Der illegale Tod – Tatort 801 #Crimetime 789 #Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #BR #Tod #illegal

Crimetime 789 - Titelfoto BR, Jörg Landsberg

Vorwort 2020

Mit der am 16. Mai 2011 als „TatortAnthologie Nr. 21“ erstellten Rezension präsentieren wir wieder ein „Original“, einen Beitrag in der Form, wie er damals erschienen ist. Ergänzt haben wir nur die relevanten Copyrights und dieses Vorwort. „Der illegale Tod“ war der erste Bremen-Tatort, den wir anlässlich seiner Premiere kritisiert haben, gestartet waren wir im April 2011 mit dem 797. Tatort aus München namens „Jagdzeit“.

Der illegale Tod, Tatortfolge 801, ARD, 15.05.2011 – WB-TatortAnthologie 21

Inhalt

I. Peer Förden, Beamter der Bundespolizei, verschwindet nach einer durchzechten Nacht mit seinem alten Freund Kommissar Stedefreund spurlos. Als in Fördens Wohnung Blutspuren entdeckt werden, deutet alles auf ein Verbrechen hin. Stedefreund und seine Kollegin Inga Lürsen fahnden nach einer Frau, die Förden in der Nacht mit nach Hause genommen hatte. Die Ermittler finden heraus: Es war die afrikanische Asylbewerberin Amali Agbedra – doch auch von ihr fehlt plötzlich jede Spur. Die Ermittlungen von Inga Lürsen und Stedefreund ergeben, dass die Afrikanerin Peer Förden und drei seiner Kollegen der Schiffsbesatzung der „Weser III“ gezielt ins Visier genommen hat. Will Amali Agbedra Rache nehmen? Und wenn ja – wofür? Offenbar gibt es noch mehr Personen, die etwas zu verbergen haben. Und plötzlich haben Inga Lürsen und Stedefreund nur noch wenig Zeit, um hinter Amali Agbedras Geheimnis zu kommen.

II. Ein Schock für Kommissar Stedefreund: Nach einer durchzechten Nacht ist sein Freund Peer spurlos verschwunden! Blutflecken in dessen Wohnung deuten auf ein Verbrechen hin. Stedefreund und seine Kollegin Inga Lürsen fahnden nach einer afrikanischen Asylbewerberin, die die Männer in der Nacht mit nach Hause genommen hatten. Denn auch von ihr fehlt plötzlich jede Spur. Die Kommissare finden heraus, dass sie Peer und drei seiner Kollegen der Wasserschutzpolizei gezielt ins Visier genommen hat. Inga wird misstrauisch, denn die vier Beamten waren einst für die europäische Agentur Frontex auf dem Mittelmeer im Einsatz. Ist hier Rache im Spiel? Doch wofür?  (Zusammenfassungen aus dem Tatort-Fundus).

Kurzkritik

Zunächst eine frohe Botschaft. Aufgrund einiger Vorkritiken haben wir befürchtet, der Film sei so kompliziert, dass man ihn – und das wäre nicht der erste Tatort gewesen – plottechnisch nur schwer analysieren und auf Glaubwürdigkeit überprüfen kann.

Dem war nicht so. Im Prinzip wurde alles klar aufgeschlüsselt. Im Gegenteil, manches war sogar richtig einfach, dank Technik. Wenn es diese Technik tatsächlich gäbe, würde kein Verbrechen unter freiem Himmel mehr möglich sein. Und Polizisten wären von einiger Arbeit entlastet.

Was Ihnen wiederum mehr Zeit gäbe, sich politisch zu entrüsten. Als wir uns vor einiger Zeit unter Krimifreunden (es waren Frauen darunter, die sicher politisch ganz auf der korrekten Seite stehen) einmal über die spitzenmäßigen Entrüster-Persönlichkeiten unter den weiblichen Tatort-Kommissaren unterhielten, hatten wir Hauptkommissarin Lürsen gar nicht auf dem Schirm. Sie war nicht in der Diskussion, weil wir uns wohl zu sehr auf die ganz hoch eingeschätzten Ermittler und Ermittlerinnen konzentriert hatten.

Aber jetzt vergeben wir einen Extrapunkt für die beste Entrüstung, die wir bislang in einem Tatort gesehen haben. Das wird sich am Schluss auf die Bewertung auswirken.

Das politische Thema macht betroffen, wird, wie mittlerweile gewohnt, in den Vordergrund gestellt, bietet mindestens eine Wendung, die uns sehr überrascht hat, nämlich, dass der verschwundene Polizist Peer Förden sein Verschwinden inszeniert hat, um der jungen Afrikanerin Amali Agbedra bei ihrem Vorhaben zu helfen, den Vorgang, bei dem ein Flüchtlingsboot von einer deutschen Mittelmeer-Patrouille beschossen und schließlich versenkt wurde, an die Öffentlichkeit zu bringen. 

Rezension

 Bei dem Thema nicht einfach, Kurs zu wahren und erst einmal ein Ermittlerteam zu betrachten, das wir bisher noch nicht zu beschreiben hatten.

Vielleicht war dies ein Extrem-Tatort, denn wie die Hauptkommissarin Lürsen (Sabine Postel) sich hier als Retterin der Welt aufspielt, das muss man erst einmal gebacken bekommen. Da geht es auch nicht um politische Einstellungen, sondern um das Selbstverständnis, das die Frau vor sich herträgt. Die hoch politischen Kommentare, die sie auf eine so platte Weise abgibt, dass man sich fragt, wie ein solcher Charakter einigermaßen objektiv Ermittlungsarbeit machen kann. Die Frau ist ständig dermaßen aus dem Häuschen, dass sie dazu gar nicht den klaren Kopf hat. Sie muss in 801 auch nicht viel tun, die Technik hilft ihr glücklicherweise.

Hoffentlich ist dieses Verhalten der Kopf-Figur nicht in allen Bremen-Tatorten so unglaublich  platt. Es würde aber erklären, warum die BR-Varianten der Serie nicht besonders beliebt sind.

Wie in mittlerweile beinahe alle Tatorten gibt es persönliche Verbindungen in der Dienststelle. Dass ihr Tochter die Vorgesetzte von Hauptkommissarin Lürsen geworden ist, natürlich wieder eine sehr realitätsferne Konstruktion, wirkt pikant. Nicht nur, weil die beiden Frauen so unterschiedlich aussehen. Sondern weil die Tochter ihre Mutter zu Recht fragt, ob diese jemals stolz auf sie war, nur, weil Lürsen, die ältere, nicht verstehen will, dass ihre noch unerfahrene Tochter sich einigermaßen an die Vorschriften halten will.

Lürsen sen. selbst hingegen wollte nie mehr Verantwortung übernehmen und sagt nun ziemlich direkt, diejenigen, die das tun, überschätzen sich. Besonders ihrer Tochter. Da wären wir zum ersten Mal beinahe aus einem Tatort unter Protest ausgestiegen, Rezensionsaufgabe hin oder her.

Die Mutter ist enttäuscht („ich dachte, du hättest etwas mehr von mir“) und erst dadurch, dass die Tochter am Ende ebenfalls, kaum in ihrer neuen Position eingeführt, tut, was sie bzw. was ihre Mutter will, wird alles wieder gut. Eine Selbstgerechtigkeit dieser Dimension bei einer Ermittlerperson ist uns bisher in Tatorten noch nicht begegnet. Pikanterweise wird sie vom Geschehen selbst auch noch wiederlegt, weil sie zu spät kommt, um  zwei Morde zu verhindern.

Wo in anderen Tatorten, selbst in Frankfurt, die sozialkritische Einstellung der Ermittler  mit dem Florett oder wenigstens dem Säbel gegen den bösen Rest der Welt ausgefochten wird, nimmt man hier den Vorschlaghammer, damit auch der einfachste Zuschauer versteht, worum es geht. Und das wird nicht nur am Fall aufgehängt, das finden wir ja in Ordnung, sondern zusätzlich und doppelt stark aufgetragen, an der Ermittlerperson. Vielleicht sind wir etwas davon beeinflusst, speziell heute, dass wir gerade erst ein Buch zu rezensieren hatten, in dem auf sehr vordergründige Weise spekulative Appelle ans Gewissen des Rezipienten saubere Arbeit am Fall ersetzen musste, aber auch an normalen Tagen würden wir Frau Lürsen mindestens sehr merkwürdig finden.

Der Partner von Kommissarin Lürsen, HK Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) ist involviert, weil der verschwundene Polizist Peer Förden (Michael Pink) sein Freund ist, mit dem er nach dessen Rückkehr aus dem Mittelmeer ein Besäufnis feiert. Dabei treffen die beiden auch auf den Flüchtling Amali Agbeda (Florence Kasumba). Wie Stedefreund normalerweise agiert, können wir noch nicht sagen, weil er dieses Mal mit dem Verschwinden eines engen Freundes konfrontiert ist. Vielleicht ist er der halbwegs vernünftige Ausgleich für sein weibliches Pendant, das sich in diesem Film auf den gesunden Menschenverstand beruft, ihn gegen die Verfassung, auf die sie vereidigt ist, in Stellung bringt und alles andere als vernünftig wirkt.

Exkurs Verfassung: Was sich die Drehbuchschreiber hier leisten, ist eine unglaubliche Klitterung. Weil so getan wird, als ließe das Grundgesetz als eines der demokratischsten und am meisten von allen Verfassungen weltweit mit gesicherten Grundrechten ausgestattetes Gebilde keinen gesunden Menschenverstand als Handlungsgrundlage zu. Da kann jeder nur halbwegs juristisch gebildete Mensch nicht anders, als den Kopf zu schütteln und sich zu fragen, auf welche Klientel dieser spekulative Satz wieder gezielt sein soll. Es ist nicht die Verfassung, welche die politischen Missstände unserer Zeit verursacht hat. Sondern die Missachtung des freiheitlichen, humanistischen und demokratischen Geistes, in dem sie nach den einschneidenden Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges geschrieben wurde.

Handlung / Thema

Gar keine Frage allerdings, dass das Thema der Flüchtlinge, die sich unter Lebensgefahr, wie hier gezeigt, vom afrikanischen Kontinent abwenden und nach Europa wollen, eines ist, das gezeigt werden musste. Die junge Afrikanerin Amali Agbeda forscht in Deutschland nach den Schuldigen für den Tod ihrer Tochter, die bei dem Bootsdrama vor der tunesischen Küste ums Leben kam und das Amali als einzige Person überlebte. Wir wunderten uns zunächst, dass dies Frau hier als finsterer Racheengel aufzutreten scheint, aber das war sie ja am Ende nicht, sie wollte nur Gerechtigkeit in der Form, dass diese Sache ans Licht kommt.

So viel Mut, das hat uns doch imponiert. Wie sicher sie sich im fremden Land bewegt, das wirkte zunächst nicht realistisch, die Figur aber hat uns gleich für sich eingenommen. Obwohl man nicht wusste, ob man der Idee einer radikalen Selbstjustiz, die anfangs im Raum stand, folgen sollte. Ob das außerdem möglich ist, bei einer Frau, die nichts über das Land weiß, in das sie gekommen ist, die gerade erst dem Tod entronnen, ganz auf sich allein gestellt agiert, darüber hatten wir Zweifel.

Aber am Ende klärt es sich sachgerecht auf. Im Polizist Förden hat sie einen erfahrenen Partner an ihrer Seite, der sich zudem in sie verliebt hat. Die Lovestory endet tragisch, beide werden erschossen von dem Kollegen Fördens, der schon auf See die Nerven verloren hatte und auf die Flüchtlinge schoss, Klaus Kastner (Daniel Lommatzsch), ein psychisch recht labiler Mensch im Polizeidienst.

Auslöser für seine Kurzschlusshandlung war, dass dessen Vorgesetzte Elena Janson (Ulrike Tscharre) seinen geliebten Hund erschoss, nachdem ihn seine Freundin schon verlassen hatte, und er sollte glauben, Amali Agbeda habe dies aus Rache getan. Damit wiederum wollte Janson ihn davon abbringen, den Vorfall auf See öffentlich zu machen und sein eigenes Gewissen zu entlasten. Dass sie nicht einkalkuliert hat, dass dieser panische Mensch dann völlig durchdreht und  etwas ganz Dummes macht, wo den anderen doch eher hätte daran gelegen sein müssen, ihn zum Ruhe bewahren zu bringen, fanden wir fragwürdig, die Entführung der Tochter der Karrieristin Janson kann man so und so sehen, auch wenn sie nur zu Demonstrationszwecken geschieht. Am Ende wird die Mutter sowieso in Polizeigewahrsam genommen.

Der Tatort wurde im September und Oktober 2010 gedreht und greift ein Thema auf, das Dauerrelevanz hat, aber in gewisser Weise war es auch ein wenig prophetisch, denn zwei Monate später begannen die Aufstände in Nordafrika und Arabien und es begann in Tunesien, vor dessen Küste sich das hier gezeigte Flüchtlingsdrama abspielt. In der Folge kamen wieder vermehrt Flüchtlinge nach Europa, dieses Mal aus den nordafrikanischen Mittelmeer-Anrainern.Wir wehren uns immer wieder gegen Vereinfachungen und gebrauchen dazu auch gerne einmal den gesunden Menschenverstand, genau wie Frau Lürsen das für sich in Anspruch nimmt (und der ja eine tatsächliche juristische „Figur“ ist, man soll es nicht glauben – auch deswegen, nicht nur wegen der Verfassung, ist der Einsatz dieses Begriffes auf die Weise, wie hier geschehen, unzulässig, weil contra legem verwendet).

Der Film bezieht eindeutig, vereinfachend, aber prinzipiell auf richtige Weise Stellung. Dass Flüchtlingen auf See geholfen werden muss, dass geflohene Menschen, die es überhaupt bis nach Deutschland sind, würdiger behandelt werden müssen, als es hier gezeigt wird, steht außer Frage. Dass Europa, dass der Westen sich um Menschen zu kümmern hat, die nicht zuletzt wegen seiner Politik, die Afrikas Armut zementiert und ausnutzt, ist eine logische Konsequenz aus eben dieser Politik und eine humanitäre Aufgabe. Eine unbegrenzte Aufnahme in ein einzelnes Land wir nicht möglich sein, aber wir haben ja Geld für ganz andere Dinge und sich abzuschotten, selbst, wenn dabei keine Vorfälle wie der im Film gezeigte passieren, ist eine defensive und reaktionäre Lösung. Sie beweist einmal mehr, wie arm an Ideen für eine gerechte Welt von morgen und von Einsicht in die Tatsache der einen Welt das institutionalisierte Europa immer noch ist.

Wir hätten es  nicht als prekär empfunden, wenn Amali Agbeda als Wirtschaftsflüchtling dargestellt worden wäre und nicht als vom Leiter des Heimes, in dem sie untergebracht ist, angezweifelte politisch Verfolgte – weil die Abschichtung zwischen politischen und wirtschaftlichen Flüchtlingen, speziell aus Afrika, für uns eine künstliche ist. Die wirtschaftliche Not ist ebenso drängend und kann prinzipiell nicht anders bewertet werden als die politische Verfolgung, denn sie ist die Folge einer Politik, die sich gegen schutzlose Menschen richtet.

Fazit

Das Thema ist gut und so umgesetzt, dass man die Hintergründe versteht. Die Kommissarin Lürsen hätten wir als moralische Keulenschwingern nicht gebraucht, wir haben auch so verstanden. Für uns kommt diese platte Art von ihr, sich in den Vordergrund zu spielen, eher wie ein Egotrip vor. Die Ermittlungsarbeit wurde dank moderner Technik so gelöst, dass sie die Darstellung des Themas nicht gestört hat und dass Frau Lürsens Wutausbrüche die Ermittlung nicht behindern konnten.

Der Tatort fällt komplett auseinander, das zu einer Bewertung zusammenzufügen, ist mal wieder schwere Kost. Wegen des wichtigen Themas, der sympathischen Florence Kasumba, trotz Lürsen, geben wir 7,0/10 und liegen damit ein gutes Stück höher als der aktuelle Durchschnitt auf der Haupt-Bewertungsplattform für Tatorte, dem Tatort-Fundus.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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