Gelegeheit macht Liebe – Tatort 160 #Crimetime 805 #Tatort #Hamburg #Stoever #NDR #Liebe #Gelegenheit

Crimetime 805 - Titelfoto © NDR, Gitta Mundry

Ein Fremdgehsituation mit einer Störung

Wir kommen voran mit der Stoever-Anthologie innerhalb der TatortAnthologie. Nachdem wir bereits über den allerersten seiner Fälle („Haie vor Helgoland“) geschrieben hatten, fand sich nun Gelegenheit, die nächste, wenig später gefilmte Folge „Gelegenheit macht Liebe“ aus 1984 zu sehen und zu rezensieren.

Wenn man „Haie vor Helgoland“ mit „Gelegenheit macht Liebe“ vergleicht, fällt vor allem auf, dass Letzterer viel konventioneller ist als die Startfolge. Ein ganz traditioneller Whodunnit mit einem allerdings interessanten Ende, das bei genauer Betrachtung den Mörder offen lässt.

Die Folge 160 ist sozusagen Stoeverscher Urquark und Tatort-Urquark in einem. Dieses genaue, langsame Filmen und der Akzent auf der Gefühlsebene von Opfern, Tätern, Beteiligten und Beobachtern vermittelt ein unangenehmes Gefühl, und da bemerkt man die Autorenfilmer-Tradition der 70er, aus der viele frühere Tatorte generiert wurden. Ohne Kommentierung wird gezeigt, dass die Verhältnisse irgendwie kalt und zweckbestimmt sind, die Echtheit von Emotionen wird nicht nur hinterfragt, sondern stark in Zweifel gezogen.

Handlung

Hauptkommissar Paul Stoever hat einen Toten. Aber ist der tote Junge wirklich Opfer – oder auch Täter? Stoever hat einen Pkw mit einem Loch in der Karosserie, das von einer Pistolenkugel stammt. Der Pkw gehört Dr. Rademacher, aufstrebender Direktionsassistent einer Großmolkerei am Stadtrand Hamburgs. Etwa um die Zeit, als der tödliche Schuss fiel, hatte Dr. Rademacher seinen Wagen als gestohlen gemeldet. Er weiß von nichts.

Stoever hat mindestens einen Tatzeugen: den Jungen, der die Pistole zum Wochenendurlaub aus der Bundeswehr-Waffenkammer mitgehen ließ. Aber während des Lokaltermins entzieht sich ihm der Zeuge durch die Flucht.

Und da ist noch Brigitte Schwalb, Chefsekretärin im selben Betrieb, in dem Dr. Radmacher angestellt ist. Ein Zufall? Ein Taxifahrer sagt aus, daß er die Frau am fraglichen Abend aus der Gegend des Tatortes nach Hause gefahren hat. Brigitte sagt nichts: aus Angst um ihre Stellung oder vor ihrem Mann? Wer deckt sie?

Rezension

Locations wie eine Neubau-Reihenhaussiedlung oder ein Milchhof haben erläuternde Funktionen und beschreiben Milieus, der Milchabfüllbetrieb, in dem die beiden Personen, die den Fall auslösen, arbeiten, dient hier noch nicht als Gefäß für mögliche Wirtschaftskriminalität, sondern nur als Element für die Darstellung von Verhältnissen, wie sie eben am Arbeitsplatz zufällig entstehen können. Gelegenheit macht möglicherweise gar keine Liebe, sondern lässt nur einen unbestimmten Wunsch nach Abwechslung im Leben hervortreten. So viel Abwechslung, wie sie dann bekommen, haben sich Direktionsassistent Dr. Rademacher und Sekretärin Schwalb nicht gewünscht.

Noch heute heißt eine Kriminalassistentin in Konstanz „Beckchen“ (oder „Bäckchen“). Warum also sollte eine Sekretärin in den 80ern nicht „Schwälbchen“ genannt werden, wenn sie Frau Schwalb ist. Trotzdem ist das eine im Grunde urkomische Anspielung – nämlich Frau Flamm, genannt „Flämmchen“ aus „Menschen im Hotel„, auf eine Zeit, in der arbeitende Frauen vor allem in solchen Zusammenhängen vorkamen. Jetzt denken wir wieder daran, dass die frühen Tatorte in der Tradition des deutschen Autorenfilms standen und verstehen, was uns „Schwälbchen“ sagen will. Die arme Frau Schwalb ist in einer Männerwelt tätig, in der sie auch Übergriffen ausgesetzt ist. Sie erwehrt sich der Avancen von Dr. Rademacher aber nicht wirklich, sondern gibt ihm nach und somit Gelegenheit, sie zu verführen und damit ein wenig ihrem cholerischen und allzeit eifersüchtigen Lehrergatten zu entkommen.

Dann passiert das Ganze auch noch im Auto, wie bei Führerscheinanfängern, die sich mit ihrer Braut noch nicht nach Hause trauen. Auch das gab es in den 80ern gewiss öfter als heute. Heute sind Eltern da nicht mehr so penibel. Aber es wirkt schon in den 80ern ein wenig kläglich, dass ein vermutlich nicht schlecht verdienender Mann nicht einmal für ein paar Stunden ein verschwiegendes Hotelzimmer auftreiben kann oder möchte. In einem Pkw kann Sex machen wohl auch romantisch sein (unbequem ist es immer), aber die rechte Romantik zwischen dem Assistenten des Direktors des Milchofes und der Direktionssekretärin kommt hier keinesfalls zum Vorschein und die innere Distanz, mit welcher wir das Geschehen aus der Nähe betrachten dürfen, ist ganz sicher gewollt.

Es gibt keine moralische Keule, aber so viele subtile Gedanken. Die beiden Fremdgeher kommen letztlich unbeschadet davon, denn ihre Ehegatten erfahren nichts von dieser Sache, auch dank Kommissar Stoevers Diskretion. Der schaut sich bei den Rademachers um, ohne rauszulassen, worum es ihm überhaupt geht und ohne dass diese Szene gezeigt wird – was in einem heutigen Tatort ebens ungewöhnlich wäre wie dieser einfache Plot. Er will ein wenig die Familienverhältnisse von Rademacher erkunden, das vermutet dessen Frau ganz richtig, doch die Verhältnisse schauen so freundlich aus, dass Stoever daraus keinen Anhaltspunkt auf die Frage hin gewinnen kann, ob denn der R und die S ein Verhältnis miteinander haben, was ja immerhin für die Lösung des Mordfalles an H nicht unwichtig sein könnte.

Bis zum Ende können sie hinter dem Berg halten mit ihrer Affäre und könnten sogar weitermachen. Sie werden zwar von den beiden jungen Männern Gerd und Holger im Wald überrascht, bedroht, vielleicht soll Frau Schwalb sogar von Holger vergewaltigt werden – oder wurde es wirklich, bis dann wohl Holger auf diesen schoss. Das bleibt letztlich offen, es ist auch möglich, dass sie einem der Jungen die aus der Bundeswehrkaserne entwendete Waffe entwendete, Gerd sie ihr gab etc. Es kommt gar nicht so sehr darauf an, sondern eben auf die Verhältnisse. Wenn man diese weiterverfolgt, erkennt man auch, dass der Frau Schwalb gegenüber dem Herrn Dr. Rademacher die leicht bessere Motivation zugebilligt wird. Zum einen ist sie in der unterlegenen Position innerhalb der Firma, zum anderen hat sie einen ziemlich kruden Ehemann, während Dr. Rademacher mit einer offenbar sehr netten und auch nicht unattraktiven Ehefrau verheiratet ist. Er will die Sekretärin haben und lässt sie dann im Wald im Stich, wie sie sagt. Damit ist das Verhältnis theoretisch weiterhin möglich, aber der Pakt ist gebrochen – von einem zerrissenen emotionalen Band zu sprechen tun wir uns schwer.

Wir stellen uns jetzt vor, wie die beiden Personen dazu verdammt sind, sich weiterhin täglich in der Firma über den Weg zu laufen, da kann man schon von einer Strafe sprechen, oder man könnte es, wenn man nicht wüsste, dass die Autorenfilm-Folger unter den Tatorten so angelegt sind, dass die Verhältnisse an sich eher Kritikpunkt sind als die Menschen, die versuchen, sich in diesen zu arrangieren. Das Spießige das sich wunderschön sowohl in den Reihenhaussiedlungen wie in der Innenraumgestaltung der Büros im Milchhof ausdrückt – auch in den 80ern war mondän oder progressiv anders – zieht sich durch den ganzen Film und man versteht auch die jungen Männer graduell, die aus ihrer miefigen Kasernen- oder sonstigen Welt ausbrechen wollen. Der Hintergrund des aggressiven Holger, der im Wald den Tod findet, wird nicht gezeigt, aber man hat trotzdem eine Ahnung davon.

Die gewisse – nicht überragende – Spannung in „Gelegenheit macht Liebe“ resultiert denn auch eher aus dem Interagieren der Menschen miteinander als aus einer thrilligen Handlung, in der Stoever die Resummees und Zwischenstände noch gegneüber einem Kriminalhauptmeister Matthes (Rainer Goernemann) und monologisierend mit sich selbst an den Zuschauer weitergeben muss, anstatt sie in einem swingenden, singenden Dialog mit dem später eingeführten und sehr beliebten Kollegen Paul Brockmöller unterbringen zu können.

Dass die Stoever-Tatorte erhebliche Entwicklungsschritte vollzogen haben, zeigt sich nicht nur daran, dass die Kommissarsfigur, die Manfred Krug so lange gespielt hat, in ihren Anfängen noch recht rudimentär angelegt war, ein wenig columbohaft mit Trench und nicht so korrekt rasiert, straight forward und nicht mit bunten Krawatten und einem Kollegen fürs Herz des Zuschauers ausgestattet. Sowohl die frühen wie die späten Stoever-Tatorte haben ihren Reiz und ihre Vorzüge, wir tendieren vermutlich aus Gewöhnungsgründen dennoch eher zu den späten Folgen, die so eine Leichtigkeit und Eleganz hatten, die ihnen hohen Wiedererkennbarkeitswert, im Grunde sogar ein Alleinstellungsmerkmal verschafften.

Finale

Plottechnisch ist „Gelegenheit macht Liebe“ nicht sehr attraktiv, aber das war wohl auch nicht die Intention der Macher. Dafür verhaspeln sie sich auch nicht, nur die letzten Minuten wirken ein wenig aus dem Bauch inszeniert und in Details nicht stimmig. Der Sturz des Gerd von der Deckenplatte eines halbfertigen Hauses ist etwas an den Haaren herbeigezogen und dass es noch dämmerig-hell ist, als er stürzt, hingegen schon dunkel, als Stoever und die anderen an der Stelle stehen, auf die er gefallen ist, sind solche Details. Wir glauben auch nicht, dass dieser Unterscheid gewollt war, um herauszustellen, dass die Tat letztlich im dunkel bleiben muss, da der „einzige Zeuge“ tot ist. Es wäre möglich, dass Gerd seinen Kumpel Holger erschossen hat, doch vieles spricht auch dafür, dass Frau S in Notwehr gehandelt hat – zumal diese auf dem Weg zur Telefonzelle mit der Waffe unterwegs war und diese dort weggeworfen hat. Zudem wird offenbar die Tatwaffe nicht aufgefunden, obwohl z. B. Dr. Rademacher nach ihr sucht. Auch die Polizei hätte auf die Idee kommen können, dort zu suchen, nachdem sie wusste, dass die Telefonzelle beim Tatablauf bzw. nach der Tat eine Rolle gespielt hat. Ob Steovers Aussage vom nunmehr verblichenen einzigen Zeugen strafrechtliche Relevanz hat, ist Tatfrage. Greift bei Holger und Frau Schwalb der Rechtfertigungsgrund Notwehr – oder wird er wieder dadurch aufgehoben, dass die Notwehr „exzessiv“ war, also das gewählte Mittel des Erschießens nicht in einem vernünftigen Verhältnis zur Schwere des Angriffs stand, wobei auch dieser Exzess, wenn er aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken entsteht, nicht bestraft wird (usw.).

Schön, wenn ein Tatort so gestrickt ist, dass innerhalb des Rezensionsschemas Zeit für kleine strafrechtliche Exkurse bleibt. Stellenweise hat uns dieses genaue Hinschauen, das die älteren Tatorte so gut drauf hatten, auch gut gefallen, trotzdem ist „Gelegenheit macht Liebe“ nach heutigen Maßstäben kein überdurchschnittlicher Tatort mehr.

6,5/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner

Besetzung
Hauptkommissar Paul Stoever – Manfred Krug
Kriminalhauptmeister Matthes – Rainer Goernemann
Gerd Enders – Uwe Bohm
Brigitte Schwalb – Claudia Rieschel
Direktor Seelschopp – Günther Gellermann
Holger Piwitt – Waldemar Wichlinski
Dr. Rademacher – Günther Maria Halmer
Werner Schwalb – Gernot Endemann
u.a.

Drehbuch – Peter Hemmer
Regie – Pete Ariel
Kamera – Eckhard Dorn
Musik – Eberhard Weber

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