Katharina – Polizeiruf 110 Episode 133 #Crimetime 784 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #DDR #Grawe #Hübner #Katharina

Crimetime 784 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Ansichten nach dem Tode

Wir ärgern uns immer noch darüber, dass der RBB plötzlich aus seiner chronologischen Betrachung der 1980er heraus einen Sprung gemacht hat, durch den weite Teile des Jahrgangs 1988 erst einmal wegfallen. Irgendwann im Jahr 1989 biegt der Sender wieder aufs Hauptgleis ein und springt noch einmal raus, vom 130. direkt auf den 133. Fall – nur, um bei Ausstrahlung am 07.11.2019 möglichst dicht an „30 Jahre Mauerfall“ dran zu sein. „Katharina“ hatte am 27. Oktober 1989 Fernsehpremiere. Einerseits nachvollziehbar, andererseits typisch Berlin, nichts wird mal richtig durchgezogen. 

Bezüglich seiner Spielzeit stellt der 133. Polizeiruf einen gewissen Rückschritt dar, sie beträgt nur 79 Minuten, Ende der 1980er waren über 80 Minuten, teilweise auch das Tatortformat von ca. 90 Minuten, bereits üblich. Die Frage ist nun, was man aus den 79 Minuteng gemacht hat. Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Die 35-jährige Katharina erfährt, dass sie schwanger ist. Auf der Feier ihres Betriebes erscheint sie nicht, ist aber dort auch ohne Anwesenheit in aller Munde. Sie soll ein Projekt im Süden der Republik bearbeiten – mit Richard Paulsen, einer früheren Liebschaft. Im abendlichen Klatsch taucht immer wieder die Andeutung auf, dies könne zu einer neuen Liebesreise werden. Irgendwann verbietet der Direktor diesen Klatsch, der vor allem von seiner Chefsekretärin Wilma ausgeht.

Katharina hört am Morgen die Liebesnachricht ab, die ihr jugendlicher Liebhaber Johann auf Kassette gesprochen hat. Wenig später kommt Katharinas Mitbewohner Gregor Baumann nach Hause und findet Johann unter Schock auf einem Sessel. Vor ihm auf dem Boden liegt Katharinas Leiche. Oberleutnant Jürgen Hübner bittet Oberleutnant Thomas Grawe und Leutnant Klaus König um die Bearbeitung des Falls. Vor allem Thomas Grawe kommt dies ungelegen, hat er doch mehrere Tage Urlaub und plante, in dieser Zeit den Umzug seiner Familie in eine größere Wohnung zu bewältigen.

Bei ihren Ermittlungen stoßen Thomas Grawe und Klaus König auf ein Beziehungsgeflecht. Katharina hatte zahlreiche Affären, die sie jedoch stets im Guten beendete. Die Männer sprechen ausnahmslos gut von ihr, der junge Paul nennt sie sogar seine Lebensretterin, habe sie ihn doch einst aus einer für ihn nicht mehr aushaltbaren Beziehung geholt. Die Nachbarn brechen in Tränen aus, als sie von Katharinas Tod hören. Sie hatte dem alten Ehepaar Breit oft geholfen.

Den Ermittlern schwirrt bald der Kopf. Katharina hatte eine Beziehung zu Johann. Kurz vor ihrem Tod sprach sie ihm eine Nachricht auf Kassette. Sie machte ihm deutlich, dass sie sich nach etwas Bedenkzeit endgültig für ihn entschieden habe und ihn liebe. Das Klingeln der Haustür unterbrach ihre Nachricht, in der sie Johann auch sagen wollte, dass sie von ihm im dritten Monat schwanger sei. Die Ermittler vermuten zunächst, dass Gregor Baumann der Täter sein könnte. Er hat kein Alibi für die Tatzeit, war Katharina jedoch in tiefer Freundschaft verbunden. Seit Jahren lebte er mit ihr zusammen, beide waren ein Paar, wenn Katharina nicht gerade in einen anderen Mann verliebt war, und Gregor akzeptierte auch, dass sie ihn nicht liebte, sondern nur sehr mochte. Er wusste, dass sie immer wieder zu ihm zurückkehren wird.

Zum Kreis der Verdächtigen gehört auch Richard Paulsen. Er war einst mit Katharina zusammen, obwohl er verheiratet war. Katharina trennte sich eines Tages von ihm, und er kehrte zu seiner Frau und den Kindern zurück. Das ist drei Jahre her. Bei einem Gespräch mit Chefsekretärin Wilma erfahren die Ermittler, dass sie im Spaß von einer neuen Affäre von Richard Paulsen und Katharina aufgrund ihrer zukünftigen gemeinsamen Arbeit im Süden tratschte. Dies hörten alle, auch Richards Frau Doris, der ihr Mann nichts von der Arbeit im Süden erzählt hatte. Thomas Grawe begibt sich zur Paartherapeutin, die Doris damals im Zuge der Rückkehr ihres Mannes zu ihr aufsuchte. Sie kam stets allein und die Psychologin stellte eine geradezu obsessive Fixierung Doris’ auf Mann und Kinder fest.

Sie riet ihr damals, sich mit Katharina auszusprechen, doch lehnte Doris dies ab. Die Ermittler begeben sich zur Familie Paulsen. Doris hat ihrem Mann einen Zettel hinterlassen, in dem sie ihm mitteilt, ihn zu verlassen. Er hatte ihr kurz zuvor von Katharinas Schwangerschaft erzählt und sie war erschüttert. Im Keller der Familie finden die Ermittler das Tatwerkzeug: einen silbernen Kerzenleuchter. Die Fahndung nach Doris wird ausgerufen, da dringender Suizidverdacht besteht. Doris jedoch stellt sich kurze Zeit später selbst der Polizei. Sie gibt an, Katharina aufgesucht zu haben, da sie eine neue Affäre zwischen ihrem Mann und ihr befürchtete. Als Katharina zu lachen begann, erschlug Doris sie im Zorn. Sie glaubte, Katharina lache aus Überheblichkeit. Nun wird ihr die Kassette vorgespielt, die Katharina kurz vor ihrem Tod aufnahm und Doris erkennt, dass Katharina sie auslachte, da ihre Vermutung aberwitzig war. Beschämt bricht sie in Tränen aus.

Rezension

Sie haben es schon wieder gemacht und es wirkt auch dieses Mal nicht glaubwürdiger als in den meisten Fällen – zumal man es nicht überprüfen kann, wie in den meisten Fällen. Hat Katharina so gelacht, dass man das nicht erkennen konnte und warum überhaupt, wo sie sich doch gerade so auf ein neues Leben freute, nachdem sie sich endlich dafür entschieden hatte, es mit dem jüngeren Johann, dem Vater ihres Ungeborenen, zu versuchen.

„Als Katharina zu lachen begann, erschlug Doris sie im Zorn. Sie glaubte, Katharina lache aus Überheblichkeit. Nun wird ihr die Kassette vorgespielt, die Katharina kurz vor ihrem Tod aufnahm und Doris erkennt, dass Katharina sie auslachte, da ihre Vermutung aberwitzig war. Beschämt bricht sie in Tränen aus.“

Der Schluss ist schwach, darüber hilft auch die intensive Darstellung von Solveig Müller als Doris nicht hinweg. Insgesamt ist der Film recht konservativ gestaltet, hebt sich visuell und inhaltlich nicht heraus. Aber er hat seine Pluspunkte: Thomas Grawe und der neue Kollege Klaus König (Thomas Schuch) matchen sehr gut miteinander. Da auch der gute, alte Hübner ein paar Szenen zugestanden bekommt, kann man erkennen, wie man noch kurz vor der Wende versucht hat, langsam die dritte Generation der Polizeiruf-Ermittler aufzubauen – bezeichnenderweise kam aber keine präsente Polizistin mehr hinzu, diese progressive Linie endete 1983 mit dem letzten Einsatz von Vera Arndt (Sigrid Göhler). 

Die Darsteller von Grawe und König werden so geführt, dass sie nicht ständig alles erklären müssen – ihre Mimik sagt viel aus. Besonders bei König ist das relevant, weil wer nicht so viel Sprechzeit hat wie Grawe. Er reagiert aber nicht nur stimmig, sein Ausdruck passt nicht nur regelmäßig zur Situation und dem, was er in der Situation denkt, er ist auch ein typischer Vertreter dieser Generation 80er bzw. der Generation, die damals ins Berufsleben eintrat. Zu diesem Eindruck trägt nicht nur seine Optik bei, sondern auch, dass man die Dialoge in einer sehr neutralen Sprache verfasst hat. Er wurde zwar im Januar bis März 1989 gedreht, damals war das Ende der DDR noch nicht für jedermann vorauszahnen, aber es ist schon auffällig, dass fast sämtliche typischen Ost-Begriffe verschwunden sind, besonders jene, die mit dem Staatswesen der DDR zu tun haben. Zwar wird der Rang von Grawe und König ein paar Mal benannt, aber das Wort Genoss*in kommt nirgends vor. Es gibt zwar eine PGH, die Kläranlagen baut, aber in ihr nur Kolleg*innen. Damit einher geht, dass der Film keinerlei ideologische Züge trägt. Gerade, weil man ihn zu „30 Jahre Mauerfall“ gezeigt hat: Typisch ist er damit allenfalls für die Spätphase der DDR, nicht aber für die 18 Jahre, in denen die Reihe Polizeiruf wohl das beliebteste Serien- bzw. Reihenformat darstellte. 

Gut gelungen ist auch die Erstellung eines Psychogramms von Katharina nach ihrem Tod anhand ihrer Freunde, der Männer und ihrer Feindinnen, der Frauen. Hübsch dialektisch ist das gemacht, aber nicht so linear, dass es platt wirkt – es gibt auch hin und wieder ein nettes Wort über sie von seiten einer weiblichen Person. Es ist ja immer schade, wenn ein Charakter, der den Film sehr bereichert hätte, schon zu Beginn umgebracht wird. Wir ärgern uns jedes Mal, besonders, wenn es eine hübsche junge Frau ist. Das ist nicht politisch korrekt gedacht, aber es gibt Momente, in denen wir einfach keine Lust haben, einen Filter über alles zu legen, was wir schreiben. Klar hätten wir uns weiter an Katharina erfreut und waren nicht gerade auf der Seite der Person, die sie umgebracht hat. Johann war es nicht, das wäre zu offensichtlich gewesen, auch der treue, der brave Gregor wird doch etwas zu sehr von vorne, von hinten und von der Seite beleuchtet, als dass er letztlich der Täter gewesen sein sollte. Dafür wird Doris, die es wirklich gemacht hat – zwar nicht spät eingeführt, aber nach der Firmenparty erst einmal zur Seite gestellt und erst viel später wieder aus dem Schrank mit den Ersatzfiguren hervorgezogen. 

Je mehr über Katharina gesprochen wird, desto abstrakter wird sie aber auch auf eine gewisse Art und man folgt den Ermittlungen von Thomas Grawe und Klaus König mehr deshalb, weil die beiden einen guten Job machen, als weil man wirklich daran interessiert ist, wer nun den Fehler begangen hat, diese hübsche Person vom Leben zum Tode zu bringen. Wir haben mehr die Position eingenommen, dass es sich ohnehin nicht mehr ändern lässt und die Trauer über den Verlust waren stärker, als irgendwen dafür bestrafen zu wollen, dass er mit ihr eben nicht so gut klarkam, es wird schon ein unglücklicher Mensch und kein bösartiger gewesen sein. Dies stellt sich dann auch heraus. 

Finale

Es gibt kaum „schlechte“ Polizeirufe aus der DDR-Zeit, zumindest haben wir bisher nie weniger als 6/10 vergeben. Auch „Katharina“ ist ansprechend gespielt und routiniert und ein Beispiel für die beachtliche Varianz, die man in der Reihe verwirklicht hat – bei eingeschränkten Möglichkeiten, wie eben überall. Was uns kürzlich erst beim Anschauen eines Films richtig klar wurde, der gar kein Polizeiruf war („Hände hoch, oder ich schieße“), kennzeichnet diese Grenzen: In diesem Feature für Rolf Herricht aus dem Jahr 1964, in dem er einen Kriminalkommissar im verschlafenen und verbrechensfreien Städtchen Wolkenheim spielt, muss er sich immer nach London träumen, um mal eine verruchte Kneipe zu sehen, in der die Gangs Karten spielen und eine verführerische Vamplady schlüpfige Songs in die verqualmte Luft haucht: Es gab in der DDR keine OK. Keine richtige Unterwelt, wie sie im heutigen Berlin wieder blüht und gedeiht wie in den wilden 1920ern. Ersatzweise hat man allerdings immer mal wieder etwas inszeniert, was die Zensur eigentlich auch hätte bemängeln müssen: Dass ganze Betriebskollektive zusammen Schmu machen und dabei einen ganz netten Schaden am sozialistischen Eigentum anrichten.

Und dann gab es Filme wie „Katharina“, den man mit leichten Abweichungen, die gezeigten Typen betreffend, genauso hätte im Westen drehen können. Persönliche Dramen, die nicht an Zeit und Ort gebunden sind. Man kann höchstens anmerken, dass der sozialistische Mensch sich nicht so in Eifersüchteleien und unklare Verhältnisse hineintreiben lässt und Eskapismus durch Eskapaden aus der offiziellen Beziehung heraus unmöglich zugeneigt sein kann. Wir meinen schon, dass in diesem Privatisieren, das in „Katharina“ obsessive Züge annimmt, weil alle sich auf eine Person als Projektion und nicht auf ihre Lebensaufgaben im Staat fixieren, eine Haltung verborgen sein könnte, aber um als subversiv zu gelten, ist das doch ein wenig zu sehr unter der Oberfläche verborgen.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Georg Schiemann
Drehbuch Ulrich Frohriep
Produktion Werner Langer
Musik Thomas Natschinski
Kamera Jürgen Lenz
Schnitt Anneliese Hinze-Sokolowa
Besetzung

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