Piraten im karibischen Meer (Reap the Wild Wind, USA 1942) #Filmfest 219

Filmfest 219 A

Der Duke wird eifersüchtig und böse

Es ist alles wundervolles Technicolor, großes Abenteuer, Liebe, Verrat, Eifersucht, Gier und Happy End. Oder? „Reap the Wild Wind“ sieht John Wayne in einer erstaunlichen Rolle – als einen erstmal guten Jungen, der aus Eifersucht und Gier die böse Seite sucht, die sich in Person von Raymond Masseyaugenrollend und mit riesigen Plantagenbesitzerhüten auf dem 1942 noch eher schmalen Bildschirm breit macht. Massey ist allen Film Buffs unvergesslich in seiner Rolle als schräger Killer in „Arsen und Spitzenhäubchen“ (1944) und in „Reap the Wild Wind“ übertreibt er seine Schauspielerei kaum weniger, obwohl er hier nicht psychopathisch, sondern einfach nur schurkisch rüberkommen soll. Was sonst zu „Piraten im karibischen Meer“ zu sagen ist, steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Der Film spielt an der Küste Floridas im Jahre 1840. Die Eisenbahn steht zu dieser Zeit als Transportmittel noch am Anfang ihrer Entwicklung. Segelschiffe sind weiterhin das wichtigste Transportmittel, um die USA zu versorgen. Das karibische Meer ist jedoch anfällig für heftige Stürme, und so erleiden viele Schiffe Schiffbruch. In Key West gibt es zahlreiche Kapitäne, die davon leben, die Waren zu bergen, aber auch Piraten, die Schiffsunglücke vorsätzlich verursachen. King Cutler ist der Kopf der Piraten von Key West. Er ist auch verantwortlich für das Unglück eines Schiffes des Reeders Devereaux. Verursacher des Unglücks war der erste Offizier des Schiffes, Mathias Widgeon, der im Auftrag Cutlers handelte und den Kapitän des Schiffes, Jack Stuart, unschädlich machte. Cutler steht mit seinem Bruder Dan bereit, um die Ware zu bergen. Der redliche Kapitän Philpott kommt mit der Schiffseignerin Loxi Claiborne zu spät. Sie können nur noch die Besatzung retten, so auch den bewußtlosen Jack Stuart. Im Hause der Claibornes wird Jack Stuart gesund gepflegt und Loxi verliebt sich in ihn. Sie erfährt von ihm, dass er den Wunsch hat, Kapitän des einzigen Dampfschiffes der Reederei zu werden und nach dem Tod des alten, kranken Devereaux die Firma zu übernehmen. Sein größter Konkurrent dabei ist der AnwaltSteve Tolliver.

Die Firma Devereaux hat ihren Sitz im eleganten Charleston. Loxi fährt dorthin zu ihren Verwandten und mit dem Ziel Stuart zu helfen. Bei ihrer Ankunft trifft sie erstmals bei einer Party auf Steve Tolliver, der sich in die temperamentvolle junge Dame verliebt. Loxi nutzt dies aus, um sein Vertrauen zu gewinnen und damit Jack Stuart zu unterstützen. Stuart dagegen wird zum Schein degradiert, soll aber letztendlich das Kommando über das Dampfschiff Southern Cross erhalten. Bis es dazu jedoch kommt, will Steve Tolliver nach Key West reisen, um die Unschuld Stuarts an dem Unglück zu beweisen und die Piraten zur Strecke zu bringen.

Tolliver trägt die Kommandopapiere für die Southern Cross für Stuart bei sich, als er nach Key West kommt. Als Stuart sie zufällig findet, wittert er ein Komplott des Konkurrenten um die Firma und um Loxi. Er geht zu King Cutler und erhält von diesem die Information, dass der alte Devereaux gestorben und Tolliver der neue Chef sei. Cutler versetzt ihn in Wut und Stuart macht von nun an mit ihm gemeinsame Sache. Er übernimmt die Southern Cross in Havanna mit dem Plan sie zu versenken.

In Havanna lebt Loxis Cousine Drusilla Alston, die in den jungen Dan Cutler verliebt ist. Sie möchte mit der Southern Cross nach Key West reisen, um ihren Geliebten wiederzusehen. Stuart verweigert ihr dies, bemerkt allerdings nicht, dass sie als blinder Passagier an Bord bleibt. Tolliver schöpft dagegen Verdacht, dass Stuart nun für Cutler arbeitet und versuchen wird, die Southern Cross zu versenken. Gemeinsam mit Kapitän Philpott und Loxi fährt er der Southern Cross entgegen. Loxi ist jedoch weiterhin von der Unschuld Stuarts überzeugt und verhindert die rechtzeitige Ankunft in Havanna. An den Riffen vor Key West werden sie Zeuge des Schiffsunglücks.

Stuart wird in Key West angeklagt. Bei der Verhandlung stellt sich heraus, dass ein Heizer zum Zeitpunkt des Unglücks einen Frauenschrei gehört hat. Sollte sich dies als richtig erweisen, würde die Anklage auf Mord erweitert. Die Hinweise deuten auf Drusilla Alson, was den jungen Dan verzweifeln lässt. Stuart und Tolliver sollen zum Wrack tauchen, um den Tod von Drusilla zu bestätigen. Bei dem Tauchgang finden sie tatsächlich den Schal von Drusilla. Als ein Riesenkrake Tolliver angreift, rettet Stuart ihm das Leben, kommt aber anschließend selbst dabei um. Als Tolliver zurück an Bord geholt wird, erkennt Dan den Schal Drusillas und stellt seinen Bruder King Cutler zur Rede. Dieser erschießt daraufhin seinen kleinen Bruder und wird anschließend selbst erschossen. Steve Tolliver kann letztendlich das Herz Loxis für sich gewinnen.

Rezension

Paulette Goddard, deren Stern in Charles Chaplins „Moderne Zeiten“ (1936) aufging und die glücklicherweise nicht die Rolle von Scarlett O’Hara in „Gone With The Wind“ (1939) bekam, gibt eine formidabel strahlende Heldin und Swashbucklerin, die nach dem Tod ihres Vaters ein Bergungsunternehmen leitet, in einem Film, in dem man die Helden und die Schurken nicht ganz ernst nehmen darf. Als Loxi singt sie einen Shanty von Key West in vornehmer Gesellschaft und ihre Tante fällt wegen des frivolen Textes in Ohmacht. War da nicht etwas? Ja, ein wenig GWTW hat Paulette Goddard doch abbekommen. In Person ihrer farbigen Mammy, die ständig über Damenhaftigkeit reflektiert, in Person der Tante, in GWTW wurde ihr Adäquat ohnmächtig, weil Scarlett O’Hara als frische Witwe auf einem Fundraising-Event tanzte, hier war es ein Lied, dort war es Atlanta, hier ist es Charleston in South Carolina.

Die männliche Hauptrolle spielt Ray Milland, der damals noch eher als romantischer Liebhaber eingesetzt wurde, sich wenig später jedoch als Darsteller abgründiger Charaktere einen Namen machte, beginnend mit „The Lost Weekend“ (1945) von Billy Wilder, später in Hitchcocks „Bei Anruf Mord“ (1954). Im Vorspann von „Reap the Wild Wind“ wird er vor John Wayne genannt, was belegt, dass The Duke im Jahr 1942 noch keine der ganz großen Nummern in Hollywood war. Nach unserer Ansicht ist Millands Performance tatsächlich gut und er gibt den versierten, charmanten, mit allen Wassern gewaschenen und im Business wie in der Liebe gleichermaßen dezidierten Anwalt und Junior-Reeder auf sehr vergnügliche Art – mit einer Tendenz zum Ernsteren im Verlauf des Films.

Da kann John Wayne nicht mit. Nicht nur, dass er gegen seinen Selbstbild des aufrechten Amerikaners, das er damals gewiss schon hatte, anspielen muss, seine Kapitänsfigur wird auch als etwas langsam denkend (Ray Milland  sagt das wörtlich) und manipulierbar hingestellt, mithin als wenig prinzipientreu, und Letzteres ist John Wayne im Film nie wieder passiert. Einen facettenreichen Mann mit Obsessionen spielen, das konnte er wohl („Red River“ und „The Searches“) – doch mitten in der Handlung aus banalen Gründen wie Eifersucht oder enttäuschten geschäftlichen Erwartungen die Meinung ändern, sich Gangstern anschließen, das schmucke neue Dampfschiff versenken, (wenn auch unbewusst) eine Tötungshandlung an einer jungen Frau begehen – das ging später nicht mehr.

Szenenweise, vor allem  zum Ende des Films hin, hat man auch den Eindruck, Wayne fühlt sich in seiner Rolle keineswegs wohl. Damit ist er der einzige Schauspieler mit größerem Text in „Reap The Wild Wind“), von dem man das eindeutig sagen kann. Zum Schluss rettet er Ray Milland vor einem Riesentintenfisch, aber das ändert die Sache auch nicht mehr, denn immerhin ist er selbst tot, wie es negativen Figuren üblicherweise ergeht. Eines konnte sich Wayne wohl denken, nämlich dass man damit als Filmstar nicht unsterblich werden kann.

Die junge Susan Hayward in der Rolle als Goddards Kusine lässt zwar noch nicht erahnen, was in ihr steckt, sondern wirkt nur süß  und man bedauert ihr Ableben bei einer Schiffskatastrophe sehr, sie hat aber auch keine so große Rolle, dass man sich damit beschäftigen kann, ob sie mehr bei sich und ihren späteren dramatischen Auftritten in 50er-Jahre-Melodramen schon näher ist als John Wayne bei seiner Rolle. Aber in ihrem Tod liegt Drama. Die inneren, äußeren Dramen der 50er waren noch in einiger Ferne, sie wurde u. a. für ihre Rolle als alkoholsüchtiger Broadwaystar in „I’ll Cry Tomorrow“ (1956) für den Oscar nominiert – sie bekam die Trophäe dann für „I Want to Live“ (1958) als mögliche Mörderin.

Während drei der vier Hauptdarsteller später Oscars gewinnen sollten (Ray Milland im Jahr 1945 für „Lost Weekend“, John Wayne 1969 für „True Grit“, Susan Hayward wie oben erwähnt) und Paulette Goddard und Raymond Massey Nominierungen erhielten, kam „Reap the Wild Wind“ auf einen Oscar für die Spezialeffekte und wurde für die beste Farbkamera und das beste Innenraumdesign nominiert.

Mithin war es ein A-Film, auch wenn heutige Kritiker ihn gerne mal als Hokuspokus und die Darstellerleistungen als over the top bezeichnen (1). Sogar die Technik wird teilweise ernsthaft mit heutigen Filmen verglichen, und das finden wir merkwürdig, weil so etwas bei Werken, die als Klassiker gelten, im Grunde nicht vorkommt. Vielleicht ist man in der Versuchung, weil es ein Abenteuerfilm ist und weil in den letzten Jahren die „Fluch der Karibik“-Serie die Maßstäbe für Seeabenteuer neu definiert hat. Zumindest technisch.

„Reap the Wild Wind“ hat zwar einen Riesenoctopus, der mit einem echten Elektromotor betrieben wurde, aber das Meer und der weite Himmel oder umgekehrt sind meist erkennbar gemalt und die Spezialeffekte, wenngleich oscarprämiert, sind ihrer Zeit entsprechend. Doch die Ausstattung des Films ist sehr schön, die Farben auf eine so schön technicolormäßig übertriebeneArt brillant, die Kostüme und Frisuren reizend. Der Film hat auf seine patinierte Art einen hohen Schauwert.

Das gilt auch für die Akteure, denn ob sie wirklich überagieren, hängt von der Sichtweise ab. Vergleicht man die Schauspielerei mit ernsten Filmen späterer Jahre, ist das natürlich so, aber im Abenteuerfilm und auf hoher See ist auch heute noch alles erlaubt, was Spaß macht und kräftige und originelle Charaktere formt, mit denen der Zuschauer sich identifizieren kann und von denen er doch weiß, dass sie Fantasiefiguren sind. So etwas eignete dem Regisseur Cecil B. DeMille, der kein Schauspielerversteher war, der seine Wurzeln in der tiefsten Stummfilmzeit hatte und wir zählen „Reap the Wild Wind“ zu seinen besten Werken.

Dass der Film viele Beinahe-Zitate aus „Gone With The Wind“ aufweist, wird angesichts des phänomenalen Erfolges dieses epischen Melodrams nicht verwundern, und da verwundert es nicht, dass es die Paramount Sam Goldwyn und der MGM nachmachen wollten. Hier steht die Ausführung allerdings ein wenig zurück, vor allem aber deshalb, weil sie erkennbar nachgebildet ist. Hätte es das Original nicht gegeben, würde man die afroamerikanische Sittenwächterin Maum Maria (Louise Beavers) origineller finden, dem Vergleich mit Hattie McDaniel hält sie allerdings nicht stand (2); die snobistische Gesellschaft in Charleston ist aber eine schön parodistische Variante der Südstaaten-Eliten, die in zahlreichen Filmen jener Zeit zu sehen waren.

„Reap the Wild Wind“ ist für damalige Verhältnisse ziemlich lang (ca. 120 Minuten), aber kein Epos; da haben wir nochmal Glück gehabt, denn Regisseur Cecil B. DeMille war genau der Typ, der Filme gegen unendlich ausdehnen konnte. Die Zeit ist mit einer sehr bunten und wendungsreichen Handlung gut gefüllt, die Dramaturgie vielleicht ein wenig flach geraten, es gibt keinen wirklichen Wechsel zwischen Ruhe, Romantik und Dramatik, man muss auch ein wenig suchen, um die Plotpoints herauszufinden und kann diese oder jene Szene heranziehen, um sie zu definieren. Für uns sind die Höhepunkte Loxi Claibornes Shanty-Vortrag in Charleston und der Unterwasserkampf mit dem Tintenfisch, der finale Höhepunkt. Die Szene ist – natürlich nun doch mit der Einschränkung „für damalige Verhältnisse“ exorbitant, die erste nennenswerte Unterwasser-Actionszene in einem Farbfilm.

Finale

Historisch ist die Handlung wohl nur den Rahmen betreffend. Häufiger Schiffbruch, Piraterie, das gab es wohl in jenen 1840er Jahren vor der Küste Floridas. Gewiss nicht in der Dichte, wie sie im Film suggeriert wird, mitsamt der vielen Bergungsfirmen; das gesamte Szenario kann sich aus ökonomischen und logischen Gründen nicht so zugetragen haben, wir sprechen aber von einer literarisch-filmischen Verdichtung, nicht von Unsinn. Natürlich, der Film weist keine Fantasy-Elemente auf und wird deshalb von einigen Kritikern nicht am Fiktionalitäts- und Wahrscheinlichkeitsgrad etwa von „Fluch der Karibik“, sondern eher an späteren, realistischeren Seeabenteuern gemessen.

Die Swashbuckler-Filme, zu denen wir „Reap the Wild Wind“ zählen, waren aber nun einmal in erster Linie Unterhaltungsfilme und wären sie nicht ein wenig märchenhaft, wer würde sie dann heute noch faszinierend finden? Faszinierend auf eine ähnliche Weise wie die geschriebenen Märchen aus alten Zeiten, denen man wohl kaum den Vergleich mit heutiger Literatur, gleich welchen Genres, angedeihen lassen würde. Wir hatten viel Spaß mit den Dialogen, Figuren und windig-nassen Szenen in „Reap the Wild Wind“, für uns ist „Reap the Wild Wind“ einer der schönsten Swashbuckler der 40er, für damalige Verhältnisse außerordntlich opulent. Daher werten wir ihn eine ganze Ecke höher, als die Nutzer der IMDb es tun (3.

7,5/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Siehe die US-Kritiken auf der Metabasis für „Rotten Tomatoes“.

(2) Hattie McDaniel war die erste farbige Schauspielerin, die einen Oscar (für die beste weibliche Nebenrolle) erhielt, für jene Rolle als „Mammy“ in „Gone With The Wind“.

(3) Der Durchschnitt liegt dort derzeit bei 6,8/10 auf einer für einen recht bekannten US-Film relativ schmalen Datenbasis von ca. 1400 Stimmen.

Regie Cecil B. DeMille
Drehbuch Alan Le May,
Charles Bennett,
Jesse Lasky Jr.
Produktion Cecil B. DeMille
Musik Victor Young
Kamera Victor Milner,
William V. Skall
Schnitt Anne Bauchens
Besetzung

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