Der Tausch – Polizeiruf 110 Episode 186 #Crimetime 790 #Polizeiruf110 #Magdeburg #Polizeiruf #Beck #MDR #Tausch

Crimetime 790 - Titelfoto © MDR

Lange vor dem Familientausch

Wir leben ja in einem Zeitalter, in dem der Tausch zurückkehrt. Als Frauentausch, Familientausch, Milieutausch, Gebrauchtwarentausch. Und auch den Kindertausch gibt es, allerdings bisher nicht mit Babys. Das heißt, den Babytausch gibt es nicht als Trivialformat im Fernsehen, wohl aber das Vertauschen, das auch in Büchern und Filmen schon thematisiert wurde: Wie ist es, wenn damit auch ein Milieutausch einhergeht? Bestimmt nur das soziale Umfeld darüber, was aus einem Kind wird, oder spielt auch die genetische Ausstattung eine Rolle?

So weit kommt es hier aber nicht, dass man sich über solche Aspekte Gedanken machen muss, denn „Der Tausch“ zeigt nur wenige Tage im Leben zweier Frauen, zweier Säuglinge und natürlich des Polizeiteams, das hier ermittelt. Was dabei geschieht und wie wir die FIguren und die Handlung aufgenommen haben, steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia, ebenso die Angaben zur Produktion)

Auf der Polizeiwache erscheint die junge Katja Kraatz mit einem Kleinkind im Arm. Sie steht unter Schock, gibt das Kind ab und meint, sie wolle ihr eigenes zurückhaben. Es stellt sich heraus, dass Katja einkaufen war. Währenddessen wurde aus ihrem Kinderwagen vor dem Supermarkt ihr Sohn Marius gegen ein anderes Kind ausgetauscht. Kriminalhauptkommissar Beck beginnt mit der Befragung, doch können sich Zeugen nur an einen weißen Lieferwagen erinnern, der in der Nähe des Kinderwagens gestanden hat. Auch die Überwachungsbänder des Supermarkts geben keine Hinweise auf die Tat. Beck ermittelt mit den Kriminalkommissaren Lindemann und Gutschmidt. Sie schließen nicht aus, dass das Kind entführt wurde, ist Katjas Freund und Vater des Kindes, Ralf Dassendorf, doch Mitinhaber der gutgehenden Werbefirma Megalux. Tatsächlich erhält das Paar kurze Zeit später einen Erpresserbrief, in dem 200.000 Mark für Marius’ Rückgabe gefordert werden. Die labile Katja wendet sich über das Fernsehen an die Entführer und bittet um die Rückgabe ihres Kindes.

Bei Beck erscheint die junge Evelin Friedau, die sich als Mutter des in Katjas Wagen aufgefundenen Kindes vorstellt. Sie gibt an, erst am Vormittag entdeckt zu haben, dass ihr Kind fehlt. Sie sei vorher betrunken gewesen und davon ausgegangen, dass ihr Sohn Ben schläft. Als er nicht im Wagen war, glaubte sie, dass das Jugendamt ihn abgeholt habe, wie es bereits mit ihren zwei anderen Kindern gehandhabt worden sei. Erst auf Pressebildern habe sie Ben wiedererkannt. Beck hegt Zweifel an Evelins Aussage, lässt sie dennoch gehen, dabei aber beschatten. Die junge Frau ist Ralf und Katja völlig unbekannt. Kurze Zeit später entdecken die Ermittler Evelin auf den Überwachungskamerabildern des Supermarkts. Sie war also zur selben Zeit wie Katja einkaufen.

Eine erste Geldübergabe an die Erpresser, die Ralf als Geldboten benannt haben, schlägt fehl, weil die Erpresser laut Ralfs Aussage auf die Polizei aufmerksam geworden sind. Evelin gerät immer mehr ins Visier der Ermittler, da sie Schulden in Höhe von 20.000 Mark hat und auch mit dem Erpresser und Kleinganoven Hagen Zimmler bekannt ist. Beck veranlasst eine Hausdurchsuchung und tatsächlich finden sich in Evelins Kinderwagen Spuren von Marius. Evelin bricht zusammen und gibt zu, dass der Junge am Morgen, nachdem sie ihren Rausch ausgeschlafen hatte, tot im Kinderwagen lag. Sie führt die Ermittler zum Friedhof, wo sie die Leiche begraben hat. Zwar gesteht Evelin wenig später im Verhör, Marius nachts aufgrund seines ausdauernden Schreiens geschlagen zu haben, bis er still war, und dass Zimmler erst mit dem Tod des Jungen auch die Erpressung beendet habe, doch hegt Beck Zweifel an der Aussage der erschöpften Frau. Er findet heraus, dass Evelin früher bei Megalux gearbeitet hat, jedoch wegen ihrer Alkoholabhängigkeit entlassen wurde. Sie hatte sich am Tag von Marius’ Verschwinden erneut bei Megalux beworben. Ein Mann, der gegenüber von Katjas und Ralfs Wohnung lebt und die Wohnung ständig im Blick zu haben scheint, sagt Beck gegenüber aus, dass das Paar nicht so harmonisch miteinander lebt, wie sie vor den Ermittlern vorgeben. Ralf sei nie zu Hause gewesen und Katja häufig teilnahmslos und apathisch. Eine Zeit lang habe ein weißes Laken vor dem ansonsten offenen Fenster gehangen.

Beck sucht die Firma Megalux auf und findet dort ein selten genutztes Transportfahrzeug, das auf die Beschreibung der Zeugen passt. Im Wagen finden sich Spuren von Marius. Der Gerichtsmediziner wiederum legt den Todeszeitpunkt auf rund 100 Stunden vor Auffinden der Leiche fest. Das Kind war zum Zeitpunkt des Todes an Angina erkrankt und hatte hohes Fieber; es wurde mit einem Kissen erstickt. Bei der Identifizierung des Leichnams konfrontiert Beck die Eltern mit seinem Verdacht: Katja hat Marius ermordet und Ralf die Leiche entsorgt, wobei er Alkoholikerin Evelin als Opfer auswählte, die sich an dem Tag in der Firma beworben hatte. Katja gesteht die Tat, so habe der kranke Marius geschrien, bis sie es nicht mehr ausgehalten habe; Ralf sei wie immer nicht daheim gewesen, um sie zu unterstützen. Er tauschte die Kinder aus. Katja sollte Ben wie ihr eigenes Kind aufziehen, habe er es bei ihr doch sowieso besser als bei Evelin. Katja konnte mit der Situation schon nach kurzer Zeit nicht mehr umgehen und brachte das Kind zur Polizei. Um eine falsche Spur zu legen, erfand Ralf die Entführung mit Lösegeldforderung. Katja wird festgenommen und auch Ralf muss wegen Bens Entführung mit einer Anklage rechnen. Zurück bleibt Evelin, deren Sohn Ben inzwischen dem Jugendamt übergeben wurde.

Produktion 

Der Tausch basiert auf dem 1995 erschienenen Kriminalroman Der Tausch von Hans Ullrich Krause, der auch das Drehbuch verfasste. Inspiration fand der Psychologe dabei in „aktuellen Fällen und seiner Arbeit als Leiter eines Berliner Kinderheims“.[1] Der Film wurde im Spätsommer 1996 in Erfurt und Umgebung gedreht. Die Kostüme des Films schuf Sabine Greuning, die Filmbauten stammen von Claudia Jaffke. Der Film erlebte am 9. März 1997 auf dem Ersten seine Fernsehpremiere. Die Zuschauerbeteiligung lag bei 18,7 Prozent.[2]

Günter Naumann hatte als Kriminalhauptkommissar Beck zuletzt 1995 (Bruder Lustig) ermittelt und musste anschließend wegen einer schweren Erkrankung pausieren.[3] Hier ermittelte er als Beck in seinem 11. und letzten Fall. Der Tausch war dabei nicht als Abschiedsfolge Becks konzipiert worden, da erst Ende 1996 durch den MDR entschieden wurde, keine weiteren Folgen mit Beck als Ermittler zu produzieren, sondern die Reihe ausschließlich mit dem Duo Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler („Schmücke und Schneider“) als einzige MDR-Ermittler weiterzuführen.[4] Günter Naumann erfuhr diese Entscheidung aus der Presse.[1] Naumanns Beck war zu dem Zeitpunkt der letzte Kommissar, der bereits in DDR-Polizeirufen ermittelt hatte.

Kritiken (Wikipedia a. a. O.) und Rezension

„Gutes Ensemble in hakeliger Story“, befand die TV Spielfilm knapp,[5] während die Süddeutsche Zeitung die „in ihren Motiven kaum nachvollziehbare Handlung dieses Krimis“ kritisierte, jedoch die Leistung der Hauptdarstellerinnen Rois und Krumbiegel lobte, die lange im Gedächtnis bleiben. „Die Figuren sind spannend und klar, der Krimi aber nicht“, fasste die Zeitung zusammen.[6] Auch Rainer Tittelbach schrieb in der Sächsischen Zeitung, dass Regisseur Dresen bei der Besetzung der Hauptdarstellerinnen „eine glückliche Hand hatte […]: Ulrike Krumbiegel als Bild gewordene Verzweiflung und Sophie Rois als Asoziale, sprunghaft, schroff.“[7]

Es ist immer schwierig, so viel zu übernehmen, aber bei all den Angaben zu „DerTausch“ bietet es sich an, zumal, wenn zeitliche Vorgaben den Wunsch, immer schön eigenständig zu bleiben, überwiegen. Außerdem kann man die Vorgaben nutzen, um zuzustimmen oder Gegenpositionen aufzubauen. Die Handlung ist seltsam und wenig nachvollziehbar, obwohl die Anzahl ihrer Elemente nicht größer ist als in vielen anderen 90-Minuten-Krimis, eher im Gegenteil, das Personaltableau ist sehr eingegrenzt und damit auch die Möglichkeit, verschiedene Szenarien zu entwerfen. Es ist ein Familiendrama. Allerdings merkt man den Kritiken an, dass diese Art von Film offenbar damals auch für die Kritiker eine Art Innovation darstellte:

Der Tagesspiegel bezeichnete den Polizeiruf als „sensibel erzählten Fall zum Thema Kindstötung“. Beck ermittle „behutsam und leise […], bis sich die ganze tragische Dimension des Falles erkennen lässt.“[1] Auch die Leipziger Volkszeitung lobte den Polizeiruf, der „eindrucksvoll [zeige], wie die dahindümpelnde ‚Polizeiruf‘-Reihe eine Zukunft haben, sich zur echten Alternative zu den meist lächerlichen Räuberpistolen mit Stasi-Seilschaften oder der Russenmafia entwickeln könnte.“ Dresen walze „Gefühle nicht lang und breit aus, läßt nicht ununterbrochen Muttertränen fließen, sondern erzielt gerade mit einer knappen, mitunter kargen Erzählweise eine emotionale Kraft, die einen schier ins Mark trifft.“[8]

Nach der Wende wurden die Räuberpistolen  und Stasi-Filme durchaus gerne genommen, in den Tatorten Ersteres auch schon vor der Wende. Aber eines verstehen wir bei all den Kritiken nicht so ganz: Warum hat man sich nicht an den Psychodraman der DDR-Polizeirufe orientiert und den Film mit ihnen verglichen? Dann wäre nämlich bemerkt worden, dass er so überragend gespielt und subtil gefilmt im Vergleich vor allem mit den Filmen 1980er gar nicht ist und auch nicht neuartig, sondern sich auf die Qualitäten dieser intensiven Auseinandersetzungen mit der menschlichen Psyche zurückbesinnt.

Die Symoblik des großen, leeren Zimmers ist uns aufgefallen, aber, wie Beck, der sogar in der Wohnung übernachtet, haben wir daraus zunächst keine Schlüsse gezogen bzw. nicht die richtigen. Wir hatten es im Gefühl, dass man uns damit etwas sagen will, mit dieser Leere, auch den wenig harmonischen Farben, aber es kam nicht zur Ausformung als Denkansatz, während des Betrachtens. Gut gespielt ist der Film schon, das gilt für Günter Naumann als Kommissar Beck in seinem letzten Einsatz, aber auch für seinen Co-Ermittler Lindemann (Manfred Möck) – und Ulrike Krumbiegel macht einen guten Job als emotional überforderte Frau Kraatz. Bei Sophie Rois hingegen haben wir immer Sophie Rois gesehen, das geht uns bei ihr aber generell so, dass sie für uns aufgrund ihrer äußerst prägnanten Art und Erscheinung nie so ganz in ihren Rollen verschwindet. Stellenweise wirk es in „Der Tausch“, als ob sie sich bei der Regie vergewissern will, ob sie die „Asoziale“, wie es in einer Kritik diskriminierend heißt, auch richtig überzeugend spielt.

Nach unserer Ansicht hat man sich bei etwas ein wenig übernommen, was vor über 20 Jahren aber (wieder) eingeübt werden musste, heute aber souveräner beherrscht wird, nämlich mit eher kleinen Mitteln ein wuchtiges Drama zu inszenieren. Die Motive müssen dabei klar heraustreten, sonst ergibt ein solche Film keinen Sinn und die Inszenierung leerer Räume dominiert über den Ausdruck derer, die darin leben. Letztlich ist festzustellen, dass Frau Kraatz gar kein Kind wollte, den kleinen Marius innerlich ablehnte, während Frau Friedau gerne ihre Kinder behalten würde, aber es nicht schafft, sich von ihrer Sucht zu lösen. Schon die beiden Namen müssten dem kundigen Zuscher bei einem Film mit viel Symbolik aber andeuten, welche der Frauen eher eines Mordes fähig ist.

Finale

Man versucht, die Intensität der DDR-Polizeirufe wiederherzustellen, aber erreicht nicht die klare psychologische Linie und die meist stringente Handlungsführung von damals. Sicher waren jene Filme auch etwas vorhersehbar, das ist bei „Der Tausch“ nicht der Fall. Aber das Überraschende wird eben damit erkauft, dass man zu angestrengt mit der Motivsuche beschäftigt ist. Das gilt natürlich auch für die Polizei. Ganz humorlos ist der Film nicht, wie die Probleme der in solchen Dingen ungeübten Ex-Vopos bei der Verfolgung eines Mannes im roten VW Sharan beweisen, obwohl dieser gar nicht auf eine Verfolgungsjagd abzielt, sondern nur einigermaßen flott unterwegs ist. Toll die Idee mit den alten und neuen Straßennamen. Kritik an den vielen Umstellungen nach der Wende kann man eben auf ganz unterschiedliche Weise üben. Aber das Leben ist ein Labyrinth und Umleben kommt häufig vor.  Aber manche Menschen müssten sich selbst neu erfinden, um ihr Leben mit einem Sinn füllen zu können, davon sind Frau Kraatz und Herr Dassendorf noch weit entfernt, der Tod des Kindes Marius stoppt ohnehin erst einmal alles Schlechte; wie es mit Frau Friedau weitergehen wird, ist gleichermaßen offen. Einige Stichworte und Ansatzpunkte zur Interpretation kommen hier und da ins Spiel, aber es hätten mehr davon sein dürfen. Wir verabschieden hiermit Kommissar Beck und treten endgültig in die Ära Schmücke / Schneider ein, die fünfzig Fälle lang währte.

6/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Andreas Dresen
Drehbuch Hans Ullrich Krause
Produktion Matthias Esche
Wolfgang Voigt
Musik Rainer Rohloff
Kamera Andreas Höfer
Schnitt Monika Schindler
Besetzung

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