Victoria (DE 2015) #Filmfest 233

Filmfest 233 A

2020-08-14 Filmfest AEs ist im Namen

Ich wollte den Film gar nicht ganz. Ich hatte ihn aufgezeichnet und vorgestern Abend wollte ich nur mal kurz reinschauen, einen ersten Eindruck gewinnen.

Obwohl er ziemlich langsam anfängt; Victoria tanzt gefühlt minutenlang in einem Club und ich war bereits genervt, weil ich es nicht mag, wenn die Laserblitze durchs Wohnzimmer zucken, kommt die Beleuchtung zur Ruhe und man sieht nur das Gesicht von Victoria in gemäßigter Tanz-Ekstase. Im Verlauf von 140 Minuten gab es noch zwei, drei Momente, in denen ich dachte, ich steig dann mal aus, aber je mehr Zeit verging, desto mehr dachte ich an die Zeitökonomie – und nach etwa einer Stunde war ich so drin, dass ich die Zeit vergaß. Hat also funktioniert, der Film, im Großen und Ganzen jedenfalls. Mehr zum Ganzen und zu Details steht in der -> Rezension.

Handlung

Während einer Clubnacht trifft die junge Spanierin Victoria in Berlin auf die vier jungen Männer „Sonne“, „Boxer“, „Blinker“ und „Fuß“, die sich ihr als „echte Berliner“ vorstellen. Sie verständigen sich mit Victoria auf Englisch. Neu in der Stadt und auf der Suche nach Bekanntschaften begleitet Victoria die vier durch die weitere Nacht, zum nächsten Späti und auf ein Hochhausdach, einem regelmäßigen Treffpunkt der Gruppe. Sie albern herum. Von Boxer erfährt man unter anderem, dass er im Gefängnis war.

Sonne begleitet Victoria zum Café, in dem sie unterbezahlt arbeitet, und das sie um sieben Uhr öffnen muss. Er entdeckt dort ein Klavier und klimpert ein bisschen darauf herum, schließlich spielt Victoria ein sehr anspruchsvolles Klavierstück, einen der Mephisto-Walzer von Franz Liszt. Sonne ist tief beeindruckt; sie gesteht ihm, dass sie ihr ganzes Leben ihrem Traum geopfert hat, Konzertpianistin zu werden, seit früher Kindheit täglich die physisch maximal mögliche Zeit geübt und nie Zeit für Freunde gehabt hat. Auch ihre Kommilitonen auf dem Konservatorium seien eher Feinde gewesen, da alle nur um die Verwirklichung ihres Traumes konkurrierten. Vor kurzem habe man ihr dort mitgeteilt, dass sie nicht gut genug sei, und ihr die Aufgabe ihres Klavierstudiums nahegelegt.

Das Flirten und Kennenlernen der beiden im Café wird vom wieder auftauchenden Rest der Gruppe unterbrochen. Eine Knastbekanntschaft von Boxer fordert einen Gefallen. Da Fuß zu stark alkoholisiert und nicht mehr handlungsfähig ist, wird Victoria von Sonne überzeugt, die anderen drei zu begleiten. Der Gefallen entpuppt sich als Überfall auf eine Privatbank, Victoria wird Fahrerin des gestohlenen Fluchtwagens. Nach dem geglückten Bankraub kehrt die Gruppe in den Club zurück und feiert ausgelassen weiter.

Nach dem Verlassen des Clubs kehren sie jedoch zum Fluchtfahrzeug zurück, in dem sie Fuß vergessen hatten. Als sie sehen, dass die Umgebung nun von der Polizei umstellt ist, flüchten sie überhastet und ziehen so deren Aufmerksamkeit auf sich. Sie fliehen in den Innenhof einer Neubausiedlung, wo es zu einem Schusswechsel kommt. Boxer und Blinker werden dabei angeschossen und Victoria und Sonne trennen sich von ihnen. Sie verschaffen sich Zugang zu der naheliegenden Wohnung eines fremden Paares. Sie ziehen Kleidungsstücke von ihnen an und nehmen deren gemeinsames Baby mit, welches sie wie versprochen im gegenüberliegenden Laden abgeben, und entkommen auf diese Weise getarnt zu einem Hotel.

Victoria gelingt es, ein Zimmer zu organisieren. Dort sieht Sonne in den Nachrichten, dass Boxer und Blinker den Schussverletzungen erlegen sind. Erst dann erkennt Victoria, dass auch Sonne bei dem Schusswechsel schwer verletzt wurde. Sie ruft einen Krankenwagen, der jedoch nicht rechtzeitig ankommt; Sonne stirbt, trotz ihres Flehens durchzuhalten, im Hotelbett. Zuvor hatte er ihr gesagt, dass sie das Geld nehmen und nach Spanien gehen soll. Die in Tränen aufgelöste Victoria findet langsam die Fassung wieder, sie nimmt das erbeutete Geld an sich und verlässt unerkannt das Hotel.

Rezension

Wie es Victoria gelingt, ohne Papiere ein Zimmer zu bekommen, in diesen paranoiden Zeiten, in denen jeder ein Terrorist sein könnte, erfährt man nicht, und dass das Verhalten des Paares im Hotel überhaupt keine Aufmerksamkeit erregt, liegt natürlich daran, dass sich zu der Zeit niemand in der Lobby aufhält, aber trotzdem haben die beiden sehr viel Glück. Die Szene im Zimmer, in der klar wird, dass Sonne angeschossen ist, kann man als Sammel-Déjà-vu bezeichnen: Wie viele Filme gab es schon, in der ein Gangster auf der Flucht eine Kugel abbekam und es dann so ausging? So eben. Moralisch macht „Victoria“ keine Kompromisse, sondern bleibt ganz klassische. Die echten Berliner gehen bei der Sache drauf (bis auf Fuß, der sich selbst aus dem Spiel genommen hat) und die spanische Studentin geht mit der Geldtüte weg. Gut, ganz traditionell ist das Ende nicht, denn das würde bedeuten, dass auch sie gefasst wird.

Wenn man sich die Namen anschaut bzw. anhört, ahnt man vielleicht schon etwas: Sonne, okay, das könnte noch, Boxer vielleicht, aber Blinker, Fuß, was sind das für Nicknames (altdeutsch: Spitznamen)?

Im Grunde ist „Victoria“ ein richtiger Film noir, auch wenn die Titelheldin, die nicht umsonst „Victoria“ heißt ( und obwohl sie am Konservatorium nicht bestanden hat), am Ende davonkommt. So toll ist das wieder nicht, wie sie da irgendwo ins Nirgendwo des Berliner Morgengrauens weggeht vom Zuschauer. Anfangs bzw. nachdem sie die Kleinganovengang gefunden hat, wirkt der Film sogar lustig und es war nicht so schwer, vieles aus dem Berliner Alltagsleben und seiner Sprache wiederzuerkennen. Die Zusammensetzung der Gruppe ist etwas gewollt, aber für sich und interaktiv funktionieren die Charaktere perfekt. Vor allem Frederick Lau spielt Sonne richtig gut – einerseits ist dies ein Stereotyp, aber er wirkt doch individuell genug, um interessant zu sein und es matcht mit Victoria ausgezeichnet. Sie steht auf seinen infantilen und doch irgendwie charmanten Humor, der wiederum die Mentalität der Gruppe gut spiegelt. Teile der Dialoge wirken nicht nur wie quasi am Set geschrieben, sondern improvisiert – wenn sie das nicht sind, ist das nur vorgeblich Spontane jedenfalls ausgezeichnet gemacht.

Die Kritiken zu dem Film sind positiv bis begeistert, in der IMDb liegt er mit recht guten 7,6/10 für eine deutsche Produktion beachtlich im Rennen, aber dass quasi das Kino damit neu erfunden wurde, wage ich zu bezweifeln. Mit Steadycams hinter Figuren herrennen, das gibt es nicht erst seit „Victoria“ und seit „Rope“ (1948) von Alfred Hitchcock wird darüber diskutiert, ob es möglich ist, einen Film mit einer einzigen Kameraeinstellung zu drehen. Damals war es nicht möglich, aber mittlerweile geht das oder sieht zumindest so aus, wie auch der neue Mainstream-Kinofilm „1917“ belegt.

Kritiken

Von der Deutschen Film- und Medienbewertung wurde Victoria mit dem Prädikat besonders wertvoll versehen. In der Begründung heißt es: „Wer ein trauriges Kammerspiel mit vier kaputten Getto-Jugendlichen und einer unerfahrenen Berlinbesucherin erwartet, den wird ‚Victoria‘ positiv überraschen. Nicht nur, weil sich der Film über eine große Fläche von Berlin-Mitte und Kreuzberg erstreckt, sondern weil sich Schipper als ein phänomenaler Dramaturg erweist.“[14]

Jason Wood, der Programmdirektor der britischen Arthouse-Kinokette Curzon Cinemas, schreibt in seiner Kritik, dass der „außerordentlich ambitionierte Film“, „den Kick von purem Adrenalin einfängt“. Er bemerkt, dass „alle Schauspieler […] den höllischen Anforderungen des Drehs mühelos gewachsen“ sind und der Film daher nicht nur „wegen der nuancierten Charakterdarstellung der Protagonistin sehenswert“ sei, „sondern auch wegen der Art, wie der Regisseur und sein Kameramann Sturla Brandth Grøvlen sie in Szene setzen“.[15]

Finale

„Victoria“ ist auch ein Heist-Movie. Nicht das typischste Beispiel, aber das Genre-Crossover beinhaltet auch diese vor allem in den 1950ern und 1960ern beliebte Variante des Gangsterfilms. Dass ein Profi sich dieser Jungs bedient, um einen Bruch zu organisieren, darüber muss allerdings geschrieben werden: In der gezeigten Art und Weise ist das im Grunde Quatsch und wird nur hergeleitet, um zu demonstrieren, dass die vier Gefährten nur unter Druck und aus Kameradschaft auf eine solche Tour gehen und dabei eine anschlusswillige Neuberlinerin für den Spaß gewinnen können, nach dem es zu Beginn mehr oder weniger aussieht. Und um eine kleine Rolle für den Charakterdarsteller André Hennicke in den Film zu integrieren.

Das ein etwas frei gestaltete Englisch, das aber sehr lebendig und witzig rüberkommt, hier nicht immer ausreicht, belegt der Film aber ebenfalls: Wenn die Jungs nicht wollen, dass Victoria etwas versteht, sprechen sie Deutsch miteinander. Wer kennt das nicht, wenn er als einzige Kartoffel in der U-Bahn ist und kein Wort von dem entschlüsseln kann, was um ihn herum gesprochen wird? Da fühlt sich der Einwohner mehr als Tourist als der Tourist.

Dass ich die Rezension relativ kurz halte, liegt nicht daran, dass es zu dem Film so wenig zu sagen gibt, aber die Wikipedia hat schon recht ausführlich dokumentiert und ich empfehle „Victoria“ für eher jüngere Zuschauer, die den Tunnelblick der jungen Feier- und Einbrechergang mögen, den das Filming spiegelt, das Rastlose, das quasi Echtzeit-Drama. Am Abend ist Victoria noch allein in einem Club, wenige Stunden später läuft sie mit einer Apothekentüte voller Geld durch die Straßen, wieder allein. Der Tag bricht an.

77/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Sebastian Schipper
Drehbuch Sebastian Schipper,
Olivia Neergaard-Holm,
Eike Schulz
Produktion Jan Dressler,
Sebastian Schipper
Musik Nils Frahm,
DJ Koze,
Deichkind
Kamera Sturla Brandth Grøvlen
Besetzung

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