, dass er ausbrechen wird oder später als „harmlos“ entlassen. „Eine strafbare Handlung ist nicht vorhanden, wenn der Thäter zur Zeit der Begehung der Handlung sich in einem Zustande von Bewusstlosigkeit oder krankhafter Störung der Geistesthätigkeit befand, durch welchen seine freie Willensbestimmung ausgeschlossen war.“ Schon das Reichsstrafgesetzbuch von 1871 kannte also den Schuldausschluss via psychischer Störung. Im heutigen, neu gefassten Allgemeinen Teil des StGB entspricht diese Norm dem § 20.

Aber die Diskussion, die vom Schränker in „M“ als Ankläger und einem anderen Unterweltler als Verteidiger über den Umgang mit seelisch kranken Gewalttätern geführt wird, die ist noch heute von Relevanz, vor allem dann, wenn tatsächlich ein aus der Sicherungsverwahrung entlassener Straftäter eine falsche, zu günstige Prognose erhalten hat und wieder tötet. Selbst die in den Film eingewobene Haltung zur Todesstrafe findet noch immer ihre Entsprechung. 1931 gab es die Todesstrafe für Mord geradezu selbstverständlich in Deutschland noch, wie in fast allen Ländern und sie war kein spezieller Ausweis für einen zivilisatorischen Rückfall, sondern anerkannte Straffolge bei besonders schweren Verbrechen. Nur konnte sie eben nicht angewendet werden bei Schuldunfähigkeit des Täters. Heute geht die Linie eher dahin, ob es nicht richtig sei, die Todesstrafe gerade für besonders schwere Verbrechen wieder einzuführen, allerdings würde ihrer Anwendung, und das wird von Menschen, die sich von Rachegelüsten leiten lassen, zu selten bedacht, eben wiederum die Schuldausschließung aufgrund psychischer Diagnose entgegenstehen. Es gibt aber derzeit weder eine Mehrheit für diese Wiedereinführung in Fällen von serienmäßigen Kindstötungen noch eine solche im Extremfall des Massenmordes, etwa durch terroristische Anschläge. Denn es gilt, was die Mütter am Ende sagen: Die Opfer kehren nicht dadurch zurück, dass der Staat Leben gegen Leben aufrechnet. Das ist bei einem Einzeltäter, der mehrfach getötet hat, ohnehin nicht möglich.

Welche Bedeutung aber hat der Satz, dass man künftig auf seine Kinder besser aufpassen müsse, der letzte, der im Film von besagter Mutter gesprochen wird? Wenn man ihn ins politische Interpretationsschema einordnet, dann ist er eine Warnung vor den Mördern in braunen Uniformen, und auch dieser Satz wirkt so melancholisch gesprochen, als ob es für mehr Achtsamkeit gegenüber radikalen politischen Parolen schon zu spät sei, die Art, wie die Frauen im Saal sitzen und das Geschehen verfolgen, hat etwas Resignatives und die Stimmung bleibt düster. Vielmehr wird die aufgeregte Düsterkeit, die während des Films fast immer herrscht, jetzt durch eine Traurigkeit ersetzt, die wir schon eingangs beobachten, als die Mutter gezeigt wird und noch gar nichts passiert ist.

Vielleicht ist hier die Stelle, an der wir vom Speziellen, von einer einzelnen Szene, wieder zum Allgemeinen gehen sollten, denn Fritz Lang ist mehr als eine Psycho- und Sozialstudie, wie es zuvor im Kino wohl keine gab und die seitdem kaum übertroffen wurde. Mithin haben wir bereits zwei Genres genannt, die in diesem Film enthalten sind. Er ist aber auch ein früher Polizeifilm, und der Polizeifilm ist eines der Genres, die den Ton zwingend erfordern, weil die vielen Informationen über die Ermittlungsarbeit sonst alle in das Werk zerstückelnden Zwischentiteln untergebracht werden müssten – sie gehören zu den handlungsseitig komplexen, detailreichen Genres, ganz im Gegensatz  zum Thriller, der viel sparsamer inszeniert werden kann. Und selbstverständlich ist Fritz Langs „M“ auch ein Thriller. Und was für ein grandioser. In dieser Hinsicht gibt es allerdings mit „The Lodger“ von Alfred Hitchcock schon eine Art Vorläufer, und wo, wenn nicht beim Meister des Suspense, wäre ein solches zu suchen?

Prinzipiell ist es gleich, ob man in einem Thriller einen unschuldig Verdächtigten von Beginn an kennt und miterlebt, wie er versucht, sich reinzuwaschen, indem er den wirklichen Täter findet, oder ob man den Täter selbst kennt, beides sind im Grunde Spielarten des „Howcatchem“. Man weiß, wer in „M“ der Mörder ist, etwa nach einem Viertel des Films, man kann sich ihn zurechtlegen, wie man mag, man kann sich, wenn man aus heutiger Sicht seine Krankheit als eine kaum überbietbare Lebenshypothek auffasst, sogar ein wenig mit ihm identifizieren, als er seine berühmte Schlussrede hält, das Plädoyer, das kein Anwalt so eindringlich vorbringen könnte:

„Immer muß ich durch Straßen gehen, und immer spür ich, es ist einer hinter mir her. Das bin ich selber! (…) Manchmal ist mir, als ob ich selbst hinter mir herliefe! Ich will davon, vor mir selber davonlaufen, aber ich kann nicht! Kann mir nicht entkommen! (…) Wenn ich’s tue, dann weiß ich von nichts mehr… Dann stehe ich vor einem Plakat und lese, was ich getan habe, und lese. Das habe ich getan?“

Dass diese Sätze nicht nur psychologisch den Triebtäter-Typus unglaublich treffend beschreiben, der zuvor nie im Film beschrieben wurde, sondern auch wieder eine soziologische Seite hat und auf eine kranke Gesellschaft hinweist, die sich von ihren eigenen Dämonen verfolgt fühlt, die immer in ihr schlummerten und durch den verlorenen Weltkrieg freigesetzt wurden, ist eine von vielen subtextlichen Aussagen dieses enorm vielschichtigen Films. Ein  Problem gibt es nach unserer Ansicht allerdings – dass der Mörder an die Zeitung schreibt. Es gibt offensichtlich auch in der Realität diese Signatur-Morde, bei denen es den Mörder dazu treibt, ein Zeichen zu hinterlassen, das ihn kenntlich macht, damit die Tat nicht versehentlich einer anderen Person zugerechnet wird, mithin ist da ein Geltungsbedürfnis. Aber liegt es im Persönlichkeitsspektrum eines getriebenen Triebtäters, die ihn verfolgenden Staatsorgane öffentlich auf eine so direkte Art bloßzustellen? Ohne diesen Brief allerdings würden die Ermittungen der Polizei stecken bleiben und die Verbrecherorganisationen wären mit ihrer Art von Ringfahndung eindeutig im Vorteil. Eine kleine Anmerkung zur Ermittlungsarbeit: Die Süßigkeitentüte, die bei Beckert gefunden wird, ist im Vergleich zu den Zigarettenstummeln einer bestimmten Marke der stärkere Hinweis, dieser wird aber fallengelassen. Heute könnte anhand von DNA-Spuren auf den Zigaretten eine perfekte Zuordnung erfolgen.

Außerdem gilt aufgrund einer mehr inklusiven Sichtweise auf die  Kinogenres „M“ mittlerweile auch als früher Film noir – stilistisch ohnehin, aber auch wegen seiner ebenso grausamen wie unerbittlich ausgeführten Handlung und der Vorbestimmung des „M“ zum Tode, denn niemand zweifelt nur einen Moment daran, dass ihn dieses Schicksal ereilen wird.

Selbt die Genres Gangsterfilm und Heist-Movie sind in „M“ verarbeitet, wobei Lang durch seine früheren Werke wie „Spione“ und „Dr. Mabuse, der Spieler“ schon Erfahrung im Inszenierung von kriminellen Organisationen und dunklen Wegen hatte – aber selten wurde in einem Film zuvor ein Coup so präzise gefilmt wie die – man kann schon sagen, Erstürmung und Besetzung – des Bürohauses, in dem die Ring-Organisationen mit hohem Personalaufwand den M dingfest machen können. Dass das Bürohaus wiederum ein Symbol für die Gesellschaft ist, die von kriminellen – politischen – Subjekten unterwandert, eingenommen, ja durchbohrt wird (das Loch in der Decke hat vor allem dieses Symbol zu stärken), wurde von der Kritik ebenso aufgedeckt wie die Dualität von Ordnung und Chaos, die in dieser Sequenz liegt – welche wiederum den gesamten Film spiegelt, in dem die staatliche Gewalt mit einer illegalen rivalisiert und einen Kampf um die Stadt austrägt, aber beide Systeme stehen einander in ihren Methoden verdächtig nahe (so wird  z. B. auch von der Polizei mit der Vorspiegelung falscher Tatsachen gearbeitet, um ein Geständnis zu erzwingen, bis heute eine beliebte Ermittlermethode, zumindest im Film).

Stilistisch ist der Film seinen Genres verpflichtet, Sozialstudie mit flachen, grautönigen Bildern, ohne relevante Kamerafahrten, Polizeifilm mit realistischer Anmutung, Thriller mit schrägen Perspektiven und vielen Schatten, Heist-Movie mit dynamischen Bewegungen von Menschen und Kamera – sodass vielleicht der ganz große visuelle Überbau fehlt. Vielmehr bedient sich Lang im mittlerweile beachtlichen Arsenal der Filmsprache sehr konsequent, und schon deshalb mit gutem Recht, weil er selbst an dessen Erschaffung mitgearbeitet hat. Neu ist der Ton, der sehr pointiert eingesetzt wird. Es gibt stumm gedrehte Szenen mit und ohne Kommentierung seitens eines Narrators (der vor allem im Abschnitt „Polizeifilm“ durch einen Kommissar gesprochen wird), es gibt die sehr gezielte Verwendung einzelner Geräusche, Gesprächspassagen und des Kinderliedes vom Schwarzen Mann, dessen Melodie aus der Peer-Gynt-Suite von Edward Grieg stammt, und es gibt mit voller Geräuschkulisse unterlegte Szenen nach heutigem Muster, wie etwa die Konferenzen der Polizeiverantwortlichen und der Gangster und das Tribunal.

Finale

Vielleicht wird diese Rezension in weiteren Varianten den Weg des Films gehen, den er von der ursprünglich verbreiteten 99 Minuten-Fassung zu der gegenwärtigen nahm, die immerhin schon 111 von 117 ursprünglich freigegebenen Minuten beinhaltet, wenn auch mehr strukturell als die Länge betreffend: Bei einem solchen Film haben wir zunächst unsere Eindrücke zusammengefasst und uns assoziativ weiterbewegt. Eine Strukturierung, wie sie sich bei einem solchen Werk empfiehlt, bleibt weiteren Sichtungen vorbehalten.

Die ganz spannende Frage war, ob wir bei diesem Film erstmalig zehn von zehn Punkten vergeben, oder ob wir noch Luft für etwas Unerhörtes lassen, das wir noch nicht gesehen haben – oder schon gesehen haben. Im Moment schwebt uns eine ziemlich enge Konkurrenz an der Spitze mit „Die sieben Samurai“ vor, den wir vor einigen Wochen gesehen haben – und uns entschlossen haben, ihn noch nicht zu rezensieren.

Der bisher am höchsten stehende deutsche Film ist „M“ auf jeden Fall, und wie alle echten Klassiker sagt er uns heute noch sehr viel. Nicht nur wegen der philosophisch-psychologischen Diskussion um Todesstrafe und Schuldfähigkeit, sondern auch wegen der Gesellschaftsbilder. Gehen Sie mal in ein Fußballstadion, in dem der Mob tobt oder in die Nähe einer Demonstration extremistischer Kräfte inklusive allfälliger Gegendemonstration, schauen Sie in die finsteren oder vom Hass geradezu in Ekstase versetzten Gesichter, sehen und hören Sie Nachrichten über Brandstiftungen in Flüchtlingsunterkünften, dann wissen sie, die Dämonen, die jederzeit einen Rückfall von der Zivilisation in die Recht- und Kulturlosigkeit mit sich bringen können, sind nicht tot.

Die fortwährenden Gewaltspiralen nie endender Kriege und Terroranschläge sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache. „M“ hat über die im Jahr seiner Entstehung sehr konkrete Bedrohung der Demokratie und des Rechts in Deutschland hinaus eine universelle Bedeutung – wie Fritz Lang schon in seinem ersten US-Film „Fury“ deutlich gemacht hat, in dem die amerikanische Gesellschaft als nicht wesentlich besser und von den selben dumpfen Gefühlen getrieben dargestellt wird.

Anmerkung 2020 anlässlich der Veröffentlichung des Textes

Die Gefahren für die Demokratie wachsen und demnächst werden einige deutsche Filmklassiker der 1920er und 1930er Jahre wieder ausgestrahlt werden, darunter auch „M“. Die Bedrohung unserer Tage ist vielfältig, genau wie in der Weimarer Republik und vieles davon wurde in der Serie „Babylon Berlin“ aufgenommen, um ein Stimmungsbild von einer nun doch 90 Jahre zurückliegenden Zeit zu vermitteln. Soweit ich die Serie bisher gesehen habe, macht sie das trotz einer Stilisierung, die auf heutige Sehgewohnheiten rekurriert und einen Verfremdungseffekt hat, recht gut. Die Wiederholung von „M“ und anderen Topfilmen dieser Ära findet anlässlich der Vorstellung der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ im Oktober 2020 statt. Von der vierten Staffel ist hingegen schon bekannt, dass sie im Jahr 1931 spielen wird – vielleicht wird dann auch auf „M“ Bezug genommen.

94/100

IMDb: 8,3/10 (Platz 93 in der aktuellen Liste der Top 250)
Moviepilot Community: 7,6/10

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia

Regie Fritz Lang
Drehbuch Thea von Harbou,
Fritz Lang
Produktion Seymour Nebenzahl
Musik keine, bis auf die gepfiffene Melodie In der Halle des Bergkönigs aus der Peer-Gynt-Suite No. 1 von Edvard Grieg
Kamera Fritz Arno Wagner
Schnitt Paul Falkenberg
Besetzung

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