Tod im Ballhaus – Polizeiruf 110 Episode 275 #Crimetime 798 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Ballhaus #Tod

Crimetime 798 - Titelfoto © MDR, Domonkos

Vom Kriminaltango zum letzten Walzer

Was soll man über einen Film wie diesen schreiben, wenn man Formationstanz aus der eigenen Familie kennt? Keine Frage, dass Tänzer nicht nur emotional sind, sondern die Momente auch berührend wirken, in denen tatsächlich das Parkett berührt wird. Aber dann Menschen mit einer Krücke erschlagen, mitten im Ballsaal. Und Sauerbraten. Und Königsberger Klopse, falsch zubereitet. Nee, nee. Welch ein Fall für zwei gemütliche Herren. Mehr dazu steht in der -> Rezension.

Handlung

Die Tänzerin in einem Tanzsportverein Isabel Rösler wird nach dem abendlichen Training im Tanzsaal des Ballhauses erschlagen aufgefunden. Den herbeigerufenen Kommissaren Schmücke und Schneider geben unter anderem die Spuren von Krücken am Tatort Rätsel auf.

Außerdem hatte Isabel eine ganze Menge Bargeld in ihrer Tasche. Ist Eifersucht das Motiv für die Tat? Die Tänzerin hatte ein heimliches Verhältnis mit ihrem verheirateten Tanzlehrer Guido Schmidt. Doch der Verdacht gegen ihn bestätigt sich nicht. Dann aber geschieht ein weiterer Anschlag – diesmal auf Frank Uhlich, der auch Mitglied der Tanzgruppe ist. Wieder finden die Kommissare Krückenspuren am Tatort. Von nun an geht im Ballhaus die Angst um. Die Aussage der Tänzerin Sandra lenkt die Ermittlungen schließlich in eine neue Richtung.

Aber erst als die Kommissare begreifen, dass der Täter am Tatort bewusst Spuren gelegt hat, um den Verdacht in die falsche Richtung zu lenken, kommen sie auf die richtige Spur. Jetzt gesteht Sandra auch den Kommissaren, was Isabel ihr anvertraut hat und woher das Geld stammt. Den Kommissaren Schmücke und Schneider bleibt nicht viel Zeit, denn der Täter ist zu allem entschlossen. 

Rezension

Wenn man Altenpfleger*innen besser bezahlen würde, dann wäre das alles nicht passiert. Dann hätte Isabel nicht ihren Chef erpressen müssen, der gleichzeitig Vorsitzender ihres Tanzsportvereins ist und ein MG Cabrio fährt, in Grün natürlich. Manchmal kann Gesellschaftskritik so hintergründig sein und so zart, fast wie hingehaucht. Aber die Preise für Tanzsportkleider sind schon recht beachtlich, da kann man durchaus an Beschaffungskriminalität denken. Und Erpressung ist allemal weniger demütigend als Zweitjobs, die man nicht wirklich gerne macht. Denn die Erpressten sind meistens Drecksäcke, sonst könnte man sie ja nicht erpressen.

Handlungsführung, Grundton: Ein typischer Schmücke-Schneider-Routinefall. So putzig wird die beiden finden, so sehr nervt irgendwann diese übertriebene Wohlgelauntheit im Angesicht brutaler Morde, die auch hier wieder den Ton bestimmt – wenn man die Filme in kurzen Abständen sieht, fällt das besonders auf. Wir finden schon, dass Jaecki Schwarz als Schauspieler einen guten Job macht, aber dieses verschmitzte Lächeln kommt zu oft und manchmal in den falschen Situationen. Dass der Ton verrutscht, was auf der anderen Seite bedeutet, dass auch eine plötzlich rauere Gangart ganz unvermittelt und unmotiviert kommt,  fällt uns in diesem Film mit den beiden nicht zum ersten Mal auf.

Wir sehen natürlich einen Whodunit mit vielen Verdächtigen, die man möglichst so in Stellung zu bringen versucht, dass der Zuschauer wirklich miträtseln kann. Das Dumme ist nur, wenn Helmut Zierl zum ersten Mal ins Bild kommt, stolpert der Verdacht mit durch die Tür und legt eine flotte Sohle aufs Fischgrätparkett. Da helfen auch die Krücken nichts. Mindestens in dem Moment nicht mehr, in dem das überlebende Opfer sagt, es habe zwar das Aufschlagen der Gehhilfe auf dem Boden gehört, aber der Schritt sei zu gleichmäßig für einen Behinderten gewesen.

Und damit zum größten Klops dieser Geschichte. Es ist nicht etwa ein Königsberger Klops, falsch zubereitet. Es ist das komplett fehlende Motiv für den versuchten Mord am Partner von Isabel. Wäre der Täter der männliche Teil des anderen Tanzpaares gewesen, der bei einem Unfall schwer verletzt wurde und nie wieder auf hohem Niveau wird tanzen können – an dem Unfall war das zweite Opfer schuld, wegen des unvermittelt knallenden Sektkorkens. Krass, aber dann wäre es noch einigermaßen logisch gewesen, doch der Mann ist ja wirklich gehbehindert, wenn auch nicht so stark, wie er vorgibt (die Rentenversicherung!). Der Betreiber des Altenpflegedienstes Butterblume war’s aber. Warum? Wir werden es bezüglich der zweiten Tat nie erfahren. Für einen Moment dachten wird, die beste Freundin des ersten Opfers habe etwas mit den Taten zu tun. Weil ihr die Blume, die sie auf den Sarg werfen will, daneben fällt. Aber da haben wir den Hang zum Symbolismus beim MDR überschätzt. Sie bringt sich am Schluss lediglich selbst in Gefahr, auf eine wirklich hanebüchene Weise gleich zweimal.

Das kommt davon, wenn man einen Fall überkonstruiert, wie sie bei TV Spielfilm meinen. Dabei ist er gar nicht so überkonstruiert, nicht mehr jedenfalls als viele andere Whodunits, die nach der gleichen Schablone erstellt wurden: Hier ein persönliches Motiv, Eifersucht, Rache, dort wirtschaftliche Gründe und dann wird gewürfelt, was es am Ende sein darf. Hier war es Habgier. Hat doch ausgerechnet der Chef eines Pflegedienstes seine eigene Mutter ungeduldigerweise vorzeitig ins Jenseits befördert, um schneller an die alte Villa zu kommen und sie zu Geld machen zu können. Und das stellt der Arzt fest? Herzstillstand. Wer weiß, wie oft das so läuft und wie viele Morde in Deutschland zu registrieren wären, wenn alle vorsätzlichen Tötungen überhaupt als solche erkannt würden. Hier ein Giftchen, das man nicht nachweisen kann, dort ein heimtückisch herbeigeführter tödlicher Haushaltsunfall. Da kommt einiges zusammen.

Die Aufklärungsquote wäre niedriger, die Zahl der Fälle wesentlich höher, wenn nicht häufig nach dem Motto verfahren würde: Lass gut sein. Tot ist tot. Von dieser nervigen Ermittlungsarbeit wird niemand mehr ins Leben zurückgebracht. Wir sind gespannt, wann die Erbengeneration, die, im Gegensatz zu ihren Altvorderen, keine guten Jobs mehr kriegen wird, auf diese Weise dafür sorgen wird, dass Schluss ist mit dem stetigen Anstieg der Lebenszeit, die einem Menschen durchschnittlich bemessen ist. In den USA, die uns ja immer etwas voraus sind, beginnt dieser Effekt schon deutliche Spuren in der Statistik zu hinterlassen. Es kann natürlich auch an mieser medizinischer Versorgung für Ärmere und an ungesundem Lebenswandel liegen.

So wie bei den Herren Schmücke und Schneider. Wären die heute überhaupt noch denkbar, mit ihrem kaum zu bändigenden Fleischkonsum? Klar erinnern wir uns noch an den Sauerbraten bei Oma Schmidt und auch an die Königsberger Klopse bei selbiger, das muss aber mindestens zweihundert Jahre her sein. Und vor allem hätten wir mitten im Mordgeschehen nicht so einen Appetit entwickeln und uns nebenbei ständig um Küche oder nicht Küche kümmern können Da soll nochmal einer sagen, die Ossis seien irgendwie zart besaitet und etwas verjammert. Nicht Schmücke und Schneider. Vielleicht waren sie deshalb auch so beliebt. Wenn wir da an die beiden Kölner Tatort-Seelchen denken, die sich höchstens am Schluss, wenn alles aufgeklärt ist und darin auch ein Ritual zu sehen ist, eine Bratwurst am Dom erlauben – wie sensibel, im direkten Vergleich.

Finale

„Tod im Ballhaus“ hat einige schöne Szenen, die dem Milieu geschuldet sind, einem Sport, bei dem schwere Trainingsarbeit im Ergebnis so anmutig wirkt. Dass die Handlung trotz ihrer angeblichen Überkonstruktion ziemlich dünn ist, merkt man daran, dass Herbert & Herbert so dicke Portionen verspeisen und doch einige Zeit für deren kulinarisches Testing im Land traditioneller deutscher Küche verbraucht werden muss, damit am Ende 90 Minuten Film zustandekommen. Besonders beim Anblick von Schneiders – war es eine Schweinshaxe? – wurde uns beinahe schlecht, das verzeihen wir dem Film nicht so schnell und es wird nur knapp ausgeglichen durch die schönen Tanzmomente. Vielleicht soll dieser Kontrast auch eine eigenartig schrullige Komik darstellen, aber um sie genießen zu können, sind wir vielleicht zu sehr mit Klopsen, Sauerbraten und anderen Schauerlichkeiten verwöhnt worden, in jenen Jahren, als Oma Schmidt noch auftischte. In der Küche gab es damals schon eine Spülmaschine, aber leider ganz normal angebracht, nicht erhöht, damit man sich nicht bücken muss. Es war nicht leicht für Oma Schmidt, denn sie hatte Hüfte. Ganz wie der eine oder andere Patient in der Rehaklinik in „Tod im Ballhaus“ und wie es sich bei Schmücke auch schon andeutet. Das kommt davon. Im Zeitalter des Vogelfutters für Menschen und der giftgrünen Smoothies, da sind wir uns sicher, wird das alles nicht kaum noch vorkommen. Vielleicht doch das nicht nachweisbare Gift. Einen halben Extrapunkt für den Schlussmoment: Er beweist nämlich, dass Mann Walzer tanzen kann. Nicht nur essen, Küchen nicht aussuchen und nebenbei bisschen ermitteln.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Werner
Drehbuch Peter Kahane,
Hans Werner
Produktion Susanne Wolfram
Musik Markus Lonardoni
Kamera James Jacobs
Schnitt Claudia Fröhlich
Besetzung

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