Kleine Frau – Polizeiruf 110 Episode 272 #Crimetime 794 #Polizeiruf #Polizeiruf110#Potsdam #Brandenburg #Herz #Krause #RBB #Frau #klein

Crimetime 794 - Titelfoto RBB, (...)

Für alle kleinen und großen, tapferen Frauen

2014 wurde diesem Polizeiruf der Grimmepreis verliehen. In der Begründung heißt es: „‚Kleine Frau‘ zeichnet ein sozial genaues und berührendes Bild von alleinstehenden Müttern, die finanziell kaum über die Runden kommen und alles in ihre Kinder stecken, bis zur Selbstaufgabe, damit sie nicht hinter Kindern besser betuchter Eltern zurückstehen.“ „Er spielt nicht im viel zu häufig zu sehenden Milieu der Reichen und Schönen, sondern dort, wo die meisten Menschen leben: in einem schweren – hier realistisch wiedergegebenen.“[4] Der Adolf-Grimme-Preis wurde an Stefan Rogall (Drehbuch), Andreas Kleinert (Regie), Thomas Plenert (Kamera), Imogen Kogge (KHK Johanna Herz) und Johanna Gastdorf (Lisa Schneider) für ihre Leistung bei Kleine Frau verliehen.[5][6]

Wie wir so mit dem Grimmepreisträger klarkamen, darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung

Johanna Herz ist nervös: Nach elf Jahren findet ein Klassentreffen und das damit verbundene langersehnte Wiedersehen der ehemaligen Mitschüler statt. Alle amüsieren sich und sind guter Dinge, als völlig unerwartet Krause die total verstörte Lisa Schneider zu später Stunde auf der Straße antrifft. Sie ist voller Blut und behauptet, ihren eigenen Sohn erschlagen zu haben. Krause ruft Kommissarin Herz an, die umgehend die Feier verlässt. Sie hatte sich schon gewundert, warum Lisa nicht zum Klassentreffen erschienen ist. Als sie Lisa ihre Hilfe anbietet, lehnt sie das strikt ab.

Mit der Überzeugung, dass Lisa Schneider unschuldig ist, versucht die Kommissarin das Geschehene aufzuarbeiten. Dirk Schneider hatte ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter und war auch wegen Körperverletzung vorbestraft. Nach Aussagen der Nachbarn und Bekannten hatte er seine Mutter regelrecht verachtet und ihr nie verziehen, dass er ohne Vater aufwachsen musste. Stets war das Geld knapp und seine Mutter konnte ihm nie das bieten, was andere Kinder in seinem Alter hatten. Seit kurzem hatte er eine Freundin und brauchte dafür angeblich extra Geld, was dazu führte, dass er in der Firma seines Onkels, bei dem er eine Lehrstelle hat, in die Kasse gegriffen hatte und entlassen wurde.

In Lisas Wohnung findet Kommissarin Herz Hinweise darauf, dass zur Tatzeit noch jemand anwesend war. Lisa Schneider leugnet dies. Bei der Überprüfung der Freunde von Dirk scheint Kai besonders auffällig.

Inzwischen begeht Lisa Schneider Selbstmord, worüber sich Kommissarin Herz große Vorwürfe macht. Für ihren Dienststellenleiter scheint der Fall damit abgeschlossen, aber die Kommissarin bleibt hartnäckig und sie findet heraus, dass sich Kais Mutter und Iris Menken zusammen mit Lisa mühsam Geld zusammengespart hatten, weil sie sich selbstständig machen wollten. Dirk wusste von dem Ersparten und wollte es seiner Mutter wegnehmen. Er hatte sie sogar in Gegenwart von Birte und Iris geschlagen, was die beiden nun einfach nicht mehr mit ansehen konnten. Um ihn aufzuhalten, haben sie mit einem schweren Kerzenständer auf ihn eingeschlagen, aber er hatte noch gelebt. Lisa wollte, dass ihre Freundinnen sie mit Dirk allein lassen. Das hatten sie getan und da Lisa keine Hilfe geholt hatte, war er seinen Verletzungen erlegen. Kommissarin Herz gibt daraufhin die Akte Schneider ohne weitere Einträge als erledigt an ihren Chef zurück.

Rezension

Der Adolf-Grimmpe-Preis wurde 2006, nicht 2014 an „Kleine Frau“ verliehen, der Grimme-Preis in Gold gleichzeitig an „Der scharlachrote Engel“ aus derselben Reihe, den wir bereits rezensiert haben. Ja, schwierig. Johanna Gastdorf ist eine kapable Schauspielerin und hat die überforderte, alleinerziehende Mutter sehr gut verkörpert. Imogen Kogge als Johanna Herz zeigt mehr als in den meisten anderen ihrer Polizeiruf-Filme und der Werdegang ihrer Tochter wird einigermaßen schlüssig in das Szenario eingebaut, Regisseur Stefan Rogall hat schon sehr gute Filme realisiert, etwa den von uns hoch geschätzten Tatort „Borowski und der Engel„, der aber auch von dem großartigen Drehbuch von Sascha Arango profitiert hat. Aber wir sind in 2019, nicht mehr in 2006.

Viele Filme sind zeitlos oder beinahe oder man kann sie als Klassiker preisen, ohne dass sie zeitlos sind, das dürfte sogar auf die Mehrzahl der berühmten Filme zutreffen, aus denen sich lediglich etwas wie ein überzeitliches Destillat gewinnen lässt, viele Umstände hingegen sind nicht mehr mit den heutigen zu vergleichen. Auch in der IMDb bekommt „Kleine Frau“ mit 7/10 eine für eine Produktion der Reihe Polizeiruf sehr ansprechende Bewertung. Die zeitgenössischen Kritiken in Deutschland tendieren ebenfalls so:

Rainer Tittelbach von tittelbach.tv bewertet diesen Polizeiruf sehr positiv und lobt: „In ‚Kleine Frau‘ werden die Grauzonen der Psyche ausgelotet und finden die Befindlichkeiten der Region ihre Projektionsfläche. Doch in dem Film von Andreas Kleinert stimmt das Farbenspiel. Es sieht so aus, als erlebe man hier die Neugeburt einer Kommissarin. Kogges Johanna Herz wirkt ungewohnt feminin, emotional und hoch engagiert. Endlich ist die renommierte Theaterfrau auf der Höhe ihrer TV-Rolle.“[2]

Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm vergaben die bestmögliche Wertung (Daumen nach oben) und schrieben: „Bedrückend realistische Szenen um geplatzte Träume in der brandenburgischen Plattenbauprovinz.“ und zogen als Gesamtfazit: „Halb Krimi, Milieu-studie – ganz groß!“[3]

Wir haben nichts dagegen, wenn in Polizeirufen, auch in Tatorten, die Milieustudie die Qualität einer Produktion als Krimi überstrahlt. Schon in der „TatortAnthologie“ von 2011 bis 2016 haben wir diesbezüglich relativ schnell eine Verschiebung vorgenommen, weil wir erkannten, dass in diesen Filmen gesellschaftspolitische Anliegen an eine größere Zahl von Menschen vermittelt werden sollen, las das in Deutschland mit irgendeinem anderen Format möglich ist. Zweifellos ist das Schicksal der Frauen in Brandenburg, die kaum gute Arbeit finden können und deren Kinder in der Schule mit den Markenklamottenträgern aus Ganzfamilien konkurrieren wollen, schwierig und wird hier eindringlich dargestellt, die Farbgebung ist gut gemacht, weil nicht so durchgängig graumeliert, wie es sich in den 2010ern eingebürgert hat, wenn die Zustände als nicht so nett dargestellt werden sollen, sondern recht differenziert. Wir hatten auch keine Mühe, die Spätsitzung, die es mal wieder gab, durchzustehen und nicht dabei einzuschlafen.

In jüngster Zeit tut sich aber etwas und vielleicht werden auch die SUVs weniger, wenn sich das von jung nach alt durchsetzen sollte: Klamotten, die sichtbar von teuren Marken stammen, sind nicht mehr so das Ding. Ob es eine Rückkehr in unsere Jugendzeit gibt, als soziale Unterscheidbarkeit anhand von Kleidung nicht erwünscht war, werden wir sehen, aber es wird vermutlich immer Menschen geben, die ihr Selbstbewusstsein daraus beziehen, dass sie ihren Status heraushängen lassen. Wie das gesellschaftlich bewertet wird, das liegt allerdings an uns allen und die in weiten Teilen der Berliner Bevölkerung vorherrschende negative Meinung zu den „Straßenpanzern“ ist schon mal ein Anfang. Da die Fahrer solcher Fahrzeuge das wissen, sind auch die Fronten klar: Hier eine Stadtgesellschaft, die sich auf mehr Nachhaltigkeit einrichten möchte, dort die LmaA-Fraktion, die immer auf Kosten anderer leben wird, solange es geht und solange man es nicht im Interesse des Allgemeinwohls verbietet. So klar ist es in der Realität nicht, manche Menschen bekommen es prima hin, sich der einen Seite zugehörig zu fühlen und so zu leben, wie die andere es tut, aber eine solche Differenzierung fehlt zum Beispiel in „Kleine Frau“.

Allenfalls wird angedeutet, dass eine Kommissarin wie Johanna Herz „draußen“ in Brandenburg schon zur Oberschicht zählt, während die Fernsehpolizist*innen in vielen Filmen soziales Bashing von oben aushalten müssen – eben in jenen Produktionen, die im Milieu der „Schönen und Reichen“ angesiedelt sind. Schon den Begriff halten wir wiederum für kritisch, weil zwei Eigenschaften miteinander verbunden werden, von denen Erstere viel auf Geschmacksache beruht und die zweite eher eine objektive Tatsache darstellt, freilich mit verschiedenen möglichen Definitionen, die Grenzen betreffend.

Ein weiterer Umstand ist, dass das Berliner Umland starke Gentrifizierungserscheinungen zeigt, wie Berlin selbst, weshalb wir auch die Empfehlung lächerlich finden, die Leute sollen doch raus nach Brandenburg ziehen, die sich Berlin nicht mehr leisten können. Dafür gibt es noch andere Gründe, aber das ist einer davon. Gerade der Bereich südwestlich von Berlin, in dem wir die Brandenburg-Polizeirufe, als sie noch in Potsdam angesiedelt waren, immer mehr oder weniger unbewusst verorten, ist mittlerweile wirtschaftlich stärker als viele Berliner Bezirke. Man könnte aber sagen: Gerade deshalb haben es Frauen wie die vom „Klassentreffen“ so schwer, und sie gibt es sicher weiterhin. Die Scheidungsquote in der Klasse, der auch Kommissarin Herz angehörte, scheint besonders hoch zu sein, undenkbar ist das freilich nicht.

Was uns an dem Film gestört hat, waren eher Details als die Idee oder gar das Anliegen. Klassentreffen und überhaupt Partys sind in Filmen meist furchtbar anzuschauen, weil immer die gleichen Situationen und Plattitüden aufgetischt werden. So auch in „Kleine Frau“. Das liegt daran, dass man normalerweise, wenn  man selbst auf solch einem Ereignis anwesend ist, nicht den Außenblick hat, der durch einen Film vermittelt wird, aber das gilt für andere Szenen ebenfalls, ohne dass sie so aufgesetzt wirken. Man hat schon versucht, die Frauen gleich recht differenziert darzustellen, auch, wie sie auf Johanna Herz reagieren, aber diese Eingangsszene haben wir mindestens als zu lang empfunden. Gleiches gilt für die Treppenhausszene im Polizeipräsidium, die so überdeutlich darauf hinweist, dass nun entweder Michael, Lisas Bruder, sich aus dem Fenster stürzen wird oder Lisa selbst in den Tod springen wird, während sie die scheinbar ewig dauernde Tour durch ebenjenes Treppenhaus unternimmt. Das ist sehr tragisch, aber diese übertriebene Hinführung zu diesem Moment fanden wir filmisch nicht sehr gelungen. Unsere Reaktion war nicht in erster Linie Schock, Betroffenheit, sondern: Endlich ist dieser kameratechnische Alptraum vorbei.

Vielleicht war genau diese Wirkung beabsichtigt, aber die Haltung zu dieser Wirkung, ebenso wie zur möglichen Absicht, obliegt dem Zuschauer.

Aber es gibt eine Szene, die uns geradezu verärgert und abgestoßen hat. Das ist die bezüglich der Farbgebung deutlich abgesetzte Rückblende, die erläutert, warum zwei Freundinnen der Mutter auf den Jungen namens Dirk mit einem Kerzenleuchter eingeschlagen haben und warum sie ihn hat verbluten lassen. Tatbestandlich sind alle drei Frauen wohl Mittäterinnen gem. §§ 212, 25 II StGB, am Ende wirkt es hingegen, als ob Johanna Herz die Geständnisse der beiden Freundinnen von Lisa nicht an die Staatsanwaltschaft übermittelt, sodass Lisa bis zum Schluss als Alleintäterin gilt – und aufgrund ihres Suizids ist der Fall damit ohne Gerichtsverhandlung abgeschlossen. Dass wieder einmal Recht und Gerechtigkeit gegeneinander ausgespielt werden, war es aber nicht, was uns hier störte – sondern die Darstellung des Jungen, der geradezu wie ein Monster wirkt. Damit auch ja klar ist, dass die Frauen kaum anders handeln konnten, sehen wir einen vollkommen entgleisten Typ, der trotz der Anwesenheit dreier weiterer Personen im Raum gewalttätig wird, gleichzeitig wird behauptet, das sei früher nie vorgekommen, er habe seine Mutter lediglich erpresst. Ausgerechnet, wenn weitere Menschen anwesend sind, ändert sich sein Verhalten aber.

Wenn es darum geht, mit den Frauen zu fühlen, war diese Übertreibung zumindest für uns nicht notwendig. Vielleicht hätte man die gesamte Szene sogar weglassen können, aber dieses allzu Furchtbare verdeckt ja gerade die Langzeitwirkung, den alltäglichen Kampf mit den immer gleichen Problemen, was irgendwann zu einer Kurzschlussreaktion führen kann. Dem Summarischen hat man aber bezüglich seiner Wirkung misstraut und daher diese überzogene Szene in einen Film eingebaut, in den sie nicht passt, weil sie aus einem stillen und beobachtenden Werk mit einem Mal einen Reißer macht. Möglicherweise ist der visuellen Gestaltung die Aufforderung implizit, dass man etwas Abstand wahren möge, als Zuschauer, aber sie durchbricht den Stil. Allenfalls kann man sagen, dadurch ist wenigstens nichts im Unklaren geblieben.

Finale

Sicher hat unsere geringe Begeisterung für den Film auch damit zu tun, dass das Thema sperrig ist und so ganz abstrahieren von persönlichen Empfindungen lässt sich die sachliche Bewertung nicht. Wir finden es anerkennenswert, dass man nicht weggeschaut hat, wir mögen auch die sehr elegant aufgelöste Nebenhandlung mit dem immer wieder Freude bereitenden Horst Krause, die ebenfalls viel Sympathie für alle Frauenfiguren in diesem Film zeigt, viele Momente sind gelungen. Der Krimi tritt ohnehin in den Hintergrund, wir haben deshalb nur wenig darauf geachtet, ob es Plotfehler gibt, uns ist aber auch kein wesentlicher aufgefallen. In dieser Hinsicht ist der Film ja auch recht einfach gestrickt, damit man sich auf die Charaktere konzentrieren konnte. Wir haben ein wenig hin- und herüberlegt, dann zur höheren der zwei ins Auge gefassten Bewertungen gegriffen.

7/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Andreas Kleinert
Drehbuch Stefan Rogall
Produktion Alexander Gehrke
Musik Andreas Hoge
Kamera Thomas Plenert
Schnitt Gisela Zick
Besetzung

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