Mauerpark – Tatort 815 #Crimetime 793 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Mauer #Park

Crimetime 793 - Titelfoto © RBB, Julia von Vietinghoff

Ein kühles Jubiläum

Die kaltfarbigen Bilder haben in den meisten der Tatorten dominiert, die wir zuletzt rezensiert hatten. Daran schließt sich „Mauerpark“ nahtlos an. Die Ästhetik der emotionalen Vereisung ist aber in Berlin seit Längerem Programm und zieht sich wie ein beinahe farbloser Faden durch die bisherigen Tatorte des heutigen Teams Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic).

Schon nach kurzer Zeit fällt am Drehbuch etwas auf: Man hat die Reduktion dieses Mal noch weiter getrieben, indem man Ritter und Stark völlig von ihrem Privatleben abgeschnitten hat. Das ist für heutige Verhältnisse ungewöhnlich, erlaubt aber die Konzentration auf den Fall. Hat das zu einem guten Film geführt oder sind uns die Zehen oder Finger abgefroren? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Ritter und Stark werden im Präsidium von Vogt, einem jungen und nervigen Verrückten, aufgesucht, der behauptet, verfolgt zu werden. Ritter wirft ihn hinaus. Wenig später werden die Kommissare zur Leiche eines Mannes gerufen. Ein bekannter Anwalt wurde ermordet. Auch Vogt streunt um den Tatort im Mauerpark herum.

Ritter und Stark ermitteln in der Vergangenheit des Strafverteidigers Herzog und stoßen auf Drohbriefe eines seiner Opfer, Muller. Die Kommissare vernehmen ihn und geraten in einen Fall, der 25 Jahre zurückliegt und mit der Entführung eines Babys aus einer Industriellenfamilie zu tun hat.

Damals ging Muller als Hauptverdächtiger ins Gefängnis und die Kommissare wundern sich, dass er heute wieder als Hausmeister bei Ina Kilian, einer in Berlin bekannten Charity-Lady und Tante des damals entführten Babys lebt und arbeitet.

Sie fragen sich, was Vogt mit all dem zu tun hat, und kommen nach und nach hinter den meisterlichen Plan eines ehemaligen Opfers, das heute zum Täter wird.

Rezension

„Ich mag junge Männer nicht, sie sind so flach“, sagt die junge Nadja Skrebber zu Till Ritter. „Ich komme wieder“, gibt dieser zurück. In dem Moment waren die Befürchtungen groß, dass der graue Wolf wieder ein junges Reh zur Strecke bringen wird, aber man hat bloß gespielt – auf ironische Weise mit seinem zuvor mühevoll gepflegten Image. Es entsteht kein Verhältnis. Auch das Familienleben von Felix Stark, dem alleinerziehenden Vater, wird nur indirekt relvant: Indem er klar Position gegen die mögliche Freilassung von Kindesmördern und Sexualstraftätern nach 15 Jahren bezieht und damit das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zur deutschen Form der Sicherungsverwahrung ablehnend kommentiert – mittlerweile wurde diese geändert.

Es ist aber dieses Mal Till Ritter bzw. Dominic Raacke, der in seiner klaren Bindung an die Aufgabe und seinem kühlen, scharfen Spiel die eindeutig bessere Ermittlungsfigur abgibt. Das erkennt auch Lukas Vogt: „Der Große ist gefährlich – der Kleine nicht“. Dieser gute Eindruck erhält sich leider nicht bis zum Schluss, denn die für Berlin nicht untypische Lösung, den Täter sich selbst im Dialog mit anderen Verdächtigen verraten zu lassen, funktioniert unzureichend. Diese Aktion ist zu dilettantisch ausgeführt, nicht nur für eine Hauptstadtpolizei. Ob der Gerechtigkeit Genüge getan wird, indem Ina Kilian stirbt, ist zudem fraglich. Deshalb gibt es nach dem Ende Extratime, in der Ritter mit Lukas Vogt die moralische Seite von dessen raffiniertem, aber letztlich fehlgeschlagenem Racheplan beleuchtet.

Ein Ritter ohne Furcht, wenn auch nicht ohne Tadel. Die Präsenz von Dominic Raacke als Hauptkommissar Till Ritter kann sehr überzeugend sein, wenn man die ganzen Mätzchen, die sonst mit seiner Figur in Verbindung gebracht werden müssen, weglässt, und ihn ruhig und mit kühler Distanz ermitteln lässt. Dass er dabei einmal den Boden unter den Füßen verliert und am Ende eine wenig überzeugende Polizeiaktion zur Täterermittlung einleitet, trübt das Ganze ein wenig, steht aber leider so im Drehbuch. Ansonsten überzeugt Raacke er schauspielerisch und physisch. Letzteres mag daran liegen, dass dieses etwas Pausbäckige beinahe verschwunden scheint, die Härte seiner Gesichtszüge, die nun mehr hervortritt, passt gut zu seiner konzentrierten und aufs Wesentliche fokussierten Rolle in „Mauerpark“.

Wenn man Ritter so zeigt, wird auch das wieder deutlich, was wir bei unserer ersten Rezension des heutigen Berliner Teams („Oben und unten“) beschrieben haben: Dass der Große den Kleinen zwangsläufig dominiert. Da man Boris Aljinovic dieses Mal keine wesentlichen emotionalen Akzente setzen ließ, kommt dieser Effekt in aller Deutlichkeit zum Vorschein. Dass er für eine weitere Besonderheit dieses Krimis sorgt, ist allerdings ebenso ersichtlich: Sein Kommentar zur Freilassung von Kindesmördern, Sexualstraftätern und ähnlichen Tätertypen nach 15 Jahren und die laut EGMR unrechtmäßige bisherige deutsche Praxis der anschließenden Sicherungsverwahrung darf er mit einer negativen Meinung belegen, ohne dass jemand die Antithese vertritt und damit für Ausgewogenheit – aber auch für Verwässerung sorgen darf. Das wäre in Köln nicht passiert. Mittlerweile sind wir um einiges weiter und haben kürzlich auch den ersten Ritter-Stark-Tatort „Berliner Bärchen“ gesehen. Die Idee war anfänglich wohl, Stark wirklich als knuffiges Bärche mit verschmitztem Lächeln rüberkommen zu lassen, das war seinem Darsteller oder den Drehbuchautor*innen dann wohl doch zu asymmetrisch.

Das Thema selbst ist allerdings schon vielfach abgehandelt worden und der dazugehörige Handlungsstrang ist Nebensache, dient nur dazu, Motive für die Ermordung des Strafverteidigers Herzog zu finden und eine falsche Fährte zu legen.

Die Crux mit dem Plot. Ob es gut ist, dass der Drehbuchautor auch der Regisseur eines Filmes ist? Einerseits kann derjenige, der das Drehbuch verfasst hat, am besten die darin enthaltenen Ideen bildlich und konzeptionell umsetzen – und auf diese Weise ein künstlerisch geschlossenes Werk entstehen lassen. Andererseits gibt es keine Diskussion zwischen kreativen Köpfen – und die wäre bei „Mauerpark“ vielleicht notwendig gewesen.

Der Plot wirkt ungeheuer konstruiert, vermutlich in der Logik für denjenigen, der ihn verfasst und dann in Bewegtbilder umgesetzt hat, aber nicht unbedingt für den Zuschauer. Das Verhalten von Lukas Vogt (Robert Gwisdek) ist genauso weit  hergeholt wie das von Gregor Müller (Sven Lehmann), beide müssen aber so handeln, wie sie es tun, damit der Plot funktioniert: Der eine geht für seine Herrschaft ins Gefängnis und sitzt dort fünfzehn elende Jahre ab. Der andere lebt genau 23 Jahre lang erst hinter dem eisernen Vorhang, dann ohne diesen und plötzlich tritt er auf den Plan und bringt die Ereignisse ins Rollen. Auch die Symbolik „G88“ – herrlich, wie die Ermittler auf der einen Seite immer wieder lange brauchen, um auf die Idee dahinter zu kommen – und dann wieder verblüffend nachlegen. Den Hintergrund der Jahreszahl zu erraten, war nicht so schwer – das Gotha dafür umso mehr.

Auch die Motivation des Zwillings Ina Kilian ist ganz schön hoch angesetzt. Nichts hat auf eine so extreme Rivalität mit ihrer Schwester Laura hingedeutet, dass sie deren Kind hätte entführen können und es dann in der DDR zurückließ, anstatt es zu töten, wie geplant. Im Film wird auch einmal gesagt, genetisch gleiche Schwestern könnten das perfekte Verbrechen ausführen, da sie sich so ähnlich sehen, dass einer von ihnen niemals die Anwesenheit an einem Tatort einwandfrei nachzuweisen sein dürfte. An sich ein guter Gedanke, aber 1988, als die Kindesentführung stattfand, hatte an die Bedeutung dieses Aspektes aus genetischer Sicht noch gar niemand gedacht, weil es noch keine DNA-Analyse gab. Schrieben wir im Originalbeitrag, den wir hier stellenweise ein klein wenig überarbeiten und ergänzen. Im Jahr 1988 fand in Westdeutschland in der Tat die erste DNA-Analyse statt, sodass zumindest eine theoretische Relevanz und Möglichkeiten vorhanden ist.

Die Berliner Tatorte heutiger Prägung quietschen desöfteren, wenn es um das Funktionieren der Logik geht, offenbar gehört das zu einer Stadt dazu, in der das gründliche Nachdenken und die innere Ruhe auch beim Verfassen von Drehbüchern nicht möglich sind. Die Glaubwürdigkeitsprobleme, welche die Verdächtigen-Figuren mit sich herumtragen, schwächen diesen Tatort erheblich, und das hat nichts mit den Schauspielern zu  tun, sondern mit ihren Rollen.

Ein Hauch von Grusel. Für weiteres Kopfschütteln sorgt die Nebenhandlung mitsamt ihrer wirklich brutal eindimensionalen Botschaft. Die Mutter des getöteten Kindes ist ein Wrack, das aber munter jeden Tag, den ganzen Tag zum Protestieren gegen die Freilassung von Kindesmördern unterwegs ist und am Schluss ein Schild mit der Aufschrift „Schuld“ hochhält – viel zu abstrakt für eine solche einfache Frau, auch wenn damit eine Verbindung zur Haupthandlung geschaffen werden soll. Natürlich ist der Kindesmörder, der von den Ermittlern befragt wird, eine ganz komische Type, das macht es Felix Stark leicht, sich in der oben beschriebenen Weise zu äußern und dem Mann zu sagen, er würde ihn lebenslang wegsperren. Der Vater, der seinen Sohn allein durchbringen muss, zeigt seine Ängste.

Das alles ist doch recht hölzern und undifferenziert, sodass man damit der Sache derer, die sich um ihre Kinder ängstigen, nicht unbedingt einen guten Dienst erweist. Es ist im Grunde nicht einmal eine Manipulation, sondern eine Anmaßung, die hinter diesem Spin steht. Wie zum Beispiel die Mutter gezeichnet wird, das wirkte auf uns nicht erschütternd – vielmehr hatten wir unwillkürlich den Gedanken, dass jemand, der durch ein wie auch immer schreckliches Ereignis so zerstört wird (aber – siehe oben – die Kraft hat, ständig zu protestieren), genau auf diese Weise durch jeden Schicksalsschlag aus der Bahn geworfen würde, weil er ein labiler Mensch ist. Es war aber nicht in Zeitplan, hier etwas mehr Individualisierung und Differenzierung zu verwirklichen – und deshalb haben wir eine klare Empfehlung: Wirklich ernste Themen sollten nicht so nebenbei abgehandelt werden, das ist unwürdig.

Finale

Aus der Sicht, die sich in Jahren der Befassung mit den Tatorten und nun auch mit den Polizeirufen zum Zeitpunkt der Wiederveröffentlichung dieses Beitrags im neuen Wahlberliner ergeben hat, gilt: Die Polizeirufe hatten von Beginn an einen Vorsprung, bei diesen Themen, und den haben sie bis heute behalten. Nicht unbedingt, weil man über die dort geäußerten rechtspolitischen Ansichten weniger diskutieren könnte, aber wegen des Mutes, ganz tief in den schwierigen Themenkomplex der Sexualstraftaten einzusteigen. Manchmal wird auch dort doziert, aber vor allem vieles auf eine so schonungslose Art gezeigt, wie man sich dies bei den Tatorten heute noch nicht so recht traut.

Die Tatorte aus unserer Wahlstadt haben ihre eigene Note, ihre spezielle Ästhetik – und sie haben spezielle Schwächen. Man hat nicht selten das Gefühl, etwas vollkommen Unwirklichem beizuwohnen, wenn man sich diese Folgen anschaut. Die Figuren schwächeln, weil sie Authentizität vermissen lassen, die Plots schwächeln, weil sie oft überladen und nicht logisch genug aufgebaut sind. Was „Mauerpark“ noch halbwegs rettet, ist der Hauptkommissar Till Ritter. Seine Macho-Attitüden und ständigen Weibergeschichten haben wir hinreichend kritisiert – da genau diese Aspekte dieses Mal weggelassen wurden, wirkt er kompakt und als Polizist, bis auf die erwähnte Schlussszene, gereift und präsent. Dies führt dazu, dass „Mauerpark“ nicht eine der schwächsten Wertungen bekommt, die wir bisher vergeben haben, sondern moderat unter dem derzeitigen Durchschnitt abschneidet.

6,5/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Till Ritter – Dominic Raacke
Hauptkommissar Felix Stark – Boris Aljinovic
Ina Kilian – Rebecca Immanuel
Lutz Weber – Ernst-Georg Schwill
Lukas Vogt – Robert Gwisdek
Laura Kilian – Rebecca Immanuel
Nadja Skrebber – Eva Bay
Simon Herzog [Rechtsanwalt] – Christoph Gareisen
Pollack [Schrottplatzbesitzer] – Hansjürgen Hürrig
Gregor Müller – Sven Lehmann

Regie – Heiko Schier
Buch – Heiko Schier

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