Der Schrei – Tatort 776 #Crimetime 785 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Schrei

Crimetime 785 - Titelfoto © SWR, A. Schmidt

Manchmal hasse ich diesen Job

Das sagt Lena Odenthal am Tatort bzw. am Fundort der Leiche des Mädchens Lisa. Gestern Abend hatten wir den Eindruck, die Schauspielerin Ulrike Folkerts hasst ihre Kommissarinnen-Rolle tatsächlich, so emotionslos aufgesagt wirkte der Satz – und gerade dadurch wieder echt. Aber da sind nicht die Emotionen, das Sich-Einfühlen in Fälle und Personen zu sehen gewesen, das wir von der Ludwigshafener Ermittlerin kennen.

Lag es an uns? Hassen wir den Job des Rezensierens mittlerweile? Nein, sicher nicht. Gerade, weil die Zahl der Tatort-Rensionen auf der Zeitschiene langsam abnimmt, weil wir viele Wiederholungen schon gesehen und darüber geschrieben haben, freuen wir uns auf jeden Fall, der noch nicht in der Anthologie enthalten ist. Es lag auch nicht an dem anstrengenden, abwechslungsreichen Tag, der vor dem gestrigen Einschalten beim SWR lag. Oder? Was war es, was uns einen selten schlechten Zugang zu diesem Film finden ließ? Wir vergewisserten uns, was die anderen zu diesem Tatort sagen, und fühlten uns bestätigt (Anmerkung 2020: Die Nutzer der Plattform Tatort-Fundus). Mehr zu den Gründen und zu dieser für damalige Verhältnisse intensiven Selbstprüfung steht in der -> Rezension.

Handlung

Lena Odenthal und Mario Kopper ermitteln im Fall eines ermordeten Mädchens. Zuerst verdächtigen sie zwei Männer, können ihnen aber nichts beweisen. Neue Hinweise lenken Lena Odenthals Verdacht auf die Mutter selbst…

Eine Familie verbringt eine schöne Zeit im Vergnügungspark, aber als die Eltern nach einem Abendessen ins Hotelzimmer zurückkehren, ist ihre achtjährige Tochter verschwunden. Wenig später wird das Mädchen tot in einem Wildbach des Geländes gefunden. Schnell spüren Lena Odenthal und Mario Kopper zwei Verdächtigen nach: Tom Heye, ein Schreiner, der wegen Missbrauchs eines Mädchens verurteilt wurde und der Rechtsanwalt Werner Rahn, der den letzten Abend vor seiner Hochzeit allein in dem Freizeitpark verbracht hat.

Doch dann nimmt der Fall eine überraschende Wendung und die Mutter selbst gerät in den Mittelpunkt der Ermittlungen. Eine extreme Situation, die Lena mehr und mehr belastet, denn sie weiß, dass sie der Mutter mit ihren Fragen unendlich wehtun muss – aber sie weiß nicht, ob sie einer unschuldigen Mutter gegenübersitzt, die gerade ihr einziges Kind verloren, oder einer Mörderin, die ihr eigenes Kind getötet hat.

Anmerkung zur Wiederveröffentlichung 2020

Der Text wurde gegenüber der Erstpublikation im September 2011 nicht wesentlich geändert. Durchaus verwunderlich, dass darin bereits von „Hassen wir das Rezensieren?“ die Rede ist – trotz Verneinung. Aber wir tun uns nach wie vor schwer damit, niedrige Punktzahlen (weniger als 6/10) für Tatorte zu vergeben, wenn nicht sehr deutliche Fehler oder politische Gründe vorliegen, daher wohl in diesem Fall die Selbstprüfung. Mittlerweile ist es längst zu einigen niedrigeren Punktzahlen gekommen, daher sehen wir das nach neun Jahren Rezensionstätigkeit etwas entspannter, als der Text mit seinen ebenfalls auffälligen Redundanzen es ausdrückt.

Was wir mittlerweile ebenfalls wissen: Ulrike Folkerts hängt an ihrem Job als Fernsehkommissarin wie wohl nur wenige andere Darsteller*innen. Sie hat angekündigt, weiterzumachen, solange sie noch laufen und schießen kann, was dazu führen sollte, dass sie uns angesichts ihrer herausragenden Sportlichkeit noch einige Zeit erhalten bleiben wird.

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Der plötzliche Tod eines Kindes ist mit das Dramatischste, was man als Fall bieten kann, aber ein solcher Tod hat uns gestern nicht hineingezogen und emotional binden können.

Dafür ist wirklich der Film selbst verantwortlich. Viele Elemente, die schlecht zusammenpassen, eine Auflösung, die man einerseits beinahe erwartet hat – was die Person angeht. Die andererseits genauso unwirklich erscheint wie die zeitweilgen Halluzinationen von Lisas Mutter – was den tatsächlichen Verlauf des Tötungsvorgangs angeht, der im Grunde ein Unfall war, auch wenn er durch körperliche Einwirkung eines Dritten herbeigeführt wurde.

Ein Vergnügungspark im Nebel. Die Szenen, in denen verschiedene Menschen durch einen leeren Vergnügungspark gehen, eilen, hetzen, nachdem das Mädchen Lisa tot ist, sind nicht realistisch gefilmt.

Man merkt deutlich, dass man sich bei diesen Szenen etwas vorgenommen hat. Als Lisa noch lebt, ist alles normal. Die Sonne scheint, der Park ist voller Menschen. Nach ihrem Tod liegt alles im Nebel; vor allem, wer sie getötet hat. Erst am Ende wird die Szene klar, der Park wird ohne diesen Bodennebel gezeigt – er bleibt aber leer, denn Lisa ist nun einmal tot.

Das geht in einem seltsamen Kontrast zusammen mit dem Szenen, in denen die Tote Lisa ihrer Mutter erscheint. Beim ersten oder zweiten Mal lief uns ein Schauer über den Rücken, wie es uns bei Tatorten selten passiert. Der Schockeffekt hatte gewirkt. Dennoch fällt es schwer, „Der Schrei“ als Thriller zu klassifizieren. Und das liegt an seiner Konstruktion.

Fehler des Drehbuchs. Einerseits ist er ein Whodunnit, und es ist interessant gemacht, dass man den „Täter“ gleich zu Anfang sieht, wie er genervt über den Rummelplatz schlendert, allein, und dann im Hotelzimmer zu sehen ist – immer hat man das Gefühl, er müsse den Tod des Mädchens verschuldet haben. Weil es die Mutter (Annika Kuhl) nicht sein kann, das wäre  zu einfach gewesen. Sie steht viel zu sehr im Mittelpunkt der Ermittlungen. Auch der pädophile Der Vater (Roeland Wiesnekker)? Da hätte man eine Wende gebraucht, die genauso unwahrscheinlich gewesen wäre wie der tatsächliche Schluss. Lisa ist versehentlich erstickt worden. Es fällt gar nicht leicht zu beschreiben, warum das geschah, weil es so abstrus wirkt.

Jedenfalls hat es nichts mit Pädophilie, nichts mit sexuellem Missbrauch von Kindern, nichts mit irgendetwas zu tun, was ein Motiv geben könnte, auch die Eifersucht der Mutter spielt keine Rolle.

Nein, weil  zwei Männer sich streiten und das Mädchen zufällig am Ort ist, wird es in diesen Streit hineingezogen und „zum Schutz“ erstickt. Das ist schon sehr, sehr bitter. Nicht nur für das Mädchen, sondern vor allem für den Zuschauer, der solche Lösungen aushalten muss und dafür nicht die Rundfunkgebühren kürzen darf.

Auch die Sache mit der Braut des Täters, dass diese „ethnisch“ ist, dass sie über Internet zugeschaltet wird, weil gerade abgereist – das alles sind so deplazierte Elemente, die nicht einmal auf eine vernünftige falsche Fährte führen, dass man sich fragt, wer solche Drehbücher prüft, bevor sie umgesetzt werden. Aus dem Thema kann man immer etwas machen, wir sind auch nicht der Ansicht, dass es jetzt generell mal reicht, mit den Kindesmördern. Es gibt immer eine gute Story zu erzählen.

Aber „Der Schrei“ hat lediglich ein paar gute Bildeffekte, jeoch keine schön gebaute Story. Da können die Schauspieler sich noch so anstrengen – die Leistung von Annika  Kuhl als Mutter von Lisa, die eifersüchtig auf die von ihrem Mann vergötterte Prinzessin ist, hätte in einem anderen Zusammenhang dazu beigetragen, dass ein guter oder wenigstens annehmbarer Film entstanden wäre.

Nach vielen Jahren. Die Ermittler Kopper und Odenthal wirken in diesem Film unendlich routiniert und sehr müde. Wir meinen aber, das ist keine generelle Haltung, zumindest hat Ulrike Folkerts in jüngeren Interviews behauptet, sie mag die Rolle der Lena Odenthal wieder mehr als noch vor einigen Jahren. Was hätte sie aber auch sonst sagen sollen? Sie ist ja weitgehend auf diesen Part festgelegt – wenn auch nicht mehr so total, sie ist jetzt auch häufiger in anderen Fernsehfilmen zu sehen.

Vielmehr ist es so, dass Schauspieler auch ein Gefühl dafür haben, ob die Worte, die sie vor der Kamera sagen, Teil eines gelungen Konzeptes sind. Und natürlich liegt es auch daran, wie  man sie führt, ob sie glänzen. Sicher bei Kinofilmen  mehr als bei Serien, in denen die Darsteller schon so lange verortet sind, dass ihnen ihre Rolle zur zweiten Haut geworden ist.

Wir gehen deshalb  davon aus, dass auch Andreas Hoppe und Ulrike Folkerts sich mit diesem kruden Plot nicht besonders wohlgefühlt haben. Richtig peinlich wurde es, als der Pädophile Tom Heye ins Fadenkreuz rückte und Lena darüber philosophiert, wie sie ihm nun das Leben zerstört hat, weil sie seiner Freundin von seiner Neigung erzählt hat. Ob er sie im Griff hat oder nicht, und wie es geht, als Pädophiler ein normales Beziehungsleben, sogar zu einer Frau mit Tochter im gerade richtigen Alter zu entwickeln, darüber wird zu wenig ausgesagt.

Vielmehr scheint es unglaubwürdig, dass Lena diese Frau zunächst instruiert und dann wieder zu ihr geht, um für die Wiederaufnahme von Tom zu bitten. Das Vertrauensverhältnis der Menschen zueinander ist  zerstört, und im Fall einer krankhaften Veranlagung, so tragisch diese für den Betroffenen auch ist und so sehr es stimmen mag, dass er sie zu beherrschen gelernt hat, ganz gewiss nicht durch die lässige Fürbitte einer Ermittlerin wiederherzustellen.

Kein Licht im Dunkeln. Die Ermittlungsarbeit konzentriert sich weitgehend auf Vernehmungen, die Krimialtechnik hält sich erstaunlich stark im Hintergrund. Dabei hätte man doch bei Lisa Spuren des Täters, zum Beispiel von seiner Kleidung, finden können. Oder von dem Kampf, dem Lisa zum Opfer gefallen ist. Alle Verdächtigen hätten viel mehr unter die Lupe genommen werden müssen, nicht nur verhört.

Wenn man dies außen vor lässt, ist es aber durchaus realistisch, dass es nicht vorwärts geht, weil Lena Odenthal und Mario Kopper ausschließlich auf Verhaltensauffälligkeiten setzen müssen. Beweise sind nicht vorhanden, und am Ende gibt es ein erstaunliches Geständnis und eine Lösung, die wohl auf § 222 StGB (fahrlässige Tötung) hinausläuft, ähnlich, wie wenn jemand sich im Straßenverkehr nicht ordnungsgemäß verhält und damit den Tod eines Dritten verursacht.

Noch Schauplätze. Wir hatten überlegt, ob wir überhaupt darauf eingehen, dass Mario Kopper während der Ermittlungen zum Pflegevater wird. Natürlich spiegelt sich darin das Kinderthema, aber eine wirkliche Anbindung an den Fall gibt es nicht – offenbar hatte man die Idee, das sehr trübe Geschehen mit dem kecken Jungen etwas aufzulockern. Das misslingt aber wegen der melancholischen, ja depressiven Stimmung, die vor allem durch das sichtbare Trauma von Lisas Mutter ausgelöst wird, und es misslingt auch, weil es die Konzentration auf diese Stimmung stört.

Offenbar hat man Bedenken, einen stringenten, wirklich packenden und als Plot geschlossenen Tatort zu machen, man muss 90 Minuten füllen und weiß in diesem Fall offenbar nicht ganz, womit. Das ist sehr schade. Der Pädophile hätte mehr Aufmerksamketi verdient. Ebenso der Vater des Mädchens und diese seltsame Neigung, das Hotelzimmer noch einmal zu buchen und dort die Stofftiere der kleinen Lisa zu platzieren. Das war einer der Momente, wo wir auch den Vater im Verdacht hatten, weil dieses Verhältnis zur toten Tochter etwas Obsessives hat. Damit man dies von einem verständlichen Nicht-Loslassen-Wollen unterscheiden kann, hätten ein paar zusätzliche Szenen mit dem Vater sein dürfen.

Die Handlung ist zweifelsohne für eine Serie, in die machmal zu viel hineingepackt wird, sehr dünn. Aber dies mit psychologisch stimmigen und auf einen dramatischen Höhepunkt zugesteuernden Szenen zu  füllen, erfordert ein gewisses Timing und ein Gefühl für Spannung und die Bögen der Spannung, die man aufbauen kann. Das Gefühl ist in „Der Schrei“ kaum erkennbar, ein weiterer Grund, warum man sich nicht hineinfindet.

Dazu kommt, dass viele Dialoge einfach platt wirken. Wenn man von Lisas Mutter absieht, die durchaus als Mensch kenntlich wird, hat man den Eindruck, in diesem Tatort wird mit Versatzstücken aller Art gearbeitet, die wenig originell wirken, zusätzlich wenig inspiriert vorgetragen.

Finale

Ungern vergeben wir unterdurchschnittliche Noten für einen Tatort, siehe oben. Auch, weil wir wissen, wieviel schauspielerisches Engagement in jeder dieser Produktionen steckt. Deswegen verständigen wir uns mit uns selbst darauf, dass es den Schauspielern unmöglich war, angesichts der wenig überzeugenden Konzeption von „Der Schrei“ – damit ist auch eine Ikone von einem Kunstwerk angesprochen und gleichzeitig ein sehr guter Titel unter Wert weggegeben worden – ihre Bestleistungen abzurufen. Am meisten merkt man das denjenigen an, die man jedes Mal beobachten darf, wenn ein Ludwigshafener Tatort gezeigt wird. Denn bei ihnen kann man am besten vergleichen, wie sie in guten und in schlechten Fällen wirken.

Wir verzichten auf eine Darstellung der Zitate aus amerikanischen Filmen, die hier wieder recht häufig eingebaut, um nicht zu sagen eingeflickt wurden, weil diese Zitate nur dann zu analysieren wären, wenn sie mehr als bloßen Effektcharakter hätten.

5,5/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Frau Keller – Annalena Schmidt
Peter Becker [Kriminaltechniker] – Peter Espeloer
Peter Fichtner – Roeland Wiesnekker
Ruth Fichtner – Annika Kuhl
Werner Rahn – Jan Messutat
Tom Heye – Fabian Busch
Gerichtsmedizinerin – Brigitte Zeh
u.a.

Drehbuch – Harald Göckeritz
Regie – Gregor Schnitzler
Kamera – Cornelia Wiederhold

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s