Blutgeld – Tatort 762 #Crimetime 783 #Stuttgart #Lannert #Bootz #SWR #Blut #Geld

Crimetime 783 - Titelbild © SWR, Stephanie Schweigert

Vorwort 2020

Dies wird eines der letzten „Originale“ sein, die wir republizieren. Eine Rezension, wie sie ursprünglich erstellt wurde, hier im Mai 2011 für den „ersten“ Wahlberliner. Im April 2011 startete die TatortAnthologie, die heute in die Rubrik „Crimetime“ integriert ist, die Kritik zu „Blutgeld“ war die Nr. 14 in jener Anthologie. Man merkt diesem und anderen „Originalen“ an, dass wir damals noch ein wenig mit der Form experimentiert und z. B. anders gegliedert hatten, als das heute der Fall ist und es häufig zu kleinen Veränderungen kam. So ist es in der Experimentierphase. Ergänzt haben wir für die Wiederveröffentlichung im September 2020 nur die Copyrights für das Titelbild und unseren Text. Ein Titelbild hatten die Rezensionen in jener Startphase noch nicht.

I. Inhalt

Nachts und bei strömendem Regen werden die Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz zu einem Tatort gerufen. In einem Stuttgarter Einfamilienhaus liegen zwei Tote – Mutter und Tochter, in ihrem Wohnzimmer erschossen. Es gibt keine Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen, nichts wurde entwendet. Von Familienvater Marc Simon fehlt jede Spur.

Eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter der Simons führt Lannert zu André Lindner , einem Bekannten der Familie. Mit dem Mord an den Simons konfrontiert, wirkt Lindner schockiert, regelrecht panisch, und verweigert jede Information. Bootz erfährt von der Mutter der Getöteten, dass sich Marc Simon, von Beruf Bankangestellter, vor vier Jahren von seinen Schwiegereltern eine große Summe leihen musste, um Schulden für das Haus zu bezahlen.

Auf der Suche nach Marc Simon ermitteln die Kommissare an seinem Arbeitsplatz und entdecken dort Fotos von einer Frau namens Cornelia König. Als sie die junge Frau besuchen, finden sie dort nicht nur den aufgeregten André Lindner vor, sondern erfahren auch, dass Marc Simon seit acht Jahren ein Doppelleben führte: Offiziell lebte er mit Frau Stephanie und der Tochter zusammen, gleichzeitig hatte er mit seiner Geliebten Cornelia König und dem gemeinsamen Sohn Florian eine zweite Familie. Und anscheinend hatte Simon immer genügend Geld, um für beide Familien sorgen zu können.

Kurz darauf taucht Marc Simon, inzwischen der Hauptverdächtige, in der Bank auf, völlig verstört und kaum ansprechbar. Widerstandslos lässt er sich von Lannert und Bootz abführen. Im Verhör wirkt er verwirrt, behauptet aber, ein Alibi zu haben. Mitten in den Befragungen erscheint auf einmal André Lindner gemeinsam mit dem Anwalt Siebert. Staatsanwältin Álvarez kann nicht verhindern, dass Siebert das Verhör abbricht, und Marc Simon mitnimmt, was der sich nur widerwillig gefallen lässt. Als Lannert und Bootz herausfinden, dass Siebert ein bundesweit agierender Staranwalt für Prozesse im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität ist, wird ihnen langsam die wahre Dimension ihres Falles klar.

Das Ermittlerteam versucht, Licht in Marc Simons undurchsichtige Finanzaktivitäten zu bringen. Nach eigener Aussage hatte sich der Bankangestellte bei dem Kredithai Steiner Geld geliehen. Die Kommissare suchen Steiner auf – und finden ihn erschossen in seinem Büro. Die Mörder eröffnen das Feuer auf Lannert und Bootz, denen es gelingt, einen der beiden zu überwältigen. Aber der Ukrainer schweigt eisern. Immerhin gibt es Telefonverbindungen, die die Ermittler zu einem Hotel führen. Dort weiß der undurchsichtige Hotelier Morelli angeblich von gar nichts.

Doch die Daten von Simons Bankcomputer weisen erneut auf diesen Namen. Sie lassen Lannert und Bootz erkennen, dass Simon sich mit der kalabrischen Mafia eingelassen hat und deren Schwarzgelder veruntreute. Den Kommissaren wird klar, dass Marc Simon mit den Morden unter Druck gesetzt wurde – und dieser Druck nicht nachlassen wird, solange er das Geld nicht zurückgezahlt hat. Als die Mafia-Killer Florian entführen, sieht der Vater keinen Ausweg mehr. Statt Hilfe bei Lannert und Bootz zu suchen, versucht Marc Simon die Mafia mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen und stellt damit die Kommissare vor eine außergewöhnliche Herausforderung (die ausführliche Zusammenfassung stammt aus dem Tatort-Fundus).

II. Kurzkritik

Eines ist 762 auf jeden Fall. Spannend. Die Handlung beginnt eher ruhig, bis Marc Simon (Stephan Kampwirth) wieder auftaucht, dann nimmt sie Fahrt auf und hält das Tempo bis zum Ende hoch. Guter Schluss und damit gute Pointe.

Die schauspielerischen Leistungen sehen wir überwiegend gut, teilweise sehr gut, es gibt aber auch ein paar Schwächen, zum Beispiel, dass Kommissar Lannert ziemlich farblos daherkommt. Das mag jemandem, der ausschließlich Wert auf die Handlung legt, ausreichen, wir hätten uns neben dem Gimmick, dass er so schlecht schießt, dass er beinahe aus dem Verkehr gezogen wird, etwas mehr Präsenz von ihm gewünscht.

Das Thema ist insofern gut gewählt als bekannt ist, dass Stuttgart eine starke (italienische) Mafia-Connection hat, wie viele süddeutsche Städte. Wirkt auf den ersten Blick mutig, die Mafia zu zeigen, aber wir sind eben doch nicht in Italien. Die Mafia wird in Deutschland wohl nicht so weit gehen, dass sie die Tatortmacher umbringen lässt, weil ihr die Darstellung der eigenen Organisation nicht gefällt.

Überdurchschnittlicher Tatort mit kleinen Schwachpunkten.

III. Rezension

1 Figuren I : Lannert und Bootz

Richy Müller, den wir für den interessanteren Schauspieler gegenüber Felix Klare halten, kommt als Thorsten Lannert gegenüber dem Kollegen Bootz (Klare) dieses Mal ziemlich zu kurz. Nicht nur, dass er nicht gut schießen kann, auch ist es nur Bootz, der ein sichtbares Privatleben offenbart und mit seiner Frau über ein Doppelleben diskutiert, wie der Banker Simon es führt. Nicht nur hat also Lannert niemanden, mit dem er so nett sprechen kann, er kann auch nicht schießen. Das grenzt ans Unglaubwürdige, wir geben es gerade noch für gut, weil man erkennbar bemüht war, ihm überhaupt etwas Individuelles mitzugeben.

Dass er das ansonsten in diesem Tatort kaum hat, liegt nicht am Schauspieler Müller, sondern am Drehbuch. Er hat so gut wie nie etwas Interessantes zu sagen. Die guten Szenen, die starken Momente, in denen es darum geht, mit anderen Figuren zu interagieren, die hat Bootz. Wir finden das etwas unausgewogen, man kann aber mal für einen Tatort einen der Ermittler stärker sein lassen als den anderen. Dann sollte man aber beim nächsten die schauspielerischen Möglichkeiten von Richy Müller wieder mehr nutzen.

2. Staatsanwältin Alvarez

Die spanischstämmige Staatsanwältin wird offenbar von einer spanischstämmigen Schauspielerin dargestellt, volle Punktzahl für die Authentizität. Aber nicht für die Art, wie sie agiert. Wenn das so weitergeht, will jeder, der zwei gute juristische Staatsexamen hat, unbedingt Staatsanwalt werden und nicht mehr Top-Verdiener, weil dieser Job offenbar mitten im Leben angesiedelt und echt wahnsinnig spannend ist. Die Ermittlerarbeit muss man nicht selbst tun, aber man ist immer dabei und kann sich dabei auch noch wichtig machen, was offenbar ohnehin ein Kennzeichen der Alvarez ist. Als Sympathieträgerin kann man sie nicht gerade bezeichnen. Vielleicht soll sie das auch nicht sein.

  1. Marc Simon, Banker

Stephan Kampwirth ist ein guter Schauspieler. Sehr schön und beinahe schon richtig glaubwürdig, wie er den Banker mit  zwei Leben verkörpert. Wie er zerrissen ist, immer fahrig, immer am Rand seiner Kapazität. Dass sich herausstellt, dass auch seine Finanzen nicht nur am Limit sind, sondern darüber, das kommt dem Beobachter nur allzu logisch vor. Wir haben uns zwar gefragt, ob dieses Doppelleben notwendig war, um den Fall zu inszenieren, das Drama darzustellen, aber da ein Doppelleben ja immer doppelbödig ist und damit durchaus lebensnah, sagen wir: okay. Außerdem sollte erkennbar eine Botschaft transportiert werden und eine Lanze weniger für überforderte Bankiers, aber für Menschen gebrochen werden, die sich in ihren Beziehungsgeflechten verstricken und dafür nicht so einfach mit der großen Moralkeule zu verurteilen sind. Wäre schön, wenn einer Frau eine solche Doppelbeziehung dann auch einmal in einem Tatort auf so eindringliche, gut gespielte Art genehmigt und als emotional möglich, erklärbar und moralisch neutral zugestanden wird.

3. Lisa Martinek

Sie spielt die sozusagen zweite Frau Simon, mit der Marc neben seiner Tochter mit der angetrauten, ersten Frau, einen Sohn hat. Sie ist einfach eine Gute, sie hat die eher kleine Rolle, die sie dieses Mal zu bewältigen hat, komplett ausgefüllt und zieht den Zuschauer in wenigen Szenen in ihre Gefühle hinein. Und dass sie am Ende ihren Marc zurückbekommt und die beiden dann im Zeugenschutzprogramm ein neues Leben anfangen dürfen, obwohl Marcs andere Familie aufgrund seiner Veruntreuung von Mafiageldern zu Tode gebracht wurde, auch das gönnt man ihr. Wir sind ja nicht im rechtskonservativen Hollywoodkino, wo das Ende immer entlang einer bigotten moralischen Linie entlang geschrieben werden muss. Im Tatort, das zeigen die jüngeren Folgen immer häufiger, bekommt auch mal jemand eine zweite Chance, der Schuld auf sich geladen hat. Das Paar Kampwirth / Martinek gibt eine starke Vorstellung ab.

4. Die Mafia als solche und ihre Russen

Man muss schon sagen: Die kalabrische `Ndrangheta ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Jetzt engagieren sie schon Russen für die Drecksarbeit. Und diese Russen, zumindest einer von ihnen, sind Gemütsmenschen, wie Russen eben sind, selbst die Killer (und welcher Russe ist im Grunde seines Herzens nicht Gemütsmensch und gleichzeitig Killer?). Einer der  Auftragsmörder, die anweisungsgemäß und sicher ohne große emotionale Beteiligung Simons erste Familie umgelegt haben, der bekommt Magenschmerzen, als er den Sohn aus Simons zweiter Familie entführt. In einer Szene sieht man, wie er es bedauert, den Jungen in seiner Gewalt zu haben (als er ihn fragt, ob er Hunger hat, da ist so ein Ausdruck in seinem Gesicht zu sehen). Wir fanden diesen Part mit den multinationalen Mafiosi, die gleich zwei Leute erschießen, um ihrer Forderung nach Geld nachdruck zu verleihen, überzogen, und er deckt gleich zwei Fehler Fehler auf.

5. Handlung, Fehler 1 (äußere Logik)

Die Spusi will festgestellt haben, dass die Tochter sich nicht bewegt hat, nachdem man schon auf die Mutter geschossen hatte. Das lässt die Ermittler in ihrer Annahme fester werden, die Tochter muss den Täter gekannt haben. Hat sie aber nicht, denn es waren russische Auftragskiller, die den Mord ausgeführt haben. Natürlich wurde dieses „sie muss den Täter gekannt haben“ verwendet, um den Verdacht auf ihren Vater zu lenken (Familiendrama, zwei Familien sind eine zu viel, vor allem finanziell gesehen). Aber es ist ein klarer Ermittlungsfehler, diesen Schluss so locker aus der Körperhaltung der Tochter zu ziehen und eine dieser typischen Ungenauigkeiten, die man dem Zuschauer in den Tatorten einfach mal so reindrückt.

Das Ende erinnert hingegen an große Filme früherer Tage. Ob zitiert oder nicht, klasse gemacht und sehr gut auf die Emotionen der Zuschauer gezielt, als Lisa / Cornelia dann mit ihrem Simon neu anfangen darf, nachdem er sich die blutbefleckte Schutzweste ausgezogen hat. Viele Polizisten-Statisten, zwei Entführungsfälle, ein Banker, der drei Menschen perfekt in seine Gewalt bringt und auch das Heftpflaster nicht vergisst, um ihnen den Mund zuzukleben. Da rächt sich der deutsche Bürger als Banker nun an der Schlange Mafia. Und dass er Mafiagelder veruntreut hatte und auch wusste, dass es Mafiagelder waren – nun ja, er wird der Staatsanwaltschaft bei weiteren Ermittlungen dienlich sein. Ein wenig gebogen wirkt das alles schon, gegenüber der fatalen oder fatalistischen Konsequenz-Konsequenz, die Täter in früheren Tatortzeiten zu tragen hatten. Aber das Nüchterne, das damals ja dem deutschen Film insgesamt zu eigen war (schauen Sie mal einen Fassbinder aus den früheren Siebzigern an, sezierender, kälter geht’s nicht), das hat sich verloren. Ist einer weniger realistischen, aber eher tröstlichen Botschaft gewichen, in einer Zeit, in der die Leute wieder Gefühl von der Leinwand oder aus dem Flachbildschirm brauchen, in einer Zeit, die real immer stressiger und kälter wird. Das ist ein Tribut an unsere Zeit und wir finden es nicht grundsätzlich falsch, dass den Zeiten Tribut gezollt wird, in denen die Filme nun einmal spielen.

6. Handlung, Fehler 2 (innere Logik)

Es gäbe ja keinen Tatort, wenn die Mafia nicht gleich zwei Familienmitglieder von Simon umgebracht hätte, weil dieser ihr Geld entwendet hat. Der Mann ist traumatisiert, muss sich erst wieder sammeln, das tut er, während er bei der Polizei sitzt. Aber ist die italienische Mafia, deren Ortsgruppe ein eleganter Hotelier vorsteht, so plump? Wäre es nicht viel sinnvoller, der Forderung nach Rückzahlung des entwendeten Schwarzgeldes erst einmal dadurch Nachdruck zu verleihen, indem man nicht gleich eine Familie erschießt, sondern erst einmal diese entführt?Anstatt umgekehrt vorzugehen. Wer schon um sein Leben in Form derer, die er liebte, gebracht wurde, hat wenig Motivation, schnell Geld aufzutreiben und ist dem Selbstmord näher als guten Ideen, wie sich die geforderten Mittel beschaffen lassen. Da hilft es auch nichts, dass es eine zweite Familie gibt, die man auch noch erschießen könnte. Hier wird Geschäftliches mit Blutrache bei innerfamilären Machtkämpfen verwechselt. Die Mafia ist mit Sicherheit zu clever, um gleich mit Kanonen auf diebiesche Elstern wie den Banker Simon bzw. auf dessen Angehörige zu schießen.

IV. Fazit

Ein gut gespielter, rasanter Tatort, die einzelnen Elemente der Handlung sind weitgehend fehlerfrei aufgebaut, Ausnahmen von fehlerfrei gibt’s auch, die innere Logik in den Handlungen der Mafia ist fragwürdig. Und wie hier ein Einzelkämpfer gegen die Organisation agiert, das ist schon exorbitant und es war eine große schauspielerische Leistung notwendig, um das halbwegs glaubhaft rüberzubringen.

Insgesamt gut, manchmal grenzwertig – 7,0/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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