Grabenkämpfe – Tatort 798 #Crimetime 787 #Tatort #Stuttgart #Lannert #Bootz #SWR #Graben #Kampf

Crimetime 787 - Titelfoto © SWR, Stephanie Schweigert

Vorwort 2020

Die Rezension zu „Grabenkämpfe“ war nach dem Start der „TatortAnthologie“ im Jahr 2011 die zweite, welche direkt nach der Premiere eines Tatorts geschrieben wurde (nach „Jagdzeit“ aus München), die neunte insgesamt und die erste für einen Krimi mit dem Stuttgart-Duo Lannert und Bootz. Von Beginn an hatten wir das Gefühl, dass die beiden ein gutes Team sind und neun Jahre später stehen sie ganz vorne in der Beliebtheitsskala der Tatortgemeinde (gemäß Ranking Tatort-Fundus). Wir zeigen diese „historische“ Kritik im Original, im damaligen Layout und ohne inhaltliche Änderungen. Ergänzt sind nur Copyright-Angaben für das Titelbild und für den Text. Ein Titelbild hatten die frühen Rezensionen noch nicht.

Posted on 25. April 2011, Tatort Folge 798, gesehen am 25.04.2011 (ARD, Erstausstrahlung)

Inhalt:

Am Morgen nach einem Solidaritätskonzert in den Wagenhallen am Stuttgarter Nordbahnhof wird der Geschäftsführer des Geländes erschlagen aufgefunden. Der Tod von Stefan Aldinger wirft für Lannert und Bootz viele Fragen auf. Denn der Erhalt der Wagenhallen, eine bunte Szene aus Clubs, Galerien, Fitness-Studios und kulturellen Einrichtungen ist in Frage gestellt. Auf dem Gelände soll eine neue lukrative Wohnanlage entstehen – geplant und ausgeführt vom Baulöwen Walter Rühle. Ein Mord, um endlich die „Rühle-Siedlung“ zu verwirklichen? Das jedenfalls glaubt die Gemeinderätin Wilma Fuchs und fordert lautstark Ermittlungen in diese Richtung. Doch auch im Privatleben des Toten kriselte es. Seine Frau, Kickboxerin Elena, hatte noch am Abend vor dem Mord eine körperliche Auseinandersetzung mit ihrem Mann. Und auch der Partner von Aldinger, Timo Holzmann könnte ein Motiv haben. Denn noch kurz vor seinem Tod soll sich Aldinger mit seinem erklärten Gegner Rühle getroffen haben.

Viel auf dem Spiel steht ferner für die Stadt, denn Kunstsammler Rühle plant, seine eindrucksvolle Gemäldesammlung in eine Stiftung einzubringen. Im Laufe der Ermittlungen trifft Sebastian Bootz auch auf seinen alten Schulfreund Clemens Doll, der für Rühle als Anwalt tätig ist und es dem Kommissar nicht leicht macht, berufliches und privates zu trennen. Nur schrittweise entwirren Lannert und Bootz das Geflecht der regionalpolitischen Ränkespiele, Immobilienspekulationen und Lebensträume – und kommen so dem Täter auf die Spur (Zusammenfassung übernommen aus dem Tatort-Fundus).

Kurzkritik:

Nach vielen spektakulären und sozialdramatischen Tatorten der letzten Zeit wieder eine Rückkehr zur weitgehend soliden Tatort-Arbeit. So schwäbisch-beschaulich wie einst geht es nicht mehr zu, aber die Figuren und die Auflösung stehen im Mittelpunkt.

Überhaupt überzeugen die Figuren deshalb, weil sie teilweise kontra Klischee gebürstet wurden. Das heißt, man hat sehr wohl mit Klischees gearbeitet, sie aber auch durchbrochen (die Figur des Bauunternehmers Rühle ist zwar nicht untypisch, am Ende aber auch nicht unsympathisch). Und man hat sich vergleichsweise viel Mühe bei der Ausarbeitung jeder der Figuren und beim Arrangement des Zusammenspiels gegeben.

Handlungstechnisch ist der Film beinahe fehlerlos, wenngleich man sagen muss, der zum Ende plötzlich ins Spiel gebrachte uneheliche Sohn ist denn doch zu abgenutzt, um noch als innovatives Handlungselement durchzugehen. Und die Darstellung des homosexuellen Täters fanden wir ein wenig überzogen und – denn doch klischeehaft. Schade. Nicht das Ende als Möglichkeit, Dr. Siebert als Täter, sondern die tuntige Art, wie er sich am Ende verhält, ist uns etwas zu prall gewesen.

Ein guter Krimi im klassischen Whodunit-Sinn, mit vielen schönen Szenen und ruhiger Regie. Kein Thriller, dafür mit einigen althergebrachten und nicht genug hinterfragten Motiven versetzt.

Rezension:

  1. Die Ermittler als Team und das ganze Team

Wir rezensieren erstmalig einen Film mit den Hauptkommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare). Gar keine Frage, da hat sich ein Team gefunden, das gut harmoniert und erheblich an Profil gewinnen kann. Die ehrliche Haut mit dem zuweilen Hundeblick, Richy Müller, der charmant-jungenhafte Sebastian Bootz, das sind zwei Identifikationsfiguren fürs Publikum.

Sie arbeiten gleichberechtigt und wirken auch gleichberechtigt. Wir haben uns die Charakterisierung der beiden im Tatort-Fundus angesehen und erkennen, dass sie, zumindest auf den heutigen Tatort 798 bezogen, nicht schlüssig ist. Weder wirkt Lannert übermäßig nach innen gekehrt und wie jemand, der sich durch den Job und durchs Leben gebissen hat, noch erscheint Bootz als wissenschaftlicher Analytiker und durchweg glatter Durchmarschierer. Diese Abgrenzungen sind höchstens noch ansatzweise zu sehen: Lannert kriegt es nicht einmal hin, seiner Nachbarin ein Regal aufzubauen, geht aber mit ihr ins Konzert, dafür hat Bootz eine komplette, ganz normale Familie. Beide reden mehrmals über ihre Mutmaßungen und Gefühle, wer der Mörder von Stefan Aldinger (Christoph Jacobi) ist und wirken in ihrer Art zu ermitteln sehr einheitlich. Die technischen Anweisungen gibt Bootz, aber das wirkt hier nicht programmatisch. Die unterschiedliche Ausprägung der beiden bezüglich ihrer Herangehensweise an Kriminalfälle ist nicht komplett vergessen, aber auch nicht sehr präsent.

Hat die Regie das Recht, bei einem einzelnen Tatort die Figuren anders zu zeichnen und womöglich später wieder ins alte Schema zurückzukehren? Ersteres sicher, eine Weiterentwicklung, wie etwa das Zusammenwachsen eines Teams, ist ja eine spannende Sache, wenn man sich selbst einigermaßen ernst nimmt, ist der Weg zurück allerdings verbaut.

Wenn also die beiden so gut harmonieren wie hier, sollte das künftig auch so bleiben und wenn es Konfliktstoff zwischen ihnen gibt, dann muss dieser neu eingeführt werden.

  1. Die übrigen Figuren

Am besten hat uns der junge Anwalt Doll gefallen (Hans Löw), den wir auf Besetzungslisten erst einmal suchen mussten – so unwichtig war er den meisten, die sich mit dem Tatort 798 bislang befasst haben, inklusive der Online-Ausgaben von Porgrammzeitschriften. Dieser alerte und doch unsichere und unter Kuratel einer starken Person, des Bauunternehmers Rühle (Rüdiger Vogeler) stehende, nicht unsympathische Jung-Jurist wirkt authentisch. Auch, weil seine Unsicherheiten ganz deutlich aus seiner Biografie als vaterloses Kind herrühren – das sich am Ende als unehelicher Sohn von Rühle herausstellt.

Rühle selbst wird am Anfang überzeichnet negativ dargestellt, auch eine solche Figur muss es ja immer geben, nachdem alle anderen, auch der Altrocker Holzmann, eher positiv rüberkommen. Und ein Bauunternehmer muss ja ein harter Hund sein. Der am Ende aber auch abweichend handelt. Hat dazu gelernt, sich gewandelt, oder war immer schon nicht nur fies.

Holzschnittartig wirkt Elena Aldinger (Jasmin Gerat), die kroatische Kickboxerin und Ehefrau des ermordeten Stephan Aldinger. Erstaunlich, dass an ihr die Tatsache erläutet wird, dass auch Männer in Beziehungen durchaus körperlicher Gewalt ausgesetzt sein können. Erstaunlich deshalb, weil es doch sehr plakativ wirkt. Eine Kampfmaschine, wahrscheinlich im jugoslawischen Bürgerkrieg geboren und unter harten Bedingungen aufgewachsen, hat gelernt, sich im wörtlichen Sinn durchzuboxen und dabei ist die Fähigkeit, emotional und weich zu sein, auf der Strecke geblieben. Den biografischen Hintergrund kann man aber nur erahnen, er wird nicht gezeigt.

Wir geben zu, dass wir relativ schnell ein Auge auf Siebert geworfen hatten. Weil er so dezent und so auskunftsbereit, ja mitteilungsbedürftig wirkt. So schwer war es nicht, zu erahnen, dass er in dem Film eine viel wichtigere Rolle spielt, als es anfangs scheint. Wie er am Ende eine Art trauriger, aber listiger, leider auch etwas clownesker Schwuler wird, der seine Tat beweint, aber sich genau ausgerechnet hat, dass es nur Totschlag, nicht Mord sein kann, was Stephan Aldinger betrifft, das wirkt überzogen. Natürlich sind homosexuelle Männer genauso eifersüchtig oder gekränkt wie heterosexuelle, vielleicht sogar noch ein wenig stärker, weil eben emotionaler. Das kann man sehr differnziert darstellen und dabei auch darauf eingehen, wie versiert und besonders vielseitig dieser Personengruppe ist, aber hier muss man sagen, die Art, wie der Schwule als Außenseiter und unverstandenes Emotionsbündel grob gerastert wird, ist nicht das, was wir uns als gutes Ende eines nicht üblen Krimis gewünscht hätten.

Ein Extra: Gerichtsmediziner Daniel Voigt (Jürgen Hartmann) verzögert durch kongressbedingte Abwesenheit die Ermittlung ein wenig und referiert später, dass er ziemlich durch den Wind ist, weil er die Schwadronaden seines Münsteraner Kollegen aushalten musste. Ein herrlicher Seitenhieb auf Dr. Karl Friedrich Börne (Jan Josef Liefers), den Münsteraner Ermittler in der Verkleidung eines Gerichtsmediziners. Der bringt 0,5 Punkte – extra.

  1. Handlung

Es gibt hinreichend viele Wendungen und sie sind allesamt schlüssig, unser Problem mit dem Ende liegt nicht darin, wer der Mörder ist, sondern an der Zeichnung seiner Figur.

Dass die Politik mit in jeden Falls spielt, in dem ein größeres Bauprojekt in Rede steht, ist mittlerweile hinlänglich bekannt und das Hauen und Stechen, ausgelöst durch verschiedene Verbindungen zwischen Kunst, Politik und Kommerz, wird ganz gut rübergebracht. Man hat sicher bewusst kein Spektakel à la S21 darstellen wollen und alles zwei Ebenen weiter unten angesiedelt, sodass es im Tatortformat beherrschbar bliebt. Dass letztlich diese ganzen Verwicklungen gar nicht das Motiv für den Mord an Stephan Aldinger war, sondern eine Beziehungstat (wenn auch nicht die, die man anfangs am ehesten für möglich gehalten hätte, nämlich, dass die aggressive Frau Aldinger dafür verantwortlich zeichnet), warum nicht? So ist die Wirklichkeit. Im politischen Raum geht man meist nicht so weit, dass man den Gegner um die Ecke bringt. Ein schöner Rufmord hat im Spiel um Macht und Geld oft eine genauso gute Wirkung und ein Gegner, der noch da ist, aber seiner Waffen beraubt, ist oftmals besser, als wenn einer abtritt und es kommt ein neuer, den man erst wieder bezwingen muss.

Anhand der Sache Rühle wird das gut deutlich – allerdings geht dann  die Rehabilitation doch ein wenig zu schnell. Der Deal zwischen Kunst und Bau rutscht ein wenig zu glatt durch, nachdem Rühle gerade aus der Schusslinie ist und seine Widersacherin Wilma Fuchs (Annedore Kleist), die den Mord am Rühle-Gegner Aldinger für ihre Zwecke instrumentalisieren wollte, das Nachsehen hat.

Dass ein Mann seinen Preis hat, hier sind es 150.000 Euro, die Stephan Aldinger von Rühle bekommt, damit er den Weg für dessen Projekt freimacht, ist bekannt und ebenfalls für die meisten Menschen eine realistische Option.

Dem Zeitthema widmen wir uns hier nicht gesondert – allgemeine menschliche Schwächen treten dieses Mal in den Vordergrund, und das ist durchaus angenehm, nach den vielen Sozialdramen, die wir zuletzt zu rezensieren hatten. Die eine Ausformung, menschliche Klassiker, hat für uns genauso ein Recht, Tatort zu werden, wie die Intensivstation, die unsere Gesellschaft tatsächlich darstellt.

  1. Stilmittel (Kamera, Musik)

Tatorte haben erstaunlicherweise nicht nur Figuren und Handlungen, sondern auch Farben. Folge 798 wurde in vergleichweise realistischen Warmtönen gefilmt und so wirkt er auf uns auch. Wir schauen eher interessiert als aufgewühlt zu, wie sich die Dinge entfalten, wie die beiden Ermittler ganz unaufgeregt ihrer Arbeit nachgehen – ja, das ist ein warmer Tatort, der uns viele Gefühle zeigt und viele Farben von Emotionen, die allesamt menschlich wirken. Der Stil ist auch insgesamt konservativ, die Geschichte steht komplett im Vordergrund.

  1. Fazit

Auf das eine oder andere Uralt-Motiv (der uneheliche Sohn, der biestige Bauuntermehmer) hätte man verzichten können. Was uns auch gestört hat war, dass der Anwalt schon wieder ein Schulfreund eines der Ermittler ist. Für die Handlung keine notwendigen Motive langsam nervig. Immer dieses herbeizitierte persönliche involviert sein der Ermittler, in dem Fall von Sebastian Bootz. Jetzt haben wir nachgetreten und diesen Negativ-Punkt erst im Fazit erwähnt. Wir tun’s sogar noch einmal. Den Titel des Films finden wir nicht sehr prägnant. Bereits erwähnt: Das Ende ist zu holzschnittartig ausgeformt. Ansonsten aber sind wir gerne gefolgt und, ja, wir haben es uns dabei auf dem Sofa gemütlich gemacht.

Wir bewerten „Grabenkämpfe“ mit 7,0/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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