Borowski und der coole Hund – Tatort 816 #Crimetime 795 #Tatort #Kiel #Borowski #Brandt #NDR #Hund #cool

Crimetime 795 - Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Vor Sanitätern …

… wird gewarnt! Manche von ihnen sind verschrobene, verschobene Naturen, die auf perfide Weise und mit höchst übersteigerten Motiven Leute reihenweise umbringen. Auch im letzten Borowski-Tatort („Borowski und die Frau am Fenster“) gab es schon einen Tod durch Aufspießung. Bezüglich der Menge an vergossenem Blut kann der Neue aus Kiel durchaus mit dem Vorgänger mithalten und auch die Effekte sind erstklassig. Das sind ganz neue Qualitäten, die offenbar zusammen mit Sarah Brandt in die Küstentatorte injeziert wurden wie eine Spritze mit beinahe tödlicher Dosis Adrenalin. Da wir die Dosis irgendwie doch überlebt haben, steht mehr zum Film in der -> Rezension.

Handlung

In Kiel springt ein Mann in einen Badesee – und wird von Bambus-Stäben aufgespießt. Für Borowski und Sarah Brandt ist zunächst nicht klar, ob es sich um die Tat eines Verrückten handelt, der zufällig seine Opfer findet. Oder wollte jemand den Toten bestrafen?

Eine Schlüsselrolle scheint in dem Fall die Freundin des Toten zu spielen, Ina Santamaria. Sie verabredet sich über einen Chatroom im Internet mit Männern zu flüchtigen sexuellen Begegnungen. Der Tote war einer ihrer Liebhaber.

Überraschend erhält Kommissar Borowski Amtshilfe aus Schweden. Kommissar Enberg ist ein alter Freund von ihm. Die Spur eines tödlich verlaufenden Tollwut-Falls in Göteborg führt ihn nach Schleswig-Holstein. Beide Fälle scheinen miteinander zu tun zu haben. Offenbar verfolgt der Mörder einen finsteren Racheplan, in dem er sein Opfer mit Tollwut infiziert und anschließend aufspießt. Dann geschieht ein weiterer Mord, der alles bis dahin Geschehene übertrifft.

Rezension

Borowski und seine Kollegin und das ganze Team werden Kultstatus erlangen, wenn sie weiterhin einen Treffer nach dem anderen landen. Die Logik des neuen Tatortes bezüglich der Implementierung des Tollwutgeschehens in die eigentliche Handlung ist nicht ganz einfach nachzuvollziehen, aber stark gespielt und mit einem Kracher am Ende. Wir meinen nicht die Sache mit dem Zahn, den Borowski endlich los wird, die war absehbar – sondern, wie er Ina Santamaria (Ina Hörbiger), die nicht schwimmen kann, ins Wasser stößt, damit der durchgeknallte Krankenpfleger sie nicht doch, abseits seiner eigenen Logik, auf andere Weise umbringen kann. Sie wird dann von Sarah Brandt (Sibel Kekilli) gemäß stummer Absprache zwischen höchst intelligenten Polizisten gerettet.

Eine große Schwäche  hat „Borowski und der coole Hund“ allerdings, im Vergleich mit dem Vorgänger 812: Die Anlage als Whodunit, der gleichzeitig ein Thriller ist. Ein Whodunit soll das Mitraten ermöglichen. Das ist hier aber unmöglich gewesen, da der Sanitäter nur eine einzige, winzige Szene hatte, bevor er als Täter offenbart wurde. Wir dachten zwischenzeitlich, es sei seine Kollegin, die auf ihrem Kreuzzug gegen die Internet-Schweine ist und sich vielleicht mit einem männlichen Nick in die Chats über Mavie eingeloggt haben könnte. Das wäre noch halbwegs in der Spur gewesen, weil sie immerhin als helfende Hand gegenüber Frau Santamaria (Mavie Hörbiger) sichtbar wurde.

Aber nein, der Mörder ist wieder so ein verrückter Typ, der quasi aus dem Hut gezaubert wird. Wir meinen, das hätte man mit mehr Respekt vor den Fähigkeiten des normalen Tatortfans lösen können und werden deshalb zwar eine hohe Wertung geben, aus Respekt vor den Schauspielern und den vielen Gimmicks in diesem Tatort, aber es wird keine 9,0 und keine 8,5 werden. Ein wenig Abzug gibt’s auch für diese Polizisten, die immer allein losziehen und dabei manchmal Opfer aller bösen Gefahren werden und manchmal diese Gefahren bezwingen. Wie es das Schicksal will. Zum Glück sind die Deutschen in diesem deutschen Krimi cleverer als die Schweden (im Gegensatz zu schwedischen Krimis, in denen Deutsche vorkommen), sonst gäbe es einen sympathischen Kommissar weniger in der Tatort-Landschaft.

Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) mutiert immer mehr zum deutschen Wallander, nicht verwunderlich, angesichts einer Vorlage von Henning Mankell zum Tatort 816 „Borowski und der coole Hund“. Letztlich ist nicht zu klären, wer nun genau der coole Hund ist. Der schwedische Kollege Stefan Enberg (Magnus Krepper)? Irgendwie ist er schon cool gewesen, aber mit der fiesen Art Fallen zu stellen, die der Sanitäter … wie hieß er noch? Jörg Battus! … die also dieser Krankenpfleger drauf hat, das war zu viel für ihn.

Überhaupt, der Sanitäter. Die maßgeblichen Publikationen nennen nicht mal seinen Namen und natürlich auch nicht den des Schauspielers, der ihn verkörpert. Er heißt Tom Hanslmeier. Das ist auch eine fiese Nummer, den Täter auf diese Weise so gut wie möglich zu kaschieren, dass er einfach in der nicht genannten Statisterie bzw. Komparserie untertaucht. Das muss auch so gemacht werden, damit der Überraschungseffekt maximal ist. Als Whodunit kann eine solche Vorgehensweise nicht überzeugen, das ist etwas zu sehr auf cooler Hund gemacht, drehbuchmäßig.

Da wird es richtig konventionell und menschlich, wenn Borowski vom Zahnweh geplagt ist. Irritierend dann aber wieder, warum Sarah Brandt Stefan Enberg nicht zu Ina begleiten kann und er höchstwahrscheinlich genau deshalb ums Leben kommt. Ist sie wirklich Epileptikerin oder was war es, was ihr Zittern auf der Toilette verursacht hatte? Kann man eine solche Krankheit bei allen möglichen Gesundheitsprüfungen im Polizeidienst verbergen? Dass jemand als Ermittler tätig wird, dessen Krankheit in diesem Sinn offenkundig ist, können wir uns nicht vorstellen. Da wartet noch Spannendes auf uns, was die Neue in Borowskis Büro angeht.

Spannung vs. Logik. Spannend und ziemlich brutal der ganze Fall allerdings. Geradezu atemlos, für Kieler Tatort-Verhältnisse. Es stimmt zwar nicht, dass es bisher keine ähnlich gestrickten Tatorte gab, aber das Tempo ist schon eine gewaltige Steigerung im hohen Norden – und legt auch gegenüber „Borowski und die Frau im Fenster“ noch einmal zu, der bislang die Kieler Action-Speerspitze war.

Weniger überzeugend, und das muss man im Grunde bei einem Autor wie Mankell besonders negativ bewerten, ist die Logik, inklusive der Täteroffenbarung aus dem Nichts. Schade, denn zumindest für uns verpufft so ein Teil der Wirkung, die der neue Tatort aus Kiel hätte erzeugen können. Dass er  nicht unter den Durchschnitt rutscht, ist nicht der gelungenen Gestaltung zu verdanken und auch nicht dem Thrill, sondern den großartigen Schauspielleistungen. Wie bei manchem anderen Tatort: Die guten Darsteller tragen uns über die  Drehbuchfragwürdigkeiten hinweg.

Symbole um Santamaria. Toll, wie Borowski die Symbolik der Morde entschlüsselt, die wieder einmal etwas mit übersteigertem Idealismus und mit fehlgeleiteter Idealisierung zu tun haben. Aber es ist Sarah Brandt, die in einer Kombination aus Technikfreakismus und der richtigen Assoziation im richtigen Moment den Täter enttarnt.

Dass Mavie Hörbiger in einem Tatort mitspielt, das gab es vor neun Jahren schon einmal, aber damit ist sie ein eher seltenes Gesicht und kann diese Unverbrauchtheit gut in die Rolle der Ina Santamaria investieren – des  Mädchens, das sich nur spürt, wenn es im Internet nach Sex sucht und demzufolge HWG anstatt einer festen Beziehung hat. Dass irgendwann jemand auf den Plan tritt, der sie entweder als Hure verdammt oder als Opfer erretten will, ist ein typischer Wallander, aber auch andere Autoren haben in den Tatorten schon bewiesen, dass sie solche Typen im Blick haben. Wo, wenn nicht aus einer überhöhten Weltsicht, einer Fixierung auf einen anderen Menschen, soll denn auch ein Serienmörder seine Motivation beziehen, der kein Triebtäter ist?

In der Wirklichkeit ist gerade dieser Typ höchst selten anzutreffen, er ist beinahe eine Erfindung von Thrillerautoren. Dabei hätte man es auch belassen können und thrillergemäß einen Howcatchem inszenieren können. Aber man musste unbedingt ein Ratespiel daraus  machen, eines, das die Möglichkeit, den Täter zu erraten, kaum bietet, noch dazu. Wir schreiben ungern von einer „vertanen Chance“, denn meist drückt das eine denn doch zu subjektive Sicht aus, ähnlich der eines Lektors, der den Autoren gerne seinen Plot und seinen Stil reindrücken möchte. Deswegen konzentrieren wir uns in der Regel eher auf Stärken und Schwächen, die noch einigermaßen objektiv nachvollziehbar sind. Aber genau in diesem Fahrwasser meinen wir uns zu bewegen, wenn wir es hier doch sagen: vertane Chance.

Dass eine vertane Chance zu einem Spitzentatort nicht bedeutet, dass alles schlecht ist, müssen wir aber gleich nachschieben. Borowski wird immer stärker im Sinn von druckvoller und präsenter, auch wenn er oft zu unabgesichert handelt – das beigestellte SEK am Ende ist im Grunde nur Staffage, nur Sibel Kekilli und Axel Milberg retten Mavie Hörbiger vor Tom Hanslmeier. Die Truppe läuft lediglich effektvoll im Gänsemarsch Richtung Geschehen. Überhaupt ist der Film sehr grafisch, spielt mit geometrischen Formen in der Architektur und gewinnt dadurch zusätzlich an Showwert und Dynamik.

Finale

„Borowski und der coole Hund“ hat nicht die Stringenz des Vorgängers, nicht diese hohe Konzentration, die nur ein Howcatchem erlaubt. Aber auch für einen Whodunit ist er nicht sehr am systematischen Hinführen auf die Enttarnung des Täters orientiert, sondern lebt von den Momenten, in denen die Schauspieler formatfüllend agieren oder Hund Kinder blutig beißen oder Bambusspieße oder Armiereisenspitzen Männer blutig erstechen. Bei so viel Show kann schonmal die Orientierung darüber verloren gehen, ob der coole Hund auch ein cooler Krimi ist. Ist er leider nicht, dafür wirkt Vieles nicht durchdacht genug oder nicht zu Ende gedacht. Wir hoffen, dass die Kieler Tatorte, die sich wirklich eine eigene Note erarbeitet hatten, mit ihrer Melancholie und der strikten Orientierung am Wesentlichen, nun nicht  den Faden verlieren werden, indem sie versuchen, die meiste Action zu bieten.

Noch hat Borowski die Oberhand, aber er könnte auch in der Kieler Förde untergehen, wenn man seine Fälle zu sehr überfrachtet und nebst guten Details zu viele unnötige einbaut. Dieses Manko, das zum Beispiel die Berliner Tatorte der heutigen Prägung nicht selten aufweisen, sollte die Kieler Folgen nicht infizieren wie die Tollwut, die in „Borowski und der coole Hund“ reanimiert wird. Der coole Hund ist aber wohl nicht derjenige, der leider sterben muss wegen seiner Tollwut – und so wird vielleicht wieder alles gut, im nächsten Fall, der vielleicht wieder so genial ausbalanciert daherkommt wie „Borowski und die Frau im Fenster“. Dieses Mal müssen wir auf dem Bewertungstreppchen ein paar Stufen hinabsteigen – von zuletzt 8,5 auf nun

7,0/10 Punkte.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Sarah Brandt – Sibel Kekilli
Dr. Stormann [Gerichtsmediziner] – Samuel Finzi
Roland Schladitz – Thomas Kügel
Stefan Enberg – Magnus Krepper
Ernst Klee [Kriminaltechniker] – Jan Peter Heyne
Ina Santamaria – Mavie Hörbiger
u.a.

Drehbuch – Michael Proehl
Regie – Christian Alvart

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