Siegquote 180 – Polizeiruf 110 Episode 13 #Crimetime 806 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Arndt #Sieg #Quote #Trabrennen #Sulky

Crimetime 806 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Gleichberechtigung im Arbeiter- und Bauernstaat: Frauen dürfen auch sägen …

… und sie sind unlogisch – sagt man. Zwei zusammengelegte Originalzitate von Leutnant Vera Arndt. Deswegen können sie auch besser um die Ecke denken und auf diese Weise das Motiv finden. In „Sieguqote 180“ hat Leutnant Arndt (Sigrid Göhler) einen Glanzauftritt und geht ihrem großen Chef, Oberleutnant Fuchs, meist einen Schritt voraus.

Vor allem ist sie es, die dahinterkommt, welcher der tatsächliche Grund für das Verbrechen war, das einen Pferdetrainer, der an einem Tag überraschenderweise selbst ein Trabrennen gefahren war, aus dem Sulky geschmissen hat.  Was es sonst zu diesem Film zu schreiben gibt, der im Pferderennsport-Milieu angesiedelt ist, ist nachzulesen in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Während eines Trabrennens löst sich vom Sulky des mit Pferd Albino in Führung liegenden Trainers Bernd ein Rad. Bernd stürzt schwer und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Die Untersuchungen ergeben, dass das Rad des Sulky angesägt wurde. Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt übernehmen die Ermittlungen. Bernd war ein erfolgreicher Trainer, der den ersten Befragungen nach keine Feinde hatte. Unter der Oberfläche brodelt es jedoch. Bernd hatte eine Affäre mit der Frau des Pferdezüchters Sievers, bevor sie eine neue Affäre mit dem Trabrennfahrer Jochen Pilz begann. Pilz hätte eigentlich das Rennen fahren sollen, doch entschied sich Bernd wenige Tage vor dem Rennen, selbst in den Sulky zu steigen. Seiner Meinung nach war das Pferd Albino zu mehr fähig als die mittleren Plätze, die Pilz stets erreichte. Es wurde zudem getuschelt, dass Pilz das Pferd angeblich bewusst bei Rennen zurückhielt.

Auch andere Männer kommen als Täter in Frage. Im Futterkasten des Trainers Reimer findet sich die Säge, mit der das Rad präpariert wurde. Reimer hat Albino wie weitere Pferde einst an Bernd verkauft. Beim Erfolg bringen die Pferde dem Trainer 10 Prozent des Gesamtgewinns ein, sodass jeder Sieg Reimer an seinen Verlust erinnern muss. Die bei Reimer gefundene Säge wiederum gehört eigentlich dem Schmied des Gestüts. Am Ende hätte auch Horst Lange von der Verwaltung ein Interesse an einem Unfall Bernds, vermutet er doch ein Verhältnis des Trainers zu seiner Freundin Sonja.

Vera Arndt findet schließlich die Lösung: Sie besorgt sich alte Rennzeitungen, um ein System zwischen den Platzierungen und den gesetzten Geldern zu ermitteln. Sie findet heraus, dass Albino bis auf eine Ausnahme seit längerer Zeit mittelmäßige Platzierungen erreicht hat. Bei dem einen Sieg der Saison waren die Quoten auf Sieg hoch. Sie vermutet, dass Pilz als Trabrennfahrer tatsächlich die Siegquote mit schlechten Platzierungen in die Höhe treiben will, um schließlich bei höchster Quote den jederzeit möglichen Sieg einzufahren. Wenn er auf seinen eigenen Sieg wettet, ist sein Gewinn entsprechend hoch.

Beim nächsten Rennen lässt Pilz, der selbst im Sulky sitzen wird und angekündigt hat, dass es sein letztes Rennen für Sievers sein wird, Frau Sievers 300 Mark auf einen Sieg Albinos setzen. Er gewinnt das Rennen. Die Quote für den Sieg lag bei 180 zu 10, sodass er 5400 Mark gewonnen hat. Peter Fuchs will Pilz wegen Wettbetrugs festnehmen lassen, als Vera Arndt mit der Abfrage der Wettbüros zu ihm kommt. Ein anderer hat in sechs verschiedenen Wettbüros insgesamt 2000 Mark auf einen Sieg Albinos setzen lassen und damit 36.000 Mark gewonnen: Kurt Sievers. Er war hinter Pilz’ System gekommen und wusste, dass dieser in seinem letzten Rennen alles für seine finanzielle Absicherung tun wird. Beim vorigen Rennen drohte Bernd mit einem Sieg die erarbeitete Quote zunichte zu machen, zumal niemand sonst von einem Start Bernds wusste. In einer unbeobachteten Minute manipulierte Sievers das Rad. Geld brauchte er, um ein wertvolles Stutfohlen für seine Zucht zu erwerben. Kurt Sievers wird festgenommen und abgeführt.

Rezension

Wolfgang Luderer war möglicherweise der einzige Regisseur, der nicht nur für die Reihe Polizeiruf 110 gearbeitet hat, sondern auch Tatorte inszenierte. Nicht etwa nach der Wende, sonder schon während der Teilung. Und dies nicht etwa durch eine Ausreise in die BRD, sondern als DDR-Bürger. Dass er 1983 den Berlin-Tatort „Fluppys Masche“ drehte, lag vielleicht noch einigermaßen nah, weil er in Kleinmanchnow wohnte, aber dass er in den 1980ern auch für den Hessischen Rundfunk tätig war und mehrere Brinkmann-Fälle verantwortet, ist ungewöhnlich. Das spricht für sein Renommee und gleichermaßen für das Vertrauen, das die Oberen der DDR in ihn hatten.

Zumindest, wenn man „Siegquote 180“ als Maßstab nimmt, war dieses Vertrauen gerechtfertigt. Das Drehbuch, das die Rolle von Vera Arndt so reizvoll ausformt, hat er nicht geschrieben, es stammt von Walter Dorn und es hat Darstellerin Sigrid Göhler sichtlich Spaß gemacht, richtig mittun zu dürfen und nicht nur Stichwortgeberin zu sein. Das war sie auch in anderen Fällen meistens nicht, aber es gibt doch eine deutliche Bevorzugung von Oberleutnant Fuchs, in den meisten gemeinsamen Filmen. Wenn sie mit dem weniger dominanten OL Hübner ermittelte, wirkte es ausgeglichener, ohne dass sie mehr Dialog haben musste.

Hier müssen wir anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Frühherbst 2020 eine Ergänzung anbringen: Der MDR hat 2019, als er chronologisch die ganz alten Polizeirufe ausstrahlte, einige weggelassen – und der eine oder andere von ihnen waren damals auch nicht in der ARD-Mediathek enthalten, aus der wir „Siegquote 180“ gezogen haben. Vera Arndt hat in „Minuten zu spät“, mit die meistdiskutierte der frühen Episoden, ebenfalls eine sehr herhausgeobene Position.

Vordergründig ist dafür „Siegquote 180“ ideologiefest. Wir mussten ein wenig schmunzeln, als Arndt zum Leiter der Rennbahn sagen durfte „Menschen, die geldgierig sind, gibt es hin und wieder leider immer noch“. Offenbar hatte man gar nicht damit gerechnet, dass die Reihe Polizeiruf 110 bis zum Ende der DDR andauern könnte, denn man ging davon aus, dass der sozialistische Mensch eines nicht zu fernen Tages zumindest die Fälle, in denen Vermögensdelikte vorkommen, überflüssig machen würde. Das Problem hinter dieser Einstellung fällt sofort auf: Vom leistungslosen Einkommen zum Betrug ist es nicht weit. Wenn generell  mit Geld auf Pferde gewettet werden darf, und dies war in der DDR nicht verboten, wie man sieht, dann zieht das vor allem Spielernaturen an und einige von ihnen geben sich mit dem, was unter fairen Bedingungen möglich ist, nicht zufrieden. Dann kommt es zu Schiebereien mitten im Arbeiter- und Bauernstaat.

Der Vergleich zum Boxsport ist augenfällig. Damit jemand eine fette Quote beim Wetten auf den Außenseiter einstreichen kann, verliert der Favorit absichtlich. Hier ist es eine etwas subtilere Variante des „Rigging“: Ein eigentlicher Favorit wird so lange beim Rennen „geschont“, dass er als Trainingsheld gilt, der im Rennen versagt – und dann locker gewinnt, wenn er endlich eine hohe Siegquote erreicht hat, in dem Fall 180 = Sieg bringt das 18-Fache des Einsatzes. Zur Belohnung für ihre Findigkeit und Geduld darf auch Vera Arndt, die im entscheidenden Rennen 10 Mark auf „Albino“ gesetzt hat, 180 Mark mit nach Hause nehmen. Das ist dann vielleicht das Augenzwinkern, das viele Polizeirufe doch in unterschiedlicher Dauer und Deutlichkeit an den Zuschauer senden, wenn man genauer hinschaut. Der Mensch hat Spaß am Glücksspiel und am Wettkampf. Das heißt, ein System, das nur auf gerechten Arbeitslohn allein setzt, schließt ein wichtiges Ventil für den Spieltrieb. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn ein moderner, echter Sozialismus nicht scheitern soll.

In der DDR kam allerdings noch etwas anderes hinzu, das im Film auch erwähnt wird. Der Stolz auf die VEB-eigene Pferdezucht. Es war in den späten 1960ern, als schon klar war, dass die DDR nicht auf das Konsumniveau des Westens würde kommen können, dass man sich entschloss, das mit Sport-Höchstleistungen zu kompensieren. Und wie sehr dabei geschummelt bzw. gedopt wurde, wissen wir heute natürlich. Wenn man so will, waren weite Teile des Leistungssportsystems auf dem Betrug aufgebaut, der im Film gezeigt wird. Ethisch ist es sicher nicht ganz das Gleiche, wegen der gesundheitlichen Auswirkungen, die Doping haben kann, ob man die Leistungsfähigkeit von Mensch und Tier absichtlich herunterfährt oder mit unerlaubten Mitteln steigert, was es bei Pferden ebenfalls gibt. Gerade der einst so renommierte westdeutsche Reitsport hat dadurch erheblichen Schaden genommen. Beides ist aber Betrug gegenüber fairen Gegnern oder eben gegenüber jenen, die mit manipulierten Wettergebnissen geschädigt werden – im Fußball auch immer wieder gerne inszeniert.

Wir wollen damit nicht andeuten, dass heute alles mit sauberen Dingen zugeht. Menschen mit sehr ausgeprägtem Wettbewerbstrieb tendieren dazu, mit unerlaubten Mitteln nachzuhelfen, wenn die natürlichen physischen oder geistigen Fähigkeiten, wenn Trainingsfleiß und gute Technik nicht ausreichen. Es ist das gleiche Muster, das auch in der Wirtschaft immer wieder für Fails in allen Größenordnungen sorgt: Gier, Renommiersucht, Prahlerei, bedenkenloser Spieltrieb, krass unsolidarisches, egozentrisches Verhalten.

„Siegquote 180“ war der erste Polizeiruf, der sich mit Betrug im Sport befasste, aber bisher haben wir keinen Film gesehen, der es wagte, gleichzeitig das Thema Doping zu thematisieren. Man konnte in der DDR Schmu zeigen, der von ganzen Kollektiven ausgeübt wird, Alkoholismus, Gewalt und sexuelle Übergriffe, die beiden letzten Themen deutlicher als  zur selben Zeit im Westen, aber unerlaubte Mittel zur Leistungssteigerung waren auch ein Tabuthema, das nicht einmal verdeckt angesprochen wurde, und mittlerweile kennen wir ja fast alle Polizeirufe aus der DDR-Zeit: Es wurde nie angesprochen.

Was wir nicht wissen: Wie viel und wie viele Filmschaffende davon überhaupt wussten oder ob auch sie der Illusion erlagen, ein Land mit nur 16 bis 18 Millionen Einwohner*innen könne ohne Tricks die weltführende Sportmacht werden. Mehr Kraft und Freude durch volkseigene Effizienz, die in deutlichem Kontrast zur Wertigkeit von Konsumprodukten und zu den wissenschaftlichen Möglichkeiten auf anderen Gebieten stand.

Der Film hat die damals übliche Standard-Spielzeit von 64 Minuten und einen Vorteil hat dieses Format auf jeden Fall: Es vermeidet in der Regel Längen. Es ist auch schwierig, hochveranlagte Charakterstudien und einen Kriminalfall in eine Stunde hinzupressen; anders als in „Ende einer Momndscheinfahrt„, den wir zuletzt rezensiert haben, hat man das hier aber auch nicht versucht, sondern es bei eher stereotypen Figuren belassen. Wenn man von den beiden Kriminalern absieht, die uns mit ihrem gekonnten Spiel viel Freude bereitet haben.

Leider gibt es auch ein Problem, das wiederum ideologisch bedingt ist, daher haben wir das Staatstragende hier so hervorgehoben. Wer wird wohl der Täter sein, wenn alle anderen zwar mal eifersüchtig sind und etwas betrügen, auch mal fremdgehen bzw. des Nächsten oder des Chefs Weib begehren und sowas alles, was in Polizeirufen geradezu Standard ist, aber Sievers ist doch, auch wenn das nicht explizit erwähnt wird, ziemlich der letzte Besitzer eines Privatstalls und eines eigenen Landsitzes, neben den VEB-Gestüten.

Das musste man vielleicht sogar so zeigen, damit klar ist, nur jemand mit überteigertem Erwerbstrieb, ein Pferdekapitalist, kann so gemein gewesen sein, das Rad des Sulkys abzusägen, in dem der eigene Trainer sitzt. Ganz logisch ist das nicht, denn wäre es zu einem Todesfall gekommen, hätte Sievers diese hervorragende Fachkraft verloren. Leider hatten wir die Lösung dieses Mal durch das Lesen der politischen Tendenz des Films viel zu schnell auf dem Schirm und es ist leider, zumindest bei uns, so, dass man ab dem Moment, in dem man zu wissen glaubt, wie es ausgeht, den Details des Ganzen nicht mehr so präzise folgt.

Finale

Ob es in „Siegquote 180“, der weniger durch eine komplexe Handlung als durch Feinmechanik in einem kleineren Krimi-Uhrwerk bestimmt ist, Fehler gibt, können wir nicht mit Sicherheit sagen, uns sind zumindest keine gravierenden aufgefallen. Es ist ja im technischen Sinn kein Plotfehler, wenn aufgrund der Betrachtung der ideologischen Ebene ein Werk ziemlich vorhersehbar ist.

Wir wissen ja, dass einige der Polizeirufe so gestrickt sind und eben nicht diesen manchmal skurril wirkenden, sehr deutlich wahrnehmbaren Unterton haben, der davon kündet, dass man manches, was von offizieller Seite propagiert wurde, nicht so ernst nahm. Das ist hier anders, bis auf Vera Arndts kleinen Ausflug in die Welt der Pferdewetten, der vermutlich auf ihrem dienstlichen Studium der vielen „Pferdekurier“-Ausgaben beruht, mit denen sie Auffälligkeiten bei größeren Wettplatzierungen entdeckt hat. Psychologisch plausibel – und da der Mann, dessen Sulky ein Rad ab hat, überleben wird, auch wenn er bis zum Schluss nicht vernehmungsfähig ist, überleben wird, können wir dem Film ein wenig nachlächeln. Auch wegen des schönen Szenarios, das nicht nur nach Meinung von Peter Hoff, dem Lexikon des Polizeirufs, adäquat eingefangen wurde – allerdings auf eine recht dokumentarische Art, wenn man von den liebenswerten älteren Herren nicht der, sondern an der Rennbahn absieht, die als Originale einfach in jedem Film über Pferdewetten auftauchen müssen, damit er rund wird.

7/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Wolfgang Luderer
Drehbuch Walter Dorn
Produktion Heinz Wennemann
Musik Wolfgang Pietsch
Kamera Peter Krause
Schnitt Margrit Schulz
Besetzung

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