Einer für alle, alle für Rostock – Polizeiruf 110 Episode 365 #Crimetime 786 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Rostock #Buckow #König #Pöschel #Thiessler #NDR #MV

Crimetime 786 - Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Zwei plus zwei fürs große Kino

Gut, dass wir kürzlich „Angst heiligt die Mittel„, den Rostock-Vorgänger, angeschaut haben. Das hätte leicht schiefgehen können, denn wir mochten den Film anfangs nicht, stiegen aus, ließen ihn auf dem Media Receiver geparkt – und wenn wir ihn nach „Einer für alle, alle für Rostock“ gesehen hätten, wäre es wieder zu dem Effekt gekommen, der uns bei Buckow und König bereits mehrmals beschäftigt hat. Man sieht immer Elemente des „horizontalen Erzählens“ in der falschen Reihenfolge. So aber wussten wir, wer der Kukulies ist und was er mit Katrin König getan hat und wie sie reagiert hat und weshalb sie jetzt von ihren Kollegen bekniet wird, von der Wahrheit ein paar Abstriche zu machen, wenn sie ein Protokoll über jenen Vorgang mit Kukulies schreibt. Sehen Sie? Das ist das Ding, dass bestimmte Tatbestände in den nächsten Film hineinwirken, ohne dort komplett erklärt zu werden. Wir klären in der -> Rezension aber auf.

Handlung

Ein Fußballfan aus der Rostocker Ultraszene wird ermordet. Die Ermittler Bukow und König – letztere hat psychisch noch mit der versuchten Vergewaltigung aus ihrem letzten Fall zu kämpfen – ermitteln schnell einige einschlägig vorbestrafte Tatverdächtige, deren Hooligan-Gruppe vor Jahren einen Polizisten durch Fußtritte schwer verletzt hatte. Hauptverdächtig ist zunächst der frisch aus dem Gefängnis entlassene Stefan Momke, der wegen des Angriffs auf den Polizisten einst durch den nunmehr Toten ins Gefängnis gebracht worden war.

Bukow mischt sich undercover unter die Fußball-Chaoten. Dann jedoch wird auch Momke ermordet aufgefunden; seine Geliebte und mutmaßliche damalige Mittäterin Doreen Timmermann wird von Bukow und König vorübergehend festgenommen. Diese gesteht, dass sie damals den Polizisten mit Momke gemeinsam misshandelt habe, bestreitet aber den Mord an Momke. Bukow kann einen Polizisten anhand eines Einsatzvideos überführen, den Hooligan vor den Lastwagen gestoßen zu haben. Als Mörderin von Momke wird die Lebensgefährtin des damals verletzten Polizisten, der jetzt ein Schwerstpflegefall ist, überführt.

Rezension

Im Berliner Tatort haben sie das mit Karow und Rubin ja auch versucht, in Dortmund mit Falke und seiner Vergangenheit sowieso. Aber sie haben es mehr oder weniger beendet, weil es nicht recht funktionieren wollte, wie in Berlin, oder sie lassen es immer weiter schwelen, wie in Dortmund, wo es schon fast niemanden interessiert, wie und warum jetzt Fabers Frau und Kind getötet wurden. Man hat sich schon zu sehr daran gewöhnt, dass Faber mal mehr, mal weniger gaga ist und das eben auf jene traumatische Erfahrung zurückgeht. Anders in Rostock. Die eigentliche Hintergrundgeschichte ist ja die Kindheit von Katrin König und wie sie, das wissen wir nun, mit ihrer Familie aus der DDR geflohen ist, passenderweise zu Rostock über die Ostsee – zunächst blieb der Vater auf der Strecke, dann ging die Mutter über Bord und Katrin kam allein im Lübeck an und wurde von Pflege- bzw. Adoptiveltern großgezogen. Das haben wir also nach und nach puzzlestückmäßig herausbekommen. Es war manchmal grenzwertig, immer mit Informationen konfrontiert zu sein, die wir nicht zuordnen konnten, aber da wir ja sehr fix im Aufarbeiten der gesamten Polizeiruf-Reihe sind, macht es jetzt umso mehr Spaß.

Sehr viel Spaß hat aber auch der 365. Polizeiruf an sich gemacht. Himmel, sind Buckow und König ein Achterbahn-Duo, in keiner anderen Paarung aller Polizeirufe und Tatorte steckt eine solche Energie, ist so viel Dynamit in der Beziehung wie auch im Arbeitsleben. Unerlässlich ist dazu, dass auch das übrige Team, Pöschel, Thiessler und Chef Röder, gut funktioniert und nicht so abfällt, dass die beiden mit ihrem hoch emotionalen Spiel im luftleeren Raum stehen würden. Und wie sie sich in Zeitlupe – falls das der richtige Begriff ist – annähern. Jaja, getanzt heut Nacht und es wirkt, als wenn sie in die Offensive geht. Das haben wir ja gerade auch wieder in „Dunkler Zwilling“ gesehen, wo sie ihn am Ende küsst. Aber dazwischen liegen drei Jahre und in den zwischenzeitlichen Filmen wirkt es nicht unbedingt, als ob sich gegenüber „Einer für alle, alle für Rostock“ etwas weiterentwickelt hätte. Manchmal geht’s schubweise, alle paar Jahre erklimmt man einen Schritt auf der Leiter, die in den siebenten Himmel führt. Oder auch nicht, denn man ist ja nicht gut füreinander. Wir sind gespannt, ob es noch klappt, bevor es nicht mehr klappen kann und die beiden schon mit Rollator gehen.

Man muss Buckow aber zugute halten, dass er sich gerade erst endgültig von seiner Frau trennt. Unsere Meinung: Er soll froh sein, dass Thiessler sie ihm abnimmt. Ohne die Jungs, versteht sich. Bei dem Gedanken, die beiden Söhne zu verllieren, springen Buckow fast die Augen aus dem Kopf. Unglaublich, diese Mimik, uns fällt kein aktueller deutscher Schauspieler neben Charly Hübner ein, der sowas kann, seine Ausdrucksvarianz ist ohnehin eher die einer Frau als die eines Mannes, er kann sehr viele Gefühle glaubhaft darstellen und auch mit der Stimme unglaublich viel machen. Aber seine Frau zählt zu den Figuren im Tatort- und Polizeiruf-Universum, die uns schon mal richtig triggert. Also, dieses Grinsen, als sie Buckow hilflos sieht. Der Mann ist doch beherrscht, auf seine Weise. Sie sieht ihn also gerne schäumen, aber warum? Er hat sie ja nicht betrogen und Thiessler ist nicht die gerechte Rache, sondern es ging nur darum, dass er sich, das typische Los des Cops, nicht genug um die Familie kümmern konnte. Aber das hatte sie immer schon drauf, soweit wir uns zurückerinnern, komplett unsympathisch zu wirken. Der Trick ist ebenso alt wie wirksam: Man stellt sich ganz auf Buckows Seite, zumal als Mann, denn er ist der Unverstandene, der auch noch aus der eigenen Truppe heraus gehörnt wird. Und die Anspielungen auf diese im Team bekannte Sache, die im Kommissariat laufen, sind nicht ohne. Politische Korrektheit ist oder ein Hauch von Noblesse wird erkennbar nicht als wichtig angesehen, im Rostocker Kommissariat und LKA.

Wenn man so will, ist der Rostock-Polizeiruf die Hafenkneipe unter den Tatort- und Locations und Charles Bukowski geht dort auch gerne mal hin. Und wie gut passt dazu die Hooligan- oder Ultra-Szene. Was ja nicht das Gleiche ist, das wird uns klargemacht. In der Praxis haben wir aber keinen großen Unterschied erkannt. Der FIlm ist wirklich ein böses, proletarisches Schauspiel, das auch noch halbweg gut ausgeht, denn Doreen, die Friseurin, die man mit der Zeit doch irgendwie auf ihre leicht übertrieben wirkende Art recht gelungen findet, die bleibt am Ende frei. Das kann eigentlich nur an der Verjährung liegen, denn dass sie eine schwere Körperverletzung begangen hat, steht außer Zweifel. Das emitteln Buckow und König in ihrer hingebungsvollen Art, die meist dazu führt, dass Buckow raus muss und König die Vernehmung alleine zu Ende bringt, damit die im Verhörraum sitzenden Menschen eine Chance haben, sich zu öffnen. Weder das plötzliche Zugeben der damaligen Tat seitens Doreens noch die andere Täterin, die Frau des damals angegriffenen Polizisten, hätten unbedingt aussagen müssen, wobei das eine ja dem anderen folgt, in Letzterem Fall also doch zwingend ist. Nur haben wir uns die Frau, trotz aller psychischen Probleme, die sie mit dem vollständig gelähmten Mann hat, irgendwie nicht als Mörderin vorstellen können. Nun ja. Vermutlich können wir uns auch einige Nachbarn solange nicht als Mörder vorstellen, bis sie uns auf dem Gewissen haben.

Damit nicht schon vorher was passiert, werden wir auf keinen Fall nach Rostock in das Stadion gehen, in dem Hansa spielt. Der Verein wird im Film nie namentlich erwähnt, ist aber, wie einige weitere Ostclubs, für seine handfeste Fanszene bekannt. Was liegt näher, als aus einem Milieu, das quasi auf der Straße liegt, mal einen Polizeiruf zu machen? Vieles, ehrlich geschrieben. Denn oft gelingt es nicht, solche Milieus authentisch darzustellen, besonders die Drehbuchautoren haben nicht immer den perfekten Zugriff auf eine solche Szene und wir haben uns manches Mal darüber geärgert, dass sie sich offenbar zu gut für etwas Recherche waren. Vor allem den Ton muss man draufkriegen und den Spirit solcher Gruppen. Der Handlungsverlauf muss nicht komplett realistisch sein, damit ein Film authentisch wirkt. Wir sind nicht in der Fußballszene zuhause, aber auf uns haben die gezeigten Charaktere schon ziemlich echt gewirkt. Wir haben immerhin zwei Vereine in der Stadt, die für viel Zulauf und Gesprächsstoff sorgen und noch einige kleinere, von denen der eine oder andere nicht gerade als Hort einer friedlichen Fangemeinde gilt. Woher diese enorme Aggressivität kommt, as haben wir uns während des Films gefragt – aber er gibt auch die Antwort. Was ist Liebe? Man ist eben  zusammen, weil es im Bett funktioniert und macht mal hin und wieder ein Kind, das man dann aber gar nicht so schlecht behandelt. Nicht wie eine Helikoptermutter aus Zehlendorf, aber doch im Rahmen der Umstände okay.

Finale

Noch wesentlich höher steigen und tiefer gehen als in diesem Film, das ist wohl auch bei den Rostockern kaum möglich. Die Charaktere sind viel zu krass, als dass man den Film nicht faszinierend finden könnte – das geht auch deshalb, weil sie nicht einfach nur als abstoßend gezeichnet werden, sondern da auch der berühmte Schrei nach Liebe zu spüren ist, ohne dass man von Sentimentalität sprechen kann. Von der Action bis zu den Dialogen wirkt „Einer für alle, alle für Rostock“ aus einem Guss. Wir haben uns beim Anschauen bei dem Gedanken ertappt: Sie haben uns doch immer erzählt, die Polizeirufe seien den Tatorten mindestens gleichwertig, aber nicht so abgehoben wie manche Filme der Parallelreihe. Wahrlich, abgehoben ist die Nr. 365 in der Polizeiruf-Liste nicht. Als wir im März 2019 begannen, die Polizeiruf-Reihe für „Crimetime“ zu rezensieren, war der Eindruck von den aktuelleren Filmen, auch von dem, was in Rostock seit 2011 gedreht wird, gar nicht so, dass wir den Eindruck hatten, es tut sich eine neue Welt auf. Eher faszinierten uns die Filme aus der DDR-Zeit, deren Besprechung wie Tagebuch schreiben auf einer Expedition war. Doch in den letzten Monaten wandelte sich das Bild. Daran sind vor allem von Meuffels aus München und eben Buckow und König und ihr Team beteiligt, die auf eine fundamental unterschiedliche Weise den Sonntagabendkrimi um Elemente bereichen, die kein Tatort-Team bietet. Exzellenz auf der einen, knackige, vorbehaltlose Darstellungen im Schwitzkasten der Realfiktion andererseits. Wir zücken selten die 9, aber hier machen wir das Mal, weil man sich viel (zu-) getraut und damit gewonnen hat.

9/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

LKA-Analystin Katrin König – Anneke Kim Sarnau
Kriminalhauptkommissar Alexander „Sascha“ Bukow – Charly Hübner
Leiter der Mordkommission Henning Röder – Uwe Preuss
Kriminaloberkommissar Anton Pöschel – Andreas Guenther
Kriminaloberkommissar Volker Thiesler – Josef Heynert
Einsatzleiter der Polizei Rico Schmitt – Shenja Lacher
Stefan Momke – Lasse Myhr
Doreen Timmermann – Lana Cooper
Patrick Timmermann – Frederic Linkemann
Volker Thiesler – Josef Heynert
Jan Ahrens – Till Wonka
Evelyn Kaschau – Anna König
Erik Kaschau – Jan Hasenfuß
Olaf Putensen – Steffen C. Jürgens
Suse Petermann – Betty Freudenberg
Verkäuferin im Eiscafé – Ann Sophie Heier
Vivian Bukow – Fanny Staffa
Polizist – Nils Schulz
u.a.

Drehbuch – Wolfgang Stauch
Regie – Matthias Tiefenbacher
Kamera – Hanno Lentz
Schnitt – Horst Reiter
Ton – Thorsten Schröder
Musik – Warner Poland, Kai-Uwe Kohlschmidt und Wolfgang Glum

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